Gehend zur Ruhe kommen

Kategorie: Natur


Pilgern ist Entschleunigung pur. Und das ist im Trend. So überrascht es nicht, dass namentlich das Pilgern auf dem Jakobsweg auf immensen Zuspruch stösst. Ein spezieller Reiseführer nimmt Sie mit auf die innere Einkehr.


Der Ranftweg führt von Flüeli (OW)hinunter in die Einsiedelei von Bruder Klaus.




In unserer postmodernen Welt ist das Pilgern zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Das kommt nicht von ungefähr: In einer Umbruchzeit wollen Menschen wieder Boden unter den Füssen gewinnen. Zur Ruhe kommen. Die Dinge einordnen. Sie möchten ihrem Sehnen nach Einfachheit, Entschleunigung und spiritueller Vertiefung Zeit und Raum geben.


In den letzten Jahren ist so etwas wie eine «Pilgerbewegung» mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen entstanden. Mittels zweier Regio-Plus-Projekte hat die Volkswirtschaft Berner Oberland in Kooperation mit den Landeskirchen, freiwilligen Helfern und Partnern in Deutschland und Österreich einen wesentlichen Beitrag zur Reaktivierung des Jakobspilgerns in der Schweiz geleistet. Der Verein jakobsweg.ch hat zum Ziel, als Trägerorganisation die begonnene nationale sowie transnationale Arbeit fortzusetzen und den länderverbindenden Jakobsweg zu fördern. Dazu dient auch der Reiseführer «Pilgern auf dem Jakobsweg Schweiz und seinen Anschlusswegen». Er hat nicht die Zielsetzung, alle Leserinnen und Leser bis ans Ziel des Jakobswegs, Santiago de Compostela in Galizien in Spanien, zu führen. Vielmehr zeigt er die Besonderheiten auf, die Pilger wie auch kommune Wanderer – auf dem Teilabschnitt in der Schweiz erfahren können. Hier können sie immer wieder kurze Auszeiten geniessen, Kraft tanken und innere Entwicklungen erleben, die durch das Gehen oft entscheidend angestossen werden.


 

Das Grab des Apostels Jakobus



Jakobus der Ältere war einer der zwölf Apostel, Sohn des Zebedäus und Bruder von Johannes. Der Legende nach ging er gleich nach Christi Himmelfahrt in die römische Provinz Hispania, das heutige Spanien, um dort zu missionieren; allerdings mit wenig Erfolg. Er kehrte dann nach Palästina zurück und wurde dort schliesslich auf Befehl des Königs Herodes Agrippa I. von Judäa im Jahre 44 enthauptet. Nach einer in Spanien seit dem Mittelalter verbreiteten Legende wurde sein Leichnam in ein Boot gelegt, das an die Küste Spaniens getrieben wurde.


Erst Jahrhunderte später, im Zeitraum von 818 bis 834, wurde das Grab des Apostels entdeckt. Der Legende zufolge sah der Eremit Pelayo eine Lichterscheinung, die auf ein Apostelgrab hinwies. Darauf liess König Alfons II. von Asturien (791–842) dort eine Kirche errichten, die sich zu einem Wallfahrtszentrum entwickelte. Um die Kirche herum entstand ein Dorf, das im 10. Jahrhundert zur Stadt Santiago wurde. Seither entwickelte sich ein Netz von Pilgerwegen über ganz Europa, das nach Santiago de Compostela im spanischen Galizien zum Grab des Apostels führt.


 

Der Innerschweiz-Weg

Gerade auch in der Schweiz findet sich ein regelrechtes Netz an Jakobswegen mit verschiedenen Varianten, aber dem immer gleichen Ziel. Besonders eindrücklich ist die Route in der Innerschweiz: Der Jakobsweg durch die Urkantone verbindet die beiden Wallfahrtsorte Einsiedeln und Flüeli-Ranft. Der Weg ist von christlicher Pilger- und Wallfahrtstradition geprägt. Pilger begegnen am Weg vielen Kirchen, Kapellen und Bildstöcken. Diese sind Ausdruck eines gelebten christlichen Glaubens und laden zum Verweilen und Meditieren ein. Der Weg führt zunächst über den Haggeneggpass nach Schwyz und weiter nach Brunnen am Vierwaldstättersee. Von dort gelangen die Pilger mit dem Schiff nach Treib. Der kleine Ort gehört zur höher gelegenen Gemeinde Seelisberg und hat eine spannende Geschichte: Schon im frühen Mittelalter entstand hier ein Schutzhafen, um dem stürmischen Föhn auf dem Urnersee zu trotzen; ausserdem diente die Treib als neutrales Territorium für Verfolgte; sie durften sich dort während drei Tagen aufhalten, ohne verhaftet zu werden. Von Treib führen zwei Wege am linken Ufer des Vierwaldstättersees über Beckenried nach Stans und von dort hinauf nach Flüeli-Ranft zur Gedenkstätte des Niklaus von Flüe, auch Bruder Klaus genannt. Dieser Wallfahrtsort bedeutet für die Pilger, die den Jakobsweg als Weg der Versöhnung erleben, besonders viel, ist doch Bruder Klaus über Landesgrenzen hinweg bekannt als Stifter des Friedens und der Versöhnung. Wir wollen uns den Weg zu seiner Gedenkstätte deshalb genauer anschauen.


