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«Ich bin keinTaubenmörder»

 Ausgabe 05 - 2010 - 01.05.2010

Text:  Hans-Peter Neukom

In der Stadt Zürich leben rund 16 000 Tauben. Um sie kümmert sich der Zürcher Taubenwart This Schenkel. Er sorgt dafür, dass die Tiere nicht zum Ärgernis werden.

This Schenkel, Wildhüter und zuständig für den Fachbereich Vögel in der Stadt Zürich, geht zu zwei leeren Taubenfallen, die er gestern aufgestellt hat. Durch die Öffnung der Oberseite des Gitterkäfigs gibt er Taubenfutter aus verschiedenen Körnern und Mais in die Falle. Danach aber lässt er sie offen und erklärt, dass die Tauben zuerst ein bis zwei Monate angefüttert werden müssen. Erst wenn sich die Tiere an die neue Futterstelle gewöhnt haben, werden die Fallen «scharf gemacht» und die darin gefangenen Tauben noch am selben Tag eingesammelt. «Je nach Grösse des Taubenschwarms sind bis zu zwölf Vögel in jeder einzelnen Falle», sagt Schenkel.

Unsere Stadttauben sind Nachfahren der Felsentauben (Columbia livia livia), welche heute noch die Felsenküsten des Mittelmeerraums besiedeln. Vor zirka 6000 Jahren wurden diese Tauben vom Menschen domestiziert, also gezüchtet und als Haustiere gehalten. Einen kleinen Teil der in verschiedenen Schweizer Grossstädten lebenden Tauben bilden Türkentauben (Streptopelia decaocto), die sich im 20. Jahrhundert von der Balkanhalbinsel nach Mittel- und inzwischen auch nach Nord- und Westeuropa ausgebreitet haben.

Futter für die Wölfe

Jedes Jahr müssen mehrere tausend Tauben geschossen und gefangen werden. «Nur dank dieser Abwehrmassnahmen bleibt der heutige Bestand in der erweiterten Innenstadt auf einem erträglichen Niveau», sagt This Schenkel. Das erinnert an die Aufgabe des verantwortungsvollen Wildhüters: Nur wenn er und seine Jäger durch geplante Abschüsse den Wildbestand in Grenzen halten, bleibt das Wild gesund und das Zusammenleben mit dem Menschen harmonisch.

Da Schenkel und seinem Arbeitgeber Grün Stadt Zürich viel am sorgsamen Umgang mit Ressourcen liegen, dienen die erlegten Tauben als Wolfsfutter im Tierpark Langenberg. «Ich bin kein Taubenmörder, sondern ich habe alle Tiere gern, auch die Tauben», sagt This Schenkel. «Aber gerade darum muss ich helfen, ihren Bestand zu begrenzen, denn sonst würden sie bald einmal von den Menschen gehasst. Eine Begrenzung ihrer Bestände nützt auch den Tauben selbst, weil sie sich sonst gegenseitig mit Krankheiten anstecken würden».

100 Tonnen Taubendreck

Die rund 16 000 Zürcher Stadttauben produzieren jährlich weit über 100 Tonnen Nasskot, der verschiedene Krankheiten verbreiten kann. Kommen Menschen direkt oder über Lebensmittel mit Taubenkot in Kontakt, können sie sich mit Viren, Ornithoseerregern, Salmonellen oder anderen Bakterien infizieren. Aber auch Taubenparasiten wie Milben, Flöhe und Zecken können bei Menschen zu juckenden Stichen führen. Bekannt ist auch die Tauben-Allergie.

Von Tauben auf den Menschen übertragene Krankheiten sind zum Glück aber selten. Forscher an der Universität Basel haben bisher nur bei sieben der 89 Erreger eine Übertragung auf den Menschen nachgewiesen. Bei Restaurants und Lebensmittelgeschäften wird der Kot trotzdem zu einem ernsthaften hygienischen Problem. Dann müsse er schon mal mit dem Gewehr eingreifen, sagt Schenkel. Vermehrter Taubenkot ist aber nicht nur unschön und ein hygienisches Problem. Mit Feuchtigkeit zusammen kann er zu erheblichen Fassadenschäden führen, vor allem bei Sandsteinbauten.

