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Nimm doch mal ein Waldbad!

Kategorie: Natur
 Ausgabe_06/2017 - 01.06.2017

Text:  Markus Kellenberger

Hoch über dem Aletschgletscher wächst seit tausend Jahren einer der schönsten Arvenwälder der Welt. Ein Spaziergang zwischen den Bäumen hindurch tut gut.

@ aletscharena.ch

Warum tut ein Waldspaziergang eigentlich so gut? Ist es wirklich nur die frische Luft? Ist es die kleine Auszeit, die man sich nimmt? Oder gibt es sie tatsächlich, die besondere Kraft der Bäume, die einem so unversehens wieder Frische in den Kopf zaubert? Viele Wissenschaftler haben sich dieser Frage angenommen – insbesondere in Japan, denn von dort kommt die Tradition des «Waldbadens» – und die Erkenntnisse sind faszinierend. Dabei eignen sich manche Wälder ganz besonders für ein «medizinisches Bad im Wald», wie etwa der tausendjährige Arvenwald in der UNESCO-Region Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch, hoch über dem grossen Aletschgletscher. Der seit 1933 geschützte und international bedeutende Wald ist rund 400 Hektaren gross. Diesen Sommer finden in der Aletsch Arena erstmals geführte Waldbaden-Kurse statt.

Was Waldbaden konkret bedeutet, erklärt der Umwelt-Immunologe Qing Li, Präsident der Japanischen Gesellschaft für Wald-Medizin und einer der obersten «Waldbade-Meister» Japans: «Während des Waldbadens ist es nicht wichtig, sich körperlich zu verausgaben, man sollte den Wald mit allen Sinnen aufsaugen: dem Murmeln eines Baches lauschen, dem Vogelgesang, die intensive grüne Farbe wahrnehmen, den Duft des Waldes einatmen, etwas aus dem Wald essen und die Bäume berühren.» Das klingt charmant und macht sicher gute Laune. Doch was genau hat es mit Medizin zu tun?

Übernachten im Aletschwald
• Villa Cassel: Die geschichtsträchtige Fachwerk-Villa liegt inmitten der grossartigen Gebirgslandschaft im Naturschutzgebiet direkt am Aletschwald. Auf den Tisch kommen Spezialitäten aus der Region und hausgemachte Kuchen. www.pronatura-aletsch.ch/ferienzimmer
• Riederfurka: In der traditionellen Arvenstube werden die Walliser Käseklassiker wie Raclette, Fondue und Käseschnitte serviert. www.artfurrer.ch/de/berghotel-riederfurka

Durchatmen – und loslassen. Seit 2012 gibt es an japanischen Universitäten einen eigenen Forschungszweig «Waldmedizin», und es entstehen immer mehr Waldtherapie-Zentren, in denen geführtes Waldbaden angeboten wird. Was Japaner schon lange intuitiv tun – die Energie des Waldes in sich aufnehmen – alleine, in Gruppen oder mit der ganzen Familie – gilt heute als wissenschaftlich untermauert.

Unzählige Studien erklären, warum wir uns im Wald so wohl fühlen: Sie belegen mit Speichelmessungen, dass sich das Stresshormon Cortisol im Wald verringert und dass diese Reduzierung nicht nur kurzfristig, sondern über Tage anhält. Auch werden Blutzuckerspiegel und Blutdruck gesenkt. Und dafür ist noch nicht einmal Bewegung notwendig: Waldluft wirkt auch entschleunigend, wenn man sitzt.

Das spürt man besonders dann, wenn man sich an eine der uralten Arven im Aletschwald lehnt, durch die rundlich geformte Krone in den blauen Himmel blinzelt und tief und ruhig ein- und ausatmet. Die Entspannungspädagogin Annette Bernjus bietet das geführte Waldbaden diesen Sommer erstmals im Aletschwald an – ein ganz besonderer Ort dafür, so betont sie: in einem Arvenwald, noch dazu einem so alten, inmitten einer autofreien Bergregion mit gewaltiger Weitsicht auf über 40 Viertausender und den Gletscherstrom.

Der gestresste Tunnelblick weitet sich unversehens, der Atem wird tiefer und gleichmässig, die heilende Wirkung offensichtlich. «Lichte Wälder wie dieser hoch gelegene Arvenwald sind besonders gut zum Entspannen», erklärt Bernjus. «Das kommt noch aus der Steinzeit, wo man sich sicherer fühlte, wenn man eine weite Sicht hatte und Gefahren rechtzeitig erkennen konnte.»

Erlebnistipps
• Waldbaden im Aletschwald mit Annette Bernjus, Freitag 21. Juli. aletscharena.ch/waldbaden
• Yoga im Aletschwald mit Akiko Nagatsu-Moeller, Donnerstag 20. Juli und Freitag. 25. August; mit Corinne Gwerder am Samstag/Sonntag 19./20. August. www.aletscharena.ch/yoga-wald
• Blick hinter die Kulissen des Forst Aletsch, Samstag 7. Oktober; Sensibilisierung zum Schutz des Waldes, Förderung der Biodiversität und Waldbewirtschaftung. Inkl. Wanderausstellung zum Thema.
• Sonderthema Yamadori Bonsais. Was ist ein Yamadori? Ein passionierter Hobby-Yamadori-Freund gibt Einblick in die faszinierende Welt der einheimischen Minibäume. www.aletscharena.ch/wald-spueren
• Baumpatenschaften. Ab Mitte Juli können Naturliebhaber in der Aletsch Arena Pate eines Baumes werden. Es kann zwischen zwei Baumpatenschaftsmodellen gewählt werden. aletscharena.ch/baumpatenschaft
• Pro Natura Zentrum Aletsch – Spannende Ausstellungen, Workshops und Exkursionen. www.pronatura-aletsch.ch

