Mein lieber Spatz

Hans Keller | Ausgabe_6_2018

Von wegen Dreckspatz und Spatzenhirn! Der Sperling ist nicht nur ein erstaunlich prächtiges und kräftiges Kerlchen, sondern auch sehr reinlich und clever. Doch seine Bestände nehmen ab.

@: istockphoto.com, Andreas Krebs

Ein Stehimbiss im Hauptbahnhof Zürich. Aus dem Kebab eines Reisenden fallen Fleischstückchen zu Boden; ein anderer Gast wischt Brotkrümel vom Metalltischchen, bevor er sein Bier hinstellt. Sofort sind Tauben und Spatzen zur Stelle. Die Tauben schmeissen Essensreste in die Luft, die auf dem Boden landen und in kleinere Stückchen zerfallen. Die Spatzen sind aber meist schneller als die Tauben beim Objekt der Begierde: es ist ein permanentes Hickhack, Picken und Umherhüpfen zwischen den Füssen der Pendler. Frech, wie Spatzen angeblich sein sollen, landet ein solcher auch schon mal auf dem Tischrand direkt neben dem Bier und guckt sein Gegenüber keck an.

Eigentlich ist der Haussperling, wie der Spatz offiziell heisst, ein Samenfresser und damit Vegetarier. Doch als Kulturfolger hat er sich opportunistisch dem angepasst, was der Mensch für ihn hinterlässt – da darf es auch mal Kebab sein. Dass die Spatzen, wie geschildert, schneller als die Tauben sind, bedauerte bereits Georg Kreisler in seiner berühmten Moritat über das Tauben-Vergiftenim-Park, wo es heisst: «Erst verjag’mer die Spatzen. Denn die tun’am alles verpatzen. So a Spatz ist zu gschwind, der frisst’s Gift auf im Nu, und das arme Tauberl schaut zu.»

Unsere Spatzen
• Sperlinge
werden bei uns «Spatzen» genannt. Der Haussperling dürfte den meisten Menschen am bekanntesten sein, weil er Städte und Dörfer bewohnt. In der Schweiz dürften rund eine halbe Million Brutpaare leben.
Der Haussperling (Passer domesticus) ist ein Singvogel aus der grossen Familie der Sperlinge, in der es elf Gattungen und 48 Arten gibt. In der Schweiz brüten ausser ihm Feldsperlinge (Passer montanus), Schneesperlinge (Montifringilla nivalis) und Italiensperlinge (Passer italicus).
Sperlinge stammen ursprünglich aus Afrika, sind aber heute praktisch auf der ganzen Welt zu Hause. Sie ernähren sich vorwiegend von Pflanzlichem und Insekten. Hierzulande können Spatzen zwischen April und August bis zu vier Gelege ausbrüten. Spatzen werden durchschnittlich zwischen 1,5 bis 2,3 Jahre alt.
Die Entwicklung der Sperlingsbestände kann regional sehr unterschiedlich sein. Haus- und Feldsperling sind in der Schweiz immer noch häufig und gelten gemäss Roter Liste als «nicht gefährdet». Allerdings verdienen nicht nur gefährdete Arten unsere Aufmerksamkeit, sondern auch sehr häufige Arten, deren Bestände (regional) stark abnehmen, so wie beim Haussperling, dessen Population am Bodensee zwischen 1980 und 2010 kontinuierlich sank. Starke Populationsabnahmen werden seit den Achtzigerjahren aus vielen europäischen Ländern, insbesondere aus städtischen Gebieten gemeldet, so auch aktuell aus Frankreich und aus Deutschland, wo die Trends jedoch regional unterschiedlich sind. In Österreich nahm die Population seit 1998 zu, ähnlich wie in der Schweiz.
Als Hauptursache für den Rückgang des Haussperlings innerhalb des Siedlungsgebiets wird der Mangel an Insektennahrung für die Jungenaufzucht angesehen. Dieser Mangel ist vermutlich auf Verlust von Grünflächen durch verdichtetes Bauen, standortfremde Begrünung und übertriebene Reinlichkeit in der Pflege von Parks und Gärten zurückzuführen. Weitere mögliche Ursachen für die Dichteabnahme sind Verlust von Nistplätzen durch Gebäudesanierungen, Fehlen von Nistmöglichkeiten an Neubauten, Aufgabe von Tierhaltung und Mangel an Winternahrung durch das Verschwinden von Stoppelfeldern.
Michael Schaad, Vogelwarte Sempach

