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Heilsame Substanzen aus dem Meer

Kategorie: Gesundheit, Natur

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Zwei Drittel unserer Erde sind mit Ozeanen bedeckt. Sie bergen ein hohes Potenzial: Superfood und eine Vielzahl heilsamer Substanzen. Die Grünlippmuschel beispielsweise soll schmerzhafte Gelenke heilen können. Eine Betrachtung.

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Bereits Hippokrates (460– 377 v.Chr.), der «Vater der Medizin», soll es gewusst haben: Das Meer ist die Ur-Quelle, hier nahm das Leben seinen Anfang. Basierend auf seinem Wissen um die heilende Wirkung des Meeres soll der griechische Gelehrte seinen Zeitgenossen geraten haben, «sich dem Meer zu öffnen, um Anregung, Entspannung und Wohlbefinden zu erlangen». Heute ist Meerwasser mit seinen 25 wertvollen Mineralstoffen als Heilmittel anerkannt.


Algen gehören zu den ältesten Lebewesen der Erde. Sie sind – neben den grossen Wäldern – die zweite grüne Lunge unseres Planeten.

Aber auch so manche Meeresbewohner dienen unserer Gesundheit. Algen zum Beispiel. Sie gehören zu den ältesten Lebewesen der Erde und sind – neben den grossen Wäldern – die zweite grüne Lunge unseres Planeten. Blaualgen waren die ersten sauerstoffproduzierenden Organismen überhaupt. Durch Fotosynthese, der Umwandlung von Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasser in Glykose und Sauerstoff, schufen sie eine Atmosphäre, in der höheres Leben überhaupt erst möglich wurde.

Algen sind Kraftpakete
Algen sind wahre Vitalstoffbomben. Über ihre halbdurchlässige Membrane gelangen Mineralstoffe und Spurenelemente über die gesamte Oberfläche und in hoher Konzentration direkt ins Innere der Zellen. Der Seetang, eine häufige Algenart, wird heute denn auch als Superfood beworben: Er ist reich an Calcium, Magnesium, Eisen, Kupfer und Kalium, zudem liefert er Jod, Zink und Selen. Algen enthalten zudem die Vitamine A, C und E sowie den Vitamin-B-Komplex, einschliesslich B12. B12 kommt sonst vor allem in tierischen Produkten vor. Somit sind Algen eine interessante Alternative für die fleischlose Kost. Darüber hinaus enthalten Algen reichlich Omega-3-Fettsäuren und haben den höchsten Proteinanteil aller Pflanzen. Mit all diesen gesunden Inhaltsstoffen regen Algen viele Stoffwechselprozesse an, revitalisieren den Körper, stärken unser Immunsystem und unsere Nerven.



Unter den Braunalgen sind der Kombu (Laminaria japonica) und der Kelp (Saccharina latissima), auch als Zuckertang bekannt, besonders ballaststoffreich. Eine Studie der US-amerikanischen University of Berkeley liess die Fachwelt aufhorchen. Demnach sollen die Algensorten Kombu und Kelp auch Substanzen enthalten, die Östrogene hemmen können. Experten diskutieren nun, ob Algen womöglich prophylaktisch gegen Brustkrebs wirken.

Doch Vorsicht: Der hohe Jodanteil einiger Algensorten kann für Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen gesundheitsgefährdend sein. Diese Patienten sollten eine regelmässige Algenkost bzw. die Einnahme von Algenpräparaten zunächst mit dem Arzt besprechen.

Spurenelemente vs. Artenschutz
Spitzenreiter unter den Mineralstofflieferanten aus dem Meer sind indes Korallen. Die einfach gebauten wirbellosen Tiere verwerten den von der Alge durch Photosynthese produzierten Zucker; im Gegenzug bieten sie der Alge einen geschützten Lebensraum und wichtige Nährstoffe. Die Sango-Meeres-Koralle etwa liefert 70 Spurenelemente sowie die basischen Mineralstoffe Calcium und Magnesium. Durch das günstige Verhältnis 2:1 sind diese beiden Vitalstoffe hoch bioverfügbar, sie gelangen also besonders schnell und reichlich in den Blutkreislauf. Viele Korallenarten stehen jedoch unter Artenschutz. Es sollten deshalb nur Sango-Korallen genutzt werden, die sich durch natürliche Prozesse von den Korallenbänken gelöst haben. Je grösser die Nachfrage, desto grösser die Gefahr, dass Korallenbänke ausgebeutet werden.

Um die tatsächliche heilsame Wirkung eines weiteren Meeresschatzes wird kontrovers diskutiert: Die Inhaltsstoffe der Grünschalmuschel, im Volksmund als Grünlippmuschel bekannt, sollen stoffwechselaktivierend, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken. Grünlippmuschelpräparate werden denn auch bei vielerlei Beschwerden eingesetzt, etwa bei Entzündungen des Magen-Darm-Trakts, Gicht, Asthma, Allergien, Osteoporose, Multipler Sklerose, Rheuma, Morbus Bechterew, Arthritis oder Arthrose. Die regelmässige Einnahme soll gar chronisch entzündliche Beschwerden im Bewegungsapparat, etwa in den Knien, heilen können. Tatsächlich sind Grünlippmuscheln reich an Glykosaminoglykane (GAG), einem körpereigenen Stoff, der wichtig ist für die Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit. GAG haben einen grossen Anteil an der reibungslosen Funktionsweise von Knorpel und Knochenstrukturen.

