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Mondholz

Kategorie: Natur
 Ausgabe 5 - 2008 - 01.05.2008

Text:  Regine Elsener

Holz, das bei abnehmendem Mond geschlagen wird, hat besondere Eigenschaften. Was Instrumentenbauer und Zimmerleute seit Genera-tionen bekannt ist, hat ein Schweizer Forscher nun wissenschaftlich nachgewiesen.

Aus aller Welt berichten dieverse alte Überlieferungen übereinstimmend von den Fällregeln für Bäume: Sie erzählen neben den jahreszeitlichen auch von den lunaren Rhythmen als Einflussfak-tor auf das Wachstum, auf die Struktu-ren und bestimmte Eigenschaften der Gehölze. Unabhängig von der geografi-schen, kulturellen oder zeitlichen Dis-tanz der Quellen finden sich Gemein-samkeiten: Die Zeit des Neumondes – des abnehmenden Mondes – gilt all-gemein als die beste zum Fällen, dann sei das Holz am haltbarsten. Solche Aussagen sind aus dem Alpenraum, dem Nahen Osten, aus Asien, Afrika und Südamerika bekannt. In der heu-tigen wissenschaftsgläubigen und von Industriebedürnissen geprägen Welt werden solche überlieferten Erkenntnisse gerne als überholte Bauernregeln abqualifiziert.

Wissenschaft stützt Bauernregel

Doch im Falle des Mondholzes hat nun Ernst Zürcher von der Fachhochschule für Architektur, Bau und Holz in Biel mit einer landesweiten Studie den Nach-weis erbracht, dass Holz, je nach Mondphase geschlagen, tatsächlich unter-schiedliche Eigenschaften besitzt (siehe Kasten unten).

Zürchers Studie bestätigt zudem auch die Befunde einer frühen Untersuchung der Universität Florenz: Dort verglichen Forscher den Stammdurchmesser einer normal wachsenden Douglasie mit jenem einer gefällten und von Wurzelstock und Krone befreiten – und zwar unter luft- und wasserdichten Bedingungen. Geschlagen hatte man den Baum 1977 am ersten Frühlingstag: Noch ein Viertel-jahr später wies der «tote» Stamm erstaunlicherweise dieselben Schwankungen wie die lebendige Douglasie auf: Die Kurven der beiden Hölzer verliefen den Ge-zeiten entsprechend. Zu seiner Studie meint Zürcher: «Wir konnten nachweisen, dass die untersuchten Eigenschaften des Holzes tatsächlich ganz subtil im Ein-klang mit verschiedenen Mondrhythmen variieren.»

Das Ergebnis der Studie überrascht Forstfachmann Andrea Florinett aus Bergün nicht: «Sie bestätigt, was wir schon lange wissen – und das freut uns natürlich.» Der Bündner beschäftigt sich seit Langem mit Mondholz und produziert es nach den alten Regeln. Vor Jahren schon hatte er nämlich bemerkt, dass die Bündner Bergfichten bei Holzhändlern aus Deutschland hoch im Kurs standen. Florinett erinnert sich: «Man erzählte, dass sie unser Holz für den Instrumentenbau nach halb Europa verkauften.» Und so überlegte er sich, selber aktiv zu werden. «Die Veredelung des Rohstoffes, die Wertschöpfung sollte uns und der Region zugute kommen», sagt er – mittlerweile arbeiten rund 25 Angestellte im Forstunterneh-men, das Andrea zusammen mit seinem Bruder Rico als Familienbetrieb führt.

