Komplementärmedizin im Forscherblick

Fabrice Müller | Ausgabe_03_18

Nicht nur in der Schul-, auch in der Komplementärmedizin wird Forschung betrieben. Der Auftrag dafür ist sogar in der Bundesverfassung verankert.

@ istockphoto.com

Der ehemalige Skirennfahrer Silvano Beltrametti ist seit einem schweren Unfall auf der Skipiste vor bald 16 Jahren querschnittgelähmt. Wie nahezu alle Menschen mit Rückenmarkverletzungen entwickelte er eine neurogene Blasenfunktionsstörung. Das erhöht das Risiko massiv, an rezidivierenden symptomatischen Harnwegsinfekten (HWI) zu erkranken. Dank der Behandlung bei Mohinder Singh Jus, Leiter der SHI Homöopathische Praxis in Zug, konnte bei Beltrametti eine deutliche Verbesserung der Störung erreicht werden.

Wie der ehemalige Skirennfahrer machen seit 2011 zunehmend mehr Menschen mit Querschnittlähmung, die in der Neuro-Urologie des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) in Behandlung sind, Erfahrungen mit der Homöopathie. Die SHI Homöopathische Praxis in Zug und das Schweizer Paraplegiker-Zentrum testeten in einer gemeinsamen Langzeitstudie, welchen Nutzen die zusätzliche homöopathische Behandlung für die Betroffenen hat. Die Untersuchung wurde unter der Leitung von Jürgen Pannek, Chefarzt Neuro-Urologie im SPZ, durchgeführt. Während eine Gruppe Patienten eine Behandlung nach aktuellem medizinischem Stand erhielt, genoss die zweite Gruppe zusätzlich eine Behandlung nach der klassischen Homöopathie.

Wissenschaftliche Auswertung

Ermutigt durch die positiven Resultate der Studie eröffnete das SPZ in Zusammenarbeit mit der SHI Homöopathischen Praxis 2015 einen Konsiliardienst für homöopathische Behandlung. Die Behandlungen werden wissenschaftlich ausgewertet und sind nicht mehr begrenzt auf Harnwegsinfekte, sondern auf alle Beschwerden, die ein Paraplegiker haben kann, wie die Schulleiterin Martine Cachin informiert.

Zu Ehren seines Lehrers, des indischen Homöopathen Bimal Kumar Bose, hat SHI-Schulleiter und -Gründer Mohinder Singh Jus die Dr. B. K. Bose-Stiftung gegründet. Ziel der Stiftung ist die Förderung und Verbreitung der klassischen Homöopathie; dazu unterstützt sie verschiedene Projekte im Bereich der Forschung, Ausbildungsqualität und Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehören klinische Studien, die den Einsatz der klassischen Homöopathie bei chronischen Erkrankungen dokumentieren und wissenschaftlich auswerten. Derartige Forschungsprojekte werden in enger Zusammenarbeit mit dem SHI Haus der Homöopathie und Schweizer Kliniken realisiert. Daneben wird zum Beispiel in einem Projekt mit dem SOKRATES Gesundheitszentrum Bodensee in Güttingen (TG) die homöopathische Behandlung von Krebskranken während der Rehabilitationsphase erforscht.

Die SHI engagiert sich schon seit Jahren in der Forschung von homöopathischen Arzneien, anfänglich vor allem im Bereich der Arzneimittelprüfung. «Weil die Vorschriften und Bewilligungspraxis für Arzneimittelforschungen in der Schweiz gerade für kleinere Institutionen immer schwieriger geworden sind, konzentrieren wir uns vermehrt auf klinische Forschungen und die Erfahrungen, die wir in der Praxis sammeln», berichtet Martine Cachin. Deshalb suche die SHI bewusst die Zusammenarbeit mit externen Partnern. Bei den Forschungen gehe es jedoch nicht darum, zu beweisen, dass Homöopathie funktioniere. «Solche Studien gibt es schon genug, auch wenn die Schulmedizin dies nicht wahrhaben will. Viel wichtiger ist uns, mit den Forschungen die Zusammenarbeit von Schulmedizin und Homöopathie zu fördern und dem Patienten einen breiteren Zugang zur ganzheitlichen Behandlung zu ermöglichen», sagt Cachin.

