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Tibetische Medizin

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Markus Kellenberger

Die Traditionelle Tibetische Medizin ist mehr als nur eine eigenständige Heilkunde. Sie ist ein Gesundheitssystem, das auf altem Kräuterwissen und universellen Grundsätzen aufbaut und westliche Krankheiten erfolgreich heilen kann.

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«Medizin ist da, um den Menschen zu helfen – egal wo sie leben, egal ob und was sie glauben.» Dalai Lama

 

Schattiges Wartezimmer: Patienten warten vor der Klinik der Tibetischen Universität im indischen Sarnath.

 

Fünf Frauen und Männer warten im Schatten des Baldachins, der den Eingang zur «Yuthog Clinic» überspannt. Sie erhoffen sich Heilung von ihren Beschwerden und warten darauf, von einem der zwei tibetischen Ärzte untersucht zu werden, die heute Patienten empfangen, die ärmsten von ihnen kostenlos. Die Klinik liegt auf dem Gelände der Tibetischen Universität, ein Ort der Ruhe mit grossem Garten, kühlenden Bäumen und blühenden Blumen, umbraust vom Lärm der indischen Stadt Sarnath.

Die Stadt ist allen Buddhisten heilig. Ebenso heilig wie den Hindus die gleich nebenan liegende Millionenmetropole Varanasi. Beide Städte liegen am Ganges, an demselben Flussufer, an dem Buddha vor zweieinhalb Jahrtausenden erleuchtet wurde und gläubige Hindus noch heute ihre Toten verbrennen. Hier, in der am dichtesten besiedelten Gegend der Welt treffen sich zwei Weltreligionen und zwei unterschiedliche Gesundheitssysteme: Das über dreitausend Jahre alte «Wissen vom Leben», im Westen als Ayurveda bekannt und leider meist auf Wellnessangebote reduziert, und die nicht ganz halb so alte Tibetische Medizin, hervorgegangen aus dem Wissen kräuterkundiger Schamanen im Himalaya, das seither von Generationen forschender Mönche laufend verbessert, verfeinert und spezialisiert wurde.

Zorn, Hitze und eine klare Diagnose
Die Heilkunst der tibetischen Ärzte ist legendär, entsprechend gross ist die Hoffnung derer, die von Kunzang Pemo und ihrem Kollegen heute in der «Yuthog Clinic» untersucht werden. Ruhig und erstaunlich lange fühlt die Ärztin ihrem Patienten den Puls, redet mit ihm über seine Lebensumstände, streicht mit einer Hand über seine Haut, schaut ihm intensiv in die Augen und lässt ihn am Schluss der Konsultation noch die Zunge herausstrecken. Für die erfahrene Medizinerin steht nach einer knappen halben Stunde fest: Der Mann leidet an chronischen Darmbeschwerden, ausgelöst durch «Tripa», einem Überschuss an «Zorn, Neid und Hitze», der seine Lebensenergien aus dem Gleichgewicht bringt und zu Entzündungen im Verdauungssystem führen kann. Kunzang Pemo verschreibt drei verschiedene in Pillen gepresste Kräutermischungen, die die Entzündung bekämpfen, die Verdauung regulieren und Körper und Seele wieder ins Lot bringen sollen. Der Nächste bitte.

Die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) ist mehr als nur Volksheilkunde. Sie ist eine echte asiatische Schulmedizin und verfügt über ein immenses und altes Erfahrungswissen über das Wesen des Menschen und die heilende Kraft von über 500 unterschiedlichen Mischungen aus Kräutern, Gewürzen, Mineralien und je nachdem auch aus tierischen Bestandteilen – und, das bestätigt westliche Forschung, diese wohlüberlegten und täglich in der Praxis ausprobierten «Vielstoffgemische» wirken bestens.

