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Und was essen Sie?

Kategorie: Essen
 Ausgabe_10_2014 - 01.10.2014

Text:  Andreas Krebs

Wir verschlingen viel zu viel vom Falschen und verschwenden Lebensmittel en masse. Es ist Zeit für eine Revolution unserer Ernährungsgewohnheiten.

Was haben Sie gestern gegessen, was vorgestern? Wissen Sie es noch? Und sind Sie sich bewusst, was Sie da tagein, tagaus so alles essen? «Essen ist kein rein privates Vergnügen. Vielleicht ist gegenwärtig nichts politischer», schreibt Harald Lemke in seinem Buch «Politik des Essens». Die Zukunft der Menschheit hänge ganz entscheidend vom gesellschaftlichen Umgang mit der Nahrungsfrage ab. Lemke rechnet mit bald steigenden Preisen für Lebensmittel. Angesichts dessen, dass immer mehr Chinesen und Inder an den (Rind-)Fleischtopf drängen, ist das keine gewagte Prognose. Denn insbesondere die Rindfleischproduktion ist sehr ressourcenintensiv. «Die kurze Ära eines billigen Schlaraffenlands in den Wohlstandsländern des reichen Nordens steht vor ihrem historischen Ende», ist Lemke überzeugt. Und die UNO warnt, dass uns spätestens im Jahr 2050 eine weltweite Lebensmittelknappheit droht, wenn wir den Fleischkonsum nicht drastisch reduzieren.

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Die heutige Nahrungsmittelproduktion verursacht gewaltige Probleme und Kosten; die Folgen des Fleisch- und Milchkonsums sind verheerend: Wasserverschwendung und -verseuchung, Zerstörung des Regenwaldes, Artensterben, Klimawandel, Tierleid, Hunger in der sogenannt Dritten Welt. Ausserdem fördern Tierproteine in grösseren Mengen verzehrt Herzinfarkte, Krebs, Diabetes, Allergien, Demenz und andere Zivilisationskrankheiten. Kurzum: Wir können uns die «Nutztierhaltung» schlichtweg nicht mehr leisten.

Das Schwein als Ware

Der Ernährungsbereich kulminiert viele der gravierendsten Probleme der Menschheit. Das ist auch eine gute Nachricht. Sie bedeutet nämlich, dass deshalb auch viele Probleme auf einen Schlag lösbar wären. Tatsächlich ist im Bereich Ernährung mit dem geringsten Aufwand die grösste Wirkung zu erzielen. Jeder von uns kann selber entscheiden, was er essen will. Jeden Tag. Wir brauchen bloss mehr möglichst unverarbeitete, frische (saisonale und regionale) pflanzliche Lebensmittel zu essen, statt Fleisch, Milch, Eier und Industrienahrung. Es gibt nichts, womit der Einzelne mehr bewegen könnte. Oder mit den Worten Albert Einsteins: «Wir können die Welt nur retten, wenn wir endlich aufhören, Tiere zu töten.»

Unser Tierschutzgesetz gilt als strengstes der Welt. Doch die schockierenden Bilder aus Schweizer Schweinebetrieben zeigen unhaltbare Zustände: Die Schweine vegetieren in zu engen, verkoteten Buchten, viele sind krank oder verstümmelt. Beschäftigung haben sie keine – nicht einmal Stroh – und Sonne sehen sie in ihrem kurzen, qualvollen Leben nie. Und trotzdem ist das gesetzeskonform. «Die Aufnahmen entblössen eine lebensverachtende Branche mit nur einem Ziel: Profit mit der Ware Schwein», sagt TIF-Präsident Tobias Sennhauser. «Von artgerechter Haltung kann in der Schweiz keine Rede sein.»

Roh und barbarisch

Die Fleischindustrie macht uns zu Barbaren. Am Ende seines Lebens hat der Schweizer 46 Schweine und fast tausend Hühner gegessen. Und viele andere Tiere mehr. Allein in der Schweiz werden jeden Tag 150 000 sogenannte Nutztiere im Kindsalter geschlachtet. Über 50 Millionen pro Jahr. Gegen zehn Prozent davon sind noch bei Bewusstsein, wenn sie aufgeschlitzt werden, weil der Bolzenschuss respektive die Kohlendioxidbetäubung versagt. Das steht in krassem Widerspruch zu Artikel 21 des Tierschutzgesetzes: «Säugetiere dürfen nur geschlachtet werden, wenn sie vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden sind.» Und in der Eierwirtschaft werden pro Jahr zwei Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. Da macht auch «Bio» keine Ausnahme.

Trotz dieses Wahnsinns, trotz BSE, Quäl- und Gammelfleisch: Wir sind eine fleisch- und milchversessene Gesellschaft. Viele glauben gar, dass der Menschzwangsläufig irgendwelche Mängel erleidet, wenn er keine tierischen Produkte zu sich nimmt. Das stimmt natürlich nicht. Heute ist es ein Leichtes, sich gesund und vollwertig vegetarisch oder vegan zu ernähren. Die Eidgenössische Ernährungskommission betrachtet indes nur die «ovo-lacto-vegetarische Ernährung für gesunde Erwachsene als gesunde Ernährungsweise». Sie empfiehlt also explizit Eier und Milch. Damit stützt sie das perverse System, das unsere krank machenden Ernährungsgewohnheiten verursacht hat. Obwohl das Bundesamt für Umwelt die Nutztierhaltung als wichtigen Faktor der Umweltbelastung ausmacht, essen und produzieren alle fröhlich weiter.

Veganer – die neuen Vegis

Die Rechnung dürfte aufgehen. Wenn es schmackhafte pflanzliche Kost gibt, greifen auch viele Fleischesser gerne zu. Viele Menschen leben heute flexitarisch; Fleisch gibt es nur gelegentlich und aus tiergerechter Haltung. Vegetarier sind längst keine Exoten mehr. Und vegan Essen liegt im Trend. Gemäss Schätzung der Veganen Gesellschaft Schweiz leben hierzulande 70 000 Veganer, Tendenz steigend. Rund hundert vegane Kochbücher listet die Deutsche Buchhandeldatenbank – und monatlich erscheinen neue. Bereits gibt es über 50 vegane Restaurants, Cafés und Gelaterias im Land, hauptsächlich konzentriert in wenigen grossen Städten. Das vegane Lebensmittelangebot ist in den letzten Jahren rasant gestiegen, auch bei den Grossverteilern. Und dennoch: «Der Trend zu veganer, vegetarischer oder zumindest flexitarischer Ernährung schlägt sich jedoch noch nicht in einem zurückgehenden Fleischkonsum oder einer verminderten Nachfrage nach Billigfleisch oder Billigeiern nieder. Nach wie vor ist der Preis für einkommensschwächere, bildungsferne Menschen ein Hauptargument beim Einkauf», schreibt das Gottlieb Duttweiler Institut in seinem aktuellen «Food Trends Report.» Insgesamt gehe der Trend aber hin zu einer gesünderen, nachhaltigeren, ökologischeren und respektvolleren Ernährung. Die Autoren prophezeien einen «Beginn eines neuen Essbewusstseins». 

Fotos: plainpicture, mauritius-images.com

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