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Ihr Kinderlein kommet

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Anja Huber

Den Traum von der eigenen Familie erfüllen sich Schweizer Paare immer später. Damit es mit dem Nachwuchs dann noch klappt, muss nicht selten nachgeholfen werden. Auch die Naturheilkunde kennt Mittel, damit sich der Babywunsch erfüllt. Aber alleine darauf sollte man sich nicht verlassen.

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Reisen, Partys, Karriere – für viele junge Erwachsene ist Selbstverwirklichung das wichtigste Streben. Familie kommt später. Wenn Paare einen Teil ihrer (beruflichen) Ziele verwirklicht haben, sind sie – statistisch – über 30. Für viele stellt sich dann die Frage: Wie kommen wir jetzt noch zu unserem Wunschkind? Denn am fruchtbarsten ist die Frau im Alter von 20 bis 24 Jahren. Danach sinkt die Chance, ein Kind zu gebären, von Monat zu Monat. Und auch die Fruchtbarkeit des Mannes nimmt mit zunehmendem Alter ab, wenn auch weniger drastisch.

«Am fruchtbarsten ist die Frau im Alter von 20 bis 24 Jahren. Danach sinkt die Chance, ein Kind zu gebären, von Monat zu Monat.»

Klappt es mit dem Nachwuchs dann nicht auf Anhieb, erwächst daraus für viele Paare eine enorme psychische Belastung. Viele probieren alles Mögliche (und auch Unmögliche) aus, damit die Frau endlich schwanger wird. Doch nicht alle wollen sich schulmedizinisch behandeln lassen; und längst nicht alle Alternativen sind seriös und lohnen sich. Im Gegenteil: Im schlimmsten Fall verlieren Paare wertvolle Zeit, sagen Reproduktionsmediziner.

Viele Arten der Befruchtung
Während Frauen hierzulande in den 1970er-Jahren mit durchschnittlich 27 Jahren ihr erstes Kind bekamen, liegt der Altersschnitt von Erstgebärenden heute bei 31,8 Jahren. Kein Wunder gibt das Bundesamt für Statistik (BFS) bekannt, dass «die Zahl der Frauen, die sich einer Behandlung zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung unterzogen haben, im Laufe der 2000erJahre angestiegen ist». Laut BFS kommt heute jedes fünfzigste Kind in der Schweiz «infolge einer künstlichen Befruchtung zur Welt». So liessen sich im Jahr 2016 6049 Frauen künstlich befruchten – doch nur bei 41,5 Prozent resultierte daraus eine Schwangerschaft.

«Künstliche Befruchtung» bezeichnet mehrere Methoden: Bei der «Intrauterinen Insemination» (IUI) werden männliche Samenzellen direkt in die Gebärmutterhöhle eingebracht. Bei der «In-vitro-Fertilisation (IVF)» verschmilzt man Samen- und Eizellen im Labor miteinander und setzt sie erst dann in die Gebärmutter ein. Die «Intrazytoplasmatische Spermieninjektion» (ICSI) ähnelt der IVF, allerdings wird dabei nur eine einzelne Samenzelle mit einer einzelnen Eizelle ausserhalb des Körpers verbunden. Auch können Samenzellen aus dem Nebenhoden des Partners («Mikrochirurgische epididymale Spermienaspiration») oder dem Hodengewebe («Testikuläre Spermienextraktion») entnommen werden, um sie dann in die Gebärmutter zu implantieren. Ähnliches geschieht bei der «Perkutanen epididymalen Spermienaspiration», nur dass dabei nach der Samenzellen-Entnahme erst eine einzelne Samenzelle mit einer Eizelle ausserhalb des Körpers verschmolzen wird.

«Nur etwa jede dritte künstliche Befruchtung führt zu einer Schwangerschaft.»

