Sanfte Heilkunst

Anja Huber | Ausgabe_04_18

Medizin aus China mit Kräutern, Akupunkturnadeln, speziellen Massagen und Co. findet immer mehr Anhänger – obwohl die Heilkunst umstritten ist.

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Bei Akupunktur, Tuina-Massage oder Qi Gong denken einige eher an esoterischen Hokuspokus als an fundierte medizinische Methoden. Auch wird von Kritikern behauptet, dass das, was wir heute unter Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) verstehen, ein Produkt der Mao-Ära und ein gezielter Marketingzug der Regierung Chinas sei. Andere schätzen TCM als eine über 2000 Jahre alte Heilkunst. Weltweit wächst die Zahl der Institute und Universitäten, die mit modernen wissenschaftlichen Methoden der westlichen Welt untersuchen, ob die fernöstlichen Diagnose- und Behandlungsmethoden wirksam sind. Denn auch immer mehr Patienten wünschen sich Alternativen zur westlichen Schulmedizin.

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Auch das ErfahrungsMedizinische Register (EMR) bietet ein Internetverzeichnis für Therapeuten, die das Qualitätslabel des EMR tragen
Ebenso bietet die schweizerische Stiftung für Komplementärmedizin ASCA eine Internetsuche nach von ihr anerkannten Therapeuten

Letzte Hoffnung TCM

Gerade für Menschen, die unter Schulmedizinern als «austherapiert» gelten, ist TCM nicht selten die letzte Hoffnung. So auch für Urs Roth*. Der heute 54-Jährige hatte ein so heftiges Reizdarmsyndrom, dass er sich irgendwann fast nicht mehr aus dem Haus traute: «Vor rund 15 Jahren wurde bei mir eine Reizdarmstörung diagnostiziert. Ständig hatte ich Bauchschmerzen; Durchfall und Verstopfungen wechselten sich ab», erzählt der Polymechaniker aus Hünenberg (ZG). «Die Ärzte gaben mir Medikamente, machten Magen- und Darmspiegelungen, testeten mich auf Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten und überprüften alle Organe.» Doch schulmedizinisch war ausser einem leicht entzündeten Darm «alles in Ordnung». Dabei geriet Roths Leben mehr und mehr aus den Fugen: «In den letzen drei Jahren quälten mich so starke Durchfälle, dass ich sieben- bis zehnmal täglich aufs WC musste», berichtet er. Beruflich konnte er nicht mehr auf Ausseneinsätze, sondern blieb in der Firma. Und er wurde immer schlapper. Denn ein Reizdarm ist in etwas so, wie wenn man permanent unter einer Magen-Darm-Grippe leidet. «Wenn ich mich in der Freizeit doch mal aus dem Haus traute, galt meine erste Suche dem nächsten WC. Schliesslich konnte ich keinerlei Aussenaktivitäten mehr geniessen und zog mich mehr und mehr in meinen Hobbyraum zurück.»

Ständig auf der Suche nach Linderung, stösst Urs Roth im Herbst 2017 auf einen Zeitungsartikel über TCM bei Reizdarm: «Ich habe schon vieles ausprobiert, inklusive Akupunktur, die mir immer ganz gut tat. Also warum nicht auch noch TCM – schliesslich habe ich nichts zu verlieren. Es kann nur besser werden», dachte er damals.

Fünf Säulen und zig Kräuter

Die TCM fusst auf fünf Säulen, die bei der Behandlung in unterschiedlicher Gewichtung zum Tragen kommen: chinesische Arzneitherapie, Akupunktur oder Moxibustion, Massagen, Bewegung und Ernährung. Durch diese Behandlungsschwerpunkte sollen Körper, Seele und Geist ins Gleichgewicht gebracht werden. «Diese Balance ist die Grundlage, damit der Körper gesunden kann. Ist das ‹Qi› – die Lebensenergie – im Gleichgewicht, können die Selbstheilungskräfte in uns aktiv werden», erklärt Cindy Huber, die an der Universität für chinesische Medizin in Peking studiert hat und heute bei Paramed in Baar praktiziert.

Die Substanzen, die Patienten während einer TCM-Therapie einnehmen, sind in der Regel pflanzlicher Natur: «In China werden Kräuter, Wurzeln und Blätter als Sud abgekocht und als sogenannter Dekokt in kleinen Schlucken über den Tag verteilt getrunken», erläutert Huber. In der Schweiz würden die Kräuterarzneien in Form von Tropfen oder Granulaten verarbeitet. «Das ist eine ganz individuelle Rezeptur für den Patienten, die ich zusammenstelle und bei einem Schweizer Hersteller bestelle.»

