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Krebs: Naturheilkunde versus Schulmedizin

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06_19 - 06.08.2019

Text:  Marion Kaden

Die Integrative Onkologie (IO) behandelt Krebspatienten im ganzheitlichen Sinne. In den USA ist sie Teil der Standardbehandlung. In Europa gibt es zwar immer mehr Zentren für Integrative Onkologie; die meisten Schulmediziner lehnen sie aber nach wie vor ab.

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Seitdem der «War on Cancer» (Krieg dem Krebs) von Richard Nixon in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts ausgerufen wurde, ist viel passiert. Die Milliarden Dollar, die die US-Regierungen seither in die Krebsforschung gepumpt haben, zeigen – wenn auch Jahrzehnte verspätet – bemerkenswerte Erfolge: Krebs ist heute oft nicht mehr tödlich, sondern zu einer beherrschbaren Erkrankung geworden. Dies belegen stetig steigende Zahlen von Langzeitüberlebenden. Zudem gibt es immer mehr Krebsarten, bei denen sogar gute Heilerfolge bestehen. In den letzten Jahrzehnten stellte sich dann ein leiser Paradigmenwechsel zu einer immer ganzheitlicheren Krebsmedizin ein – die «Integrative Onkologie» trat in Erscheinung.

Der Hintergrund: Die Schulmedizin kann aufgrund weltweiter Forschungen hinsichtlich der Lebenserwartung zwar immer bessere Ergebnisse erzielen, vor allem durch innovative Krebsmittel mit neuen Wirkmechanismen. Aber: Die betroffenen Patienten leben nun zwar länger, es geht ihnen aber oft ziemlich schlecht. Viele sind schwerstkrank und fürs Leben gezeichnet. Lebensqualität sieht anders aus. Zum einen, weil auch die neuen Medikamente immer noch schwere Nebenwirkungen haben, die das Leben der Patienten zur Hölle machen können, z.B. schwerstes Erbrechen und heftige Durchfälle. Zum anderen war lange Zeit das wichtigste Ziel von Forschern, Herstellern und Ärzten die Lebensverlängerung und eben nicht die Lebensqualität der Patienten. Was aber nützt Krebspatienten die Verlängerung ihres Lebens um wenige Wochen oder um ein paar Monate, wenn diese Zeit aufgrund der grausamen Nebenwirkungen im Grunde kaum durchzustehen ist? Was nützt dieser für die Krebsmittel-Zulassung bei den Behörden wichtige Lebensverlängerungs-Parameter, wenn die Patienten durch dauerhafte Nachwirkungen ihrer Krebstherapie schwer geschädigt sind oder die notwendige Dauertherapie zur Krebsbekämpfung ihre Lebensqualität massiv einschränkt? Viele Krebspatienten suchen sich oft – nicht selten ohne Wissen ihrer behandelnden Ärzte – komplementärmedizinische Behandlungsmethoden, um ihre vielfältigen krebstherapiebedingten Leiden zu erleichtern.

USA: IO ist Standard
In den USA wurde das Bedürfnis der Krebspatienten nach komplementärmedizinischen Massnahmen schon vor Jahrzehnten wahr- und ernst genommen: Amerikanische Schulmediziner haben die Herangehensweise der Komplementärmediziner, den ganzen Menschen in den Fokus zu nehmen, zunehmend aufgegriffen. Infolgedessen berücksichtigen heute alle US-Krebsstudien immer auch die Lebensqualität der Patienten. Zahlreiche akademisch-universitäre Krebszentren wurden erweitert, um wissenschaftlich die Wirksamkeit komplementärer Therapien zu untersuchen. Die «Integrative Onkologie» (IO) entwickelte sich. Zudem floss für die Erforschung der Methoden der Complementary and Alternative Medicine (CAM) ebenfalls viel Geld, bis heute mehrere Hundert Millionen US-Dollar pro Jahr. Dabei war und ist die Suche nach wirksamen und sicheren CAM-Methoden relevant, die Krebspatienten tatsächlich nützen. Das heisst, die Methoden müssen in wissenschaftlichen Studien den Kriterien der evidenzbasierten Medizin standhalten, also empirisch nachvollziehbar und belegbar sein. In allen grossen Krebszentren der USA wird die IO immer mehr zum Teil der Standardversorgung, wie Prof. Dr. Gary Deng vom Sloan-Kettering Memorial Center in New York in einem Interview gegenüber Heilpflanzen-Welt.de erklärte. Dies allein ist schon bemerkenswert. Doch ein revolutionäres Ereignis in der Krebsmedizin kam in Europa überhaupt noch nicht an: Die weltgrösste Krebsgesellschaft ASCO (American Society of Clinical Oncology) nahm 2018 erstmals überhaupt eine Leitlinie zur Integrativen Onkologie (bei Brustkrebs) in ihren Bestand von Guidelines zur angemessenen, sachgerechten Krebsbehandlung auf:

