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Mit Maiglöckchen das «Qi» stärken

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 04 - 2011 - 01.04.2011

Text:  Isabelle Meier

Was hat das Maiglöckchen mit der Chinesischen Medizin zu tun? Viel, sagen West-TCM-Heilpraktiker. Statt mit chinesischen Kräutern behandeln sie ihre Patienten mit heimischem Bohnenkraut, Fenchel und Enzian.

Der Peterli wärmt das Yang, bewegt das Blut und vertreibt Wind-Kälte. Pfefferminze tonisiert das Qi und reduziert das Feuer. Kamille reguliert das Qi, beruhigt den Geist und eliminiert Hitze. Was haben unsere vertrauten Kräuter hier zu suchen, fragt man sich im ersten Moment, wenn man im kürzlich erschienen «Praxisbuch Westliche Heilkräuter und Chinesische Medizin» blättert. Für die Autoren Ulrike von Blarer Zalokar und Peter von Blarer ist der Zusammenhang zwischen der Chinesischen Medizin (TCM) und den hiesigen Pflanzen aber ganz selbstverständlich. «Die Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin lassen sich problemlos auf unsere Kräuter übertragen», sagt Peter von Blarer.

Die beiden haben sich ganz der Therapie mit hiesigen Kräutern verschrieben, die sie nach TCM anwenden. Das funktioniert so: Kommt ein Patient, wird erst einmal eine TCM-Diagnose gestellt. Dabei wird der Patient befragt, sein Puls befühlt und die Zunge betrachtet. Die Diagnose klingt dann vielleicht so: Der Patient leidet an einem Nieren-Yang-Mangel. Oder an einem Lungen-Qi-Mangel. Oder an einer feuchten Hitze in der Gallenblase.

Klassische TCM-Therapeuten verschreiben dann eine Rezeptur aus chinesischen Kräutern. West-TCM-Heilpraktiker hingegen wählen westliche Kräuter aus, die zum Beispiel das Yang wärmen, das Qi regulieren oder Hitze eliminieren sollen.

Welches Kraut hat welche Eigenschaft?

West-TCM kam vor rund 15 Jahren in die Schweiz. Der Belgier Francois Ramakers erzählte an einer TCM-Weiterbildung in Aarau, wie er europäische Kräuter nach den Prinzipien der chinesischen Medizin anwendet. Seine Idee fiel auf fruchtbaren Boden, nicht zuletzt auch, weil es viel praktischer war, Kräuter einzusetzen, die hier wachsen. Der Import von chinesischen Kräutern war kompliziert, es gab Verunreinigungen und bei einigen Substanzen auch ethische Bedenken (zum Beispiel bei der Bärengalle, die heute in er Schweiz nicht mehr eingesetzt wird). Die westlichen Kräuter wachsen im Garten oder man findet sie beim Spaziergang. «Alle Kräuter sind nach den Kriterien der TCM einteilbar, ob sie nun in China wachsen oder in den Schweizer Alpen», sagt Peter von Blarer. «Jene aus der Schweiz sind uns einfach näher, viele von uns kennen die Pflanzen von Kindsbeinen an».

Wenn hiesige Kräuter eingesetzt werden, stellt sich aber die Frage, wozu es dann die Traditionelle Chinesische Medizin noch braucht. Dass bei einer Erkältung Salbei hilft, sagt auch die westliche Kräutermedizin. Braucht es wirklich einen Befund wie «Wind-Kälte» oder «Wind- Hitze»? «Die Diagnose nach Traditioneller Chinesischer Medizin ist differenzierter, entsprechend kann man die Tinktur besser auf die Beschwerden abstimmen», erklärt Cornelia Matter, TCM-Heilpraktikerin aus Seengen im Aargau. Seit sechs Jahren arbeitet sie mit westlichen Kräutern. Auch Peter von Blarer sagt: «Die chinesische Medizin hat ein ganz eigenes Verständnis davon, wie der Mensch funktioniert. So ist nicht bei jeder Erkältung Salbeitee angesagt.» Schnupfen ist nicht gleich Schnupfen: Die chinesische Medizin unterscheidet verschiedene Ursachen einer Erkältung, die sich unterschiedlich manifestieren. Eine laufende Nase mit klarem Schleim wird beispielsweise mit wärmenden Kräutern wie Zimt und Ingwer behandelt, ein Schnupfen mit dickerem, gelbem Schleim deutet eher auf «Wind-Hitze» hin und wird mit Minze und Rotem Sonnenhut behandelt.

Skepsis gegenüber den Wirkkategorien

Der Wädenswiler TCM-Therapeut Simon Becker, langjähriger Präsident der Schweizerischen Berufsvereinigung TCM, ist Phyto-West-TCM gegenüber aufgeschlossen. Doch auch er gibt zu Bedenken: «Den chinesischen Kräutern liegen mehr Erfahrungen zugrunde und wir wissen etwas klarer, wo sie wirken und wo nicht. Diese Erfahrungen sind bei der West-TCM noch geringer und müssen in den kommenden Jahren noch gesammelt werden.» Er glaubt zwar, dass West-TCM in zehn Jahren relativ verbreitet praktiziert werden. «Die chinesische Arzneitherapie wird sie allerdings kaum ersetzen», meint er.

Auch Peter von Blarer räumt ein, dass die Erfahrungen noch begrenzt sind. Doch die Erfolge, die er erzielt, überzeugen ihn. «Meine Patienten und ich sind mit dem therapeutischen Erfolg immer wieder sehr zufrieden», meint er. Auch West-TCMHeilpraktikerin Cornelia Matter sagt: «Besonders Erkältungen, Heuschnupfen, gynäkologische Beschwerden und Magen-Darm-Probleme habe ich erfolgreich behandeln können.»

Buchtipps
• Ulrike von Blarer Zalokar und Peter von Blarer: «Praxisbuch Westliche Heilkräuer und Chinesische Medizin», Bacopa Verlag 2010. Ulrike
• Zalokar: «Essenz aus der Küche, Kuhmilch- und Weizenfrei nach den
5 Elementen»
, Heilpraktikerschule
• Peter Holmes: «The Energetics of Western Herbs», 1989, Band I und II

Foto: okapia, fotolia.com

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