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Wildes Tal, stille Quelle

Kategorie: Natur
 Ausgabe 04 - 2011 - 01.04.2011

Text:  Pier Hänni, Tertia Hager

Trotz kleinen zivilisatorischen Makeln ist von der Schönheit des Val-de-Travers wie sie einst der Philosoph Jean-Jacques Rousseau beschrieb, nichts verloren gegangen. Ein Spaziergang zur Quelle der Areuse öffnet Geist und Herz.

Nachdem der grosse Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau Paris verlassen musste, lebte er ab 1762 drei Jahre im Val-de-Travers. Dort erholte er sich beim Studium der Natur und entdeckte seine Liebe zur Botanik: «Ich verdanke mein Leben den Pflanzen nicht wirklich, aber sie haben es mir ermöglicht, im Strom des Lebens weiter zu schwimmen und nicht unterzugehen von Bitterkeit beschwert.» Es sollen die glücklichsten Jahre im unsteten Leben des Genfers gewesen sein. Sein damaliges Wohnhaus in Môtiers ist heute ein Museum, viele nach ihm benannte Strassen im Tal und nicht zuletzt die wilde Landschaft selbst erinnern an den Naturphilosophen.

Von Feen verzaubert

Heute wirbt das Val-de-Travers weniger mit dem Namen Rousseau oder der einst dominierenden Uhrenindustrie: Le Pays des Fées, das Land der Feen, heisst die Zauberlosung der Touristiker. Namen wie Rue des Fées oder Grotte aux Fées lassen vermuten, dass die Bewohner früher mit diesen wunderbaren Wesen regen Kontakt pflegten. Kenner der Schweizer Sagenwelt weisen darauf hin, dass Fee in der französischen Schweiz als Bezeichnung für alle Naturgeister verwendet wurde, so wie etwa im Berner Oberland der Name Zwerg.

Nach den zahlreichen Sagen über die Jurafeen spielten diese im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Sie lebten vorzugsweise in Höhlen und halfen den Bewohnern der Umgebung bei der Arbeit, trösteten ihren Kummer, heilten sie von Krankheiten und jene, die sich dafür als würdig erwiesen, weihten sie auch in die magischen Geheimnisse der Natur ein. Meistens werden die stets als weibliche Gestalten auftretenden Feen als anmutige Schönheiten beschrieben, deren wohlgeformter Körper von langem, dichtem Haar umflossen wird. Wer einmal ihrem verzaubernden Gesang gelauscht habe, sei für den Rest des Lebens zu einem besseren Menschen geworden, sagt man. Und von den Augen der Wenigen, die sie in bestimmten Nächten auf idyllischen Wiesen tanzen sahen, soll noch Jahre danach ein helles Strahlen ausgegangen sein.



Geologisch gesehen ist das Val-de-Travers ein von der Areuse geschaffenes Hochtal des Neuenburger Juras. Es ist wohl schon seit der Steinzeit eine wichtige Verbindung zwischen dem Neuenburgersee und dem Tal des Doubs. Römische Münzfunde lassen darauf schliessen, dass während der römischen Besetzung eine viel benutzte Strasse zwischen Helvetien und Gallien durch das Tal führte, das damals den Namen Vallis transversa trug.

Nebst der spektakulären Felsenarena des Creux du Van gehört die Areuse-Schlucht zu den touristischen Highlights des Val-de-Travers. Am Ziel des Spaziergangs dem Bachlauf entlang, der Quelle der Areuse, denkt der Wanderer: Schade, dass das Ende der wildromantischen Schlucht durch einen kleinen Damm verbaut ist. Doch wenn man eine Weile bei dem Seelein im kleinen Talkessel sitzt und beobachtet, wie das Wasser unter den urtümlich geformten Kalkfelsen hervorströmt, dringt die Kraft und Stimmung des Ortes bald in das Gemüt. Was durch den Damm gestört wurde, wird durch den Zauber des ruhigen Seeleins wettgemacht. Wir haben immer die Wahl, das Glas als halb voll oder als halb leer anzusehen. Auf jeden Fall ist die Schwingung bei der Areusequelle derart intensiv, dass sie auch mit Damm immer noch ein eindrücklicher Kraftort ist. Das Quellwasser stammt aus der grossen Geländesenke des Brévinetals und dem östlichen Teil des Verriertals.