 

Bruder Klaus


Niklaus von Flüe führte bis zu seinem 50. Lebensjahr ein bürgerliches Leben. Er war ein angesehener Mann in der Gemeinde und bekleidete wichtige öffentliche Ämter, wie Richter und Ratsherr. Mit seiner Frau Dorothee hatte er zehn Kinder. Mit fünfzig Jahren verliess Niklaus von Flüe Haus und Hof und zog als Pilger in die Fremde.



Er kehrte aber bald zurück und liess sich als Einsiedler im Ranft nieder. Bruder Klaus, wie er von nun an hiess, wurde von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten aufgesucht und um Rat gebeten. Er leistete auch wichtige Beiträge zur Festigung der Eidgenossenschaft, die in einem Bürgerkrieg auseinanderzubrechen drohte. Bruder Klaus starb am 21. März 1487. 1947 wurde er von Papst Pius XII. heiliggesprochen.


 

Die Kirche St. Jakob in Ennetmoos (NW). Bei ihrem Eingang befindet sich eine Jakobsstatue.



Etappe Stans – Flüeli-Ranf





Wir starten in Stans vor dem Winkelrieddenkmal auf dem Dorfplatz. Das Denkmal erinnert an die Schlacht bei Sempach (1386); es wurde 1865 von Ferdinand Schlöth aus Carrara-Marmor gehauen. Nach der Betrachtung steigen wir die Knirigasse hinauf. Der Weg ist als «Jakobsweg» und «Bruder-Klausen-Weg» gut beschildert. Nach dem Aufstieg erreichen wir die Knirikapelle Maria zum Schnee. Sie wurde 1698 gebaut und 1717 geweiht, in der Hoffnung, vor Lawinengefahr besser geschützt zu sein.




Von der Knirikapelle geht es in westlicher Richtung ohne grössere Steigung an sanften Berghängen mit saftigen Wiesen entlang bis zur Murmatt, wo die Bergstrasse aus Ennetmoos einmündet. Zurückblickend erfreuen wir uns an der herrlichen Aussicht auf Stans, das Stanserhorn, den Pilatus und die Rigi. Vom Heimwesen Hubel erblicken wir die Gemeinde Ennetmoos mit der dortigen Allwegkapelle. Auffallend sind die vielen schönen Bildstöcke, die aus Dankbarkeit oder mit besonderen Anliegen am Weg errichtet wurden.


Wir verlassen die Murmatt und ziehen in Richtung Südwesten, gemächlich absteigend, entlang der Hänge des Rohrnerbergs. Durch Wiesen und Waldstücke an Obwil und Wilti vorbei kommen wir zum Rastplatz Rohrnerberg (mit Bildstock und Kreuz) und zur Einmündung des Zufahrts-strässchens aus Rohren. Hier gibt es die Möglichkeit, einen Umweg zum markanten Rohrenchappeli und zur Kirche St. Jakob zu machen. Dazu steigt man auf dem rechts abzweigenden Weg hinunter nach Rohren und kommt dann auf der Kantonsstrasse nach St. Jakob. Beim Eingang der alten Pfarrkirche in St. Jakob befindet sich eine Jakobusstatue.


Um anschliessend zurück auf den Jakobsweg zu gelangen, überqueren wir bei der Kirche die Hauptstrasse und kommen geradeaus zur nächsten Kreuzung, wo wir rechts auf den Weg abbiegen, der uns über den Rübibach führt. Durch den Chappelwald steigen wir entlang des Bachs hinauf ins Ifängi, wo wir wieder auf die offizielle Jakobswegroute stossen.


