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Heilung aus dem Morgenland

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 12 - 2012 - 01.12.2012

Text:  Daniel Bouhafs

Weihrauch, das Baumharz aus Arabien und Indien, ist seit Jahrtausenden ein wertvolles Handelsgut. Der «göttliche» Stoff ist Opfergabe, füllt Kirchen mit festlichem Duft – und heilt Entzündungen.

Mit Weihrauch verbinden wir die Vorstellung einer prächtigen katholischen Messe, festlich gekleideter Priester, das Schwenken des Weihrauch-Kessels und den typischen intensiven Duft. Und wir erinnern uns, dass Weihrauch – neben Myrrhe und Gold – zu den Gaben der Heiligen Drei Könige aus  dem Morgenland gehörte, die damit das Christkind beschenkten.

Weihrauch, der in der Antike zu den kostbarsten Gewürzwaren zählte, wurde bereits im 4. Jahrhundert nach Christus als Ehrenerweis für Bischöfe in Prozessionen verwendet. Sein Gebrauch im Kultus anderer Religionen reicht aber noch viel weiter zurück: Im alten Ägypten galt er als «Stoff, der göttlich macht.» Den orientalischen Göttern wurde das Harz des Weihrauchbaums schon vor 4000 Jahren geopfert. Die alten Ägypter verwendeten ihn nicht nur für kultisch-religiöse Zwecke, sondern ebenso zum Einbalsamieren, als Räuchermittel und zu medizinisch-desinfizierenden Zwecken. Im Mittelalter setzte die berühmte Äbtissin Hildegard von Bingen den Weihrauch bei Schwerhörigkeit und Tinnitus ein. Er erhielt einen festen therapeutischen Platz in der klassischen europäischen Naturheilkunde, bis er ab 1875 durch das Aufkommen pharmazeutischer Medikamente inVergessenheit geriet.

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Schweizerisch Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie
Der Duft des Himmels – Weihrauchhandel in Oman (FAZ Online, 29.11.2012)

Doch in Indien, wo Weihrauch in der ayurvedischen Heilkunst seit über 3000 Jahren als wichtiges Mittel eingesetzt wird, konnte er seine bedeutende Stellung behaupten – trotz zeitweiliger britischer Kolonialherrschaft. Schon sehr früh wur­den mit «Guggul» – so die alte Sanskrit-Bezeichnung für Weihrauch – verschiedene Krankheiten kuriert. Bei Entzündungen, Knochenbrüchen, Drüsenschwellungen und Geschwüren salbten die alten Inder die betroffenen Körperstellen ein. Und zur Behandlung von chronischen Darmerkrankungen, Hämorrhoiden und Entzündungen des Mundraums schluckten sie Weihrauchkörner.

Guten Erfolge bei Rheuma

Seit etwa zwei Jahrzehnten interessieren sich auch westliche Forscher und Ärzte wieder für die heilsame Wirkung von Weihrauchharz. Einer von ihnen ist der Frauenfelder Rheumatologe Hans-Rudolf Gugg. Einige seiner Patienten leiden an entzündlichen rheumatischen Erkrankun­gen. Zu ihnen zählen unterschiedliche Formen von Arthritis, bei denen Gelenke, aber auch Organe betroffen sein können. Hinzu kommen Patienten, die an Schup­penflechte, Psoriaris, erkrankt sind. Eine weitere Gruppe bilden Menschen mit chro­nisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa. So unterschiedlich diese Krankheiten auch sind: allen gemein ist die ausgelöste, anhaltende Entzündung. Die Betroffenen sind auf potente Medikamente angewie­sen, die auf Dauer schwere Nebenwirkun­gen haben können: Kortisonpräparate er­höhen die Infektanfälligkeit oder führen zu Osteoporose. Andere Medikamente, die vorwiegend das entgleiste Immun­system unterdrücken, können das Blut schwerwiegend verändern, die Bauchspei­cheldrüse oder die Lunge entzünden. Und nichtsteroidale Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac können Magengeschwüre auslösen. Deshalb behandelt Gugg seine Patienten nicht nur mit chemischen Mitteln, sondern auch mit pflanzli­chen Mitteln der Phytotherapie. «Weih­rauch ist dabei das potenteste Phytothera­peutikum», erklärt er. «Am meisten bringt es, Weihrauch bereits im Anfangstadium zu nehmen.» Bei leichteren Formen von entzündlichem Rheuma oder chronischen Darmerkrankungen könne damit die Er­krankung in Schranken gehalten werden. «Bei einem Viertel meiner Patienten mit beginnender Darmerkrankung und Arthritis reichen pflanzliche Mittel aus»

