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Klangtherapie

Kategorie: Gesundheit, Therapien

Text:  Lioba Schneemann

Klangsitzungen führen zu tiefer Entspannung und erleichtern das Loslassen. Auf geheimnisvollen Wegen führen uns Klänge zu unserem Inneren. Was für eine Befreiung!

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Ich mache es mir bequem auf einer Matte im Klangraum; versuche, mich erwartungsfrei für das zu öffnen, was auf mich zukommt. Der erste Klang: Deutlich wahrnehmbare Wellen durchdringen zuerst meinen Kopf und dann den ganzen Körper. Entspannung breitet sich aus. Ich atme tief. In regelmässigem Rhythmus spielt der Klangtherapeut neun Klangschlagen an, die er zuvor sorgfältig platziert hatte: drei auf meinem Körper, drei um den Kopf herum, drei um die Füsse. Dann: der Gong! An der Wand hinter meinem Kopf hat der Therapeut den grossen TamTam-Gong geschlagen. Schier unglaublich tiefe Töne lassen meinen Körper sanft vibrieren. Dann spielt der Therapeut einen helleren Feng-Gong am Fussende an, sodass ich regelrecht von Tönen eingehüllt werde, von Klängen durchströmt bin.

Klangtherapie ist passiv: Ich werde bespielt. Ich liege entspannt da und geniesse die Klänge. Kann mich regelrecht in sie hineinfallen lassen. Im Unterschied zur Klangtherapie ist die Musiktherapie meist mit eigenen Handlungen verbunden: man trommelt, spielt ein Instrument usw. Bei der Klangtherapie darf man auch einschlafen. Die Schwingungen wirken trotzdem auf den Körper ein.

Am Ende der einstündigen Sitzung fühle ich mich warm, entspannt, aber auch etwas benommen.

Heilende Trance 
Bei einer Klangsitzung kann man etwas erleben. Was, ist jedoch offen. Denn jeder Mensch reagiert anders auf die Klänge von Klangschalen, Gongs und Co. «Am besten kommt man ohne bestimmte Erwartungen, offen und bereit, sich auf die Schwingungen einzulassen. Das fällt aber vielen schwer. Es braucht Vertrauen», sagt der Klangtherapeut Wolfgang Rogg aus Birr. Die Reaktionen reichten von völliger Entspannung bis zum plötzlichen Auftreten heftiger Schmerzen. «Der Klang kann uns eben auch herausfordern. Etwa dazu auffordern, sich seinem Leben zu stellen», sagt Rogg. Meistens jedoch trete rasch eine Entspannung ein. «In diesem tranceartigen Zustand können die Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Viele Leute bekommen so Zugang zu ihrem Unterbewusstsein.» Viele Klienten könnten in den Nächten nach einer Sitzung endlich wieder lange und tief schlafen; andere fühlten sich energetisiert, endlich wieder lebendig, oder sie würden kreativ und fänden auf einmal lang gesuchte Lösungen für Probleme aller Art.

Bei mir wirkt die Klangsitzung ebenfalls nachhaltig: Ich bin zwei Tage lang noch müder als sonst, und auch empfindsamer.

Bevor die eigentliche Klangsitzung beginnt, klärt Wolfgang Rogg mit seinen Klienten oftmals das Thema, das während der Klangsitzung «bearbeitet» werden soll; meistens jedoch überlässt er sie einfach ihrem Unterbewusstsein. Der Atemrhythmus des Gastes gibt ihm die zeitliche Spielfolge der Klangschalen vor. «So fühle ich mich als Therapeut mit meinem Klanggast immer ganz tief verbunden.» Neben Klangschalen spielt er auch ein Monochord, verschiedene Gongs sowie Zimbeln. Letztere haben in der Regel einen sehr hohen Ton und werden besonders stark im Kopfbereich wahrgenommen. Neu und einzigartig sind die von Rogg selber entwickelten «WoRo-Klangröhren», die zu einer besonders tiefen Entspannung führen sollen. «Damit verweben sich die Klänge, und das entzieht sich dem Verstand. Deshalb kann man schnell loslassen», erklärt der Klangtherapeut.

Das Ohr als Tor zu Seele 
Klänge werden seit Urzeiten von allen Kulturen für Rituale sowie religiöse und soziale Zeremonien verwendet, auch um Menschen in ihrem Wachstum oder Heilungsprozess zu unterstützen. In Tibet, Nepal und Indien sind schon vor Tausenden von Jahren ausgefeilte Therapien entwickelt worden. In der östlichen Vorstellung ist alles Klang; auch der Mensch ist aus Klang entstanden. Im antiken Griechenland vertraten Platon und Aristoteles die Ansicht, dass Melodie und Rhythmus die innere Ordnung wiederherstellen können.

Klang prägt uns bereits im Mutterleib. Das Ohr ist unser empfindlichstes Organ und umfasst einen Wahrnehmungsbereich von vierzehn Oktaven. Zum Vergleich: Das Auge kann nur einen Bereich von einer Oktave erkennen. Das Ohr bringt sozusagen die Welt in den Menschen hinein; es ist das Tor zur Seele. Und tatsächlich ist der Hörsinn eng mit dem limbischen System im Gehirn verbunden, dem Zentrum der Gefühlsverarbeitung. Ein Klang, ein Wort, bestimmte Musik kann uns unmittelbar in helle Aufregung oder in tiefe Entspannung versetzen. Intuitiv gehen wir mit Klängen in Resonanz, verstehen Klänge und reagieren ganzheitlich darauf. So können Klänge entspannend wirken und Angst und Stress reduzieren. Unser Körper ist ein ideales Medium für Schallwellen, da die Wellen sich nicht nur in Luft, sondern auch in Wasser und in festen Stoffen fortpflanzen.

