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Osteopathie: Locker bleiben

Kategorie: Gesundheit, Therapien

Text:  Anja Huber

Der menschliche Körper ist ständig in Bewegung. Wo Bewegung verhindert wird, machen sich Beschwerden breit. Auf diesem Grundsatz beruht die Osteopathie. Die sanfte Methode löst Widerstände, die einer Heilung im Weg stehen.

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Wir bewegen uns unablässig, selbst im Schlaf. Dabei gibt es nicht nur die offensichtlichen Bewegungen von Gelenken und Extremitäten. Auch in unserem Inneren laufen ständig Bewegungen ab – von inneren Organen wie zum Beispiel Herzrhythmik und Darmperistaltik sowie von Körperstrukturen wie Bindegewebe (Faszien) oder die Fluktuation des Hirnwassers entlang der Wirbelsäule. Zudem haben alle Strukturen des Körpers eigene Rhythmen, die sich gegenseitig beeinflussen. Kommt es zu Bewegungseinschränkungen, etwa im Bein, können deshalb daraus auch Beschwerden im Arm oder anderen Körperregionen entstehen.

Diese Zusammenhänge nutzt die Osteopathie – eine ganzheitliche Heilmethode, die dem Körper die Möglichkeit verschafft, sich selbst zu heilen. Die Prinzipien der Osteopathie entdeckte vor über 130 Jahren der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still (1828 bis 1917). Aber erst in den 1950er-Jahren kam die Methode durch vereinzelte Heilpraktiker, die sie in den USA erlernt hatten, in die Schweiz. Heute sind «Rückenschmerzen» hierzulande zwar der häufigste Grund, weshalb Patienten einen Osteopathen aufsuchen, doch empfiehlt sich eine osteopathische Behandlung auch bei vielen anderen Beschwerden.

Sanftes Heilen mit den Händen
Der Osteopath untersucht den Körper des Patienten mit seinen Händen, um Bewegungseinschränkungen aufzuspüren, Funktionsstörungen zu erkennen und die Ursache von Schmerzen zu finden. Was sich für den Patienten wie Handauflegen oder eine sanfte Massage anfühlt, eröffnet dem Therapeuten die Ursache von Beschwerden: Er ertastet Spannungen im Gewebe, den Muskeln, Gelenken und Organen. Hat er Stellen mit eingeschränkter Beweglichkeit gefunden, lockert er diese und löst Widerstände, um die natürliche Bewegungsfreiheit wieder herzustellen. «Der betroffene Bereich kann so zu seiner natürlichen Bewegung – also zu seiner eigentlichen Funktion – zurückfinden, wodurch die Selbstheilungskräfte des Patienten angeregt werden», sagt Lea Kühnis, die im komplementärmedizinischen Zentrum Paramed in Baar ZG Patienten osteopathisch behandelt.

Der menschliche Körper hat 656 grosse und kleine Muskeln. Wenn alle beweglichen Knochenverbindungen gezählt werden, kommen 360 Gelenke dazu. Da kann sich vieles verspannen und zu schmerzhaften oder den Energiefluss störende Blockaden führen.

Den Körper als Einheit sehen
Die Osteopathie sieht Gelenke, Muskeln, Knochen und Organe nicht isoliert, sondern als grosses Ganzes. Sie betrachtet den Organismus in sogenannten osteopathischen Ketten: Alle Strukturen hängen zusammen und greifen ineinander. Alles ist feinstens aufeinander abgestimmt, ähnlich einem Uhrwerk, wo Schrauben, Federn und Rädchen ineinandergreifen und das Ganze nur in diesem Zusammenspiel einwandfrei funktionieren kann. Funktionsstörungen, wie etwa eine tröpfelnde Blase, können daher durch Probleme an ganz anderen Stellen des Körpers verursacht sein. Um bei der Blase zu bleiben zum Beispiel, weil ein gestauchtes Kreuzbein diejenigen Nerven reizt, die die Blasenentleerung steuern. «Magenprobleme können etwa durch Bewegungseinschränkungen bestimmter Wirbel oder des Zwerchfells entstehen», führt Kühnis weitere Beispiele an. «Verläuft die Beckenbewegung nicht harmonisch, kann es zu Menstruationsstörungen kommen. Vermeintliche Kleinigkeiten vermögen vielschichtigste Beschwerden auszulösen – denn der Körper ist eine Einheit.»