Wollen wir den Umweg auslassen, umgehen wir das Rohrenchappeli und die Kirche St. Jakob und bleiben stattdessen auf der offiziellen Jakobswegroute, auf der wir in südlicher Richtung an den Weilern Halten und Hostet in den Erlenwald und zum Rübibach kommen. Ihm folgen wir kurz, überqueren ihn dann und steigen hinauf ins Ifängi. Von hier ziehen wir weiter, den Melbach querend, durch den Acheriwald hinauf zum Maichäppeli. Auf der Landstrasse geht es dann 300 Meter weiter, bis wir links auf einen Wanderweg abzweigen, der uns, stets in südlicher Richtung bleibend, an den Wiesenhängen oberhalb der Orte Wisserlen und Kerns entlang nach St. Antoni führt. Unterwegs queren wir den Rufibach und die Kernser-Zufahrtsstrasse.


In St. Antoni steht eine Kapelle, die zur Einkehr einlädt. Wir zweigen rechts ab, um kurz danach links auf den Wanderweg zu kommen, der uns hinauf zum Aussichtspunkt Egg mit seiner traumhaften Rundsicht führt. Der Weg führt von der Egg weiter über Weidland und am Dominikane-rinnenkloster (Gästehaus Kloster Bethanien) vorbei bis zur Strassengabelung im südlich gelegenen St. Niklausen. Pilgerinnen und Pilger sind willkommene Besucher im Bethanienheim. Ein Besuch in der modernen Kapelle ist fast schon ein Muss.


Nach dem Besuch gehen wir zur Strassengabelung von St. Niklausen und dort rechts auf den Ranftfahrweg, der uns über das Grüebi hinunter ins bewaldete Melchaatobel zum Ranft und von dort hinauf ins Flüeli führt. Auf halbem Weg hinunter zum Ranft zweigt links ein Weg zur Möslikapelle ab. Der Abstecher zur historisch bedeutsamen Kapelle von Bruder Ulrich lohnt sich. Sie wurde 1484 errichtet, der Stein im Seitenraum diente Bruder Ulrich als Liegestätte. Dank seinen überlieferten schriftlichen Zeugnissen haben wir heute Zugang zu den Gedanken und Taten des ungleich berühmteren Bruders Klaus, der nur bedingt schreiben und lesen konnte.



Die Möslikapelle des Bruders Ulrich wurde 1484 errichtet. Ulrich war ein Gefährte von Bruder Klaus.




Ankommen bei sich selbst

Zurück vom Abstecher zur Möslikapelle führt der als «ViaJacobi4» markierte Weg direkt zur St. Niklausenkapelle. Sie ist eine der ältesten Sakralbauten der Schweiz, mit einem sehenswerten Freskenzyklus im Chor aus dem 14. Jahrhundert sowie barocken Deckenmalereien. Der alleinstehende Römerturm ist ein Wahrzeichen.


Von der Kapelle in St. Niklausen geht der Weg rechts den Wald hinunter zur Melchtalerstrasse. Rechts abzweigend kommen wir in nördlicher Richtung hinunter zur Melchaa, die wir überqueren und die untere Ranftkapelle erreichen. Sie wurde im Jahre 1501 erbaut. An der rechten Wand des Schiffs ist in einem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Freskenzyklus das Leben von Bruder Klaus dargestellt. Etwas weiter oben steht die obere Ranftkapelle mit dem Eremitenhäuschen. Kapelle und Ermitage wurden 1468 erbaut und 1693 völlig neugestaltet. Sie bilden einen ganz besonderen Wallfahrtsort, der einlädt zum Verweilen und Gebet, zur Kontemplation kurz vor dem Tagesziel Flüeli-Ranft, wo es Übernachtungsmöglichkeiten vom Jugendstilhotel bis zur Jugendherberge gibt.


Der beschriebene Wegabschnitt zur Heimstätte von Bruder Klaus ist nur einer von vielen auf mehreren Routen des Jakobsweg durch die Schweiz. Im Buch «Pilgern auf dem Jakobsweg Schweiz und seinen Anschlusswegen» sind die verschiedenen Wege, jeweils wiederum aufgeteilt in verschiedene Wegstücke beschrieben. Letztendlich führen sie alle irgendwann ans Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. Aber beim Pilgern ist bekanntlich der Weg das Ziel. Wobei die Reise ja irgendwann mal durchaus auch in Spanien enden darf.


 

Pilgern auf dem Jakobsweg Schweiz




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