Ein Fest fürs Immunsystem. Wenn man die Arven hoch über dem Aletschgletscher betrachtet, sieht man knorrige, etwas verdrehte Bäume mit rauer Rinde, die an Sagengestalten erinnern und viele Jahrhunderte in grosser Höhe, bei intensiver Sommersonne und eisiger Winterkälte ausgehalten haben. Man traut ihnen einiges zu, fragt sich aber dennoch: Wie beeinflusst solch ein Baum unseren Blutdruck und Puls und wie wirk er sogar auf das menschliche Immunsystem ein?

Und unser Immunsystem hat noch einen weiteren Grund zur Freude: Der Biologe und Waldforscher Clemens Arvay erklärt, solch ein Baum unseren Blutdruck und Puls und wie wirkt er sogar auf das menschliche Immunsystem ein?

Tatsächlich hat Waldluft einen direkten Einfluss auf unser Immunsystem, indem sie die Anzahl der sogenannten Killerzellen ansteigen lässt. Diese erkennen Zellen, die zum Beispiel von Bakterien oder Viren befallen sind – oder auch Krebszellen – und bekämpfen sie. Bereits ein Tag im Wald, so hat die  Forschergruppe um Qing Li herausgefunden, lässt die Anzahl der Killerzellen im Blut messbar ansteigen, und das etwa sieben Tage lang. Verbringt man nur schon zwei bis drei Tage im Wald, bleibt eine erhöhte Anzahl und Aktivität von Killerzellen bis zu 30 Tage nachweisbar.

Und unser Immunsystem hat noch einen weiteren Grund zur Freude: Der Biologe und Waldforscher Clemens Arvay erklärt,  dass Pflanzen miteinander kommunizieren – so wie Menschen und Tiere – und sogar mit anderen Lebewesen. Ihre Sprache besteht vor allem aus chemischen Botenstoffen. Damit warnen sich Pflanzen etwa gegenseitig vor Schädlingen – und die noch nicht befallene Pflanze kann schon mal ihr Abwehrsystem hochfahren. Dieser Cocktail von Botenstoffen, der in der Waldluft schwebt, und den wir über die Haut, vor allem aber über die Lungen aufnehmen, regt auch das menschliche Immunsystem an.

Leben und erleben in der Aletsch Arena
Die Aletsch Arena im Kanton Wallis ist Teil des UNESCO Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau/Aletsch und gilt als besonders schützenswert. Zur Aletsch Arena gehören die autofreien Bergdörfer Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp (2000 m ü. M.) sowie Betten Dorf und Ried-Mörel, auf halber Höhe gelegen, und die charmanten, historischen Talorte Mörel, Lax, Fiesch und Fieschertal.

Nadelbäume haben Heilkräfte. Jüngst hat man ausserdem herausgefunden, dass der Nadelwald in Sachen Heilkraft ganz besonders punktet – was uns wieder zurück in die Aletsch Arena führt. Die ätherischen Öle der altersweisen Arven verbreiten einen harzigwürzigen Duft und wirken gleichzeitig desinfizierend und heilend auf die Bronchien. Auch den Nadeln, die bis zu elf Zentimeter lang werden können, kommt eine interessante Funktion zu: An ihnen bilden sich Tautropfen; diese zusätzliche Feuchtigkeit hat eine spürbar erfrischende Wirkung, wenn man sich im Wald aufhält. Ausserdem bleiben an den Nadeln Staubpartikel hängen wie in einem Sieb: Wo man in Städten bis zu einer halben Million lungengängiger Staubteilchen zählt, sind es im Nadelwald gerade mal ein paar Tausend. Dass die Ferienorte Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp autofrei sind, trägt das Seine zur reinen Luft bei. Im Übrigen wirken selbst Möbelstücke aus Arven beruhigend und sollen die Herzfrequenz dauerhaft senken, wie Professor Maximilian Moser von der Universität Graz nachgewiesen hat. In Wirtsstuben aus Arvenholz soll es deswegen weniger Raufereien geben. Und aus diesem Grund werden seit Jahrhunderten Betten und Kinderwiegen aus dem duftenden Holz gebaut. Wer in solch einem Bett schläft, erspart seinem Herzen laut Studien Nacht für Nacht rund eine Stunde Arbeit, weil das Herz langsamer schlägt. Zudem sinkt der Blutdruck schon, wenn wir Holz nur berühren, während der Kontakt mit künstlichen Materialien einen gewissen Stresseffekt verursacht. Wenn nun schon das tote Holz solche positiven Effekte auf den Menschen hat, kann man sich leicht vorstellen, was das Waldbaden im lebendigen Aletschwald mit einem anstellt.

Das Buch «Das grosse Wanderbuch Wallis» von Stéphane Maire aus dem AT-Verlag ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Alle Informationen zu Angeboten, Übernachtungsmöglichkeiten und zur Anreise mit Bahn oder Auto unter www.aletscharena.ch www.pronatura-aletsch.ch

Fotos: aletscharena.ch

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