Das Übel an der Wurzel packen
Ein gutes Beispiel dafür ist die in der Schweiz hergestellte Kräutermischung «Padma 28» mit ihrer erstaunlichen und mehrfach belegten Breitenwirkung. Sie unterstützt das Herz-Kreislaufsystem, bekämpft Entzündungen und stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte. Andere Pflanzenrezepturen stärken mit ihren ausgewählten Herb- und Bitterstoffen den Verdauungstrakt und schützen vor Diabetes oder mindern die Folgen davon. Oder sie wirken sich je nach Zusammenstellung wohltuend und regulierend auf das Nervensystem aus, unterstützen die Funktionen von Leber und Gallenblase und helfen bei rheumatischen Beschwerden. Aber auch gegen Grippe und lästiges Sodbrennen hat die TTM Hilfe anzubieten, die sich nicht darauf beschränkt, die Symptome zu bekämpfen, sondern das Übel an der Wurzel packt. Denn die Kräuter können den Energiefluss im Körper und somit das innere Gleichgewicht positiv beeinflussen. Die TTM geht bei jedem Rezept von einem ganzheitlichen Menschenbild und einer ebensolchen Wirkung aus.

«Die tibetische Medizin ist ein umfassendes Gesundheitssystem, das sich über viele Jahrhunderte hinweg entwickelt und sich erfolgreich um die Gesundheit unseres Volkes gekümmert hat», sagt der amtierende Dalai Lama. «Ich glaube daran, dass die ganze Menschheit von unserer Medizin profitieren kann.» Das sei aber nur möglich, wenn die TTM in ihrer ganzen Eigenart verstanden und laufend auch mit modernen Methoden auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werde.

Einer, der das tut respektive dafür sorgt, dass das auch seriös passiert, ist Herbert Schwabl. Ihm und seiner Frau Alexandra gehört die Firma Padma in Wetzikon, das einzige Unternehmen in Europa, das moderne Heilmittel auf Basis tibetischer Rezepturen herstellt. Mit viel Erfahrung: Im nächsten Jahr feiert Padma das 50. Jubiläum. Der Biophysiker und die Chemikerin leiten ihre Firma mit Herzblut. Eines ihrer zentralen Anliegen ist es, das alte Wissen der Tibetischen Medizin mithilfe westlicher Wissenschaft in eine zeitgemässe Sprache zu überführen, die unsere Gewohnheiten und Traditionen mit dem ganzheitlichen Heilsystem der TTM vereint.

Es geht um Medizin – nicht um Folklore
«Um tibetische Heilmittel in unser Medizinsystem zu integrieren, muss ihre Wirkung für Arzt und Patient im wissenschaftlich-rationalen Kontext der westlichen Schulmedizin verständlich sein», sagt Schwabl. Und ebenso selbstverständlich sei deshalb, dass alle Produkte von Padma Schweizer Qualitätsanforderungen vollumfänglich entsprechen. Dies mit dem Ziel, nebenwirkungsarme Kräutermischungen zur Behandlung von Krankheiten und für die Gesundheitsprophylaxe anbieten zu können. Aus diesem Grund beteiligt sich Padma seit Jahrzehnten an verschiedenen Forschungsprojekten in der Schweiz, Europa, Asien und Übersee, «denn», so Herbert Schwabl, «wir wollen unseren Kunden keine tibetische Folklore anbieten, sondern Medizin, die hier und heute wirkt».

Im Gegensatz zur Schulmedizin, die gesundheitliche Probleme isoliert betrachtet und behandelt, ist für die TTM von vornherein klar, dass viele Krankheiten auf falsche Ernährung und schädliche Lebensgewohnheiten zurückzuführen sind. Mit anderen Worten: Mit reinem Pillenschlucken sind Krankheiten zwar behandelbar – ohne eine gleichzeitige Veränderung der auslösenden Gewohnheiten aber kaum nachhaltig zu heilen.

Darmentzündungen, wie jene, die dem Indischen Patienten am Anfang unserer Geschichte diagnostiziert wurden, sind ein gutes Beispiel dafür. Die verordneten Kräutermischungen bekämpfen den eigentlichen Entzündungsherd, harmonisieren durch pflanzliche Impulse Körper und Geist und stärken so zusätzlich die Selbstheilungskräfte. Gleichzeitig aber wird ihm auch angeraten, künftig auf zu viel Zucker im Tee zu verzichten. Ein Rat, den wir im Westen, wo der in vielen Nahrungsmitteln und Getränken übermässig vorhandene Zucker für viele chronische Erkrankungen verantwortlich ist, durchaus auch beherzigen können.