Brücken zwischen Tradition und Moderne

«Jede therapeutische Disziplin sollte sich seriöser Forschung stellen. Das ist die Komplementärmedizin den Patienten schuldig», sagt Sandra Speich, Leiterin der SNE Stiftung für Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin. Die Stiftung fördert die Forschung und Lehre der Gesundheit, Naturheilkunde und Erfahrungsmedizin. Noch mehr als bisher sollen mit dem neuen Akademie-Programm Forschungsprojekte von Anfang an begleitet und unterstützt werden.

Dass in der Schweiz im Bereich der Komplementärmedizin so intensiv geforscht wird, ist auch der 2009 vom Schweizer Stimmvolk angenommenen Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin!» zu verdanken. Die Initiative verlangte unter anderem die Förderung der Forschung in der Komplementärmedizin. Derzeit existieren in der Schweiz zwei universitäre Einrichtungen mit dem Auftrag, fachspezifische Forschung durchzuführen: das Institut für Komplementärmedizin der Universität Bern und das Institut für komplementäre und integrative Medizin der Universität Zürich, letzteres unter der Leitung von Claudia Witt. «Für uns ist es wichtig, zwischen traditionellen Verfahren und neuen Technologien Brücken zu bilden», betont sie. So nutzte zum Beispiel eine Studie eine Smartphone-App für Krebspatienten, um Entspannungsverfahren zu vermitteln. Laut Witt zeigt diese Studie, dass etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten diese Technologie konsequent und kontinuierlich nutzen und die psychische Belastung sich dadurch verbessert.

Alternativmedizin bei Krebs

Unterstützt wurde die Smartphone-App-Studie durch die Krebsliga Schweiz. Im Moment sind etwa zehn weitere von der Krebsliga finanzierte Projekte im Bereich der Komplementärmedizin am Laufen. Zusammen mit ihrer Partnerorganisation Stiftung Krebsforschung Schweiz stellt die Krebsliga Schweiz jährlich rund 20 Millionen Franken für Forschungsarbeiten zur Verfügung. Das Geld wird grösstenteils durch Spenden generiert. Die Krebsliga hat sich laut deren Kommunikationsbeauftragtem Ori Schipper schon früh für die wissenschaftliche Untersuchung von Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen von komplementär- und alternativmedizinischen Methoden interessiert. Zu diesem Zweck wurde bereits 1982 auf Initiative der Schweizerischen Gesellschaft für Onkologie und mit Unterstützung der Krebsliga Schweiz die Schweizerische Studiengruppe für Komplementäre und Alternative Methoden bei Krebs (SKAK) gegründet. Die SKAK hat viel zu diesem Forschungszweig beigetragen und rund 50 qualitativ hochstehende Dokumentationen sowie Merkblätter für Patienten verfasst. Bei der Auswahl der Forschungsprojekte achtet die Krebsliga auf die Seriosität, Originalität und Durchführbarkeit der Studien, ohne inhaltliche Vorgaben zu machen. Kürzlich wurde eine Forschung zur Wirksamkeit von Heileurythmie in der Krebsbehandlung bewilligt.

