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«Ich liebe das Leben immer noch»

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07/08_2016 - 01.07.2016

Text:  Urs Beat Schärz

Chemiesensible Menschen reagieren hochempfindlich auf gängige Stoffe wie sie in Wasch- und Putzmitteln vorkommen. Für «natürlich» schreibt Urs Beat Schärz wie es ist, wenn man jeden Tag um seine Gesundheit kämpfen muss.

«Man nennt uns chemikaliensensible Menschen oft Kanarienvögel. Diese Tierchen wurden früher in die Bergstollen mitgenommen. Wenn sie tot von der Stange fielen, mussten die Bergbauarbeiter schnellstens die Stollen verlassen, weil die Methangasansammlung zu gross geworden war. Wir wären also die Warnvögel für die noch gesunden Menschen, doch leider hört uns kaum jemand.

Schon als Kind überempfindlich. Ich erinnere mich, wie ich bereits als Kind unangenehme Erfahrungen mit Chemikalien gemacht hatte. Mein Vater musste mit mir einst fluchtartig eine Berghütte verlassen, da sie eben erst frisch gestrichen und das Holz behandelt worden war. Die Dämpfe lösten Atemnot, Schwindel, Kopfschmerzen und tränende Augen aus. Wenn meine Mutter mit ihrem Haarspray das ganze Badezimmer einnebelte, passierte dasselbe. Als junger Mann floh ich einmal im Eiltempo aus einem Restaurant, da die Parfümierung des Nachbarn den Rahmen des Üblichen und Erträglichen sprengte. Eine meiner Tanzschulen befand sich über einer Druckerei und es ergaben sich immer wieder Lösungsmittelemissionen. Ich reagierte mit den bereits bekannten ähnlichen Symptomen; zusätzlich kam das Gefühl einer andauernden leichten Grippe dazu.

Kollaps des Immunsystems. Nach monatelanger Behandlung mit drei verschiedenen Antibiotika brach mein Immunsystem endgültig zusammen und ich musste mich von meinem ganzen bisherigen Leben verabschieden. Ich hatte nun endgültig jegliche Toleranz gegenüber fast allen Chemikalien verloren. Ich musste mein ganzes Leben umstellen. Ich wog noch 49 Kilo und mein Körper hatte die Entgiftung total eingestellt. Ich vertrug gerade noch fünf verschiedene Biolebensmittel. Unterdessen war auch klar, dass ich zusätzlich schwer Histamin intolerant war. Dieser Stoff kommt in vielen Lebensmitteln und Medikamenten vor. Meine neue Garderobe bestand aus Biobaumwoll-Kleidern. Meine Bettutensilien mussten entsorgt werden sowie fast alle Möbelstücke, die mit Nikotin belastet waren. Zum Schlafen legte ich mich auf den gefliesten Wohnzimmerboden. Als Bett diente mir ein Schlafsack, einer meiner neuen Biopullover als Kissen. So verbrachte ich meine Nächte über viele Monate. Finanziell war ich längst am Existenzminimum angelangt.

Was ist Chemikaliensensibilität?
Als Multiple Chemical Sensitivity (MCS) wird eine erhöhte Empfindlichkeit gegen chemische Substanzen wie Lösungsmittel, Pestizide, Medikamente oder Formaldehyd bezeichnet. Diese Überempfindlichkeit kann unterschiedlichste Symptome in mehreren Organsystemen auslösen. Die beschwerdeauslösenden Konzentrationen liegen weit unterhalb der jeweils bekannten Wirk- und Toleranzwerte, schreibt das deutsche Ärzteblatt. Obschon MCS bekannt ist und vermutlich bis zu sechs Prozent der Bevölkerung dadurch stark beeinträchtigt sind, gibt es keine allgemein akzeptierten diagnostischen Tests für die Krankheit. Eine anerkannte Diagnose MCS im naturwissenschaftlichen Sinne ist deshalb nicht möglich und es stehen auch keine wissenschaftlich begründeten Therapiekonzepte zur Verfügung. Umso wichtiger sei es deshalb laut Fachleuten, die Patienten mit ihrem mit herkömmlichen Methoden nicht fassbaren Beschwerdebild nicht alleine zu lassen, denn die Folgen können für die Gesundheit der Betroffenen verheerend sein. Chemikaliensensibel kann jeder werden. Gewisse Berufe bergen aber gemäss Betroffenenorganisationen ein erhöhtes Risiko. Ebenso können genetische Veranlagungen und eine schlechte Entgiftung der Krankheit Vorschub leisten.