Die Krankenkassen in der Schweiz übernehmen nur die Kosten für die Abklärungen der Kinderlosigkeit bei beiden Partnern, eine Hormontherapie bis zu einem Jahr Dauer und für bis zu drei Inseminationen. In Deutschland und Österreich werden hingegen auch IVF oder ICSI teilweise von den Kassen bezahlt. Entscheidet sich ein Paar hierzulande für diese Varianten, muss es tief in die Tasche greifen: Je nach Methode und Kinderwunschzentrum variieren die Kosten zwischen 4000 und 10 000 Franken pro Punktion bzw. Zyklus; meistens sind mindestens drei Behandlungszyklen notwendig, bis es zu einer Schwangerschaft kommt. Bruno Imthurn vom Uni-Spital Zürich wünscht sich daher, dass die Krankenkassen auch hierzulande mehr zusteuern. Denn schliesslich handle es sich laut Weltgesundheitsorganisation beim unerfüllten Kinderwunsch um eine Krankheit.

Auf der Suche nach Alternativen
Tatsächlich kann ein unerfüllter Kinderwunsch nicht nur die Partnerschaft stark belasten, er kann sogar krank machen. In der Regel leiden Frauen stärker darunter. Doch auch eine reproduktionsmedizinische Behandlung kann sehr belastend sein, nicht nur organisatorisch und finanziell. Vor allem die Frau nimmt die Behandlung auch meist emotional mit: aufwendige Diagnostik, Hormontherapie, Eingriffe in die Gebärmutter und das anschliessende bange Warten auf den so sehnlichst erhofften Erfolg der Behandlung. Oder aber die (erneute) grosse Enttäuschung. Es ist eine Achterbahn der Gefühle, die nicht selten auch das Zusammen- und Sexualleben betroffener Paare belastet.

Deshalb suchen vor allem Frauen mit Kinderwunsch häufig nach Alternativen: Zahlen aus der Schweiz gibt es zwar nicht, doch in Dänemark nutzt nach einer Studie von Forschern der Universität Kopenhagen und Cardiff in Wales schätzungsweise jede dritte Patientin eines reproduktionsmedizinischen Zentrums auch alternative Angebote. Die Palette reicht von Luna-Yoga über Akupunktur, Homöopathie, Hypnose und Fruchtbarkeitsmassagen bis hin zu ätherischen Ölen, speziellen Teezubereitungen oder anderen Kräutergaben. Dabei gilt es zu bedenken: Mit dem Leid und der Hoffnung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch werden Geschäfte gemacht – daher tummeln sich auf dem Markt auch zig Empfehlungen, deren Seriosität und Effektivität aus wissenschaftlicher Sicht teilweise mehr als strittig sind.

Globuli und Nadeln
Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Homöopathie, Michael Teut von der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde in Berlin, hat das bisherige Wissen zu naturheilkundlichen Verfahren und Reproduktionsmedizin in seinem «Kinderwunschbuch» zusammengetragen. «Insgesamt ist die Wirkung pflanzlicher und homöopathischer Arzneimittel bei unerfülltem Kinderwunsch noch erschreckend schlecht evaluiert», so sein Fazit.

Es gibt also nur sehr wenig Belege dafür, dass solche Methoden wirksam sind – aber es gibt sie: Gynäkologen der Ambulanz für Naturheilkunde der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg behandelten Frauen, die aus hormonellen oder nicht erfindlichen Gründen mehrere Jahre ungewollt kinderlos geblieben waren, homöopathisch. 28 Prozent der Teilnehmerinnen wurden innerhalb eines Homöopathie-Behandlungsjahres schwanger. In der Kontrollgruppe war es weniger als zehn Prozent. Damit schneidet die Homöopathie nur wenig schlechter ab als die künstliche Befruchtung. Beide Methoden lassen sich kombinieren, was die Erfolgsquote wahrscheinlich erhöht. Dies gilt es aber mit dem behandelten Arzt abzusprechen.

Auch eine Behandlung nach Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) kann eine Schwangerschaft begünstigen. «Mit Akupunktur können zum Beispiel Hormonstörungen reguliert werden, sodass die Follikelreifung unterstützt wird und es regelmässig zum Eisprung kommt», sagt Cornelia Wenzin, Naturheilpratikerin TCM beim komplementärmedizinischen Zentrum Paramed in Baar. Auch werde durch Akupunktur die Durchblutung der Gebärmutterschleimhaut verbessert, was die Chance der Einnistung des befruchteten Eies erhöhe, so die ehemalige Hebamme weiter. Und auch beim Mann könne die Akupunktur eingesetzt werden: «Sie kann die Spermienqualität und -beweglichkeit verbessern.»