Die Arzneitherapie gehöre in jedem Fall in die geschulten Hände eines anerkannten TCM-Therapeuten, betont Huber. «Man sollte nie alleine irgendwelche Fertigmittel einnehmen!» Denn hauptsächlich handelt es sich dabei nicht um Nahrungsergänzungsmittel, die man beliebig einnehmen kann, sondern um sehr potente Substanzen, die auch Schaden anrichten können, wenn sie nicht zum Patienten passen.

Ganz abzusehen von Fertigmitteln aus dem Internet, die mit dubiosen Versprechungen wie «Nashornpulver gegen Impotenz» werben. Kommt hinzu, dass die Dickhäuter fast ausgerottet sind, weshalb man sich bei Bestellung strafbar macht. Auch andere geschützte Tier- und Pflanzenarten landen in so manchem unseriösen «Heilmitteln».

Mit seriöser TCM hat das nichts zu tun. Zumal für hierzulande durch TCM-Experten verwendete Mittel strengste Qualitätsanforderungen gelten, deren Einhaltung die schweizerischen Behörden regelmässig überprüfen. Auch an ökologische und ethische Grundsätze, wie etwa den Artenschutz, halten sich seriöse Anbieter.

«So unterstützen sie den inneren Energiefluss»
Cindy Huber, in der TCM gelten Lebensmittel als milde Therapeutika. Können Sie diesbezüglich allgemeine Ernährungsempfehlungen abgeben?
Ist jemand krank, findet die TCM für jeden Patienten eine spezielle Ernährungsweise, die der körperlichen Verfassung entspricht und hilft, energetische Entgleisungen zu korrigieren, damit der Mensch gesunden kann. Hirsesuppe etwa stärkt die Verdauung, Birnenkompott befeuchtet die Schleimhäute, Soja bohnenprodukte unterstützen Frauen in der Menopause. Zur Gesunderhaltung kann man allgemein sagen, dass man sich bei der Auswahl von Lebensmitteln dem natürlichen Wandel der Natur anpassen sollte – also regionale Lebensmittel entsprechend der Jahreszeiten auswählen, im Idealfall aus ökologischem Anbau. Denn was uns im Sommer gut tut, ist im Winter nicht gesund.
Warum ist das so?
Das hat mit dem Qi zu tun. Ändert sich das Wetter, ändert sich auch das Qi, die Grundenergie des Universums. Gesunde brauchen im Sommer daher eher Kühlendes, wie Wassermelone oder Salat, und im Winter Wärmendes bzw. Energiespendendes, etwa Knollen wie Schwarzwurzel. Dasselbe gilt für Tee-Klassiker aus China: Grüntee wirkt kühlend, ist also im Sommer gut. Im Winter trinken Chinesen hingegen wärmenden Pu-Er-Tee.
Als gesunde Bewegung wird in der TCM Qi Gong empfohlen. Raten Sie allen Ihren Patienten dazu?
Qi Gong ist besonders für alte und chronisch kranke Menschen sehr empfehlenswert. Sein Ziel ist, die Lebensenergie zu stärken beziehungsweise wieder in Fluss zu bringen. Für junge und gesunde Menschen kann auch Walken, Joggen oder Aerobic ausreichen. Hauptsache man schwitzt regelmässig und das Herz muss richtig pumpen. Am besten täglich mindestens zehn Minuten, um den inneren Energiefluss zu unter stützen.

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Zur Person
Cindy Huber ist Therapeutin bei Paramed. Sie hat einen Abschluss in Medizin an der Universität für chinesische Medizin in Peking. Ihr Spezialgebiet sind TCM Arzneimittel. Zudem ist Sie Expertin für Tuina, Akupunktur und Akupressur.

Nadelkunde und Tuina-Massage

Das Ziel der Akupunktur ist die Harmonisierung der Lebensenergie Qi durch die Stimulation bestimmter Punkte entlang der Energiebahnen des Körpers, der Meridiane. Dazu werden dünnste Akupunkturnadeln in die Haut des Patienten gestochen. Ein gleichartiges Prinzip liegt der Moxibustion zugrunde: Hierbei werden diese Punkte zum Beispiel mittels einer «Beifuss-Zigarre» erwärmt. «Die Verfahren können auch kombiniert werden, wenn man mit einer Wärmebehandlung tiefer in den Körper vordringen muss – dann wird die Akupunkturnadel erwärmt», erklärt Huber.

