Emotionales Erbe

Aktualisiert: Sept 3

Kategorie: Gesundheit


Manche Menschen sind traurig, ängstlich oder haben Schmerzen, für die es keine Erklärung gibt. Die Ursachen können in der Familiengeschichte und der frühen Kindheit liegen: Unverarbeitetes Leid kann weitervererbt werden und das «Innere Kind» prägen. Ein Interview mit den Therapeuten Andrea Frölich Oertle und Peter Oertle.



Emotionales Erbe – das klingt nach einer Hinterlassenschaft, die man nicht haben will! Andrea Oertle: Man hat keine Wahl (schmunzelt). Beim emotionalen Erbe handelt es sich um Themen, die unsere Ahnen nicht aufarbeiten konnten. Ähnlich wie bei körperlichen Merkmalen werden diese an die nächsten Generationen weitergegeben. Tiefgreifende Traumata gehen oft von den Grosseltern an die Enkel. Sie kommen jedoch nicht eins zu eins zurück, sondern wie ein Gleichnis. Dabei müssen wir uns auf etwas verlassen, das wir mit dem Verstand nicht einordnen können.

Dann liegen unverarbeitete Kriegserlebnisse, Unfälle oder eine frühe Trennung der Eltern in den Genen? A.O.: Die Geschichte, die wir mit unserer Familie teilen, fängt vor unserer Empfängnis an. Die Eizelle, aus der wir uns entwickelten, entstand, als unsere Mutter als Embryo im Bauch unserer Grossmutter heranwuchs. So ist es auch auf der väterlichen Seite. Die Eizelle aus der unser Vater hervorging, entstand schon im Bauch seiner Grossmutter, also unserer Urgrossmutter. Genetik, Epigenetik und das Verhalten der Eltern zum werdenden Kind verbinden die Generationen. Das Ganze funktioniert auch auf einer direkten Ebene. Wie meinen Sie das? A.O.: Unser Erbe enthält auch Themen, die unsere Mutter während der Zeugung und/oder während der Schwangerschaft und Geburt erlebt hat. So habe ich die Trauer meiner Mutter über die vor mir verlorenen Kinder, sowie ihre Angst, mich zu verlieren, mit auf den Weg bekommen. Ihr Schmerz äussert sich bei mir als Angst, nicht wachsen zu können oder in Form von Verlust- und Trennungsangst. Peter Oertle: Mein emotionales Erbe wurde durch die CoronaPandemie aktiviert. Sie hat eine existenzielle Ohnmacht mit sich gebracht und bei mir die Angst ausgelöst, etwas falsch gemacht zu haben, und zwar so, dass ich nächtelang wach gelegen bin und Panikattacken hatte. Eine Erinnerung meiner Mutter hat mir geholfen, meine Angst besser zu verstehen.



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