ASCO-Guideline bei Brustkrebs, während und nach den Behandlungen

Beschwerden                                                      Therapie

Angst/ Stress                                                    Musiktherapie, Meditation, Yoga, Stressbewältigung
Depression/ Stimmungsstörungen              Musiktherapie, Meditation, Yoga, Entspannung
Verbesserung der Lebensqualität                 Akupunktur, Akupressur 
Chemotherapie bezogene Belastungen       Keine Beweise für die Wirksamkeit von                    (Übelkeit und Erbrechen)                              Nahrungsergänzungsmitteln

 

Der Patient als Einheit
Die Situation in Europa ist vollkommen anders: Obwohl viele komplementärmedizinische Therapien europäische Wurzeln haben, stellen europäische Regierungen für deren Erforschung kein oder nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Auch die Fachgesellschaften und Kostenträger haben die aufregenden Entwicklungen jenseits des Atlantiks zum Nachteil der Krebspatienten verschlafen. Bis heute wird noch um die Definition des Begriffs «Integrative Onkologie» gerungen; ihre Einführung im klinischen Alltag ist noch nicht einmal geplant. Ein international akzeptierter Definitionsvorschlag stammt von Prof. Dr. Claudia Witt vom Institut für komplementäre und integrative Medizin in Zürich:

«Integrative Onkologie ist ein patientenzentriertes, evidenzinformiertes Gebiet der Krebstherapie, das Mind-Body-Verfahren, natürliche Produkte und/oder Lebensstil-Änderungen aus unterschiedlichen Traditionen begleitend zu den konventionellen Krebstherapien einsetzt. Die Integrative Onkologie versucht, Gesundheit, Lebensqualität und klinische Outcomes über den Behandlungsverlauf hinweg zu optimieren und Menschen zu befähigen, Krebs vorzubeugen und zu aktiven Teilnehmern vor und während der Krebsbehandlung sowie über diese hinaus zu werden.»

Prof. Dr. Jutta Hübner von der Uni Jena betonte beim Deutschen Krebskongress 2012 den wichtigsten Aspekt der IO: «Die Integrative Onkologie stellt den Krebspatienten als Ganzes in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wobei die Hoffnung auf Ganz-Sein akzeptiert wird.» Hervorzuheben ist, dass nicht nur die Behandlungen des Körpers, der Seele und des Geistes gemeint sind, sondern auch die Einbeziehung der Patientenperspektive, die eine wesentliche Leitschnur bei allen (gemeinsam getroffenen) Entscheidungen ist. Dazu wird eine andere, neue Arzt-Patienten-Beziehung notwendig: eine auf Augenhöhe. In dieser Beziehung tragen Patienten mehr Eigenverantwortung und bestimmen Heilungs- und therapeutische Prozesse mit. Sie nehmen beispielsweise die verordneten Medikamente tatsächlich ein. Oder sie treiben Sport nach ihren Möglichkeiten, erlernen Entspannungsverfahren oder nehmen die Hilfe von Psychoonkologen in Anspruch, um seelische Entlastung zu erfahren.

Auch wenn Krebs seinen tödlichen Nimbus verloren haben mag, so sind die Therapien weiterhin keine Spaziergänge. Immer ist der ganze Mensch gefordert und für viele Krebspatienten sind Reflexionen bedeutsam, die zentrale Fragen ihres Lebens berühren: In den Krankheitsverläufen tauchen immer wieder Aspekte wie Respekt, Selbstwahrnehmung, Spiritualität, Religion und vor allem die Sinnfrage auf. Gerade um Letzteres kreisten die Betrachtungen von Victor Frankl, dem Begründer der Logotherapie. Er sagte der «natürlich»-Autorin dieses Textes 1990 in einem Interview: «Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, lässt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten.»

