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Komplementärmedizin: mehr Transparenz durch Fachdiplom

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2014 - 01.05.2014

Text:  Rita Torcasso

In der Komplementärmedizin werden 17 Methoden in einem Berufsbild mit eidgenössisch anerkanntem Fachdiplom zusammengefasst.

2009 sagten zwei Drittel des Stimmvolkes Ja zur Komplementärmedizin – ein deutliches Signal. Heute nutzen laut einer Umfrage 60 Prozent der Bevölkerung solche Angebote. Sie müssen sich in einem unübersichtlichen Markt orientieren. Das Fachdiplom soll Transparenz schaffen.

Surftipps
Information Berufsbild und Umfrage zur Nutzung der Komplementärmedizin:
• OdAKT Organisation der Arbeitswelt
KomplementärTherapie
• Das Such- und Informationsportal Komplementärtherapie Schweiz

«Ein anerkanntes Diplom ist mir sehr wichtig – auch als Sicherheit für die Zukunft», sagt Anna Goetsch, Shiatsu-Therapeutin. Heute lautet ihre Berufsbezeichnung Shiatsu-Therapeutin SGS. Die drei Buchstaben deuten auf die Mitgliedschaft beim Verband Shiatsu Gesellschaft Schweiz hin.

Der Verband verlangt von den Mitgliedern Nachweise für Aus- und Weiterbildung. Goetsch lernte beim Europäischen Shiatsu-Institut, einer von fünf privaten Ausbildungsschulen der Deutschschweiz, vier Jahre berufsbegleitend. Für die dreifache Mutter, die damals als selbstständige Event-Managerin arbeitete, war es eine berufliche Neuorientierung.

Heikler Wildwuchs

Der Ausweis der Mitgliedschaft bei der SGS ist für die Kundschaft eine Art Qualitätsgarantie – jedoch wird er kaum als solche wahrgenommen. Ein entscheidender Faktor für die Klientel ist hingegen, ob sich die Krankenkasse über die Zusatzversicherung an den Kosten beteiligt.

Heute beteiligen sich einige Krankenversicherer auf freiwilliger Basis bei Therapeuten, die bei der Stiftung für Komplementärtherapie ASCA oder im
Erfahrungs- Medizinischen Register EMR eingetragen sind. Die EGK-Gesundheitskasse führt eine eigene Therapeutenliste. Über die Qualitätslabels erhält die Kundschaft zwar eine Qualitätssicherung. Diese wird aber durch private Institutionen und über die Kosten bestimmt. Allein beim EMR sind heute an die 140 Therapiemethoden und 6840 Praktizierende registriert. Geführt wird das Register von einer privaten Aktiengesellschaft. Für die Registrierungen bezahlen die Therapeuten einige Hundert Franken jährlich. Eine öffentliche Kontrolle der Therapieangebote und Ausbildungsabschlüsse gibt es nicht. In vielen Kantonen können Krethi und Plethi ohne Bewilligung der Behörden eine Praxis eröffnen und auch selber Therapieausbildungen anbieten.

EGK – Pionierin der Qualitätssicherung
Die EGK-Gesundheitskasse (EGK) führt ein eigenes Qualitätslabel EGK für Therapeuten, die von der Kasse anerkannt werden. Die EGK war Anfang der
Neunzigerjahre Pionierin im Bereich Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin. Sie war lange die einzige Kasse, die Komplementärmedizin unterstützte und als gleichwertig zur Schulmedizin betrachtete, und ist auch heute die aktivste in diesem Bereich. Krankenkassenverbünde gründeten dann die Qualitätslabels Asca und EMR. Diese privaten Qualitätssicherungen garantieren der Kundschaft Kostenbeteiligung der Krankenversicherer – doch eine Beurteilung ist schwierig. Die EGK bürgt als einzige Kasse direkt für die von ihr empfohlenen Therapeuten, kann also auch für deren Leistungen in die Pflicht genommen werden.
1995 gründete die EGK die Stiftung für Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin (SNE), um Forschung und Ausbildung in diesen Bereichen zu verstärken. Die Stiftung bietet unter anderem Seminare für Interessierte sowie Weiterbildungen für Therapeuten; sie finanziert sich über Kursbeiträge. «Der Aufbau eidgenössisch anerkannter ‹Höherer Fachprüfungen› in der Komplementärmedizin wird von uns begrüsst. Wir stehen grundsätzlich jeder Qualitätssteigerung positiv gegenüber», betont Bruno Mosconi von der Stiftung SNE. Für ihn ist klar, dass Therapeuten mit diesem Fachdiplom dereinst keine weiteren Anerkennungsverfahren mehr durchlaufen müssen, um anerkannt zu werden.

Hohe Anforderungen

Zuständig für die Prüfungen ist die Organisation der Arbeitswelt KomplementärTherapie (OdA KT) mit Bundesauftrag. «Dieser verlangt, dass die Methoden Nachweise für Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erbringen mussten», erklärt Gesch.ftsführer Christoph Meier. Zur Qualität trage auch bei, dass sich alle Berufsverbände zusammenraufen mussten. Jetzt können die Ausbildungsschulen, die auf das Fachdiplom vorbereiten wollen, ein Anerkennungsverfahren bei der OdA KT beantragen. «Die Anforderungen sind hoch», betont Meier. «So werden auch Schulen, die keinen Antrag stellen, ihre Qualität überprüfen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben.»

Noch sind die 17 Methoden erst provisorisch aufgenommen. Das letzte Wort zur definitiven Anerkennung und zum Prüfungsreglement hat das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Doch das sei nur noch eine Formsache, ist Meier überzeugt.

Bald Norm-Abschluss?

Voraussichtlich im nächsten Jahr wird Anna Goetsch also einen eidgenössisch anerkannten Berufsabschluss für Komplementärtherapie haben und sich Shiatsu-Therapeutin HF nennen können. Berufstätige kennen den «Höheren Fachausweis» aus ihrem eigenen Umfeld, denn dieser gehört in den meisten Berufen zur höheren Ausbildung.

Wie es der Name sagt, sollten Komplementärtherapien schulmedizinische Behandlungen ergänzen. Ideal wäre deshalb eine enge Zusammenarbeit mit den Ärzten. «Mit anerkannten Ausbildungen wird es für die Schulmedizin einfacher, Therapien zu beurteilen und zu empfehlen. Wir hoffen, dass sich das Fachdiplom nach und nach als Norm-Abschluss in der gesamten Komplementärmedizin durchsetzen wird», sagt Christoph Meier von der OdA KT.

Foto: thinkstock.com

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