 

 

Kräuterpillen werden in Sarnath in Handarbeit hergestellt.

«Heilpflanzen können Mensch und Tier auch in Zukunft gesund machen und gesund erhalten.» Herbert Schwabl

 

 


«Wir tun das aus Überzeugung» 
Die Firma Padma in Wetzikon ZH ist die einzige westliche Herstellerin für Pflanzenpräparate nach Rezepturen der Traditionellen Tibetischen Medizin. Inhaber und Biophysiker Herbert Schwabl erklärt, warum das Ringen um Anerkennung und Zulassung dieser Kräutermischungen trotz deren anerkannten Wirksamkeit ein zäher Kampf ist.

Herbert Schwabl, im Vergleich zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) in der Schweiz deutlich weniger bekannt. Woran liegt das?
Tibeterinnen und Tibeter haben seit der gewaltsamen Annexion ihres Landes durch China keinen eigenen Staat mehr. Ausserdem stehen 8 Millionen Tibeter 1,3 Milliarden Chinesen gegenüber. Allein dieses Zahlenverhältnis zeigt, dass die Ressourcen der TCM immens grösser sind. Auch hat die kommunistische Regierung in China seit Mao die TCM massiv unterstützt und schon vor Jahrzehnten gezielt im Westen gefördert. Die TTM dagegen war immer eine kleine Gemeinde von Fachpersonen im Westen. Unsere Firma hat bereits 1969 in der Schweiz mit der Herstellung tibetischer Kräuterpräparate begonnen, ohne dass die TTM jemand kannte. Wir taten und tun das einfach aus Überzeugung.

Tibetische Kräuter- und Mineralienmischungen gelten als hochwirksam. Trotzdem sind nur relativ wenige Präparate in der Schweiz und im EU-Raum zugelassen. Wird sich das bald ändern?
Die Zulassung medizinischer Produkte ist ein schwieriges und hochkomplexes Fachthema. Aber das neue Heilmittelgesetz, das 2019 auch in der Schweiz in Kraft tritt und entsprechende Gesetze im EU-Raum berücksichtigt, lässt auf Vereinfachungen bei der Zulassung auch von Arzneimitteln der Tibetischen Medizin hoffen. Wir sind zuversichtlich, dass diese Vereinfachungen auch von der Zulassungsbehörde Swissmedic umgesetzt werden.

Warum ist das Zulassungsverfahren so schwierig? Will die Schulmedizin damit unliebsame – weil wirksame – naturheilkundlich ausgerichtete Konkurrenz vom Markt fernhalten?
Generell kann man sagen, dass die ursprüngliche Idee des Heilmittelgesetzes war, dass nur Arzneimittel mit hoher Qualität auf den Markt kommen. Dabei hat man früher aber übersehen, dass Qualität und Forschung für Naturmedizin andere Rahmenbedingungen erfüllen kann und muss als für chemische Produkte. Natürliche Rohstoffe müssen wachsen, sie unterliegen dabei natürlichen Qualitätsschwankungen und die Erfahrung im Umgang mit ihnen ist mitunter jahrhundertealt.

Hier nur nach strengen Kriterien der chemischen Pharmazie vorzugehen, heisst auch enorme Anforderungen und damit auch Kosten zu produzieren. Das können sich die kleinen Hersteller von Naturheilmitteln gar nicht leisten, darum fordern wir angepasste Rahmenbedingungen, wie sie das neue Schweizer Heilmittelgesetz teilweise nun festlegt.

Die TTM basiert auf den Grundlagen des Buddhismus und stellt ein anderes Körper-, Krankheits- und Gesundheitsbewusstsein in den Mittelpunkt als die westliche Medizin. Wie lässt sich das in unsere Kultur und in unser Medizinsystem übertragen?
In der tibetischen Überlieferung wird der Buddhismus als Grundlage der TTM dargestellt. Tatsächlich aber ist diese Medizin eine eigene, unabhängige Wissenschaft. Der Dalai Lama sagt: «Medizin ist da, um den Menschen zu helfen – egal wo sie leben, egal ob und was sie glauben.»

