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Waldgarten

Kategorie: Garten
 Ausgabe_12/01_14/15 - 01.12.2014

Text:  Kurt Forster

Permakultur ist eine ganz spezielle Gartenphilosophie. Sie verbindet unberührte Natur mit hohem Nutzwert für Mensch und Tier.

Waldränder sind Biotopübergangszonen, wo unzählige Pflanzen und Tiere leben. Ein Paradies der Artenvielfalt also. Als Kinder haben wir entlang von Waldrändern Brombeeren, Himbeeren und vereinzelt auch die kleinen und herrlich süssen Walderdbeeren gesammelt. Unsere Mutter pflückte am selben Ort Holunder für unvergesslich köstliche Konfitüren.

Diese schönen Kindheitserinnerungen inspirierten mich, nach den Prinzipien der Permakultur im eigenen Garten eine solche Waldrandzone nachzubilden, um auf wenig Fläche eine möglichst grosse Pflanzenvielfalt und einen hohen Ertrag an Beeren zu erzielen. Am Nordrand meines Gartens führt eine Strasse vorbei. Dort liess ich einen 1,5 Meter hohen Erdwall aufschütten. Er bietet Schutz gegen bissig kalte Nordwinde und den Strassenlärm.

Den Wall bepflanzte ich mit einheimischen Sträuchern wie Schwarzdorn, Weissdorn, Schlehe, Pfaffenhüttchen, Haselnuss, Stechpalmen, Liguster und Wildrosen. Zusätzlich habe ich zwischen den Sträuchern eine sogenannte Benjeshecke erstellt. Konkret: Aus Abfallholz und Baumschnitt habe ich eine natürliche kleine Mauer aufgeschichtet, die vielen Tieren Schutz und Unterschlupf bietet. Durch den Kot von Vögeln siedelten sich in der und um die Benjeshecke dann ganz allein weitere Heckenpflanzen an. So entstand innert weniger Jahre ein dichter, undurchdringlicher Dschungel, ein von Vögeln, Kleintieren und vielen Insekten bevorzugter Ort.

Permakultur – ein natürliches Lebensprinzip
Permakultur ist ein ganzheitliches Planungssystem und zugleich auch eine Lebensphilosophie. Gärten, die nach diesem Prinzip gestaltet sind, halten sich an natürliche Kreisläufe und Pflanzengemeinschaften, die auch ohne grosse Eingriffe von Gärtnerinnen und Gärtnern funktionieren. Begründet hat die Permakultur in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts der Australier Bill Mollison als Konzept für eine naturnahe Landwirtschaft. 1981 hat er dafür den Alternativen Nobelpreis erhalten.
Das grösste alpine Permakulturprojekt der Schweiz ist in den letzten Jahren auf der Schweibenalp oberhalb von Brienz BE entstanden. Auf einer Fläche von über zehn Hektaren haben engagierte Permakulturisten auf 1100 Meter Höhe ein vielschichtig verwobenes System aus Kräuter-, Stauden-, Gemüse- und Saatgutgärten, Pilzzüchtungen, Bienenhaltung, Wasser- und Wildniszonen aufgebaut.
Der Betrieb «Schweibenalp – alpine Permakultur» vermittelt im eigenen Bildungszentrum in Einführungskursen praxisnah Einblick in die Prinzipien und Anwendungsbereiche der Permakultur. Angeboten werden zudem zertifizierte Grundkurse mit der Möglichkeit, anschliessend die Ausbildung zum Permakultur-Designer zu absolvieren. Spezifische Fachkurse gehen auf Themen wie Terra Preta, Urbane Permakultur, Aquakultur, Bienenhaltung ein. Eine weiteres Angebot sind Selbstversorgungskurse, in denen gelernt wird, wie Wald-, Gemüse-, Kräuter- und Pilzgärten angelegt, wie Lebensmittel haltbar gemacht, Körbe geflochten und Textilien hergestellt werden. Mehr Infos und Kursangebote gibt es auf www.alpine-permakultur.ch

Es werde Wald

Waldböden sind ein geheimnisvolles Zusammenspiel von pulsierendem Leben. Der Organismus Boden ist ein Puzzle, eine Vernetzung von Produzenten, Konsumenten und Reduzenten, das stetig wächst und sich weiterentwickelt. Diese Böden sind humos, fruchtbar und federnd weich. Aus meinem aufgeschütteten, harten Lehmboden musste ich also für meinen kleinen Waldrand einen solchen Boden aufbereiten. Dazu brachte ich auf dem Lehmboden reichlich Häckselmaterial, gut gelagerten Kompost, Tannennadeln und Laub aus, um die Eigenschaften eines Waldbodens nachzubilden. Zusätzlich brachte ich etwas richtige Waldbodenerde aus, um all die abbauenden Mikroorganismen in meinem Garten anzusiedeln. Ausserdem pflanzte ich am Heckenwall noch einige Tannenbäume. Davor liegt eine hohe Himbeerreihe, dann folgen Johannisbeeren, Schwarze Cassis und Jostabeeren. Darunter habe ich Erdbeeren gesetzt, zwischen die ich Zwiebeln und Knoblauch gesteckt habe, denn Rosen- und Liliengewächse fördern sich gegenseitig.