Wenn der Kot zum Problem wird
Haben sich Tauben einmal an einem geeigneten Standort niedergelassen, sind sie nur schwer zu vertreiben. Bewährt haben sich verschiedene Abwehrmassnahmen:
• Spann- und Elektrodrähte, Netze, Gitter oder Nagelleisten. Diese sollte man von einem Fachmann installieren lassen.
• Durch Schallanlagen lassen sich Tauben zum Teil dauerhaft vertreiben.
• Aber: Nichts nützen Vogelscheuchen und Ton-Krähen. Haben Tauben gemerkt, dass von den Figuren keine Gefahr ausgeht, setzen sie sich wieder an ihre gewohnten Plätze.

Lebensqualität für Vögel

Die Erhaltung der Artenvielfalt der Vogelwelt in Zürich ist neben dem Taubenproblem ein weiterer spannender Teil von This Schenkels Arbeit. 97 von 195 in der Schweiz brütende Vogelarten seien in der Stadt Zürich noch heimisch, weiss er. Das Ziel in den nächsten Jahren ist, wieder auf über 100 Arten zu kommen. «Für neue Brutvogelarten muss jedoch wieder vermehrt natürlicher Lebensraum durch das Anpflanzen von einheimischen Pflanzen geschaffen werden.» Bereits eine Balkonbepflanzung oder vogelfreundliche Gärten können zu diesem Ziel beitragen.

Ein Vogel, der seit einigen Jahren nicht mehr in Zürich brütet, ist die Schleiereule. Deshalb fährt Schenkel nach Unter Affoltern. Er will beim Landwirt einen speziellen Nistkasten für die Eulenart am Heuschober einrichten. Da sei die Schleiereule dem Landwirt mehrmals aufgefallen, insbesondere in den Wintermonaten. Durch diese Massnahme hofft This Schenkel, dass sich die Vogelart wieder vermehrt am Stadtrand ansiedelt. Die folgenden Jahre werden es zeigen.

Generationen von Taubenwarten haben lange vergeblich versucht, den Taubenbestand unter Kontrolle zu bekommen. Selbst Versuche mit der «Tauben-Pille» – Antibabyhormone im Futter – in den achtziger Jahren zeigten bei den Tauben keine Wirkung. Dafür brüteten andere Vogelarten weniger, wie etwa Krähen und Elstern. Erst in den letzten Jahren habe man gewisse Erfolge erzielt, und zwar seit man wisse, dass die Taubendichte direkt vom Futterangebot abhänge. «Am wichtigsten ist hier die Aufklärung der Bevölkerung», sagt Schenkel. Doch das sei keine einfache Aufgabe, denn vielfach versorgten «Unverbesserliche» ihre Lieblinge täglich mit Unmengen an Futter. Oft sind Tauben ihre einzigen sozialen Kontakte.

Der Taubenwart von Zürich
This Schenkel wurde 1959 in Thalwil geboren und ist in Oberrieden aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Frau in der
Stadt Zürich. Nach der Ausbildung zum Primarlehrer und drei Jahren Unterricht an der Primarschule Tagelswangen folgte die Ausbildung zum Theaterpädagogen. Danach wechselte er zu Grün Stadt Zürich und war während 15 Jahren als Naturschullehrer tätig. Während dieser Zeit absolvierte er das Nachdiplomstudium Umweltwissenschaften an der Uni Zürich. Nebenausbildungen: Jagd-, Wildhüter-, Feldornithologen-, Feldbotaniker- und Pilzkontrolleuren-Prüfung. Zusätzlich ist er Kursleiter für angehende Pilzkontrolleure. Seit 2008 ist er hauptberuflich als Wildhüter für den Fachbereich Vögel der Stadt Zürich tätig.

Fotos: Walter Schwager, USACE Europe District / flickr / cc

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