Die Sage von der Vuivre
Im 14. Jahrhundert lebte zuhinterst im Traverstal die Drachenschlange Vuivre, die nachts Kühe, Ziegen und manchmal auch Menschen jagte. Einwohner wie Reisende mussten täglich um ihr Leben fürchten. Da beschloss ein junger Mann namens Sulpy Raymond, das Ungeheuer zu töten. Er versteckte sich in der Nähe ihrer Höhle, und als die Vuivre von der Jagd zurückkehrte und mit vollem Magen einschlief, schlich er sich lautlos an und schoss ihr mehrere Pfeile in den Leib. Dadurch nur verletzt, stürzte sie sich auf den Mann. Aus dem erbitterten Kampf ging Sulpy schwer verwundet als Sieger hervor. Er schleppte sich ins Dorf zurück, wo er stolz den abgeschnittenen Kopf der Schlange vorzeigte. Bald starb auch Sulpy. Zum Dank schenkte der Graf von Neuenburg seiner Familie die Freiheit und ein Landgut. Die Geschichte nimmt das klassische Thema des Drachentöters auf, in dem sich die Unterwerfung und Verteufelung der Naturkräfte und damit des alten Glaubens spiegelt. Durch den symbolischen Tod der Vuivre sollte der Mythos in den Köpfen und Herzen der Menschen ausgelöscht und durch eine Gruselgeschichte ersetzt werden. Dabei diente die Natur als Vorbild, denn die idyllischen Flüsschen des Juras verwandeln sich nach starken Regenfällen in reissende Ungeheuer, die Wiesen, Gärten, Häuser und Strassen verwüsten. Sie sind aber auch die Lebensadern der Landschaft, ohne die nichts gedeihen würde. So lässt sich nachvollziehen, dass auch die Vuivre, wie der Mythos berichtet, zwei Seiten hat. Die beiden Aspekte der Flüsse beziehungsweise der Göttin in Gut und Böse zu trennen bedeutet, die Schöpfung nach unserem eigennützigen Massstab zu bewerten und zu richten. Das Dämonische steckt jedoch nicht in den Naturkräften selbst, sondern entsteht aus deren Trennung in Gut und Böse.

Nach der Sage soll hier einst die Vuivre gewohnt haben. Sie ist in vielen Teilen des Juras in der Gestalt einer Drachenschlange überliefert, die mit Flüssen und Schluchten verbunden ist. Später als Naturdämon verteufelt, galt sie einst als eine strahlende Jungfrau, die sich allerdings gelegentlich in das Fabeltier verwandelte. Die Verbindung der Vuivre zur Schlange, dem Urbild der Quellgottheit, sowie die Tatsache, dass sie untrennbar mit Flüssen und Bächen verbunden ist, lässt auf die uralte Quellgöttin schliessen. Sie soll einen magischen Edelstein um den Hals tragen. Das strahlende Juwel ist wie die Kronen, welche die Zauberschlangen in anderen Sagengeschichten auf dem Kopf tragen, als Hinweis auf ihre magische Kraft zu verstehen. Wie die Fee von der Grotte bei Vallorbe erinnert auch die Vuivre an einen uralten Mythos, nachdem die bei Quellen wohnenden Drachenschlangen sich auch als strahlend schöne Frauen manifestieren. Der Mythos wurde im Mittelalter von verschiedenen Dichtern aufgenommen und hat bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren.

Die Neuenburger Rigi

Kein Kraftort, aber nicht minder attraktiv ist der Aussichtsberg über Fleurier mit dem etwas sonderbaren Namen Chapeau de Napoléon, Hut des Napoléon. Seine runde Kappe gleicht wirklich etwas dem Hut von Bonaparte. Ältere Einwohner des Tals erinnern sich, dass der 980 Meter hohe Berg früher Le Righi neuchâtelois hiess. Tatsächlich geniesst man von oben, wo sich auch ein Ausflugsrestaurant befindet, eine herrliche Rundsicht auf die Jurahöhen und über das Val-de-Travers, das Land der Feen. Und auch wenn die Landschaft mit Siedlungen durchsetzt und mit Strassen durchzogen ist, lässt sich nachvollziehen, weshalb die Feen gerne hier wohnen.

Das Buch «Quellen der Kraft» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Auf zur Quelle, auf zum Aussichtsberg
• Anreise
Bahn über Neuchâtel und Travers nach Fleurier, Bus nach Saint-Sulpice.
• Wanderzeit
Zur Quelle der Areuse:
Saint-Sulpice – Quelle der Areuse – Saint-Sulpice, 1 Stunde.
Zum Aussichtsberg Chapeau de Napoléon:
Fleurier– Chapeau Napoléon – Fleurier, 2 Stunden.
• Route
Beide Wanderungen sind gut ausgeschildert.
Quelle der Areuse: Wir folgen von der Bus-Endstation in Saint-Sulpice den Schildern Richtung Source de l’Areuse und erreichen bald das Dorfende und das am Flussufer stehende Ecomuseum. Nun sind es nur noch einige Schritte bis zum kleinen Stausee mit der Quelle.
Chapeau de Napoléon: Der Wanderweg, der von Fleurier durch den Wald auf den Hügel des Chapeau Napoléon führt, ist durchgehend beschildert.
• Allgemeine Informationen
www.val-de-travers.ch

www.neuchateltourisme.ch
www.chapeaudenapoleon.ch
• Karte
1: 50 000 Val-de-Travers 241

Fotos: zvg, www.swiss-image.ch/Christoph Sonderegger, Roland Gerth

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