Vogelschiss und Konfitüre

Der Schöpfer der Benjeshecke, der deutsche Landschaftsgärtner und Naturfotograf Hermann Benjes, vertrat die Ansicht, dass es Frevel sei, Gehölzschnitt mit hohem Energie- und Personaleinsatz zu verschreddern. Am besten lasse man das Schnittholz liegen laut seiner Devise: «Die Vögel kommen und scheissen sich ihre Hecke zusammen.» Und tatsächlich: Ich habe auf dem Wall nie Holunder gepflanzt, und doch wuchsen in meinem Walddschungel zwei Holunderbäume heran, die heute reichlich Beeren für Holunderkonfitüre liefern. Wahrscheinlich wurden sie, wie Benjes prophezeite, durch Vogelkot an den richtigen Standort geschmuggelt.

Ebenso wenig wie Holunder habe ich auf meiner Waldrandparzelle Pilzsporen ausgebracht. Trotzdem wuchsen dort zu meiner Freude bald Safranschirmlinge. Hat der Wind Pilzsporen hergeweht oder habe ich mit der ausgebrachten Waldranderde solche Sporen nach Hause gebracht? Ich weiss es nicht, aber es war eine grosse Freude, im eigenen Garten feine Pilze ernten zu dürfen. Es ist, ich kann es nicht anders sagen, ein Wunder, welche neuen Lebenssymbiosen und Verflechtungen sich in meinem kleinen Waldrand entwickeln können.

Ein Paradies für Faule

Teilweise wohl durch zugetragenen Samen aus dem nahen Wald oder unserem Blumengarten haben sich unter den Beerensträuchern auch Schlüsselblumen, Buschwindröschen, Primeln und Veilchen von ganz allein angesiedelt. Dank ihnen erleben wir in unserem Waldrandgarten immer ein besonders wundervolles, buntes Frühlingserwachen. Und wie es dazu singt und zwitschert! Vor allem in den Efeupolstern, die sich an den Tannen emporwinden, fühlen sich Vögel wohl und geschützt, und dieschädlingsbekämpfenden Meisen nisten hier besonders gern. Unter den Tannen in den dichten Altholzhaufen liegt auch der geschützte Wohnort einer Igelfamilie. Sie sorgt für das Entfernen von schleimigen Nacktschnecken in meinem Gemüsegarten.

Weder Umgraben noch Bodenlockerung sind in diesem Waldrandbiotop notwendig. Mit jedem Jahr wird der Boden lockerer, humoser und durch herunterfallende Tannennadeln, Blätter und abgestorbene Pflanzen immer waldiger. Im Spätherbst bringe ich manchmal etwas Häckselmaterial, Mulch und wenig Kompost aus und schneide ein paar der ältesten Johannisbeer-, Cassis- oder Jostabeerenäste heraus und stutze die Hecke etwas zurück – mehr gibt mein kleines Waldparadies nicht zu tun. 

Das eigene Gartenparadies gestalten
In den Wintermonaten ist die Zeit, seinen zukünftigen Garten zu planen. Auch wer nur ein kleines Stücklein Land, einen Schrebergarten, eine Terrasse oder einen Balkon besitzt, kann sich dort sein eigenes Paradies gestalten, sein eigenes vitaminreiches Grün anbauen und dort die Kreisläufe des Werdens und Vergehens erleben.
In seinem Buch «Mein Selbstversorger-Garten am Stadtrand» erklärt Permakultur-Spezialist Kurt Forster Schritt für Schritt, wie man den Traum vom eigenen Selbstversorgergarten verwirklichen kann. Der Autor, der seinen ganzen Garten in Herisau in ein Paradies verwandelt hat, zeigt, wie Permakultur-, Bio-Garten-, Slow Food- und Transition Town-Wissen geschickt vereinigt werden können.
Kurt Forster: «Mein Selbstversorger-Garten am Stadtrand», Ökobuch Verlag 2013, Fr. 22.90

Fotos: zvg, istockphoto.com

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