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Traumbaum

Kategorie: Leben
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Andreas Krebs

So mächtig – und doch so schutzlos: Ehrwürdige und einzigartige Bäume geniessen in der Schweiz keinen speziellen Schutz. Der Fotograf Michel Brunner will das ändern.

Michel Brunner ist ein zurückhaltender und doch leidenschaftlicher Mensch; er spricht leise aber eindringlich, wenn es um seine Bäume geht, und selbst wenn er sagt, «in unseren Wäldern herrscht oft das Schlachthausprizip», tönt das nicht zornig, eher nachdenklich. Zumal es in Städten und Dörfern nicht besser aussieht. «Wegen kurzsichtigen Kosten-Nutzen-Denkens und übertriebener Sicherheitsbedenken verjüngen wir die Population alter Bäume massiv», sagt er. Und zur Baumvermehrung würden Ableger von Bäumen verwendet, die noch gar nicht fruchtbar seien. «Das ist absurd und kann nicht gesund sein», stellt der 33-Jährige fest. «Wir gefährden so einen Genpool, der über Jahrtausende widerstandsfähige Bäume hervorgebracht hat, denn alte Bäume sind resistenter gegen Krankheiten, Parasiten, Frost und Hitze. Ausserdem beherbergen sie im Vergleich mit jungen Bäumen eine grössere Artenvielfalt.» Trotzdem ist der Einzelbaumschutz in der Schweiz mit wenigen Ausnahmen kein Thema. Die Bestrebungen des Naturschutzes führen in Richtung grossräumige Massnahmen. «Dabei ist die Altersvielfalt genauso wichtig, wie die Artenvielfalt», betont Brunner.

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• Schweizerische Dentrologische Gesellschaft
• Wald- und Holzmuseum
• Baummuseum
• Film: Das Geheimnis unseres Waldes
• Alexandra: Mein Freund der Baum

Mühsames Politikum

Der gelernte Grafiker engagiert sich dafür, dass wenigstens einzelne Baumindividuen natürlich wachsen und auch natürlich sterben dürfen. In der Schweiz werde das schnell zum mühsamen Politikum. Man müsse Paragrafen studieren und diplomatisch vorgehen. «Es bringt nichts, sich an den Baum zu ketten. Man muss mit den Leuten reden.» Im Gespräch argumentiert Brunner nicht laut und polternd, sondern zurückhaltend und ruhig – aber hartnäckig. Immer wieder müsse er Druck bei Behörden und Interventionen bei Baumpflegern machen, denn der Wissensstand der Baumchirurgie stecke noch in Kinderschuhen und die Dendrologie, die Lehre von den Bäumen, sei auf die Artenvielfalt fokussiert. «Das Wachstumspotenzial der Bäume ist hingegen noch kaum erforscht. Wenn man aber weiss, dass ein Walnussbaum 500 Jahre oder älter werden kann statt nur der bisher angenommenen 150 Jahre, kann man ihn am Leben lassen, statt ihn zu fällen oder sinnlos zu Tode zu pflegen.»

Die Schützenlinde in Stein am Rhein etwa ist eine typische Tanzlinde; neben der Gerichtslinde in Naters befand sich früher gleich noch ein Pranger; und die 660-jährige Sommerlinde im aargauischen Linn – mit über elf Metern Stammumfang der dickste erhaltene Baum der Schweiz – ist bis heute ein beliebtes Ausflugsziel. 

Als Michel Brunner damals zum ersten Mal vor der Linner Linde stand, war es um ihn geschehen. «Ich war extrem beeindruckt», erinnert er sich. Der Teenager wollte wissen, ob es noch gewaltigere Bäume gäbe. Von einer «gewissen Rekordgeilheit» getrieben, schwänzte er fortan des Öfteren die Schule, um zunächst in der Schweiz, später auch in anderen Ländern Europas nach mächtigen Bäumen zu suchen. Das war nicht immer lustig. Ein Bauer hielt ihn beim abendlichen Vermessen eines Birnbaumes für einen Einbrecher und ging mit einer Holzlatte auf ihn los. Und in Deutschland wurde er verhaftet. Die übereifrigen Polizisten hielten die eingezeichneten Punkte auf seiner Karte für Häuser, die er ausrauben wolle. Die Geschichte mit den Bäumen könne er anderen auftischen. «Solche Sachen passierten mir ‹allpot›.»

