... wie dich selbst.

Karin Jundt | Ausgabe 10/2016

«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»: Dieser Bibelvers wird oft zitiert – und oft missverstanden. Treffender müsste er nämlich lauten: «Liebe erst dich selbst und dann deinen Nächsten». Doch wer diese Ansicht vertritt, wird schnell als Egoist abgestempelt.

@ MartaZ* / flickr / cc

Die Nächstenliebe ist zweifellos eine wichtige Tugend; wäre sie weiter verbreitet, ginge es uns allen besser. Das ist eine Binsenweisheit. Weniger bewusst ist uns hingegen, dass das Gleiche für die Selbstliebe gilt. Denn Liebe ist ein Grundbedürfnis: Schenken wir sie uns nicht selbst, so sind wir darauf angewiesen, sie von anderen zu bekommen. Dabei meinen wir, sie uns «verdienen» zu können – und zu müssen –, indem wir uns verhalten, wie es von uns erwartet wird. So sind wir jedoch unfrei in unseren Entscheidungen; die Verlustangst treibt uns zu Handlungen, die im Widerspruch zu unserer wahren Natur stehen – bis hin zur Selbsterniedrigung. Darunter leiden wir bitterlich. Eine schwach ausgeprägte Selbstliebe gehört zu den grössten «Unglücklichmachern».

Zudem sind wir wegen der Abhängigkeit von Fremdliebe gar nicht fähig, andere Menschen wahrhaftig zu lieben. Denn reine Liebe stellt keine Bedingungen. Sie erwartet nichts. Wir hingegen sind ja auf eine Gegenleistung aus: Um geliebt zu werden, lieben wir. Und das ist bestimmt nicht die Nächstenliebe, von der Jesus sprach.

Selbstliebe ist nicht gleich Selbstsucht. Selbstliebe wird leider gerne mit Egoismus verwechselt. Damit hat sie jedoch nichts, aber auch gar nichts zu tun. Mich selbst lieben bedeutet: Mich wertschätzen und achten, mir selbst vertrauen, ganz ich selbst sein – mein wahres Wesen leben. Es geht dabei also um meine Beziehung mit mir selbst, nicht um mein Verhalten anderen gegenüber. Was sollte daran egoistisch sein?

Dass Menschen mit einer gesunden Selbstliebe mitunter für herzlose Egoisten gehalten werden, liegt unter anderem an ihren selbstbestimmten Entscheidungen und Taten sowie missverstandenen Äusserungen wie «Ich bin mir selbst der Nächste». Doch haben wir etwa nicht das Recht, unser Leben zu gestalten, wie wir es wünschen und für richtig halten? Und in der Tat ist jeder sich selbst der Nächste – denn jeder von uns muss seine Schritte eigenverantwortlich gehen, die Herausforderungen selbst meistern, sein «Bürdeli» allein tragen. Niemand kann für ihn leben.

Verantwortung für andere?
Aber! Wie ist es denn, wenn aufgrund unseres Handelns andere leiden? Selbstverständlich müssen wir die Konsequenzen unserer Taten immer bedenken und wohlwollend und einfühlsam handeln. Die Entscheidungen für unser Dasein treffen wir jedoch stets so, wie es für uns selbst stimmt; dazu haben wir das Recht, ja die Pflicht. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies die wichtigste Verpflichtung und Verantwortung eines jeden Menschen ist: dem eigenen Lebensweg folgen und sein wahres Selbst manifestieren.

Durch unser Verhalten mögen andere zwar mit betroffen sein; das ist mitunter unumgänglich. Sie werfen uns dann vor, egoistisch und die Ursache ihrer Probleme und ihres Leids zu sein: «Weil du mich verlassen hast, bin ich krank geworden»; «hätten Sie mir nicht gekündigt, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, die Firma zu betrügen»; «du als dominante Mutter bist schuld, dass ich aus Frustration zu viel esse.»

Nein, so einfach ist es nicht! Wie Mitmenschen auf unsere Taten reagieren, ist ihre freie Entscheidung. Damit haben wir nichts zu tun. Wir tragen keine Verantwortung für erwachsene, mündige Menschen. Niemals. Nicht ich mache jemanden unglücklich, sondern: Er fühlt sich unglücklich, und zwar weil äussere Umstände – unabhängig vom Verursacher, es könnte ebenso gut ein Naturereignis sein – auf ihn einwirken, die sich seinem Einfluss entziehen. Schuld an seinem Unglück sind seine Verweigerung, in der betreffenden Situation eine Chance zum Lernen und zur inneren Entwicklung zu erkennen, und das fehlende Bemühen, die Lage positiv zu verändern. Manche Menschen wollen aus ihrem Elend gar nicht hinaus, sie fühlen sich wohl in der Opferrolle.

Selbstbestimmung als oberstes Gebot. Die natürliche Hemmung, Mitmenschen mutwillig wehzutun, ist eine wertvolle Eigenschaft. Vergessen wir dabei aber nicht, dass wir auch uns selbst kein Leid zufügen sollen. Doch genau das tun wir, wenn wir, um anderen Unangenehmes und Schmerz zu ersparen, uns selbst untreu werden und nicht so handeln, wie unsere innere Stimme es rät. Die Pflicht der Selbstbestimmung für das eigene Leben dürfen wir niemals verletzen – selbst wenn dadurch einmal ein anderer leidet. Schliesslich müssen wir die Verantwortung für unser Leben zu 100 Prozent übernehmen. Dies bedingt logischerweise, dass wir auch zu 100 Prozent selber darüber bestimmen. Umgekehrt,ebenso logisch, beschränkt sich unsere Verantwortung für andere darauf, dass wir aufrichtig sind und ihnen nicht willentlich, aus Bosheit oder anderen niederen Beweggründen, Leid zufügen. Wie sollte sie denn weiter reichen, da wir doch nicht über andere bestimmen können?

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Dieser Artikel basiert auf zwei Büchern von Karin Jundt zu den Themen Selbstliebe und Selbstwertgefühl. Mit vielen Übungen, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Website der Autorin: www.selbstliebe.ch
• Karin Jundt: «Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich», unverbindlicher Preis: Fr. 23.–
• Karin Jundt: «Ich liebe mich selbst 2», unverbindlicher Preis: Fr. 23.–

Foto: MartaZ* / flickr / cc

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