Das Glück der Berührung

Kategorie: Gesundheit


Das Handauflegen ist ein jahrtausendealtes Heilritual. Neben dem wärmenden Effekt vermittelt es soziale Nähe, wirkt dadurch beruhigend und kann die Heilung unterstützen.



«Das Handauflegen ist eine einfache Geste menschlicher Zuwendung», sagt Anemone Eglin. «Im Alltag legen wir oft ganz intuitiv unsere Hände auf: Bei Bauch- oder Rückenschmerzen versuchen wir den Schmerz zu lindern, indem wir die warme Hand auf die entsprechende Stelle legen.» Die Theologin befasst sich seit über dreissig Jahren sowohl beruflich als auch persönlich mit dem Thema Spiritualität. Seit einigen Jahren widmet sie sich -gezielt dem Handauflegen, sie leitet Kurse und hält Vorträge. 2019 ist ihr Buch «Handauflegen mit Herz und Verstand» im Theologischen Verlag Zürich erschienen.

Das Handauflegen hat eine jahrtausendelange Tradition. Als Heilritual ist es in den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Religionen verankert. Um das Handauflegen empfangen zu können, muss man allerdings nicht gläubig oder spirituell sein. «Ich selber verstehe die wirkende Kraft als eine göttliche», sagt Eglin. «Diese Ansicht muss man natürlich nicht teilen. Man kann die Kraft auch anders benennen. Ich setze lediglich voraus, dass man darauf vertraut, dass die Kraft zum Guten wirkt.»

Doch wie wirkt das Handauflegen konkret? «Es kann auf drei Ebenen wirken: körperlich, psychisch und spirituell», sagt Eglin. Körperlich könne es entspannen, Schmerzen lindern oder zu neuem Elan verhelfen. Auf der psychischen Ebene habe die Zuwendung eine positive Wirkung, weil er sich wahrgenommen und aufgehoben fühle, mitsamt seinen Ängsten oder Schmerzen. Und auch im Bereich der Spiritualität erhält Eglin zahlreiche Rückmeldungen: «Viele erzählen, dass sie einen inneren Frieden verspüren, oder dass sie einen neuen Zugang zu ihrem Urgefühl gefunden haben.»


«  Im Alltag legen wir oft intuitiv die Hände auf, etwa bei Bauch- oder Rückenschmerzen. »

Vielversprechende Studienresultate

Handauflegen wirke immer, fährt Anemone Eglin fort. «Wie es wirkt, ist aber offen. Ich würde auf keinen Fall Versprechen machen.» Damit orientiert sie sich an den ethischen Richtlinien der Handauflege-Pionierin Anne Höfer. Die gebürtige Engländerin bietet seit Ende der 1980er-Jahre Seminare und Kurse an; 2008 gründete sie die Schule «Open Hands», wo auch -Anemone Eglin eine Weiterbildung im Handauflegen besuchte. Obwohl die Theologin keine endgültigen Aussagen über die Wirkung des Handauflegens machen will, ist sie von deren positiver Wirkung überzeugt. Eglin kann diese Überzeugung auch wissenschaftlich untermauern: In Zusammenarbeit mit der Universität Zürich führte sie zwischen 2015 und 2018 zwei Studien zum Handauflegen durch. Bei der ersten wurde die Wirkung des Handauflegens bei Bewohnerinnen und Bewohnern der Langzeitpflege untersucht. Die Resultate der Studie sind vielversprechend: Bei 50 Prozent wurden depressive Stimmungen signifikant reduziert. Und für Schmerzpatientinnen und -patienten ist das therapeutische Handauflegen zumindest kurzfristig eine Wohltat: Sie entspannen sich, folglich lassen die Schmerzen während der Behandlung nach. Langfristig zeigte sich, dass die Patienten ihren Alltag trotz der Schmerzen tendenziell besser bewältigen konnten. «Eigentlich weiss man, dass der menschliche Faktor einen grossen Einfluss auf den Heilungsprozess hat», sagt Eglin. Dennoch sei im heutigen Pflegealltag immer häufiger ein entkoppeltes Verhältnis von Arzt und Patient zu beobachten. Die Telemedizin ist eines von vielen Beispielen dafür. Dabei, betont Eglin, habe der Mensch ein Bedürfnis, berührt und gesehen zu werden. «Hier könnte das Handauflegen ansetzen.»


gefragt:

anne höfler *