Heilen mit Nährstoffen

Anja Huber | Ausgabe_5_2018

Unsere Nahrung enthält immer weniger Nährstoffe, dafür immer mehr Schadstoffe. Denn unsere Böden sind ausgelaugt und belastet. Können Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpillen das kompensieren?

@ istockphoto.com

Wie ein Auto das Benzin, so braucht auch unser Körper «Treibstoff», um optimal zu funktionieren: Dazu zählen hauptsächlich Wasser und Luft, aber auch Kohlenhydrate, Fette, Eiweiss und Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Um den Körper mit diesen wichtigen Vitalstoffen zu versorgen, setzen viele auf die empfohlene «ausgewogene und bewusste Ernährung» mit viel Gemüse und Getreide. Aber reicht diese heutzutage noch aus, um den täglichen Bedarf an Mikronährstoffen zu decken? Oder vergiften wir uns gar mit unseren Nahrungsmitteln?

Sicher ist: Stoffe, die natürlicherweise in der Umwelt vorkommen oder durch industrielle Prozesse in diese freigesetzt werden – im Fachjargon «Umweltkontaminanten» genannt – gelangen als Verunreinigungen der Luft, des Wassers und des Bodens auch in die Nahrungskette. So sind immer mehr Lebensmittel mit toxischen Schwermetallen, Dioxinen, polychlorierten Biphenylen (PCB) und ähnlichen Stoffen belastet. In der Regel handelt es sich dabei um Spuren, die nur dank ausgereiften Analysemethoden überhaupt nachweisbar sind.

Der Kreis schliesst sich

«Unsere Erde kann als nahezu geschlossenes System angesehen werden. Das, was wir produzieren und in die Umwelt entlassen, werden wir irgendwann, vielleicht nur in kleinsten Spuren, auch in Lebensmitteln und Humanproben nachweisen können», sagt Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Das BfR berechnete schon 2010, welche Mengen an Cadmium, Blei, Quecksilber, Dioxinen und PCB sich Verbraucher üblicherweise mit der Nahrung zuführen.

Die Ergebnisse zeigen, dass wir auch durch eine «ausgewogene und bewusste Ernährung» heutzutage zahlreiche Giftstoffe aufnehmen: Wer viel Gemüse und Getreide verzehrt, nimmt damit auch viel Cadmium auf; über Getreide gelangt Blei in den Organismus; und wer Fisch verzehrt, verspeist damit auch Methylquecksilber. Quecksilber gelangt auch über Getreide, Gemüse und Fleisch in unseren Körper. Dioxine und PCB schliesslich stecken vor allem in Milchprodukten und Fleisch.

Ein Teufelskreis

Doch damit nicht genug. Kritische Stimmen behaupten, dass in Gemüse, Getreide und Früchten immer weniger Nährstoffe stecken, da die Böden zunehmend ausgelaugt sind. So kommt eine US-Studie zu dem Schluss, dass der Gehalt an Vitalstoffen in natürlicher Kost seit den 70er-Jahren rapide abgenommen hat: Den Verlust von Vitamin A in Äpfeln beispielsweise beziffern die Autoren auf 41 Prozent. Paprika habe um 31 Prozent weniger Vitamin C und Brokkoli nur noch die Hälfte an Eisen. «Sie müssen heute zehnmal so viel Obst und Gemüse essen, um die gleiche Menge an Vitaminen und Mineralstoffen wie vor 50 Jahren zu bekommen», stellt der Studienleiter fest.

Das sei Unsinn, sagen die Ernährungsexperten von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). Sie betonen aber, dass sich der Nährstoffgehalt von Grünkost schon wenige Tage nach der Ernte durch die Luft- und Lichteinwirkung stark verringert. In Zeiten, wo lange Transportwege und Lagerzeiten mehr Gewinne versprechen als frische Lebensmittel aus der Region, können sich Konsumenten also nicht sicher sein, dass noch viele Mikronährstoffe in «frisch» angebotenem Obst und Gemüse stecken.