Die Mondholz-Studie
Die Studie von Ernst Zürcher, Forstingenieur und Professor an der Fachhoch-schule für Architektur, Bau und Holz in Biel, weist nach, dass je nach Mondphase geschlagenes Holz tatsächlich unterschiedliche  Eigenschaften besitzt. In der breit angelegten Studie wurden in Marchissy VD, Château d’Oex VD, Einsiedeln SZ, Bergün GR, Gerra TI und Biel BE, insgesamt über 600 Bäume gefällt, haupt-sächlich Fichten, Edelkastanien und Weisstannen. Vor dem Fällen wurde allen Bäumen eine Holzprobe entnommen, die in den späteren Analysen als Referenz-wert diente. Der Fällzeitpunkt wurde auch nach dem Stand des Mondes im Tier-kreis bestimmt. Die Bäume wurden zeitgleich an 48 Daten geschlagen, verteilt von Oktober 2003 bis März 2004. Im Labor wurden dann unter anderem Dichte, Druckfestigkeit, Schwindverhalten, Wasseraufnahme und das Verhalten des Holzes gegenüber Witterungseinflüssen gemessen und miteinander verglichen.

Kriterien wie Wasserverlust, Schwindmass und Dichte des Holzes beeinflussen die Qualität für die spätere Verwendung des Holzes beim Haus-, Möbel- oder Instrumentenbau entscheidend. Die Untersuchungen zeigten, dass lunare Rhythmen nicht nur das Splint- sondern auch das sogenannt tote Kernholz beeinflussen. Der Mond spielt eine Rolle beim Trocknungsvorgang und bei
der daraus folgenden Dichte des Holzes.

Ein Rolls Royce aus Holz

«Hier oben wächst sehr gutes Reso-nanzholz, deshalb haben wir uns auf Mondholz aus Europäischer Fichte für den Instrumentenbau speziali-siert», sagt Florinett. Diese Klang-fichten verleihen dem Musikinstru-ment einen unvergleichlichen Ton – nach ihrer sorgfältigen Verarbeitung zu Geige, Cello, Gitarre, Klavier oder Harfe. Das bestätigt auch Holzfor-scher Zürcher: «Das Resonanzholz ist der Rolls Royce unter dem Mond-holz», sagt er.

Was aber ist denn das Besondere am Mondholz? «Es trocknet schneller, schwindet weniger, ist härter, steifer und stabiler, es reisst weniger und ist resistenter gegen Insekten- und Pilzbefall sowie gegen Feuer», zählt Florinett die Qualitäten auf. Das zeige sich auch, wenn man mit Mondholz baue. Bau-Chemie sei dann völlig überflüssig.

Noch ein paar andere wichtige Faktoren zeichnen das besondere Holz aus: Ein Mondholz-Baum ist an einem idealen Standort gewachsen, wird am richtigen Tag gefällt, mit Sorgfalt eingeschnitten, schonend an der Luft getrocknet und dann fachgerecht verarbeitet. Ein Rohstoff, der seine Zeit braucht – vom Wachsen bis zum Klingen.

«Unser Mondholz ernten wir am häufigsten an Nordhanglagen mit geringer Sonneinstrahlung auf 1300 bis 2000 Metern», erklärt Andrea Florinett. «Durch das lang dauernde Wachstum ist das Holz sehr feinjährig, das heisst, die Jahrringe liegen eng zusammen.» Diese Bergfichten sind gut 200 bis 250 Jahre alt, haben ein spezifisches Gewicht von maximal 400 Kilogramm pro Kubikmeter sowie einen Durchmesser von mindestens 45 Zentimetern und weisen eine bis zu 15 Prozent höhere Dichte auf als andere Bäume, wenn sie gefällt werden. Das geschieht im letzten Viertel des abnehmenden Mondes immer in der kalten Jahreszeit zwischen Oktober und Januar. Wenn die Schneeverhältnisse es unmöglich machen, die gefällten Bäume wegzubringen, werden sie samt Astwerk im Wald liegen gelassen. «Die Äste ziehen durch den Splint, die Schicht unter der Rinde, das Wasser in die Krone», erläutert Florinett. «Dieser Vorgang ist eine ideale Vortrocknung, er verändert auch den Geschmack des Holzes und der hält die Schädlinge fern.»

Musikalische Bäume

Holz, das für den Instrumentenbau vorgesehen ist, sogenanntes Klangholz, wird – wie vor der Industrialisierung – ausschliesslich an der freien Luft getrocknet: So werden die bereits zugeschnittenen Resonanzdecken und Riftbretter für Reso-nanzböden mindestens ein Jahr lang auf 1400 bis 1600 Meter Höhe draussen ge-lagert. Das trockene Klima bewirkt eine langsame und schonende Trocknung.