Genau da ist auch unsere Motivation. Die Tibeter haben wirkungsvolle Rezepturen geschaffen, und wir sind dankbar, dass wir sie hier anwenden dürfen. Gleichzeitig bestätigt die moderne Forschung, dass es aktive Wirkprinzipien in den überlieferten tibetischen Rezepturen gibt.

Was ist für Ihre Firma Padma in Bezug auf Verbreitung und Akzeptanz der TTM das grösste Problem im Hinblick auf die Zukunft?
Wenn wir weit in die Zukunft blicken, dann erfüllt mich der Klimawandel mit grosser Sorge. Die Heilpflanzen sind verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt: Da sind die laufenden Klimaveränderungen, die lokale Pflanzen zum Verschwinden bringen, und die hohe und unregulierte Ausbeutung natürlicher Vorkommen, oft gar nicht für medizinische Zwecke, sondern als Genussmittel, zur Dekoration, zur Farbgewinnung oder als Rohstoffquelle für Parfüms. Das ist gefährlich, denn Heilpflanzen können Mensch und Tier auch in Zukunft gesund machen und gesund erhalten. Ich hoffe wir tragen diesem Geschenk der Natur genügend Sorge!

  Aus alten tibetischen Schriften entstehen neue Medikamente.

 

 

 

 

 

 

Fünf Elemente und drei Prinzipien

Die enge Verbundenheit des Menschen mit der Natur zeigt sich in der Tibetischen Medizin (TTM) in der Lehre von den fünf Elementen und den drei Prinzipien des Seins. Diese tibetisch-buddhistische Sicht bildet die Grundlage für das Verständnis von Krankheit und Heilung in der TTM.

Die fünf Elemente, aus denen jegliche Materie besteht, sind:
Luft, Feuer, Wasser, Erde und Raum.

Die drei Prinzipien, denen die Elemente zugeordnet werden, sind:
Lung (Wind), entspricht dem Element Luft. Dazu gehören Bewegung, Atmung, Ausscheidungen, das Nervensystem und geistige Aktivitäten. Menschen vom Lung-Typ sind in der Regel schlank und gross, leiden häufig an Rückenschmerzen und sind von eher ängstlich-sorgenvollem Naturell, das zu psychischen Störungen neigt.  

Tripa (Galle), entspricht dem Element Feuer und umfasst die Regulation der Körperwärme, Hunger- und Durstgefühl, die Verdauung, den Mut und die Willenskraft. Tripa-Typen sind meist athletisch, muskulös, dominant und ehrgeizig und haben eine Neigung zu entzündlichen Krankheiten.

Beken (Schleim), entspricht den beiden Elementen Wasser und Erde und bezieht sich auf die strukturellen Grundlagen des Körpers, auf Körperflüssigkeiten, den Schlaf, Geschmeidigkeit der Gelenke, Ruhe und Geduld. Beken-Typen sind tendenziell klein und untersetzt, praktisch orientiert, gutmütig, aber auch schwerfällig und neigen zu Verdauungsproblemen und Kältekrankheiten.

Keinem dieser drei Prinzipien ist das Element Raum zugeordnet, denn der Raum steht für alles, was zwischen den physisch greifbaren Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde ist, und verbindet diese auf einer rein energetischen, quantenphysikalischen Ebene.

Selbstverständlich sind die meisten Menschen eine Mischung der drei Prinzipien. Aber mit der einzigartigen Pulsdiagnose, bei der tibetische Ärzte 48 unterschiedliche Pulsqualitäten erfühlen und diese Beobachtungen mit einer höchst differenzierten Zungen-, Augen- und Urindiagnose kombinieren, sind äusserst präzise Diagnosen möglich, die in der Verschreibung von wirksamen TTM-Präparaten und Anregungen für heilsame Verhaltensänderungen münden.

Wissenschaftliche Publikationen über die TTM sind abrufbar unter www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/ 
Informationen über Produkte, Wirkung und Hintergründe der TTM unter www.padma.ch 

Buchtipp


Franz Reichle: «Das Wissen vom Heilen – Die Geheimnisse der Tibetischen Medizin», AT Verlag, Fr. 27.90

 

 

 

 

 

 Fotos: Markus Kellenberger | www.at-verlag.ch 

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