Gebetsheilen

Aktualisiert: Sept 1

Kategorie: Gesundheit

Text: Fabrice Müller

Im Appenzell gehören sie zu einer jahrhundertealten Tradition, aber auch in anderen Kantonen sind sie ein fester Bestandteil der Volkskultur: Gebets- und Geistheiler. Eine Reise in mystische, oft noch verborgene Welten.




Eines Tages wurde André Peter gerufen, um einer schwer krebskranken Frau zu helfen. «Sie lag im Bett und konnte nicht mehr aufstehen. Die ganze Familie war in ihrem Zimmer versammelt», erinnert der Gerufene sich, der damals erst seit Kurzem als Heiler im Kanton Appenzell Innerrhoden aktiv war. Entsprechend nervös war er. «Ich spürte einen grossen Erwartungsdruck vonseiten der Familie, hatte aber noch keine Erfahrungen im Umgang mit Krebserkrankungen.» Er hielt seine Hände über die Patientin und bat innerlich um Hilfe für sie. «20 Minuten später stand die Frau auf – die Schmerzen waren weg. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich, das mich in meiner Arbeit mit Heilenergien bestärkte.»


Seit 1987 führt André Peter in Wienacht und dann ab 1989 in Heiden eine Praxis für Geistiges Heilen und Lebensberatung, wo er traditionelles Handauflegen mit spiritueller Gesprächstherapie kombiniert. Ursprünglich arbeitete André Peter als Gymnasiallehrer für romanische Sprachen. Dabei interessierte ihn immer das Thema Gesundheit und Heilen. So engagierte er sich in der Naturärztevereinigung (NVS) von 1987 bis 2002 als Praxisprüfer und von 2007 bis 2011 als Vizepräsident des Schweizerischen Verbandes für Natürliches Heilen (SVNH). «Schon als Kind hatte ich ein reges, lange jedoch ambivalentes Interesse am Geistheilen», erzählt er. «Durch Erfahrungen mit meinem behinderten Sohn und mit ersten Krebspatienten nahm das Heilen eine immer stärkere Rolle in meinem Leben ein. Bald kamen so viele Patienten, dass ich entschied, den Lehrerberuf aufzugeben und mich ganz dem Heilen zu widmen.» Ein Teil der lebendigen Volkskultur Im Kanton Appenzell Innerrhoden sind rund 30 Gebetsheilerinnen und -heiler verzeichnet – mehr, als es Hausärzte im Kanton gibt. Die Innerrhoder Gebetsheilerinnen und -heiler nehmen mithilfe von Gebeten die Schmerzen oder das Fieber, stillen das Blut und «löschen den Brand», was so viel bedeutet wie das rasche Ausheilen von Verbrennungen und Entzündungen, ohne dass auf der Haut Narben zurückbleiben. Gelbsucht, Gicht und Muskelschwund wollen sie zu behandeln wissen, sie bekämpfen Warzen und hartnäckige Ekzeme unter Verwendung von zum Teil geheimen Heilsprüchen und Segensformen. Einige davon waren bereits im Spätmittelalter bekannt, so Roland Inauen, ehemaliger Kurator des Museums Appenzell in seiner Publikation «Lebendige Traditionen – Gebetsheilen». Von ihm erfährt man, dass Geist- und Gebetsheiler meist im Verborgenen heilen, zwar als Nebenbeschäftigung. Sie sind laut Inauen «ausnahmslos medizinische Laien», die alte volksmedizinische Praktiken anwenden und sich dabei auf überliefertes Wissen stützen. Ihr Wissen geben die Heiler wiederum an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin weiter. «Meistens wird ein Mitglied aus der eigenen Familie auserkoren», weiss Inauen. Die jahrhundertealte Tradition des Gebetsheilens müsse vor allem als Bestandteil einer sehr lebendigen religiösen Volkskultur und den damit verbundenen Traditionen betrachtet werden. Die abschliessende traditionelle Formulierung der Gebetsheiler, ist allseits bekannt: «Dein Wille geschehe.» Oder auch: «Es helfe Jesus Christ; im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.» Dank eines günstigen (katholischen) Umfeldes sei das Gebetsheilen bis heute im Kanton Appenzell Innerrhoden lebendig geblieben. Aber auch andere Regionen und Kantone der Schweiz kennen laut Inauen diese Tradition: «In den Kantonen Obwalden, Nidwalden, Uri und Schwyz nennt man d