Christopher Lee Lüthi ist Geigenbauer im sankt-gallischen Sevelen. Er baut Violas, Violinen und Cellos. Nur auf Bestellung und seit ein paar Jahren nur noch aus Mondholz. Sein Rohmaterial bezieht er vor allem aus Bergün, verarbeitet aber auch Mondholz aus den Regionen Davos, Appenzell, Toggenburg und Vorarlberg. Die besonderen Vorzüge dieses Holzes kämen im Instrumentenbau voll zum Tragen, genauer, zum Tönen. «Es ist von Anfang an klangstabil», versichert er. Es gäbe aber auch unter dem Mondholz geeignetes und weniger geeignetes für den Geigenbau, «das hängt von vielen Faktoren ab: die Geologie des Standortes, die Sonneneinstrahlung, der Schatten und das Wasser spielen entscheidende Rollen.»

Der Instrumentenbau ist eine Balance zwischen Material und Handwerk. «Wer das nicht wirklich und sorgfältig beherrscht, der baut auch mit dem besten Holz kein optimales Instrument», betont der Profi. Und umgekehrt: «Ein guter und fähiger Instrumentenbauer schafft auch mit wenig gutem Material einen guten Klangkörper.»

Gerade für Geigen gilt noch immer, dass das verwendete Holz für einen guten Klang möglichst über Jahre gelagert sein muss. Und hier machte Lüthi vor eini-gen Jahren eine verblüffende Entdeckung: «Ich habe damals aus Mondholz, das im Dezember gefällt wurde, bereits im darauf folgenden April eine Geige gebaut – sie klang genauso gut wie eine aus gelagertem Holz.»

Ein Mondhaus fürs Glück

Mondholz verschiedener Bäume ver-wendet man mittlerweile, respektive wieder, auch im Brücken-, Boots-, Haus-und Fensterbau. Ausserdem wird es auch zu Möbeln und Fuss-böden verarbeitet. Hanspeter und Claire Egloff bauten vor knapp zehn Jahren in Subingen SO ein Block-haus. «Wegen seiner besonderen Eigenschaften empfahl uns der Zimmermann, Rundholz-Bauspe-zialist Franz Kaufmann aus Nieder-rohrdorf, Mondholz zu verwenden», sagt Egloff, der als Bereichsleiter Schulung bei Waldwirtschaft Schweiz arbeitet. Und so wurden im Januar 1999, unmittel-bar vor Neumond, 74 Weisstannen für sein Haus geschlagen. Egloffs sind noch immer begeistert von ihrem Mondholzhaus: «Die vorausgesagten Eigenschaften bewahrheiteten sich voll und ganz: Kein Verwerfen, keine Fassadenrisse und eine gleichmässige Setzung des gesamten Hauses.»

Die «Mondhölzler» werden gerne in die esoterische Ecke verbannt – worüber sich Egloff nicht wundert: «Mondholz passt nicht in unsere moderne, industriali-sierte, homogenisierte, gleichgeschaltete ‹just-in-time›-Gesellschaft», sagt er und fügt an: «Die Trennung des Mondphasen-geschlagenen Holzes von den übrigen Stämmen ist aufwändig und stört die Abläufe bei der Ernte, dem Transport, der  Weiterverarbeitung und der Lagerung des Holzes.» Viel einfacher und rationeller sei es, «die Verfechter des Mondholzes als weltfremde Spinner abzutun.»

Bilder: René Berner, zVg

Literatur
• Paungger/Poppe: «Vom richtigen Zeitpunkt – Die Anwendung des Mondkalenders im täglichen Leben» Verlag Heyne 2006, Fr. 14.90
• Erwin Thoma: «Für lange Zeit Leben und Bauen mit Holz», Verlag Brandstätter 2003, Fr. 44.90

Internet
www.tonewood.ch
www.mondholzgmbh.ch
www.bossholzbau.ch

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