Von erstaunlicher Schönheit

Wie die Taube ist der Spatz ein Hass-Vogel, der allerdings wegen seiner Kleinheit und seiner für den Menschen geradezu selbstverständlichen Omnipräsenz von uns weniger bewusst wahrgenommen wird als die Tauben. Der Haussperling wird höchstens als «herzig» empfunden; insgesamt und aus verschiedenen Gründen wird er aber gemeinhin eher als lästig eingestuft. Zu Unrecht, wie wir finden, wir raten zur genauen Beobachtung. Das ist leicht möglich, setzt sich der Spatz, wenn er denn frech genug ist, gern auch mal erwartungsvoll auf die Balkonbrüstung und lässt sich so aus nächster Nähe studieren. Man entdeckt eine dezente, aber faszinierende Schönheit an diesem kleinen Vogel. Grundsätzlich einen braungrauen Gesamteindruck vermittelnd, sind die Flügel attraktiv von rotbraun bis schwarz gestreift, wobei gegen den Kopf hin ein weiss gewelltes Krägelchen prangt. Das Männchen ist schmucker als das Weibchen und besitzt unter dem Schnabel einen schwarzen Latz, der sich bis zur Brust runterzieht. Der Vogel macht einen ausgesprochen kompakten und für seine Kleinheit kräftigen Eindruck.

Vom Fluchen und Lieben

Das Verhalten der Spatzen hat der Mensch in einigen pointierten Ausdrücken und Sprüchen zusammengefasst. Hier ein paar Beispiele:
✖ Geliebter Spatz
Kosewort unter allen, die zierlicher sind als die amtierende Bizeps-Weltmeisterin und Arnold Schwarzenegger. Apropos Spatz und Liebe: Spatzen leben meist monogam.
✖ Dreckspatz
Hat keinen biologischen Hintergrund, denn Spatzen baden gern und ausgiebig. Dazu reichen Pfützen, in denen sie herumschwadern können. Nach dem Wasserbad suchen sie gerne sandige Stellen zum Staubbaden auf, wo das gleiche Prozedere wie im Wasser wiederholt wird. Grund dafür ist die Beseitigung von Parasiten.
✖ Spatzenhirn
Wer ein solches hat, gilt schlicht als dumm. Auch das ist eine Beleidigung der Spatzen, die bei Weitem nicht die dümmsten Vögel sind, im Gegenteil: Spatzen erweisen sich als lernfähig. So hat man schon beobachtet, wie sie mit sich automatisch öffnenden Türen fertig werden, indem sie gezielt davor umherflattern. Insgesamt traut man ihnen aber nicht besonders viel «geistige Leistung» zu, weshalb das Grimmsche Märchen «Der Hund und der Sperling» höchst bemerkenswert ist.
✖ Die Spatzen pfeifen es von den Dächern
Damit wird das in der wärmeren Jahreszeit omnipräsente Tschilpen der Spatzen angesprochen, das zum Symbol eines längst offenen Geheimnisses geworden ist, das jede und jeder schon mitgekriegt hat. Hier werden Binsenwahrheiten verschrien, und wer das tut, flucht wie ein Rohrspatz.

Unhörbarer vielfältiger Gesang

Das aufgeregte Tschilpen der Spatzen, die immerhin zu den Singvögeln gehören, kommt uns eintönig vor und kann gelegentlich nerven. In Frequenzen, die der Mensch nicht mehr wahrnimmt, vermögen die Spatzen jedoch mit durchaus vielfältigem «Gesang» zu kommunizieren. Und das tun sie oft, denn Spatzen sind gesellige Vögel und fühlen sich in grossen Gruppen wohl. Auffällig ist, dass sie sich ganz bestimmte Gebüsche aussuchen, um dort zu gewissen Zeiten in richtigen Schwärmen zu lärmen. Stefan Bachmann von Birdlife, einer internationalen Organisation zum Schutz der Vögel, erklärt dazu: «Büsche bieten den Spatzen ein Versteck und einen geschützten Ort, von wo aus sie Nahrung suchen können. Rund um Büsche ist der Boden meist nicht betoniert. Hier leben Insekten und es wird dort vielleicht auch Abfall hingeworfen. Grundsätzlich sind Naturelemente wie Hecken oder Bäume wichtig, nicht nur für Spatzen, sondern auch für andere Tiere.»

Die Gebüsche, in denen sich Spatzen treffen, befinden sich meist unweit der Nester und Schlafplätze – der Mangel an solchen hat nicht zuletzt zur teilweisen Bedrohung und Dezimierung der Spatzen geführt. Sie bevorzugen höhlenartige Unterschlupfe, in denen sie ihr nicht besonders gepflegtes und aus allen möglichen Baustoffen zusammengeschustertes Nest anlegen.