Drei-Klassen-Krebsmedizin
Krebspatienten haben ihre individuelle Geschichte, Herangehensweise, Schwerpunkte und Fragen. Der Erfolg komplementärmedizinischer Methoden basiert auf ihrer Vielfältigkeit und ihren unterschiedlichsten Ansätzen. Mittlerweile ist auch bei einigen europäischen Onkologen angekommen, dass zum Beispiel regelmässig geübte und durchgeführte Aufmerksamkeits-Übungen (Body-Mind) nachweislich helfen, schwierige Therapien gelassener durchzustehen. Auch mit Meditationen, Malen, Yoga, heileurhythmischen Übungen oder intensiviertem Sport können Krebspatienten Abstand zur Erkrankung und den sie begleitenden Schmerzen und Ängsten bekommen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt für Patienten: Sie empfinden eine deutlich verbesserte Lebensqualität.

«Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, lässt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten.» Victor Frankl, Begründer der Logotherapie

Von den medizinisch-komplementären Methoden, bei denen die Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Vordergrund stehen, halten jedoch die meisten schulmedizinischen Onkologen selten etwas. «Viele unserer Schulmediziner hegen grosse Ressentiments gegen die Komplementärmedizin, lehnen sie teilweise gar ab», erklärt Simon Feldhaus, Facharzt für Allgemeinmedizin bei Paramed in Baar. «Teilweise sprechen Onkologen sogar Drohungen aus, etwa dass sie ihre schulmedizinische Behandlung abbrechen», weiss Feldhaus. «Für die Patienten ist das eine fatale Situation!» Folglich bleibe nur der Weg, komplementärmedizinische Behandlungen ohne Wissen des Onkologen durchzuführen.

Um umfängliche Kenntnisse über die Krebspatienten zu erlangen, die in das Ambulatorium der Paramed kommen, müssen diese zu Hause einen 30-seitigen Anamnesebogen ausfüllen. Dieser enthält unter anderem Fragen zur medizinischen, familiären und psychosozialen Situation des Patienten. Die tatsächliche Anamnese findet dann bei der Aufnahme ins Ambulatorium statt. «Da ich den Anamnesebogen gelesen habe, können wir im Gespräch gleich in medias res gehen», erklärt Feldhaus. Dabei stünden die Ziele der Patienten im Vordergrund und/oder die jeweils anstehenden schulmedizinischen Massnahmen. «Bei einem Patienten, dem z. B. eingreifende Chemotherapien bevorstehen, kann das Ziel sein, die Nebenwirkungen zu minimieren. Bei einem anderen, entstandene Schäden wie z. B. Neuropathien zu verbessern», erklärt Feldhaus. Er schlägt entsprechend des Profils und der Wünsche der Patienten individualisierte Behandlungen vor. «Dabei handelt es sich im Kern um Regulationsmassnahmen mit dem Ziel, den Krebs zu bekämpfen, die Selbstheilungskräfte zu fördern und die Nebenwirkungen zu verringern», so Feldhaus. Mögliche Verfahren sind beispielsweise Mistel-, Ozon- und Eigenbluttherapie, die Verwendung von Thymus- oder Pilzextrakten sowie die Orthomolekulare Medizin. 

«Eine andere, neue Arzt-Patienten-Beziehung ist notwendig: eine auf Augenhöhe.» Prof. Dr. Jutta Hübner, Universität Jena

Bei der Frage nach der Kostenbeteiligung der Krankenkassen wird Simon Feldhaus zornig: «Das ist ein ernstes Thema! Nur die Misteltherapie gehört zur Grundversorgung. Über Zusatzversicherungen können zwar Homöopathie oder Beratungen abgerechnet werden, jedoch wichtige Methoden wie die Orthomolekulare Medizin nicht», schimpft er. «Wir haben in der Schweiz eine Drei-Klassen-Medizin. Und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern!» Denn die von Behörden und Kostenträgern geforderten Studien zum Beleg der Evidenz sind ohne grosse Forschungsaufwendungen nicht realisierbar. Und die können sich kleinere Unternehmen schlicht nicht leisten. 

Buchtipps

Florence Kunz-Gollut «Niemand muss müssen in der Krebstherapie», Sokutec GmbH 2011, ca. Fr. 30.–

J
ohannes Wilkens, Gert Böhm «Misteln – kraftvolle Krebsheiler aus der Natur», AT Verlag 2016, ca. Fr. 30.– 

Petra Thaller, Thorsten Schulz «Outdoor against Cancer», Kailash 2018, ca. Fr. 28.–

Josef Beuth «Gut durch die Krebstherapie», Goldmann 2017, ca. Fr. 17.–

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