Zwischen Freiheit, Schicksal und Bestimmung

Fabrice Müller | Ausgabe_6_2018

Alles, was wir tun, wirkt sich positiv oder negativ auf unser Karma aus. Doch das Karma bestimmt nur einen Teil unseres Lebens.

@ Lina Hodel

Stellen Sie sich vor: Sie wollen ein Glas Wasser trinken, haben aber etwas Salz hineingeschüttet. Da sich das Salz im Wasser aufgelöst hat, können sie es nicht wieder herausnehmen. Aber sie haben verschiedene Möglichkeiten, mit dem Salzwasser umzugehen: Sie können noch mehr Salz hinfügen, sodass das Wasser noch scheusslicher wird. Oder sie können reines Wasser dazu schütten, sodass es weniger salzig schmeckt. Oder sie fügen dem Salzwasser etwas Zucker hinzu, sodass es milder schmeckt. Genauso ist es auch mit unserem Leben: Neben dem unabänderlichen Schicksal haben wir die Freiheit, unser Handeln in diesem Leben zu wählen und zu gestalten - zum Beispiel mit Zucker oder Salz. Wer über den Sinn des Lebens tief genug nachdenkt, bemerkt, wie er an die Grenzen von Geburt und Tod stösst. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, ob es Erfahrungen gibt, die im eigenen Leben einen erweiterten Sinn geben können.

Grundlehren der Theosophie

Bei der Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens stösst man unweigerlich auf den Begriff Karma. Doch was genau bedeutet Karma? Karma stammt als Begriff aus dem Sanskrit und bedeutet Handlung. Es hat dieselbe Bedeutung wie das Gesetz von Ursache und Wirkung. Jeder Gedanke und jede Handlung beeinflussen jedes andere Wesen, je nach dem Ausmass der eingesetzten Energie. Dies hat unvermeidlich Rückwirkungen auf denjenigen, der den Gedanken aussandte oder die Handlung ausführte. Jedes Denken und Handeln eines Menschen wirkt sich positiv oder negativ auf sein Karma aus.

Die Lehre von Karma ist eine der Grundlehren der Theosophie, eine Sammelbezeichnung für mystisch-religiöse und spekulativnaturphilosophische Denkansätze." Das Karma lehrt uns, den Sinn des menschlichen Lebens mit seinen scheinbaren Ungerechtigkeiten zu erklären, und reicht uns den Schlüssel zur Lösung vieler Lebensrätsel", sagt Armin Zebrowski, Nationalsekretär der Theosophischen Gesellschaft im deutschen Eberdingen. Er umschreibt das Karma mit dem Gesetz der nimmer versagenden Gerechtigkeit, dessen Wirkung sich vom kleinsten denkbaren Teilchen bis hin zum unvorstellbaren, ausgedehnten kosmischen Raum erstrecke und alles einschliesse, was sich darin befindet. Passend dazu sind zum Beispiel die Worte des Paulus an die Galater, VI, 7, im Neuen Testament: "Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten." Armin Zebrowski sagt dazu: "Obwohl dieser Gedanke des grossen christlichen Apostels und Eingeweihten deutlich genug ist, hat man im Allgemeinen die tiefe Bedeutung der Formulierung des Gesetzes der ethischen Gerechtigkeit übersehen und diese nicht als Grundlage für menschliches Verhalten auf gedanklicher und spiritueller Ebene akzeptiert." Während beispielsweise im Hinduismus und Buddhismus das Karma ein fester Bestandteil der Religion ist, wird es im Christentum, Judentum und im Islam abgelehnt.

Wissenschaftliche Erforschung

Der Karma-Begriff ist eng, ja sogar untrennbar mit der Reinkarnationslehre verbunden. In Fachkreisen gilt der kanadische Psychiater Ian Stevenson von der Psychologischen Fakultät der Universität Virginia als Begründer der Reinkarnationsforschung. Tenor seiner Arbeit war die Festlegung empirischer Beweisverfahren bestimmter kindlicher Erinnerungen an frühere Leben. Stevenson schildert Fälle wie etwa jenen eines Mädchens, das sich an ein Leben als Frau erinnerte, die Monate vor der Geburt des Mädchens gestorben war. Im Alter von zwei Jahren nannte sie 13 Namen von Verwandten der Frau und konnte Teile ihrer eigenen Grabrede wiedergeben. "Mit den Forschungen von Professor Stevenson beginnt eine neue Epoche der Reinkarnation", urteilt Trutz Hardo in seinem Buch "Das grosse Buch der Reinkarnation". Vor Stevenson sei die Reinkarnation eine Angelegenheit von Gläubigen und Esoterikern oder ein Spekulationsfeld für Philosophen und Okkultisten gewesen. Nun habe Stevenson den wissenschaftlichen Nachweis der Reinkarnation erbracht.