Generell sind die Nährstoffgehalte von frischen Produkten und Tiefkühlware am höchsten, so die SGE. Die Vitamin- und Mineralstoffverluste durch das Einfrieren seien sehr gering und würden nur wenige Prozent betragen gegenüber erntefrischer Ware, die rasch verarbeitet wird. Aber: Wo bekommt man noch täglich wirklich erntefrische Ware, wenn man nicht selbst ein Gemüsebeet pflegt?

Das eigentliche Dilemma ergibt sich aber erst, wenn man den abnehmenden Nährstoffgehalt unserer Nahrung mit deren steigendem Gehalt an Umweltkontaminanten in Verbindung bringt: Denn Cadmium zum Beispiel bremst die Aufnahme von Zink; Blei verhindert ebenfalls, dass wir Zink, aber auch Calcium, richtig verstoffwechseln. Quecksilber wiederum blockiert die Aufnahme von Selen. Und Aluminium bremst nicht nur Zink und Calcium, sondern auch Magnesium und Eisen im Körper aus.

Neben solchen und anderen Umweltbelastungen zerrt auch noch der alltägliche Stress an unseren körpereigenen Ressourcen. Und wer Medikamente einnehmen muss, raucht  oder regelmässig Alkohol konsumiert, beschleunigt den Verbrauch von lebenswichtigen Mikronährstoffen im Körper zusätzlich.

"Besser nicht selbst rumdoktern."
Olivier Ruppen, wie kann man feststellen, ob der Körper eines Patienten genügend Vitalstoffe bekommt?

Indem man ein biochemisches Profil erstellt. Dabei werden Blut- und Urinproben auf Vitamine, Aminosäuren, Mineralstoffe, Spurenelemente, Fettsäuren und toxische Belastungen wie Schwermetalle hin untersucht. Letzteres ist wichtig, weil Schwermetalle die Aufnahme der lebenswichtigen Substanzen blockieren können. Manchmal sind auch Stuhlproben nötig, etwa um festzustellen, ob der Darm die Mikronährstoffe auch richtig aufnimmt.
Unsere Lebensmittel enthalten immer weniger Nährstoffe, unter anderem weil die Böden zunehmend ausgelaugt sind. Sollte daher jeder ein Kombi-Vitalstoff-Präparat einnehmen?
Man sollte besser nicht selbst rumdoktern und irgendwelche Substanzen auf Verdacht hin einnehmen. Die individuelle Beratung durch eine Fachperson ist sehr wichtig, denn nicht jeder benötigt dieselben Mikronährstoffe. Wer sich also wirklich Gutes tun will, sollte alle paar Jahre sein biochemisches Profil anfertigen lassen; spätestens aber bei andauernden Beschwerden.
Bei welcher Art von Beschwerden ist die Erstellung eines solchen Profils besonders empfehlenswert?
Bei allen immunologischen Geschichten, wie Infektanfälligkeit, Allergien und Autoimmunerkrankungen. Auch bei neurologischen Erkrankungen, Fertilitätsstörungen und einem Verdacht auf Entzündungen im Körper, zum Beispiel Asthma, Rheuma oder Stress, rate ich zu einem biochemischen Profil.
www.paramed.ch

Zur Person
Olivier Ruppen,
Naturheilpraktiker TEN bei Paramed. Seine Fachgebiete sind nebst der  orthomolekularen Medizin die spinale Integration bei Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen sowie Stressbewältigung für Kinder und Erwachsene.



Im Mangel, trotz Überfluss

Jeder Mensch ist auf die regelmässige und ausgewogene Zufuhr von Mikrovitalstoffen in bestimmten Mengen angewiesen. Sie versorgen die Zellen unseres Körpers mit wichtigen Treibstoffen. Nur so ist die Voraussetzung für einen störungsfreien Stoffwechselablauf und eine optimale Leistungsfähigkeit des menschlichen Organismus sichergestellt. Die deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Ernährung geben daher die sogenannten DACH-Referenzwerte heraus, die besagen, wie viel bestimmter Nährstoffe der Körper täglich braucht, um gesund zu bleiben.