Nicht auf dem Holzweg

In nunmehr bald 15 Jahren hat der Autodidakt über 2000 Bäume und Grosssträucher kartiert, vermessen und fotografiert, 1200 davon in der Schweiz. Daraus ist das umfassendste Inventar Europas geworden: eine Pionierarbeit für einen nachhaltigen Baumschutz, der gerade in der Schweiz nottut. Während praktisch alle Länder nationale Bauminventare führen, fehlte dieses hierzulande. Es hat bisher nur ein längst veraltetes gegeben: Oberforstinspektor Johann Coaz’ «Baum-Album der Schweiz» von 1900. Darin waren 24 bemerkenswerte Bäume porträtiert, davon acht in den Bergen. Heute, über 100 Jahre später, steht keiner mehr von ihnen. Weder die international bedeutende Weisstanne in Saint-Cergue, noch die Bergahorne in Trun und im Melchtal und auch nicht eine der letzten riesigen Buchen in Mollis. Letztere wurde wegen eines kleinen Landwegs kurzerhand weggesprengt.

Seit dem Erscheinen seines ersten Buches «Bedeutende Linden – 400 Baumriesen Deutschlands» (2007) wird Brunner immer öfter um Rat gefragt. So etwa von Gemeindevertretern in Bayern: Eine 800-jährige Linde ist umgestürzt. Nur liegen lassen, die Äste würden neue Wurzeln schlagen, lautete Brunners Ratschlag. «Heute ist die liegende Linde, die munter weiterblüht, eine Touristenattraktion», freut sich der Hüter der Bäume. In Zusammenarbeit mit Baumpflegern konnte er auch in der Schweiz einige nationale Highlights vor der Fällung bewahren, so etwa in Bern, Winterthur, Urigen und Appenzell. «Mit den Baumrettungen läuft es je länger desto besser. Aber ich kann nicht überall dran sein», sagt Brunner. Deshalb versucht er, Leute zu motivieren, selber etwas zu unternehmen. So sind schon Interessensgemeinschaften entstanden, etwa jene zur Rettung der Zwillingsbuchen in Gurzelen bei Thun. Und zwar mit Erfolg!

Brunner will möglichst viele aussergewöhnliche Bäume als Naturdenkmäler unter Schutz stellen lassen, mindestens aber jene 200 Prachtsexemplare, die er in «Baumriesen der Schweiz» vorstellt. Das von ihm initiierte Pro-Arbore-Inventar (www.proarbore.com) soll das Instrumentarium dazu bieten, analog den Inventaren denkmalgeschützter Bauten. Man müsse alte Bäume wie ein Kulturgut, eine alte Kirche etwa, pflegen. Im Ausland werde so oft Geld gemacht, zum Nutzen aller, wie Brunner findet: «Touristen sehen einen aussergewöhnlichen Baum und der Besitzer bekommt ein kleines Zutrittsgeld, verkauft Postkarten und, wenn er einen hat, läuft sein Hofladen besser.»

Entwicklungsland Schweiz

In der Schweiz sind Baummethusalems hochgradig gefährdet. Viele werden gefällt, wenn der Stamm hohl wird und deshalb vermeintlich umsturzgefährdet sind. «Das ist ein Irrglaube», sagt Brunner. «Indem der Baum Pilzbefall zulässt und innen hohl wird, entlastet sich der Baum von Gewicht. Das ist ein normaler Alterungsprozess.» Das zerfallende Holz gebe zudem nährstoffreichen Humus für die Wurzeln ab. Untersucht Brunner Bäume, die gegen seinen Rat gefällt wurden, sieht er seine Theorien meist bestätigt. Etwa die der altersangepassten Nährstoffzufuhr. «Die Äste stellen diese mit einer Art Luftwurzel sicher. Diese Adventivwurzeln wachsen im Hohlraum nach unten», berichtet er. Früher hat man die Stammhöhlen in guter Absicht mit Beton gefüllt, im Glauben, man könne den Baum damit stützen. Doch oft ist genau das Gegenteil passiert: Der Stamm ist geborsten oder der Baum gebrochen, da er seine Elastizität verloren hat. «Wir vertrauen der Regenerationskraft alter Bäume leider oft zu wenig. Uns fehlt die Erfahrung im Umgang mit alten Bäumen.»

Fotos: Michel Brunner


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