Innerlich zerrissen

Aktualisiert: Sept 10

Kategorie: Gesundheit


ADHS im Erwachsenenalter ist ein Tabu-Thema. Die Betroffenen haben meist einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie sich abklären lassen. Die Geschichte von Thomas zeigt, weshalb die Frühdiagnose wichtig ist und wie das «Beruhigtalin» helfen kann.



Thomas* sitzt auf dem Stuhl und schwenkt seine Beine unruhig hin und her. «Wie geht es Ihnen?», frage ich vorsichtig. «Ich bin nervös, es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen», antwortet er. Mit «darüber» meint er seine Krankheit, die ihn seit seiner Kindheit plagt: die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Sie würde nicht ernst genommen, «schon gar nicht bei einem Erwachsenen». Unrecht hat er nicht: ADHS wird weit verbreitet als Modediagnose abgestempelt, weshalb die Betroffenen kaum auf Verständnis stossen. Aussagen wie «sie könnten, wenn sie wollten» oder «sie seien faul, egoistisch und beziehungsunfähig» und «nicht liebenswert», treffen sie an der Achillessehne, schreibt die Badener Psychologin und Psychotherapeutin, Ruth Huggenberger, in ihrer neuen Publikation «ADHS in der Familie» (siehe Interview). Der «Modediagnose» gegenüber stehen die internationalen, weltweit anerkannten Klassifikationssysteme für medizinische Diagnosen ICD-10 und DSM-5: Beide siedeln die ADHS bei den psychischen Erkrankungen an und erachten sie als behandlungsbedürftig.

Krankheit mit fatalen Folgen

Wird sie nicht früh genug diagnostiziert und behandelt, ist nicht nur der Leidensdruck enorm – es können Folgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Delinquenz oder Persönlichkeitsstörungen entstehen, die das Leben zusätzlich erschweren. Die Krux: Die erste fundierte Darstellung der adulten ADHS in Europa erfolgte 1998. Davor galt sie als Jungend- und Kinderkrankheit, die im Volksmund mit Heinrich Hoffmanns «Struwwelpeter», oder dem «Zappel-Philipp-Syndrom» (äusser-liche Unruhe), in Verbindung gebracht wird. Hinzu kommt, dass man lange davon ausging, der Cortex (die Grosshirnrinde) reife nach und die seelische Störung wachse sich in der Pubertät aus. «Das hat man mir damals auch gesagt», erinnert sich Thomas.


Heute ist erwiesen, dass dies nicht der Fall ist. Genauso wenig ist die ADHS ein Erziehungsfehler oder eine Charakterschwäche. Die Mehrzahl der ADHSler ist intelligent, kreativ, fantasievoll, hilfsbereit und begeisterungsfähig. Zudem haben sie eine gute Portion Humor wie die Berühmtheiten Dustin Lee Hoffmann, Robin Williams, Stefan Raab und Will Smith, die sich öffentlich zu einem ADHS bekannt haben, beweisen.

Was geschieht im Gehirn bei ADHS?

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung handelt es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine genetisch bedingte Störung. Zu den Risikofaktoren gehört der Konsum von Alkohol, Benzodiazepinen (Beruhigungsmittel), Zigaretten oder anderen psychotropen Stoffen während der Schwangerschaft. Neurophysiologisch gesehen spielen die Bot