Strategie-Genie

Hans-Peter Neukom | Ausgabe 7/8-2018

Mit Sexuallockstoffen lockt seine Raupe rote Ameisen an, die Sie adoptieren und durch den Winter füttern. Im Sommer schlüpft er aus dem Ameisenhaufen: der kleine Moorbläuling.

@Vincent Sohni

Der Pfannenstiel ist ein populäres Naherholungsgebiet im Kanton Zürich, ein Bergrücken zwischen Meilen und Egg. Ein Wanderparadies. Die höchste Erhebung misst 853 m ü.M. Weiter unten gaukeln Sommervögel über blumenreiche Hänge. In den Flachmooren und Riedflächen lebt eine bedeutende aber gefährdete Population des Kleinen Moorbläulings, auch bekannt als Lungenenzian-Ameisenbläuling (Phengaris alcon).

Die weissen Flecken sind nicht etwa Pilzbefall, sondern die Eier, die das Weibchen des seltenen Kleinen Moorbläulings an den Knospen des LungenEnzians ablegt. Die ausschlüpfenden Raupen fressen sich zunächst ins Innere der Blüten und lassen sich dann von Roten Ameisen adoptieren.

Auf der Roten Liste bedrohter Arten der Schweiz ist er als «stark gefährdet» eingestuft. «Auf mehreren Riedwiesen am Pfannenstiel am Zürichsee lebt eine landesweit bedeutende Population des auch als Lungenenzian-Ameisenbläuling bekannten Flachmoorspezialisten», sagt ETH-Biologe Christian Wiskemann vom Naturnetz Pfannenstil. Laut einem Artenschutzprojekt des Kantons Zürich kommen auf Teilflächen der Gemeinden Küsnacht, Herrliberg und Meilen rund 200 Falter des Kleinen Moorbläulings vor. Dieser vom Aussterben bedrohte Schmetterling habe im Kanton Zürich einen Verbreitungsschwerpunkt, betont Wiskemann. «Deshalb hat der Kanton eine grosse Verantwortung für den Schutz und Erhalt der Art.»

Anspruchsvoll und gerissen

Wieso der Tagfalter inzwischen selten geworden ist, hat seinen Grund in den speziellen Ansprüchen an seine Lebensräume und seiner verblüffenden Lebensweise. Für seine Fortpflanzung benötigt er nämlich zwingend Blüten des Schwalbenwurz-, Lungen- oder Deutschen Enzians sowie Ried-Knotenameisen. Und das geht so: Das Weibchen des Kleinen Moorbläulings legt seine Eier einzeln auf die Enzianblütenknospen, sodass sie deutlich sichtbar sind und auf den ersten Blick den Anschein eines Pilzbefalls erwecken. Nach gut zwei Wochen schlüpfen die Raupen und fressen sich in den Fruchtstand der Wirtspflanze.

Nach weiteren drei bis vier Wochen fressen sie sich einen Weg nach draussen und fallen auf den Boden. Dort verströmen sie einen Sexuallockstoff, der Ried-Knotenameisen anlockt; die Arbeiterinnen dieser «Roten Ameisen» tragen die Raupen in ihr Nest, wo diese von den Ameisen über den Winter sogar bevorzugt gefüttert werden. Im Frühling verpuppen sich die Raupen in der Nähe der Erdoberfläche, in den sogenannten «Solarien» des Ameisennests. Im Sommer schlüpfen dann die Schmetterlinge.

Naturnetz bringt Erfolg

Im Jahre 1998 wurde das Projekt Naturnetz Pfannenstil (NNP) von der Zürcher Planungsgruppe Pfannenstil ins Leben gerufen. Es soll helfen, das Naturschutz-Gesamtkonzept des Kantons Zürich und die ökologische Vernetzung laut regionalem Richtplan umzusetzen. Bauern und Förster der Region arbeiten auf freiwilliger Basis mit dem Netz zusammen. Seit einigen Jahren setzt sich das NNP zusammen mit dem «Verein Schmetterlingsförderung im Kanton Zürich» für den seltenen und bedrohten Tagfalter am Pfannenstiel ein.

So wurde in verschiedenen Riedwiesen der für die Hauptnahrungsquelle und die Eiablage wichtige und im Mittelland seltene Lungen-Enzian angesiedelt. «Unsere Erfolgskontrollen auf den bepflanzten Flächen zeigen, dass der Kleine Moorbläuling die Blüten gerne zur Eiablage nutzt», sagt Christian Wiskemann. Auch die ökologische Renaturierung mit dem Flachmoor in der «Guldenen», Gemeinde Maur, zeige, dass eine der Zielvorgaben des Projekts «Vorkommen Lungen-Enzian» erreicht wurde. Und so können Wanderer auf dem Pfannenstil dem listigen Gaukler wieder öfters begegnen. 

Schmetterlinge vor der Haustüre
Mit einer schmetterlingsfreundlichen Bepflanzung können im eigenen Garten oder auf dem Balkon vermehrt Schmetterlinge beobachtet und gefördert werden. Wie, das zeigt folgendes praxisnahe und mit viel Hintergrundwissen verfasste Merkblatt der Pro Natura:
«Schmetterlinge im Garten kennen und fördern», Merkblatt 20, Art.-Nr. 4256.

Bestelladresse
: Pro Natura, Shop, Postfach, 4018 Basel,
Telefon 061 317 91 91,
E-Mail: shop@pronatura.ch, oder: www.pronatura.ch, Rubrik «Shop».
Preis: Fr. 5.–

Link: www.naturnetz-pfannenstil.ch

Foto: Vincent Sohni

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Natürlich im Juli 2018


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