Einsam inmitten von Menschen. Ich begriff, dass ein Leben ohne Chemikalien das Ziel sein sollte. Mein Körper musste das gespeicherte Gift von so vielen Jahren loswerden. Ich konnte oft wochen-, ja monatelang mein Zuhause nicht mehr verlassen. Lähmungserscheinungen in Beinen und Armen fesselten mich immer wieder tagelang ans Bett. Die Atemschutzmaske gehörte unterdessen zu meinen Alltagsutensilien. In besseren Zeiten versuchte ich meine Einkäufe selber zu machen. Die Maske unter einem Halstuch versteckt und immer griffbereit, falls es in einem überfüllten Geschäft zu viel wurde. Kopfschmerzen, Schwindel, brennende Augen, Atembeschwerden, Magen-DarmSchmerzen, Krämpfe, Entzündungen, schlimme Nervenschmerzen und schwere Schockzustände waren für mich Alltag. Schmerzen und Krankheitsbilder, wie sie gesunde Menschen bei einer Vergiftung einmalig erleben.

Die Natur wurde für mich und meinen Hund zum zweiten Zuhause. Viel Sauerstoff und saubere Luft waren überlebenswichtig geworden, um den Körper bei der Entgiftung zu unterstützen. Frisch gespritzte Felder umging ich, da ich auf Insektizide ganz schlimm reagierte. Ich war so einsam, wie ein Mensch nur einsam sein kann; und das mitten in der Zivilisation.

Zum Lesen
In seinem Buch «Vergiftet und vergessen – wie mich die Umwelt krank machte» schildert Urs Beat Schärz eindrücklich sein Leiden. «natürlich»-Leserinnen und -Leser können das Buch für Fr. 11.– (inkl. Versand und MwSt.) statt Fr. 12.90 direkt bestellen bei: CMS-Verlagsgesellschaft info@cms-verlag.ch (Stichwort «natürlich») oder über Telefon 071 669 19 56

15-jährige Leidenszeit. Ich war an der Nulltoleranzgrenze angelangt; und das für viele Jahre. Ich schwankte zwischen Verzweiflung, Panik und enormer Wut. Mir war längst klar, dass die Antibiotikabehandlung mich schlussendlich endgültig zu Fall gebracht hatte. Aber aufgeben wollte ich nicht. Was ist ein Menschenleben wert? Wer trägt die Verantwortung? Schlussendlich wir selber; denn die anderen waschen ihre Hände in Unschuld.

15 Jahre hatte es gedauert, bis sich mein Körper etwas erholte und ich wieder etwas mehr Lebensqualität hatte. Es ist ein einfaches, zum Teil sehr eingeschränktes Leben, das ich führe; aber ich habe überlebt, andere Prioritäten gesetzt. Ich versuche mit den körperlichen Spätfolgen, die teilweise nicht mehr zu korrigieren sind, klarzukommen. Konkret sind das: Osteoporose, eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung, chronische Nerven- und Gefässentzündungen, Leberprobleme und Diabetes.

Zur Person
Urs Beat Schärz: Der heute 63-jährige Urs Beat Schärz hat sein Leben lang an Umweltgiften gelitten. Sein Körper und sein Immunsystem reagieren hochsensibel auf winzigste Mengen von Chemikalien, die in Baumaterialien, Düngemitteln, Pestiziden, Stoffen, Parfums und Nahrungsmitteln vorkommen. Geboren in Bern, lebt Schärz heute mitten in der Natur am Jurasüdfuss nahe Solothurn. Urs Beat Schärz hat zwei eigene Tanzschulen geleitet und ist auch ausgebildeter Körpertherapeut. In seinem Buch «Vergiftet und vergessen» beschreibt er ausführlich und höchst eindrücklich, wie seine Chemiesensibilität sein Leben, seinen Beruf und seine Beziehungen nachhaltig verändert hat.

Foto: zvg, istockphoto.com

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