Wissenschaftliche Studien bescheinigen der Nadeltherapie gute Wirkung: Sie hilft nachweislich bei Migräne und chronischen Knie- oder Rückenschmerzen. Die WHO nennt sogar eine ganz Liste von Indikationen, bei denen Akupunktur helfen kann; wobei jedoch noch nicht für alle Beschwerden evidenzbasierte Studien vorliegen.

Eine weitere Säule der TCM ist die Tuina-Massage. Auch sie dient dazu, den Energiefluss im Körper zu regulieren. Der Therapeut reibt, drückt und schiebt dabei mit Händen oder Ellenbogen bestimmte Körperstellen, um die Meridiane durchlässiger zu machen und die Organe zu stimulieren. «Die Tuina-Massage ist eine gute Alternative zur Akupunktur, etwa wenn jemand Angst vor Nadeln hat», so Huber.

Bewegung und Ernährung

Qi Gong oder Tai-Chi s ind keine normalen Sportübungen, sondern meditative Bewegungen, die dem Patienten seinen Körper bewusst machen und den Energiefluss anregen. «Chronisch kranke Menschen haben oft verlernt, ihren Körper zu spüren», weiss Huber. «Der körperlich-geistige Zusammenhang, den Qi Gong bewusst macht, kann verborgene Energien mobilisieren und so zur Bewältigung von Krankheiten beitragen.» Die Ernährung bildet schliesslich die fünfte Säule der TCM: Bestimmte Lebensmittel können eine energetische Entgleisung korrigieren und den Körper wieder in ein harmonisches Gleichgewicht bringen.

Da die TCM den Menschen als Ganzes sieht und alles Leben im Zusammenhang betrachtet, werden die fünf Säulen der TCM je nach Patient aufeinander abgestimmt. Weil sich Urs Roth schon vor der TCM-Therapie vernünftig ernährte, begann Huber im November 2017 mit wöchentlicher Akupunktur; im Dezember stellte sie für ihn die erste individuelle Kräuterrezeptur zusammen. «Die Auswirkungen der TCM-Arzneien auf den Körper müssen fortlaufend kontrolliert werden», sagt Huber. «Denn die Substanzen werden dem jeweiligen Gesundungsprozess permanent angepasst.» Urs Roth bekommt mittlerweile schon seine dritte Heilkräutermischung. Er ist begeistert, wie gut die TCM bei ihm anschlägt: «Ich habe keine Schmerzen mehr und die Durchfälle haben sich stark gebessert. Die Toilette muss ich nur noch drei- bis viermal täglich aufsuchen, meist ohne dabei Durchfall zu haben. Und nachts kann ich endlich wieder durchschlafen.» Dadurch ist er jetzt auch nicht mehr so schlapp. «Ich freue mich wieder aufs Fitnessstudio und darauf, mit Freunden in den Ausgang gehen zu können. Für mich hat sich die TCM-Therapie also absolut gelohnt – und da wir noch mindestens drei Monate weitermachen, hoffe ich, dass sich mein Darm bis dann komplett reguliert.»

Erfolge wissenschaftlich bestätigt

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile die Wirkung und den Nutzen der TCM. Besonders gut hilft sie bei chronischen Schmerzerkrankungen wie Fibromyalgie, neurologischen Leiden wie Polyneuropathie, Erschöpfungszuständen und degenerativen Beschwerden (z.B. Arthrose oder Rheuma). Auch bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten, chronischen Atemwegsproblemen (z. B. Asthma) sowie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind Erfolge bestätigt. Deshalb befürworten mittlerweile auch immer mehr Schulmediziner eine Kombination dieser alternativen Heilform mit der klassischen westlichen Medizin. Der Grundstein dafür wurde auf einem Kongress im Mai 2012 im italienischen Bologna gelegt: Hochkarätige Experten aus Europa und China unterzeichneten die «Erklärung von Bologna». Sie sieht vor, das Wissen der TCM mit der Wissenschaft der westlichen Medizin zu verbinden. Vielleicht zahlen dann auch bald die obligatorischen Krankenversicherungen TCM-Therapien. Bislang werden die Behandlungskosten nur im Rahmen von Zusatzversicherungen für Komplementärmedizin erstattet.

* Name geändert

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