Was, wenn es nicht klappt?
Vor allem als Begleittherapie bei konventionellen, reproduktionsmedizinischen Behandlungen bescheinigen mehrere Studien der Akupunktur höhere Erfolgsquoten, als wenn Frauen auf die Nadeltherapie verzichten. Als Beispiel sei eine israelische Studie genannt: 29 Frauen im Alter zwischen 30 und 45 Jahren (Durchschnittsalter 39 Jahre), die im Mittel bereits neun erfolglose künstliche Befruchtungen hinter sich hatten, wurden mit Akupunktur und chinesischen Heilkräutern behandelt. Sie wurden mit 94 Frauen zwischen 30 und 45 Jahren (Durchschnittsalter 37 Jahre) verglichen, die durchschnittlich sechs erfolglose Befruchtungsversuche hinter sich hatten. In der TCMGruppe stellten sich bei 66 Prozent der Patientinnen Schwangerschaften ein; in der Kontrollgruppe nur in 39 Prozent. Bei 41 Prozent der Frauen, die mit TCM behandelt wurden, verlief die Schwangerschaft erfolgreich; in der Kontrollgruppe nur bei 27 Prozent. «Diese Ergebnisse beeindrucken besonders, wenn man berücksichtigt, dass die Frauen in der TCM-Gruppe im Durchschnitt etwas älter waren», kommentierte die deutsche Carstens-Stiftung, die sich der Erforschung von Naturheilverfahren verschrieben hat.

Vor solchen Ergebnissen können selbst Schulmediziner die Augen nicht verschliessen – und so bieten auch immer mehr konventionelle Kinderwunschzentren TCM als begleitende Massnahme an, etwa jene am Universitätsspital Zürich, am Inselspital Bern oder auch an Kantonsspitälern.

Stress ist kein Kinderfreund
Einig sind sich Naturheilkundler und Schulmediziner auch in puncto Entspannungsverfahren: «Durch den unerfüllten Kinderwunsch und die medizinische Behandlung entstehen Belastungen», weiss Bruno Imthurn, Leiter des Kinderwunschzentrums am Universitätsspital Zürich. «Deswegen unterstützen wir unsere Patientinnen auch mit Entspannungstrainings, etwa auf den Kinderwunsch abgestimmten Körperübungen, autogenem Training oder progressiver Muskelrelaxation, um den Erfolg unserer Behandlung zu verbessern.»

Psychischer Druck kann sich sowohl bei Frauen wie auch bei Männern auf den Hormonhaushalt auswirken, bei Frauen kann z.B. der Eisprung ausbleiben. Bei Männern kann negativer Stress die Samenproduktion hemmen und die Samenqualität verschlechtern. Auch Michael Teut von der Charité findet es deshalb sinnvoll, mit einem anerkannten Entspannungsverfahren oder auch mittels Hypnose oder Yoga gegen den Stress anzugehen, der die reproduktionsmedizinischen Prozeduren begleitet. «Die Baby-take-Home-Rate zu erhöhen, ist ja nicht alles», gibt Teut zu bedenken. «Wir müssen auch den Umgang mit Enttäuschungen erleichtern.»

Vorsicht: Zeitverlust
Auch wenn man Alternativen gegenüber aufgeschlossen ist, ist es unerlässlich, dass sich beide Partner vorab schulmedizinisch untersuchen lassen. Sonst können mögliche Ursachen für Kinderlosigkeit wie verschlossene Eileiter, Myome, Polypen oder eine eingeschränkte Samenqualität beim Mann zu spät erkannt werden, sodass auch reproduktionsmedizinisch kaum noch Chancen auf Nachwuchs bestehen. Denn wie wir wissen: Die biologische Uhr tickt. Jeden Monat sinkt die Fruchtbarkeit, sodass vor allem ältere Paare wertvolle Zeit verlieren, wenn sie sich im Dickicht alternativer Angebote auf unseriöse Versprechungen einlassen.

«Nach einer Zeugung im Reagenzglas bekommen nur wenige Frauen ein lebendes Kind. Die Erfolgsrate stagniert seit zehn Jahren. Dies geht aus Zahlen des Schweizer Bundesamtes für Statistik (BFS) hervor. Demnach lag im Jahr 2016 die «Entbindungserfolgsquote » pro Behandlungszyklus nur bei 17 Prozent.»