Weihrauch half, Cortison nicht

Zu Ihnen gehört Heidi Riesle, die in einer Küche arbeitet. «Ich hatte letzte Frühling plötzlich grosse Schmerzen in der ganzen rechten Hand, fast alle Gelenke waren an­geschwollen.» Als sie nichts mehr anfassen konnte, ging sie zu ihrem Hausarzt, der ihr während drei Wochen hintereinander zwei verschiedene Cortisonpräparate ver­schrieb. «Doch die Medikamente haben so gut wie nichts genützt», erzählt sie. Ihr Hausarzt überwies sie an Hans-Rudolf Gugg. «Ich war zunächst skeptisch, das Cortison half ja auch nicht», erinnert sie sich. Während vier Wochen nahm sie drei­mal täglich zwei Weihrauchtabletten ein. Dabei ging es ihr laufend etwas besser, die Schwellungen bildeten sich zurück und nach drei Wochen hatte sie fast keine Schmerzen mehr. Nach einem Monat re­duzierte Gugg die Dosis um die Hälfte, und Heidi Riesle ist zufrieden, denn sie hat zurzeit keine Beschwerden mehr, sodass sie ohne Weihrauch auskommt. Sobald es wieder anfangen sollte, will sie wieder Weihrauch einnehmen.
«Die Menschen reagieren sehr indivi­duell auf den Weihrauch. Einigen Patien­ten geht es schon nach einer Woche erheb­lich besser. Bei anderen kann es einen Monat dauern, bis die Weihrauchtherapie anschlägt», sagt der Arzt. Deshalb sind ge­genseitiges Vertrauen und die Geduld des Patienten besonders wichtig. Gugg ist von Wirkkraft des Weihrauchs überzeugt, auch wenn die Wirkmechanismen erst teilweise bekannt sind.

Der Weihrauchbaum
Olibanum heisst der strauchartige Weihrauchbaum, der 1,5 bis 7 Meter gross wird und zur Familie der Balsamgewächse gehört. Zum Gedeihen braucht er besondere Bedingungen: absolute Trockenheit und ein Boden mit einer bstimmten mineralischen Zusammensetzung. Diese Vorgaben erfüllen nur wenige Regionen. Sie liegen in Nordindien, Jemen, Oman und Somalia. Insgesamt werden 18 Gattungen unterschieden, die medizinisch wichtigsten sind Boswellia serrata (aus Indien), Boswellia carterii (aus Arabien) sowie Boswellia frereana (aus Somalia).

Hohe Wirkung – wenig Nebenwirkung

Spezialist fürWeihrauch und andere Phytotherapeutika ist Reinhard Saller. Er leitet seit 1994 das Institut für Naturheilkunde, das zum Universitätsspital Zürich gehört.  Saller und sein Institut beschäftigen sich intensiv mit pflanzlichen Wirkstoffen. «Beim Weihrauch sind es vor allem die so­genannten Boswelliasäuren, die in die Entzündungskaskaden des Körpers ein­greifen», erklärt der Professor. Weihrauch weist als Vielstoffgemisch ein viel breite­res Wirkungsspektrum auf als synthetisch hergestellte Medikamente. «Denn Natur­medikamente wie Weihrauch», erläutert Reinhard Saller, «sind pleiotrope Arz­neien: Sie haben mehrere, voneinander un­abhängige Wirkmechanismen.» Anders als bei synthetischen Medikamenten kann die eine oder andere Teilwirkung ausfallen und das Mittel nützt trotzdem. Bis eine Linderung spürbar wird, braucht es zwar meist mehr Zeit, dafür treten Nebenwir­kungen seltener auf. Ein Grund dafür vermutet Saller in den niedrigen Konzen­trationen der einzelnen Stoffe: «Dabei werden die Stoffwechselvorgänge nicht gänzlich blockiert oder überstimuliert.»

Saller und sein Team behandeln Patien­ten Hand in Hand mit Schulmedizinern. Bei den meisten rheumatischen Beschwer­den ist Phytotherapie fester Bestandteil der Therapie. «Weihrauch ist kein Wunder­mittel. Schwerkranken hilft er nur bedingt», relativiert er. Doch bei leichterer Ausprägung verspricht das Mittel durch­aus Erfolg. Besonders lohneswert ist die Gabe von Weihrauchtabletten bei Pso­riasis und der Darmerkrankung Colitis Ulcerosa. Die chronisch-entzündlichen Erkrankungen sind komplex und verlau­fen schubweise, wie ein Auf-und Ablo­dern. Mit Weihrauch ist es möglich, den Verlauf positiv zu beeinflussen. Die be­schwerdefreien Zeiträume werden länger. «Dann ist es auch möglich, chemische Wirkstoffe über eine längere Zeit zu redu­zieren, einige kommen zeitweise sogar ganz ohne aus.»

Nur im Appenzell zugelassen

Patienten müssen aber wissen: Weihrauch ist nicht gleich Weihrauch. Die Qualitäts­unterschiede sind gross. In Apotheken und Drogerien gibt es weihrauchhaltige Tabletten oder Cremes. Sie gelten als Nahrungsmittelergänzungen. Ärzte, die mit Weih­rauch therapieren, verwenden stets das­selbe Weihrauchpräparat. Es handelt sich um den Trockenextrakt «H15 Gufic» eines indischen Herstellers. Er ist rezeptpflichtig und nur im Kanton Appenzell Ausser­rhoden zugelassen. Ende 2013 läuft die kantonale Bewilligung aus. «Für die natio­nale Zulassung durch das Heilmittelinsti­tut Swissmedic brauchen wir klinische Studien», erklärt Stefan Binz, Geschäfts­führer der Ebipharm im bernischen Kirch­lindach, die «H15 Gufic» in die Schweiz importiert. «Und das können wir uns als mittelständisches Unternehmen leider nicht leisten.»

Inzwischen wurden im Parlament ver­schiedene Vorstösse eingereicht. Sie zielen darauf ab, dass die Appenzeller Registrie­rung entweder nochmals verlängert wird oder aber «H15 Gufic» im Rahmen der Heilmittelrevision vereinfacht zugelassen wird. «Wie letztlich entschieden wird, ist offen. Ich bin jedoch zuversichtlich», sagt Binz. Den Patienten ist es zu wünschen. .

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