«Leben», sagt Andrew Still, der Begründer der Osteopathie, «bedeutet Bewegung, wo Bewegung gestört ist, beginnt Krankheit.» Aufgrund dieser einfachen Aussage lässt sich die Osteopathie auch bei Tieren anwenden, besonders erfolgreich bei Pferden und Hunden.

Deshalb versuchen Osteopathen jedes gesundheitliche Problem immer ganzheitlich anzugehen. «Vor der ersten Behandlung führe ich immer ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, in dem die gesamte Krankengeschichte geklärt wird», betont Kühnis. Erst danach folgt die Untersuchung mit den Händen, bei der ein geübter Osteopath selbst die kleinste Bewegungseinschränkung im Körper fühlen und interpretieren kann. Auf diese Weise arbeitet er sich von den Symptomen zu den Ursachen vor: Bewegungseinschränkungen, -widerstände oder -blockaden, die negativen Einfluss auf das grosse Ganze nehmen. Werden sie gelöst, kann der Körper gesunden.

Ganzheitliche Technik
Bewegungseinschränkungen behandelt die Osteopathie auf verschiedenen Ebenen mit drei Techniken: Die strukturelle oder parietale Osteopathie beschäftigt sich mit dem Bewegungsapparat, also mit Muskeln, Knochen, Gelenken und Faszien. Die viszerale Osteopathie behandelt innere Organe, Gefässe und einen Teil des Nervensystems. Und bei der craniosacralen Osteopathie wird an den Schädelknochen, dem rhythmischen Fluss des Gehirnwassers und am Kreuzbein gearbeitet. Bei der Behandlung kommen die drei Techniken meist in Kombination zum Einsatz, da sich die verschiedenen Ebenen nicht voneinander trennen lassen. «Daher kann man die Osteopathie auch auf extrem vielen Ebenen einsetzen», weiss Kühnis. «Sozusagen bei Beschwerden von Kopf bis Fuss.»

«Manche Patienten merken schon nach der ersten Sitzung positive Veränderungen.»

Gefragt: Lea Kühnis*

«Alles hat seinen Rhythmus»

Lea Kühnis, der Grundsatz der Osteopathie lautet «Leben ist Bewegung». Wie sollte diese aussehen?
Bei diesem Grundsatz geht es ja nicht nur um Gelenke, Muskeln und Faszien, die wir täglich mindestens 30 Minuten sanft bewegen sollten, sondern um alle Bewegungen in unserem Körper. Um die inneren Organe zu mobilisieren, ist es gut, täglich einige Male bewusst tief in den Bauch zu atmen – und dies mit der Zeit so zu verinnerlichen, dass wir gewohnheitsmässig tief atmen. Zudem immer für Ausgleich sorgen: Wer etwa den ganzen Tag sitzt – Muskeln und Faszien also stundenlang nach vorne beugt –, sollte sich zwischendurch immer wieder nach hinten strecken und die Arme nach oben recken. Das hilft, unsere Strukturen zu lösen und zu rhythmisieren.

Osteopathen vertreten die Auffassung, dass alles in uns einen Rhythmus hat. Wie kann man das positiv unterstützen?
Indem man die natürlichen Rhythmen mehr akzeptiert: Schlafen und wach sein, Aktivität und Ruhe, also Anspannung und Entspannung sollten sich immer die Waage halten. Viele Menschen sind heute aber unter Daueranspannung. Achten Sie nur mal auf Ihren Kiefer: Meist beissen wir die Zähne in solchen Situationen fest aufeinander. Also den Kiefer öfters bewusst hängen lassen und beim Essen langsam und entspannt kauen.

Wenn sich schon Beschwerden zeigen, hilft die Osteopathie, wieder in die richtigen Bewegungen und Rhythmen zu finden. In welchem Rhythmus behandeln Sie denn?
Eine osteopathische Behandlung dauert durchschnittlich 50 Minuten. Der Körper kann darauf aber etwa zwei bis drei Wochen lang reagieren. Daher behandle ich meine Patienten meist im Turnus von zwei bis drei Wochen. Manche Patienten brauchen aber auch eine wöchentliche Behandlung, für andere reicht sie einmal pro Monat. Das ist individuell und wird je nach Patient angepasst. 