Sinnsuchende Gesellschaft

Auch Anthea R. Bischof aus Zürich beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung von Karma und Reinkarnation. Ursprünglich absolvierte sie ein Studium und Doktorat in Geschichte an der Universität Basel. In ihrer Auseinandersetzung mit Karma und Reinkarnation verbindet sie die wissenschaftliche Herangehensweise mit ihren imaginativen und intuitiven Fähigkeiten. "Dadurch ist die Arbeit an der eigenen Biographie sowohl spirituell als auch wissenschaftlich abgestützt", betont sie. Rückführungen und Reinkarnationssitzungen sind laut Bischof längst salonfähig geworden.  Nicht nur Esoterik-Affine wollen mehr über ihr Karma bzw. ihr früheres Leben erfahren, sondern auch bodenständige Pöstler oder Bankangestellte, die in der Mittagspause eine Doppelstunde Rückführung buchen.

Woher dieses steigende Interesse wohl kommt? "Zum einen sind diese Themen in den Medien stärker präsent. Zum andern leben wir in einer sinnsuchenden Gesellschaft. Da liegt es auf der Hand, dem eigenen Karma auf den Grund zu gehen und daran zu arbeiten", sagt Anthea R. Bischof. Dabei stellt sie fest: "Menschen, die ihr Leben als eine Entwicklung betrachten, stehen dem Karma-Gedanken meist offen gegenüber. Wer hingegen im Leben alles, was ihm begegnet, dem Zufall zuschreibt, kann oft nichts mit Karma anfangen "

Alles wirkt

Das Leben als Zufallsprodukt ? Nein, glaubt Anthea R. Bischof. Alles, was wir tun und nicht tun, wirke sich auf unser Karma aus; und dieses beeinflusse das Leben über den Tod hinaus. " Wir haben die Freiheit, unser Karma zu erfüllen oder nicht ", sagt die Reinkarnations-Therapeutin und schildert, wie ein früheres Leben das Karma eines späteren Lebens beeinflussen könne: " Wer zum Beispiel im früheren Leben als Mönch lebte, verfügte über praktisch kein Liebeskarma. Im darauffolgenden Leben verspürt der Mensch den starken Wunsch nach einer Beziehung. Dieser Wunsch ist die Energie, durch die sich wieder Beziehungen aufbauen."

Mit folgendem Bildnis lassen sich die Einflüsse des Karmas umschreiben: Die karmischen Winde haben zwar einen starken Einfluss auf ein Segelschiff, bestimmen aber dennoch seinen Kurs nicht, denn der erfahrene Segler weiss, wie man 60 oder 90 Grad zum Wind segelt oder gar gegen die Winde aufkreuzen kann. Gegen den Wind aufzukreuzen, ist sicherlich mühsamer und langsamer, als mit dem Wind zu segeln. Aber wenn der Wind nicht von der geeigneten Seite bläst, ist es notwendig, das zu tun.

Sich kennenlernen

 In den Rückführungstherapien bei Anthea R. Bischof erleben die Klienten die Rückführung meist auf der Gefühls- und Bildebene. Sie werden mit positiven und negativen Gefühlen konfrontiert. 

«Eine Rückführung kann helfen, sich selber besser kennenzulernen und zu erkennen, dass man sich auf einem spirituellen Weg befindet und somit kein zufälliges Bio-Produkt ist», sagt Bischof. Viele Beziehungen seien nicht zufällig, sondern karmisch bedingt. Dazu zählten Liebes-, Freundschafts- wie auch Arbeitsbeziehungen. Gerade in Partnerschafts- beziehungen finde zwischen dem früheren und späteren Leben oft ein Rollentausch statt, bei dem der eine Partner früher beispielsweise der Mann war und im späteren Leben die Rolle der Frau einnimmt – oder umgekehrt. Auch Geschwister stehen laut Bischof häufig in einer karmischen Beziehung zueinander. Auf der Eltern-Kind-Ebene hingegen seien karmische Beziehungen eher selten – «sonst könnten wir unser Leben nicht frei beginnen. Es ist eine Gnade, dass wir zu unseren Eltern viel öfter seelische als karmische Beziehungen haben». Und wie können wir unser Karma verändern, mit ihm arbeiten? «Indem wir es annehmen», sagt Bischof, «die guten und weniger guten Seiten erkennen und versuchen, die Situation zu verbessern.»