«Ich frage meine Patientinnen im ersten Gespräch immer, ob Gebärmutter und Hormone bereits untersucht wurden und ob der Partner schon ein Spermiogramm gemacht hat», sagt deshalb auch Naturheilpraktikerin Cornelia Wenzin. «Es ist wichtig zu wissen, woran man ist, um die passende Therapie wählen zu können.» Wenn es nach sechs Monaten TCM-Therapie mit Akupunktur und individuellen, auf den Zyklus abgestimmten Heilkräuter-Mixturen immer noch nicht zu einer Schwangerschaft gekommen sei, führe sie ein intensives Gespräch mit ihren Patienten. «Dabei zeige ich auf, was sie medizinisch noch versuchen können. Ich thematisiere aber auch, wie es weitergehen könnte, wenn der Kindersegen trotz aller Anstrengungen ausbleibt», sagt Wenzin. «Das Leben geht ja auch ohne Nachwuchs weiter.» Vielleicht finden Paare in einer anderen Aufgabe ihre Erfüllung. Oder sie können sich eine Adoption vorstellen oder nehmen ein Pflegekind bei sich auf. Solche Überlegungen seien wichtig, betont Wenzin, «denn eine Garantie, dass der Klapperstorch irgendwann doch noch kommt, gibt es weder in der Naturheilkunde noch in der Schulmedizin».

«Eine starke Nierenenergie ist essenziell für die Fortpflanzung!»

Frau Wenzin, worauf sollten Paare, die Eltern werden möchten, achten?

Eine gesunde Lebensführung mit regelmässiger Bewegung und Entspannung, natürlicher Ernährung, ausreichend Schlaf und möglichst wenig Stress ist der Fruchtbarkeit zuträglich. Nach der Lehre der TCM werden die Reproduktionsorgane von der Niere gestärkt. Daher ist es wichtig, für eine gute Nierenenergie zu sorgen: Besser Gekochtes als Rohkost essen, Weizen vermeiden und nach dem Essen ruhen, damit sich die Niere mit Energie aufladen kann. Besonders gut dafür ist auch eine mindestens zehn Stunden gekochte Hühnersuppe, wovon man täglich eine Tasse trinken sollte, und zwar mindestens eine Woche pro Monat.

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen, dass es bei immer mehr Paaren mit Nachwuchs nicht klappt?
Zum einen natürlich, weil Paare heute sehr viel später Eltern werden möchten als früher. Aber auch Umweltbelastungen spielen eine Rolle, zumindest was die Samenqualität angeht: Verschiedene Chemikalien, die sich in Gewässern, Abwässern und in Spuren auch im Trinkwasser finden, sowie Schwermetalle und Dämpfe von Lösungsmitteln, Lacken und Tabak können die männlichen Keimzellen schädigen. Männer, die Vater werden wollen, sollten also unbedingt das Rauchen einstellen.

Gibt es darüber hinaus noch etwas, das Paare mit Kinderwunsch im Alltag beachten sollten?
Die Handy-Strahlung ist ein grosses Thema: Männer sollten das Natel nicht ständig im Hosensack tragen, da es dann nah an den Hoden ist. Frauen, die schwanger werden möchten, sollten das Handy mit Abstand zum Bauch tragen, um die Einnistung einer befruchteten Eizelle nicht zu stören. Ausserdem sitzen wir heute viel zu viel. Dadurch überwärmen die Hoden und produzieren weniger Samen. Wer einen Bürojob hat, sollte daher versuchen, mindestens jede Stunde zehn Minuten aufzustehen oder möglichst viel stehend zu erledigen, etwa Telefonate oder Besprechungen. Und nach dem Job daheim nicht gleich wieder sitzen, sondern lieber noch eine halbe oder besser ganze Stunde an der frischen Luft bewegen.

* Cornelia Wenzin ist Hebamme und Eidg. Dipl. Naturheilpratikerin TCM bei Paramed. Ihre Fachgebiete sind neben Geburtshilfe und Gynäkologie die Akupunktur nach Traditioneller Chinesischer Medizin, Moxa, Schröpfen, Gua Sha und die TuiNa Massage.

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