Doch obwohl wir heute (vermeintlich) so gut versorgt sind wie nie, nehmen chronische Krankheiten zu. Dafür werden nicht zuletzt unser moderner Lebensstil und Umweltbelastungen verantwortlich gemacht. «Wir leben im Mangel, trotz Überfluss», meint etwa der Naturheilpraktiker Olivier Ruppen. «Die allermeisten von uns konsumieren viel zu viel Fett, Zucker und Eiweiss und zu häufig Alkohol und Fleisch. Dazu bewegen wir uns zu wenig. Durch solch einen ungesunden Lebensstil erhöhen sich die Verluste an Mikronährstoffen noch zusätzlich», warnt der bei Paramed in Baar praktizierende Therapeut, der unter anderem auf die sogenannte orthomolekulare Medizin spezialisiert ist.

Ausweg orthomolekulare Medizin?

Die orthomolekulare Medizin geht auf den amerikanischen Biochemiker und zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling (1901–1994) zurück. Er begründete diese alternative Heilmethode im Jahr 1968. Pauling glaubte, durch die Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen könne man Krankheiten vorbeugen. Er selbst schluckte täglich Riesenmengen Vitamin C, E und A – und wurde 94 Jahre alt.

Heute werden in der orthomolekularen Medizin, auch Orthomolekularmedizin genannt, nicht nur Vitamine und Mineralstoffe, sondern auch Spurenelemente, Aminosäuren, Enzyme, bestimmte Pflanzenstoffe und Fettsäuren eingesetzt. «Durch deren gezielte Gabe bewirkt man eine Veränderung der Konzentrationen von Substanzen im menschlichen Körper», sagt Ruppen und erklärt: «Hauptziel ist das Beheben von Krankheitsursachen und Erhalten oder Wiederherstellen eines gesunden biochemischen Gleichgewichts im Körper. Denn jede Krankheit oder Beschwerde ist letztlich die Folge eines aus dem Gleichgewicht geratenen Systems.»

Die Priorität liegt zwar auf der Vorbeugung von Beschwerden, doch auch im Krankheitsfall erweist sich die orthomolekulare Therapie als hilfreich. Ruppen berichtet von einer Patientin, die jahrelang unter Depressionen, ständigen Infekten und Haarausfall litt. «Schulmediziner entfernten ihr die Mandeln, gaben ihr drei verschiedene Psychopharmaka und versuchten verschiedenste Mittel gegen Haarausfall. Doch besser ging es ihr dadurch nicht.»

Heilen mit Vitalstoffen

Schliesslich, erzählt Ruppen weiter, landete die Frau im komplementär-medizinischen Zentrum in Baar. «Wir haben ein biochemisches Profil der Patientin erstellt und eine massive Störung ihres Zinkstoffwechsels festgestellt», erläutert Ruppen. «Ist nicht genügend Zink im System, kann das zu Infektanfälligkeit, Haarausfall oder Depressionen führen.» Tatsächlich nahmen laut Ruppen bei der Patientin alle Symptome ab, nachdem sie, unter anderem, für ein paar Monate hochdosiert Zink eingenommen hatte.

Trotz solcher positiven Patientenbeispielen und immer mehr Studien, die orthomolekularen Therapien einen positiven Effekt bescheinigen, wird diese alternativmedizinische Methode nicht von allen Schulmedizinern anerkannt, ebenso wenig von den obligatorischen Krankenkassen. Doch immer mehr Thesen der Orthomolekularmedizin, die früher noch belächelt wurden, setzen sich auch in der Schulmedizin durch. Dazu zählen etwa die Anwendung von Magnesium gegen Wadenkrämpfe oder von Vitamin E zur Vorbeugung von Venenverkalkung. Seit Jahren Usus ist auch die Gabe von Folsäure vor und während der Schwangerschaft, um kindliche Missbildungen zu vermeiden.

Bei all dem sollte man jedoch beachten, dass es durch eine längerfristige Einnahme von hochdosierten Vitaminpräparaten auch zu gesundheitlichen Schäden kommen kann – insbesondere, wenn kein Mangel bzw. Bedarf durch geschulte Therapeuten festgestellt wurde. 

Fotos: istockphoto.com, zvg

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Natürlich im Juli 2018


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