Der Architekt Walter D.*, der in einem älteren Einfamilienhaus im Zürcher Oberland wohnt, beobachtet seit einigen Jahren, wie ein eigentlich für Meisen bestimmter Vogelkasten an der Hauswand von Spatzen belegt wird. Fazit: Während man Meisen und andere bei uns heimische Vögel nur selten zu Gesicht bekommt, sind Spatzen sozusagen öffentliche, allgegenwärtige und impertinente Zeitgenossen. Was den Nestbau an Häusern betrifft, erklärt Walter D.: «Da man heute bei Bauten auf eine möglichst komplette Isolierung wert legt, finden die Spatzen keine geeigneten Unterschlüpfe mehr.»

«Der Hund und der Sperling» 
In diesem Grimm’schen Märchen erweist sich der Spatz als ausserordentlich clever, aber auch als brutaler Rächer. Er freundet sich mit einem ausgehungerten Hund an, für den er beim Fleischer und Bäcker Happen herunterpickt. Nachdem sich der satte Hund mitten in der Strasse schlafen gelegt hat, wird er rücksichtslos vom Pferdewagen eines Fuhrmanns totgefahren. Der Spatz übt Rache, indem er die geladenen Weinfässer löchert und den Pferden die Augen auspickt. Zu Hause wird der Fuhrmann von seiner Frau erschlagen, da sich der Spatz auf den Kopf ihres Mannes gesetzt hat – und natürlich davonfliegt, als die Gattin mit dem Beil ausholt.

Wenn der Mensch Gott spielt

«Der Spatz ist in seiner Existenz als Art nicht gefährdet. Er ist auch nicht auf der Roten Liste», sagt Stefan Bachmann von Birdlife. «Aber seine Bestände nehmen ab. Und es macht Sinn, frühzeitig auf solche Entwicklungen aufmerksam zu machen.» Es könne überdies nicht nur das Ziel sein, die Arten bloss vor dem Aussterben zu schützen. «Dann würde es reichen, wenn es von jeder Art nur noch einige tausend Tiere gäbe.» Und die Vogelwarte schreibt auf ihrer Website: «Kam es früher noch zu behördlich angeordneten Vergiftungsaktionen von Haussperlingen, ist heute ein regional starker Rückgang erkennbar. Das ist ein alarmierendes Zeichen für die sich verschlechternden Umweltbedingungen auch von ‹Allerweltsarten›.»

Vergiftungsaktionen? Früher agierte der Spatz in ländlichen Gebieten durchaus als Schädling. Er fiel in Schwärmen über die Felder her und tat sich massiv an Saatgut und Samen gütlich. Die Schäden verleiteten in China Mao Tse Tung dazu, eine landesweite Spatzenvernichtungsaktion loszutreten (auch Mücken, Ratten und Fliegen wurde unter Mao systematisch der Garaus gemacht). Mit verheerenden Folgen: Nachdem das Tschilpen in den Weiten des Reiches der Mitte verstummt war, wurde das Riesenland von einer Insektenplage heimgesucht. Schliesslich holte man aus dem damaligen kommunistischen Bruderland Russland Spatzenpopulationen zurück. Was an die USA erinnert, wo man 1850 gegen eine grassierende Insektenplage gezielt Spatzen aus Europa ansiedelte, die dann prompt lästig wurden. Eine Art Dialektik der Natur. Nichtsdestotrotz ist China zurzeit im Begriff, einen der häufigsten Singvögel Eurasiens auszurotten: die Weidenammer. Seit 1980 brach ihr Bestand um über 90 Prozent ein, auch weil die Vögel eine begehrte Delikatesse sind und massenweise verzehrt werden. 

Das Hin und Her zwischen Spatzen- und Insektenplagen scheint übrigens heute «gelöst» zu sein: Das Zauberwort heisst «Chemie». Und Zersiedlung. Und Monokulturen. Das Resultat: Seit 1989 haben wir über drei Viertel der Insektenmasse verloren! Auch das könnte verheerende Folgen haben. Denn ohne Insekten bricht alles zusammen. Sie sind das Fundament eines gesunden Ökosystems. Fragt sich also, wer da das Spatzenhirn hat – der Spatz oder die selbsternannte «Krone der Schöpfung», der Mensch.

* Name der Redaktion bekannt

Buchtipps 
• Jette Anders  «Allerweltsvogel. Eine kleine Kulturgeschichte des Spatzen»,  Vergangenheitsverlag 2017,  Fr.24.90
• Peter Berthold
«Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können»,  Ullstein Verlag 2017,  Fr.36.90

 Fotos: istockphoto.com, Andreas Krebs

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Natürlich im Juli 2018


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