Umstrittene Grünlippmuscheln
Laut Buchautorin Ellen Heidböhmer wurde «die stark entzündungshemmende Wirkung» der Grünlippmuschel bereits in den 1960er-Jahren entdeckt – eher zufällig, bei der Suche nach Heilmitteln aus dem Meer für die Krebstherapie. «Grünlippmuschelextrakt», schreibt sie in ihrem Buch «Heilen mit der Kraft des Meeres», «wirkt ähnlich wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen, hat jedoch nicht deren Nebenwirkungen.» An anderer Stelle erklärt sie, dass GAG eine bedeutende Rolle in der Zellenmatrix spielen und wie sie als Gerüstsubstanz für die Gelenkknorpel und als Nährstoff für die Gelenkschmiere dienen.



Inwieweit die Inhaltsstoffe der Grünlippmuschel tatsächlich zur Linderung von entzündlichen Gelenkerkrankungen taugen, dieser Frage widmete sich letztes Jahr die deutsche Verbraucherzentrale. In ihrer Online-Publikation vom Juli 2018 weist sie darauf hin, dass Studien fehlen, die wissenschaftlich abgesicherte Belege für die behaupteten Wirkungen liefern. Ferner weist die deutsche Verbraucherzentrale darauf hin, dass die wenigen vorliegenden Studien zu Grünlippmuschelextrakt zur Vorbeugung von Gelenkbeschwerden wissenschaftlich nicht überzeugen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie die Natural Standard Research Collaboration, die sich ebenfalls um objektive wissenschaftliche, das heisst evidenzbasierte Analysen bemühen, sehen keine nachhaltigen Belege für eine positive Wirkung bei Patienten mit rheumatischer Arthritis.


Grünlippmuschelextrakte werden – meist ohne Beratung – als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, grosse Mengen übers Internet. Das ist heikel.

Selbstversuch mit Einschränkungen
Und wie sieht es im wahren Leben aus? Bei den neuseeländischen Maori stehen Grünlippmuscheln fest auf dem Speiseplan. Durch ihren regelmässigen Verzehr sollen die Ureinwohner und Küstenbewohner – im Gegensatz zu der Bevölkerung im Landesinnern – weniger Probleme mit dem Bewegungsapparat haben. So zumindest wird es kolportiert. Gesundheitserhebungen der neuseeländischen Regierung indes zeigen ein anderes Bild: Erwachsene Maori schnitten demnach bezüglich chronischer Erkrankungen wie Arthritis im Vergleich mit anderen Bevölkerungsgruppen sogar schlechter ab.

Vieles spricht also eher gegen die Wirksamkeit der Grünlippmuscheln. Wer aber Gelenkschmerzen hat, für den kann eine Therapie damit allemal einen Versuch wert sein. Allerdings gibt es Einschränkungen respektive durchaus begründete Vorbehalte. Grünlippmuschelextrakte werden – meist ohne Beratung – als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, grosse Mengen übers Internet. Denn im Gegensatz zu Arzneimitteln benötigen Nahrungsergänzungsmittel keine behördliche Zulassung, um sie auf den Markt zu bringen; auch müssen keine Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweise vorgelegt werden. Das Problem: Es gibt grosse Qualitätsschwankungen. Mitunter sind die Extrakte mit Mikroplastik oder Schwermetallen belastet. Ganz unbedenklich ist die Einnahme von GrünlippmuschelPräparaten also nicht, zumal sie auch mit verschiedenen Algentoxinen belastet sein können. Die deutsche Verbraucherzentrale rät Konsumenten daher, sich die Laboranalyse vorlegen zu lassen; seriöse Anbieter würden dies gerne tun. Wer mit der Interpretation der Analyse alleine nicht zurechtkommt, kann sich an einen erfahrenen Apotheker wenden.

Viele Rheumamittel wirken nicht

Rund 60 Prozent aller Rheuma- und Arthrosepatienten nehmen frei verkäufliche Medikamente gegen ihre Beschwerden. Sie sind in Apotheken, Drogerien, Bioläden oder ohne Rezept übers Internet erhältlich. Die britische Arthritis Research Campaign, eine gemeinnützige Organisation für Rheumaforschung, hat einige dieser Heilmittel geprüft. Das Ergebnis war ernüchternd. Von den 21 Arzneien gegen rheumatische Arthritis hatten 13 keinen oder nur einen geringen Effekt – darunter auch Grünlippmuschelextrakt. Positiv wirkten Fischöl und Chilischoten, wobei Fischöl (Omega3-Fettsäuren) die beste Bewertung aller frei verkäuflichen Arzneien erhielt, da es sowohl die Schmerzen als auch die Steife der Gelenke abschwächt. Wirksam sind auch rezeptpflichtige Gels und Pflaster mit Capsaicin, einer Substanz aus der Chilischote. Regelmässig angewandt verringern sie die Schmerzen und fördern die Beweglichkeit. Belegt ist auch die positive Wirkung von Weidenrinde und Teufelskralle.

Buchtipps

Ellen Heidböhmer
«Heilen mit der Kraft des Meeres»,
Herbig 2009, ca. Fr. 15.–

Michael Nehls
«Algenöl. Die Ernährungsrevolution aus dem Meer»,
Heyne 2018, ca. Fr. 25.–

Fotos: mauritius-images.com | iStock.com

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