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Unser täglich Müll

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Andreas Krebs

In der Schweiz fallen jede Sekunde über 600 Kilogramm Abfall an – 52 000 Tonnen jeden Tag! Zwar wird immer mehr wiederverwertet, wir verbrauchen aber immer noch viel zu viele Rohstoffe. Wenn wir die Abfallberge ernsthaft verkleinern wollen, müssen wir unseren Konsum einschränken.

Konsum ist in der Schweiz so bequem, weil er zulasten anderer geht. Unser Wohlstand verschleiert die Knappheit vieler Ressourcen, und zahlreiche Schäden fallen im Ausland an. Aber darüber regen wir uns nicht auf, ja wir denken nicht einmal darüber nach. Als brave Bürger folgen wir hörig den Botschaften der Medien und der Werbung und kaufen neue, energiesparende Geräte, statt die alten zu reparieren. Dass die Herstellung neuer Geräte oft weit mehr Energie frisst, als sie im Gebrauch je sparen können, blenden wir aus. Ebenso die Frage, ob wir all die Geräte überhaupt brauchen.

Plastikkontinent und Weltraumschrott

«Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Wohlstand und Abfallmenge», sagt Michael Hügi, stellvertretender Sektionschef der Abteilung Abfallbewirtschaftung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu). «Schon bei einem leichten Einbruch der Konjunktur produzieren wir weniger Abfall.» Und andersrum. Seit 1990 ist der Abfallberg in der Schweiz um einen ganzen Drittel gewachsen. Dies vor allem infolge des Wirtschaftsund Bevölkerungswachstums.

In der Schweiz fallen pro Jahr knapp 20 Millionen Tonnen Abfall an. Mit gut 12 Millionen verursacht die Bauindustrie am meisten Abfälle; rund 10 Millionen davon werden verwertet. Mit 5,5 Millionen Tonnen stehen Siedlungsabfälle an zweiter Stelle: Jeder Schweizer produziert fast 700 Kilogramm pro Jahr. Was genau, wird ungefähr alle zehn Jahre vom BAFU untersucht. Die jüngste Kehrichtanalyse wird gerade ausgewertet, die Resultate liegen im ersten Halbjahr 2013 vor. «Ich erwarte keine grundlegenden Veränderungen gegenüber der letzten Analyse», sagt Hügi.

Der tägliche Verpackungswahnsinn

Hui betont, dass aus ökologischer Sicht die Verpackung meist sekundär ist. «Die Hauptbelastung für die Umwelt verursacht in der Regel das Produkt selber.» Ökologisch besonders zu Buche schlagen die Mobilität, das Wohnen sowie die Ernährung. Diese wiegt besonders schwer: Laut Bund verursacht das Bereitstellen von Nahrungsmitteln fast 30 Prozent der ökologischen Schäden, die unser Konsum verursacht. Der Verzehr von tierischen Produkten, insbesondere Fleisch, schlägt dabei am stärksten zu Buche.

Der Charme des Einfachen

Das soll sich ändern. Das Bafu entwickelt derzeit Standards zur Verbesserung der Umweltinformationen bei Produkten; dabei soll der ganze Lebenslauf erfasst werden. Ziel ist, dereinst das Sortiment der Läden als Ganzes nach den Kriterien einer ökologischen Gesamtbilanz zu gestalten. Eine Herkulesaufgabe.

Dabei ist es im Prinzip ganz einfach. Damit auch unsere Kinder und Enkel ihre Bedürfnisse abdecken können, müssen wir mit unseren Ressourcen nachhaltiger umgehen. Die zweitbeste Möglichkeit ist Recycling. Die beste: Abfall vermeiden! Wie man das macht, bringt Hügi auf den Punkt: «Wenn wir die Abfallmenge wirksam reduzieren wollen, müssen wir weniger konsumieren.»

Einer, der radikal reduziert lebt, ist der deutsche Maschinenbauer und Erfinder Christian Kuhtz. Er hat weder TV noch Computer oder Telefon. Dafür eine Komposttoilette und selbst gebaute Windräder zur Stromerzeugung. Seit über 20 Jahren verfasst Kuhtz die Heftreihe «Einfälle statt Abfälle». Darin skizziert er genial einfache Bauanleitungen für praktische Dinge wie Sonnenkollektoren, Steinöfen oder Schuhe. Das alles lässt sich leicht und billig aus gebrauchten Materialien herstellen.

«Öko» kann man nicht kaufen

«Öko» könne man nicht kaufen, man müsse es selber leben, sonst sei es nur «Ökonsum», warnt Kuhtz. Und: «Die käufliche Öko-Technik will uns abhängig machen. Sie ist undurchschaubar und kann nur vom Fachbetrieb installiert, gewartet und repariert werden.» Indem man Gebrauchsgegenstände selber herstelle, könne man Abfall und Abhängigkeiten reduzieren. Ständig mehr konsumieren hingegen mache immer unselbständiger, erzeuge Stress, weil wir dem Geld hinterher jagen müssen, und lasse immer weniger Chancen, sein Leben selbst zu bestimmen. «Schritt für Schritt vergessen wir die Fähigkeit, elementare Dinge selbst zu tun. Oder können Sie ihre Schuhe noch selber machen?»

Kuhtz ist überzeugt, dass unsere Lebensfreude stark steigen kann, wenn wir wieder mehr Bereiche unseres Lebens selbst gestalten können, idealerweise im Kreislauf der Natur. Die Ergebnisse der Glücksforschung bestätigen ihn: Für immer mehr Menschen wiegt der Gewinn an Lebensqualität den Verzicht auf materiellen Wohlstand auf.

Literatur
• Christian Kuhtz: «Einfälle statt Abfälle». Titelliste und Hefte können direkt beim Autor bezogen werden: Christian Kuhtz, Hagenbuttenstrasse 23, D-24113 Kiel
• Gerhard Pretting: «Plastic Planet: Die dunkle Seite der Kunststoffe», Orange Press (2010)
• Annie Leonard: «The Story of Stuff: Wie wir unsere Erde zumüllen», Econ (2010)
• Erklärung von Bern (Hg.): «Rohstoff: Das gefährlichste Geschäft der Schweiz», Salis Verlag (2012)
Filme
• Werner Boote: «Plastic Planet. Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken»
• Lucy Walker: «Waste Land»
Beide Filme können z. B. bei «Filme für die Erde» bezogen werden: www.filmefuerdieerde.ch

Foto: jokerfoto.de

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