Verwendet werden sogenannte archaische Instrumente wie Klangschalen, Gongs, Monochords, Didgeridoos oder auch Stimmgabeln. Denn sie erzeugen Töne, die den Erfahrungen des Gehirns aus vorgeburtlicher Zeit sehr ähnlich sind. Wolfgang Rogg sagt dazu: «Diese Zeit verbinden wir mit Sicherheit und Geborgenheit und so können diese Klänge tief gespeicherte Gefühle von Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit auslösen.»

Der Unterschied zur Musik besteht darin, dass beim reinen Klang durch das Weglassen der Harmonik und von Mehrstimmigkeit die Töne auf das Wesentlichste beschränkt bleiben. Diese Reduktion soll gerade auch Menschen, die mit einer Reizüberflutung belastet sind, helfen, sich auf weniger einzulassen und somit zur Ruhe und damit zum Wesentlichen vorzudringen, so der Klangtherapeut. «Ich führe die Menschen wieder dahin, die eigenen Ressourcen zugänglich zu machen. Dazu muss man das Alltagsbewusstsein verlassen und in eine Trancewelt eintauchen.»

Die monochromen und rhythmisch-gleichförmigen Klänge bringen den Menschen rasch in einen leicht tranceähnlichen Zustand. Über das Ohr wird die Information an das Gehirn weitergegeben, das dann ein inneres Bild von Gleichförmigkeit, Rhythmus und Sicherheit entwickelt. «Klänge unterstützen das natürliche Bestreben des Körpers zur Harmonie», erläutert Rogg. «Jede Zelle wird durch die Klänge in eine harmonische Schwingung versetzt und daran erinnert, wie sie ursprünglich geschwungen hat. Das hilft, die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren.»

Die Wirkungen einer Klangtherapie sind breit und gehen oft über die reine Entspannung hinaus. Die Therapieform bewegt sich im Grenzbereich zwischen Medizin und Meditation. Klangtherapien und -massagen werden unter anderem eingesetzt bei Schlafstörungen, innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Burn-out oder Hyperaktivität. Sie dienen der Rehabilitation, Schmerzlinderung, Tiefenentspannung und Förderung der Kreativität. Nicht zuletzt hat sich die Methode bei Tinnitus als hilfreich erwiesen, da dieses Leiden oft mit Verspannungen im Seelischen wie im Körperlichen zusammenhängt.

Loslassen – und leichter sterben 
Klangsitzungen werden zunehmend auch als Unterstützung im palliativen Bereich eingesetzt. Der Klangtherapeut Eduard Bonorand aus Trin (GR) arbeitet im Spital und Pflegeheim ebenso wie im Rahmen der Spitex, um Patienten in ihren letzten Stunden zu begleiten. Bonorand ist ehrenamtlich für den Verein TECUM im Einsatz, der Schwerkranke und Sterbende sowie deren Angehörige während des schweren Lebensabschnitts unterstützt. Als Begleitung habe er immer seine Helfer dabei: Klangschalen, Monochord und Hirtenflöte, berichtet er. «Der Klang öffnet die Verbindung zum Patienten. Klänge können Blockaden und negative Empfindungen lösen, gerade auch im letzten Lebensabschnitt.» Behutsam gelte es, zuvor abzuklären, ob der betroffene Mensch Klänge überhaupt wünscht und verträgt. Denn längst nicht jeder Mensch empfinde eine Klangmassage in der Sterbephase als angemessen. Wenn der Sterbende offen dafür ist, arbeitet Bonorand in der Sterbebegleitung nach den Methoden von Peter Hess; die Klangschalen setzt er dann vorwiegend im Aurabereich des Patienten ein. Oft verwendet er auch das Monochord, ein Instrument mit bis zu sechzig Saiten, die alle gleich gestimmt sind, aber winzigste Tonhöhenunterschiede aufweisen. Das Monochord hat einen weichen Klang, der den liegenden Patienten regelrecht umhüllt und einlullt. Rasch stellt sich so ein Gefühl von Geborgenheit und Getragensein ein. Sei ein Klient sehr unruhig und habe Probleme mit der Atmung, stelle er die Klangschalen unter das Bett oder auf Stühlen um das Bett herum, so Bonorand weiter. Mit sanften Anschlägen entstehe so innert weniger Minuten eine wunderbare Atmosphäre. «Durch die Schwingungen und Vibrationen der Schalen wird ein profundes Einatmen ermöglicht. Zugleich tritt eine tiefe Beruhigung ein. Das macht den Übergang vom Leben in den Tod einfacher. Das Sterben hat dann nichts Bedrohliches mehr.» So gesehen sei Klang ein Weggefährte vom Diesseits ins Jenseits.

Klangtherapeuten finden 
Klangtherapien 
werden von Therapeut/-innen angeboten, die eine fundierte Ausbildung absolviert haben, meist nach Peter Hess, Walter Häfner oder Marcel Kocaman. Einen Berufsverband gibt es nicht. Jedoch gibt es verschiedene Ausbildner und Ausbildungsorganisationen, die jeweils eine Liste der bei ihnen ausgebildeten Klangtherapeuten führen.

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