Himmlisches Spektakel

Andreas Walker | Ausgabe 7/8-2018

Am 27. Juli können wir die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts beobachten. Dabei wird der Vollmond eine stunde und 43 Minuten lang blutrot am Himmel erscheinen. Früher galt das als unheilvolles Zeichen. Heute können wir das Himmelsspektakel geniessen.

@ Ruedi Bryner | mauritius-images.com

Häufigkeit und Dauer von Finsternissen

Pro Jahrtausend treten im Durchschnitt 1543 Mondfinsternisse (716 totale und 827 partielle) und 2375 Sonnenfinsternisse (659 totale, 773 ringförmige, 838 partielle und 105 ringförmig-totale) auf. Von einem festen Punkt auf der Erde sind Mondfinsternisse jedoch wesentlich häufiger zu beobachten als Sonnenfinsternisse, obwohl erstere über einen gewissen Zeitraum hinweg seltener auftreten.

Konkret bedeutet das: An einem bestimmten Ort, etwa in Aarau, tritt eine Sonnenfinsternis im Durchschnitt etwa alle 375 Jahre auf, eine Mondfinsternis hingegen etwa alle 2 Jahre. Dies mag paradox erscheinen, wird aber verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass jede Mondfinsternis immer auf der gesamten Nachtseite der Erde sichtbar ist, während eine Sonnenfinsternis in ihrer totalen Phase nur gerade in einem maximal 273 Kilometer breiten Band beobachtet werden kann. So war die letzte totale Sonnenfinsternis in der Schweiz am 11. Mai 1724 zu sehen, die nächste wird erst am 3. September 2081 zu beobachten sein.

Insgesamt aber treten Sonnenfinsternisse häufiger auf als Mondfinsternisse. Der Grund liegt in der Geometrie: Es ist wahrscheinlicher, dass der kleine Mondkernschatten die Erdkugel trifft, als dass der Vollmond den Kernschatten der Erde passiert. Die totale Phase einer Mondfinsternis kann im Maximum 1 Stunde und 47 Minuten lang dauern und tritt dann ein, wenn der Vollmond zentral durch den Kernschatten der Erde läuft. Die Mondfinsternis vom 27. Juli ist nur gerade vier Minuten kürzer als die längste mögliche Zeit.

Die längste mögliche Dauer einer totalen Sonnenfinsternis kann 7 Minuten und 40 Sekunden betragen, und zwar am Äquator zur Mittagszeit, wenn der Mondkernschatten mit der langsamsten Geschwindigkeit von 1680 Kilometern pro Stunde über die Erdkugel gleitet. Bei solchen Bedingungen kann eine ringförmige Sonnenfinsternis, auch Feuerkranz-Sonnenfinsternis genannt, in ihrer längsten Phase 12 Minuten und 24 Sekunden dauern. Dabei übertrifft der scheinbare Durchmesser der Sonne den des Mondes, sodass der äussere Rand der Sonne bei der Finsternis sichtbar bleibt.

Am Freitag, 27. Juli um zirka 20.24 Uhr ist es so weit: Der Mond taucht ein in den Kernschatten der Erde – die partielle Mondfinsternis beginnt. Bei uns ist dies allerdings noch nicht zu sehen, da der Mond erst um 20.58 Uhr aufgeht – rechtzeitig zur totalen Finsternis, die um 21.30 Uhr beginnt. Der Mond wird jedoch selbst in der Kernschattenzone nicht gänzlich verfinstert, da die Erdatmosphäre aufgrund ihrer Streuwirkung nur noch rotes Licht in den Kernschattenbereich passieren lässt. Dies verursacht die typische rötliche Farbe des Vollmondes während der totalen Verfinsterung. Da bei dieser Finsternis der Mond zentral durch den Erdschatten läuft, dürfte seine Farbe während der Mitte der Finsternis (22.22 Uhr) ungewöhnlich dunkel erscheinen. Um 23.13 Uhr tritt der Mond wieder aus dem Kernschatten der Erde, womit die totale Finsternis endet; um 00.19 Uhr endet dann auch die partielle Finsternis. Für die Beobachtung wichtig ist eine freie Sicht in Richtung Osten und Süden mit niedrigem Horizont, damit der Mond nicht durch Berge oder Hügel verdeckt wird.

Während wir heute mit Neugierde und Bewunderung einer Mondfinsternis beiwohnen, sahen dies die Völker in alten Zeiten ganz anders. Das Phänomen machte den Menschen Angst, galt es doch als schlechtes Vorzeichen. Man ging bei einem solchen Naturereignis davon aus, dass es einen Einfluss auf das Land, den König und das Volk haben würde. Deshalb war man bestrebt, durch entsprechende Vorhersagen ein mögliches Unglück abzuwenden.

Vom Himmel verschluckt

So galt eine Mondfinsternis im Alten Ägypten als schlechtes Zeichen, da man glaubte, der Mond würde bei diesem Phänomen vom Himmel verschluckt werden. Deshalb stand eine totale Mondfinsternis als mögliches Vorzeichen für Katastrophen, Krieg und Krankheiten. In den Vorstellungen der Ägypter trat das grösste vorstellbare Unglück ein, wenn der Himmel auf die Erde stürzen und dann Chaos herrschen würde. Daher war es das wichtigste Ziel, die bestehende Weltordnung zu sichern und zu bewahren. Da Mondfinsternisse meistens nur in Verbindung mit negativen Ereignissen erwähnt wurden, sind sie sehr selten in alt- ägyptischen Aufzeichnungen dokumentiert.