Grosse Investitionen

Neben Hochschulen und Kliniken betreiben auch Unternehmen wie etwa Weleda mit Sitz in Arlesheim komplementärmedizinische Forschungen. «Forschung ist für uns überlebensnotwendig», sagt Aldo Ammendola, «Chief Research & Development Officer». Der Bereich Forschung und Entwicklung bei Weleda umfasst mehr als hundert Mitarbeitende; die Investitionen für Forschungen liegen laut Ammendola im siebenstelligen Bereich. «Weleda sieht die Anthroposophie als Inspiration und treibende Kraft für die Entwicklung und Erforschung neuer Arzneimittel», sagt er. Die Firma habe lange aus dem reichen Fundus des überlieferten Wissens der Therapierichtung geschöpft und das sehr grosse Sortiment verwaltet. Seit etwa einem Jahr fokussiert sich das Unternehmen vermehrt auf die Entwicklung von neuen Produkten. Im Detail betreibt Weleda pharmazeutische, präklinische sowie klinische Forschung an gesunden Probanden und Patienten. Firmeninterne Experten und Gremien identifizieren im Vorfeld Lücken und Nischen in der Arzneimittelversorgung. Dann müssen die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat vom Forschungsprojekt überzeugt werden. Zurzeit fokussieren sich die Forschungsaktivitäten von Weleda auf Augen- und Hauterkrankungen sowie Stress und Schlafstörungen.

«In vielen Bereichen ist ein naturwissenschaftlich begründbarer Wirkmechanismus der Komplementärmedizin noch zu wenig erforscht – unter anderem aufgrund der besonderen regulatorischen Lage in der Schweiz und in Deutschland», fährt Ammendola fort. Neben den finanziellen Herausforderungen sieht der Forschungsverantwortliche von Weleda vor allem auch die Schwierigkeit, die Fülle des traditionellen Wissens auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde und der anthroposophischen Medizin in Übereinstimmung zu bringen mit den Anforderungen der evidenzbasierten Medizin.

Vergleichbarkeit als Herausforderung

Für Martine Cachin von der SHI liegt eine grosse Herausforderung bei klinischen Forschungen mit der Homöopathie darin, dass sich das Studiendesign der Schulmedizin nicht auf jenes der Homöopathie anwenden lässt. «Die Homöopathie wirkt erst, wenn sie in Kontakt mit der Lebenskraft eines Menschen kommt», sagt sie. «Homöopathie ist eine individuelle Medizin – nicht jeder Mensch benötigt beim gleichen Symptom dasselbe Mittel.» Aus diesem Grund stelle die SHI bei ihren Forschungen nicht mehr ein bestimmtes Mittel, sondern generell die Behandlung einer Zielgruppe mit Homöopathie ins Zentrum.

Claudia Witt und ihr Team von der Universität Zürich setzen bei Forschungen vor allem auf nichtmedikamentöse Verfahren, die häufig genutzt werden. «Die schmerzlindernde Wirksamkeit von Akupunktur bei chronischen Schmerzen etwa ist breit dokumentiert. Doch die zugrunde liegenden physiologischen Prozesse müssen wir noch besser verstehen», erklärt Witt. Weil das Innere von Zähnen viele schmerzleitende Nervenfasern habe, biete sich Zahnweh als wissenschaftliches «Schmerzmodell» an, um die Schmerzmodulation durch Akupunktur zu untersuchen. «Hierfür war die Zusammenarbeit mit Schmerzforschern des Zentrums für Zahnmedizin der Universität Zürich sehr hilfreich», sagt Witt. Der Transfer von der Forschung in die Praxis gelinge unterschiedlich gut, weil – so die Institutsleiterin – die Forschungsergebnisse, ob positiv oder negativ, oft nicht ausreichend in die Anwendung übertragen würden. Ein positives Beispiel zeigt die Forschung zu Brustkrebs, wo Yoga, Achtsamkeitsübungen und Akupunktur für Brustkrebspatientinnen in den Leitlinien empfohlen werden, aber auch von anderen Verfahren abgeraten wird.

Fotos: istockphoto.com

Tags (Stichworte):

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im Mai 2018


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen von fünf LifeStraw Flex im Wert von je Fr. 49.–.

Wie heisst das spezielle Rind, das man in Les Prés-d’Orvin beim Weiden beobachten kann?

Mitmachen bis zum 31. Mai 2018.

zum Wettbewerb


Natürlich Newsletter

Das neuste gibts jetzt natürlich auch per Mail

Ein Mal pro Monat bietet Ihnen der «natürlich»-Newsletter kostenlos wertvolle Gesundheitstipps und und informiert Sie über Neues aus dem Magazin.

Jetzt Newsletter abonnieren


Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!