* Lea Kühnis ist Heilpraktikerin und Osteopathin. Ihre Fachgebiete sind manuelle Behandlungstechniken wie Cranio-Sacrale und viszerale Osteopathie, Massagen, Manuelle Lymphdrainage und die traditionelle europäische Naturheilkunde (TEN).

Möglichkeiten und Grenzen
Bewährt hat sich die sanfte Heilmethode vor allem bei Beschwerden rund um den Bewegungsapparat. Auch bei Verwachsungen, Kiefer-, Verdauungs-, Menstruations- und Wechseljahresproblemen kann die Osteopathie helfen. «Ich setze sie auch gerne zur Begleitung einer Entgiftung ein, um Einfluss auf Leber, Nieren und Darm zu nehmen», sagt Kühnis. «Ausserdem konnte ich Patienten bei Nervosität, Energielosigkeit und Schlafstörungen schon gut helfen.» Dabei kombiniert sie die Osteopathie auch oft mit Naturheilmitteln wie Phytotherapeutika oder der Homöopathie. Zudem ist die Osteopathie grundsätzlich für jeden geeignet – auch für Babys und alte Menschen.

Die Grenzen der Osteopathie liegen dort, wo die Selbstheilungskräfte den Körper nicht mehr gesunden lassen können: schwere, akute Erkrankungen, degenerative Prozesse oder funktionelle Einschränkungen etwa durch eine echte Beinlängendifferenz oder eine Rückenoperation. «So etwas kann der Osteopath nicht rückgängig machen», sagt Kühnis. «Allerdings kann man Folgebeschwerden, die sich aus solchen Problemen ergeben, durch Osteopathie abfedern.»

Schneller Behandlungserfolg
Besonders hervorzuheben ist, dass die Osteopathie bei vielen Patienten sehr schnelle Behandlungserfolge bringen kann: «Manche Patienten merken schon nach der ersten Sitzung positive Veränderungen», weiss Kühnis. «Die Therapie kann dann nach vier bis fünf Behandlungseinheiten bereits abgeschlossen sein. Allerdings hängt das stark von der Thematik ab», betont die Therapeutin. «Bei bestimmten Gesundheitsproblemen kann es daher sein, dass ich monatelang mit Patienten arbeiten muss, bis es zu einer Besserung kommt.»

Bei Verena Daenzer jedoch griff die Behandlung sehr schnell. Die 65-Jährige hat schon seit Jahren einen heiklen Darm. Da sie selbst eine Gesundheitspraxis in Zürich betreibt, kann sie mit dieser Schwachstelle aber gut umgehen: «Ich ernähre mich speziell, sodass ich Bauchweh und Durchfall an sich gut im Griff habe», erzählt Verena Daenzer. Doch Anfang 2018 zeigten sich plötzlich nachts wiederholt starke Krämpfe im Unterbauch. «Die waren ganz giftig», erinnert sich die Körpertherapeutin. «Mir war klar, dass ich das abklären lassen muss und ging deshalb im März zur ersten Untersuchung.» Neben homöopathischen Mitteln rieten ihr die Heilpraktiker zu Osteopathie. «Es war faszinierend», sagt Daenzer, «schon nach der ersten Behandlung wurden die Krämpfe weniger. Nach vier Behandlungen waren sie weg.»

Osteopathie ist nicht kassenpflichtig
Obwohl der Beruf des Osteopathen in der Schweiz seit 2013 als unabhängiger Heilberuf anerkannt ist, werden die Kosten für Behandlungen von der Grundversicherung nicht getragen. Wer keine Zusatzversicherung für Komplementärmedizin abgeschlossen hat, muss die Kosten von um die 150 Franken pro Sitzung also selbst berappen. Zudem erstatten Zusatzversicherungen Behandlungskosten von Osteopathen meistens nur dann, wenn diese das interkantonale Diplom der GDK (Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren) nach einer fünfjährigen Vollzeit-Ausbildung sowie einer zweijährigen Assistenzzeit abgelegt haben. Klären Sie die Vorraussetzungen für eine Kostenübernahme am besten vor Behandlungsbeginn mit Ihrer Krankenkasse.

 

Links

Schweizerischer Verband der Osteopathen
www.osteopathes-suisses.ch/fso/de/pages/2/ 
Schweizerische Stiftung für Komplementärmedizin ASCA
www.asca.ch 
ErfahrungsMedizinisches Register EMR
www.emr.ch 

Fotos: zvg | www.istockphoto.com 

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