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Süsse Kerlchen

Kategorie: Tiere
 Ausgabe 03 - 2012 - 01.03.2012

Text:  Mirella Wepf

Was tun, wenn man im Wald ein Eichhörnchen-Baby findet? Genau dies ist Eva Karrer 1998 passiert. Seither hat sie über 700 Findelkinder aufgezogen und die meisten davon wieder ausgewildert. Ein Besuch auf ihrer Eichhörnchen-Station in Bülach.

Trotz ihres Namens fressen die scheuen Waldbewohner kaum Eicheln. Im Gegensatz zu den aus Amerika stammenden Grauhörnchen haben Eichhörnchen Mühe, Eicheln zu verdauen. Ihre Bezeichnung stammt vom Indogermanischen ab. «Aig» bedeutet «sich heftig bewegen». Und Eichhörnchen sind keine Vegetarier. Sie fressen auch Schnecken, denn sie gehören zu den Allesfressern. Ihre wichtigste Nahrungsquelle – besonders im Winter – sind jedoch Tannzapfensamen. Pro Tag muss ein Eichhörnchen über 100 Fichtenzapfen abhaspeln, um satt zu werden. Über neun Stunden pro Tag beansprucht die Nahrungsaufnahme. Neben Zapfen verzehren sie auch Beeren, Nüsse und Früchte. Ferner ernähren sie sich von Knospen, Rinde, Baumsaft, Blüten, Flechten, Körnern, Pilzen und wirbellosen Tieren wie beispielsweise Würmern. Aber auch Vogeleier, Jungvögel, Insekten und Larven stehen auf dem Speiseplan.

Katzenmilchschoppen

Bei der Geburt sind Eichhörnchen blind und haarlos und bringen gerade mal 10 Gramm auf die Waage. Die Winzlinge, die bei Eva Karrer abgegeben werden, sind oft dehydriert und erhalten deshalb als Erstes eine Elektrolytlösung. Sobald sich der Kreislauf der Findlinge stabilisiert hat, bekommen die Babys Milch. Genauer: Esbilac oder Katzenaufzuchtmilch, denn Kuhmilch würden die Tiere nicht vertragen. Bis sie zwei Wochen alt, etwa viermal so schwer wie bei der Geburt und rund sechs Zentimeter gross sind, brauchen die kleinen Eichhörnchen alle zwei Stunden eine Mahlzeit. Erst ab dem Alter von fünf Wochen erhalten die Kleinen nachts keinen Schoppen mehr. Im Alter von sechs Wochen fangen die Hörnchen schliesslich an zu nagen, richtig verdauen können sie die feste Nahrung allerdings erst mit sieben bis acht Wochen.

Rasches Handeln ist überlebenswichtig
Je schneller ein Eichhörnchen-Baby in erfahrene Hände kommt, desto grösser ist seine Überlebenschance. Falsche Ernährung, Unterkühlung, aber auch Überhitzung können dem Jungtier Schaden zufügen. Am besten kontaktiert man deshalb sofort eine der beiden Schweizer Eichhörnchen-Stationen. Auf deren Webseiten findet man zudem nützliche Tipps für die erste Versorgung. Wichtig: Bei einem Fund sollte man immer auch die Umgebung absuchen. Nicht selten findet man noch ein Geschwisterchen. Alle zwei Stunden müssen die Winzlinge gefüttert werden – auch nachts.

Skepsis bei Jägern und Förstern

Nicht alle Eichhörnchen überstehen den Sturz aus dem Kobel – so heisst das Eichhörnchennest – unbeschadet. Da die Nager ihre Behausung recht lausig bauen, kann es durchaus vorkommen, dass ein Sturm sie herunterweht, aber auch der Angriff eines Baummarders kann zum Absturz eines Nestes aus fünf bis fünfzehn Metern Höhe führen. « Etwa fünf Prozent der Jungtiere sterben oder müssen wir einschläfern lassen », schätzt Eva Karrer, « und dann gibt es solche, die zwar viel Lebensfreude haben, aber eine lebenslange Behinderung davontragen. » So hatte sie lange einen Albino in ihrer Obhut, der sehr schlecht sah und kaum etwas hörte, und ein Jungtier hatte aufgrund einer Krähenattacke dauerhafte Schäden an den Zähnen. « Diese Tiere konnten wir natürlich nicht mehr freilassen, aber ideal ist die Haltung in Gefangenschaft sicherlich nicht. » Ohne Bewilligung des Veterinäramtes wäre die Haltung von Eichhörnchen sogar illegal.

Bis heute gibt es zwei solche Aufzuchtstationen in der Schweiz. Spaziergänger, aber auch Tierärzte oder Förster geben die Findelkinder bei Karrer und Turnell ab. Es gibt aber auch kritische Stimmen: Insbesondere Förster und Jäger sind skeptisch, wenn der Mensch der Natur ins Handwerk pfuscht. Karrer hat durchaus Verständnis für diese Haltung, hat sich jedoch für eine andere Sichtweise entschieden.

Erste Jungtiere im März

Jetzt – in den ersten Frühlingsmonaten – hat Eva Karrer wieder alle Hände voll zu tun. Die Paarung findet je nach Winter schon Ende Februar statt, die ersten Jungen kommen dann bereits anfangs März zur Welt. Im Sommer wird es etwas ruhiger. Dann bereitet sie die ersten Teenager in einer zweiten Voliere in einem Waldstück auf die Auswilderung vor.

Ohne Schwanz sind sie dann etwa zwölf Zentimeter gross und haben mit etwa 300 Gramm das Gewicht eines erwachsenen Tieres. Oft kann Eva Karrer dann auch Eichhörnchenpaare beobachten, die sich spielerisch nachjagen. Denn ausser in der Paarungs- und in der Jugendzeit, in der sie voneinander lernen müssen, sind Eichhörnchen eher Einzelgänger. Im Herbst ist dann nochmals Hochsaison: Viele Eichhörnchen werfen zweimal pro Jahr ein bis sechs Junge. Eva Karrer und ihr Team werden heuer voraussichtlich 120 bis 150 dieser herzigen Kerlchen das Leben retten.

Fotos: vario-images, mauritius-images.com, heidihanskoch.com, fotolia.com

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