Das Karma positiv verändern
• Meditation ist tiefe Konzentration, mit deren Hilfe der Gedankenfluss beruhigt wird. Die Gedanken sind die Hauptquelle unserer Probleme, weil das Karma zuerst in den Gedanken entsteht und dann in Worte und Handlungen übergeht. 
• Mantras: Alle unsere Gedanken, Worte und Handlungen bleiben auf der feinstofflichen Ebene in Form von Vibrationen erhalten. Diese angehäufte Last kann man mit Hilfe der regelmässigen Praxis des gedanklichen oder des gesprochenen Wiederholens eines zur Person passenden Mantras reinigen. 
• Verdienst oder Sünde: Gemäss dem Gesetz des Karmas erzeugt jeder positive Akt einen «Verdienst», während jeder negative Akt einen «Fehler» oder eine Sünde erzeugt. Daraus folgt, dass es offene Rechnungen gibt, die zu begleichen sind. Wann auch immer man jemandem anderem etwas Gutes tut, fühlt dieser den Impuls, etwas Positives zurückzugeben (in Form von Glück oder Weisheit), abgesehen von einem einfachen «Danke». Wann auch immer man jemandem Schaden zufügt, ist dieser zur Rückgabe verpflichtet (in Form von Aggression, Kummer oder Schmerz).

Freiheits- und Erkenntnisradius

Die vedische Astrologie ist eng verwandt mit dem Karma- und Reinkarnationsgedanken. Sie zeigt die Grösse und Form des karmischen Freiheits- und Erkenntnisradius auf, in dem sich ein Mensch befindet. Interessant ist etwa auch der Vergleich des menschlichen Lebens mit einer Art «Virtual-Reality», einem Computer-Lernprogramm, wo das Sonnensystem mit den Planeten wie ein riesengrosses Karma-Uhrwerk funktioniert. Letzteres umgibt uns Menschen und verändert die Form unseres karmischen Freiheitsradius ständig. Ziel dieses Lebensspiels ist es, aus der Illusion herauszutreten, den karmischen Erkenntnis- und Freiheitsradius zu erweitern und die Reinkarnation zu beenden. Über die Meditation bietet sich dem Menschen die Möglichkeit, Zugang zum Göttlichen zu erlangen und diese Impulse in sein Handeln einzubeziehen. Auf diese Weise können karmische Erblasten erkannt und abgewickelt werden, sodass keine Resten bleiben und keine neuen karmischen Lasten entstehen.

Buchtipps
• Trutz Hardo «Das grosse Handbuch der Reinkarnation. Heilung durch Rückführung», Verlag Die Silberschnur 2011, Fr.43.90
• Ursula Demarmels «Karma-Coaching. Wege aus der Schicksalsfalle», Allegria 2015, Fr.27.90
• Jörg Ewertowski «Die Entdeckung der Bewusstseinsseele. Wegmarken des Geistes», Freies Geistesleben 2007, Fr.33.90

Unverarbeitete Verletzungen

Viele Menschen, die unter einer schweren Krankheit wie zum Beispiel Krebs leiden, suchen nach tiefer liegenden Ursachen für ihre Krankheit. «Bei schweren Erkrankungen finden sich in den Rückführungen oft karmische Auslöser, sprich unverarbeitete Verletzungen aus früheren Leben», stellt Anthea R. Bischof fest. Je mehr wir auf die Herausforderung eingehen und nicht versuchen, zu flüchten, umso intensiver, aber auch leichter falle die Verarbeitung. «Unser Karma ist das Flechtwerk, das wir in früheren Inkarnationen erstellt haben. Wie wir darin weben, liegt heute in unserer Freiheit», sagt sie. Denn all diese Faktoren seien Teile eines Puzzles, deren Teile je nach Fall unterschiedlich grosse Bedeutung haben. Immer mehr Menschen erkennen diese Zusammenhänge und setzen sich bewusst mit ihrem Leben wie auch mit den karmischen Einflüssen auseinander. Mit Zucker und Salz. Und reinem Wasser respektive reinem Geist.

Links
• www.karma-biographie.ch
• www.theosophie.de/
• www.spiritualresearchfoundation.org/

 Illustrationen: Lina Hodel

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Natürlich im Juli 2018


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