Im alten China waren Astronomie und Meteorologie eine Geheimwissenschaft der Priesterkaiser. Der Kaiser bestimmte die vier Kardinalpunkte des Himmels und entschied über den Kalender. Zur Bewältigung dieser Aufgaben stand ihm ein «Amt für Astronomie» zur Seite, das als Institution zwei Jahrtausende überdauerte. Der Leiter dieser zentralen Behörde besass die Stellung eines Hofastronomen. Mit seinen Mitarbeitern musste er aus den Farben der fünf Wolkenarten und der Polarlichter das Eintreten von Fluten oder Dürren, von reichen Ernten oder Hungersnöten vorhersagen. Ausserdem hatte er aus der Beobachtung der zwölf Winde auf den Zustand der Harmonie oder Disharmonie zwischen Erde und Himmel zu schliessen. Das Ergebnis war dem Kaiser mitzuteilen, damit am kaiserlichen Hof entsprechende Massnahmen in die Wege geleitet werden konnten. Der kaiserliche Meteorologe schliesslich, der hauptsächlich mit meteorologischen Beobachtungen sowie den Vorhersagen von Sonnen- und Mondfinsternissen betraut war, hatte die zehn Arten der Halos – der farbigen Ringerscheinungen um Sonne oder Mond – sowie weitere optische Phänomene in der Natur zu beobachten. Daraus musste er Gutes oder Schlechtes für die Zukunft ableiten und es der Öffentlichkeit mitteilen. Irrtümer bei astronomischen Berechnungen konnten für den Betreffenden ganz üble Folgen haben: Besonders bei Fehlern in der Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen musste der dafür zuständige Astronom mit der Todesstrafe rechnen.

Der Mond schreibt Geschichte

In Texten aus der griechischen und römischen Antike gibt es einzelne Hinweise auf Mondfinsternisse, meist im Zusammenhang mit historischen Geschehnissen. Besonders interessant ist eine Geschichte, die sich im Jahr 413 v. Chr. zugetragen haben soll. Damals griffen die Athener mit einer Flotte das verfeindete Syrakus auf Sizilien an. Da sie die Stadt nicht erobern konnten, wollten die Athener sich zurückziehen. Doch weil am Abend vor der geplanten Abfahrt gerade eine Mondfinsternis auftrat, deuteten sie das Ereignis als schlechtes Omen für die anstehende Reise. Deshalb haben sie den Rückzug um einen Monat verschoben, wodurch die Bewohner von Syrakus Zeit hatten, die gegnerische Flotte zu vernichten. Somit hatte sich das schlechte Omen bewahrheitet – allerdings anders, als die Sterndeuter es vorausgesagt hatten.

Auch vor der für Alexander den Grossen siegreichen Schlacht von Arbela (20./ 21.September 331 v.Chr.), vor dem Tod des Herodes (im März, 4 v. Chr.) und beim Tod des Kaisers Augustus (19. August, 14 n.Chr.) sind Mondfinsternisse aufgetreten, die man in einen entsprechenden Zusammenhang stellte. Und: Am 3.April 33 n.Chr. konnte in Jerusalem eine partielle Mondfinsternis bei Mondaufgang beobachtet werden; aufgrund eines vagen Hinweises auf eine Mondfinsternis in der Apostelgeschichte wird vermutet, dass Jesus an diesem 3. April 33 gekreuzigt wurde. Ebenfalls für diese These spricht, dass das Passa-Fest tatsächlich an jenem Wochenende stattgefunden hat.

Sternschnuppenschauer – Perseiden
Kurz Nach der Mondfinsternis, im August, ist ein weiteres Himmelsspektakel zu beobachten: Die Perseiden, der ergiebigste Meteorstrom des Jahres, bescheren uns besonders viele Sternschnuppen. Der Höhepunkt wird in den Morgenstunden des 12. August erwartet; kein Mondlicht stört die Beobachtung, denn am 11. August ist Neumond. Als schönster und reichster Strom des Jahres bescheren uns die Perseiden im Maximum um die hundert Meteore pro Stunde. Wie der Name andeutet, scheinen diese Sternschnuppen aus dem Sternbild Perseus zu fallen.

Auch der 29. Mai 1453 ist ein Datum von welthistorischer Bedeutung: An diesem Tag eroberte die türkische Armee Konstantinopel. Eine Woche vorher hatte es eine partielle Mondfinsternis gegeben, die von den Verteidigern der Stadt als schlechtes Omen gedeutet wurde. Sehr wahrscheinlich wäre die Stadt jedoch auch ohne Mondfinsternis erobert worden...

In der heutigen Zeit müssen wir uns vor dem spektakulären Naturphänomen nicht mehr fürchten; wir können es geniessen – am Freitag, 27. Juli besonders lange. Die nächste totale Mondfinsternis kann dann bei uns bereits am 21. Januar 2019 beobachtet werden. Allerdings dauert die Totalität dann nur 62 Minuten und man muss sehr früh aufstehen, da die Finsternis um 5.13 Uhr beginnt.

Fotos: istockphoto.com| zvg Ruedi Brynermauritius-images.com

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Natürlich im Juli 2018


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