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Gendermedizin

Kategorie: Gesundheit

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

In der medizinischen Forschung hat man lange mit einem «Ein-Mensch-Modell» gearbeitet: dem männlichen. Die Frau war die Abweichung davon. Die Gendermedizin will das mit gutem Grund ändern – und die Naturheilkunde wird davon profitieren.

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Frauen sind anders krank als Männer. Die medizinische Forschung hat das lange vernachlässigt. Erkenntnisse, die ausschliesslich auf Studien mit Männern beruhen, sind teilweise eins zu eins auf Frauen übertragen worden – ohne den möglichen Einfluss des Geschlechts zu berücksichtigen. Erst Anfang der 1990er Jahre setzte eine Entwicklung ein, die zum Umdenken und zur sogenannten Gendermedizin führte. Es zeigte sich beispielsweise, dass Lungenkrebs Frauen bei derselben Anzahl gerauchter Zigaretten zu 170 Prozent häufiger trifft als Männer. Oder dass Frauen nach einem Schlaganfall ihre Sprachfähigkeit sehr viel leichter zurückerlangen als Männer. Und auch bei den Herz-Kreislauf-Krankheiten gibt es deutliche Unterschiede.

In den USA wurde man hellhörig, als eine Studie zeigte, dass Bypass-Operationen bei Männern häufiger durchgeführt werden als bei Frauen. Zunächst vermutete man, die Studie sei fehlerhaft; Männer würden vorsätzlich überbehandelt werden, da Herzoperationen lukrativ sind. Um diesen Verdacht auszuräumen, folgten weitere Studien. Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden, wurden nun genauer betrachtet – mit erstaunlichen Erkenntnissen, wie die Schweizer Genderpionierin Elisabeth Zemp erläutert: «Sie zeigten, dass Frauen durchschnittlich rund zehn Jahre älter sind, wenn sie einen Herzinfarkt erleiden. Und dass bei ihnen zum Zeitpunkt des Auftretens von Herzinfarkten Begleitkrankheiten häufiger sind als bei Männern. Daraufhin wurden auch geschlechtsspezifische Besonderheiten des Krankheitsbilds selbst beforscht und man wurde unter anderem auf unterschiedliche Symptomausprägungen aufmerksam.»

Seit 2009 leitet Zemp am Schweizerischen Tropenund Public-Health-Institut in Basel die Forschungsgruppe «Society, Gender and Health». Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Forschung betreffen die sexuelle und reproduktive Gesundheit, die Rolle von Geschlecht bei Atemwegsund Herz-Kreislauferkrankungen sowie den Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Schweiz ist vorne dabei
Elisabeth Zemp befasste sich in ihrer Dissertationsarbeit mit der noch jungen Fachrichtung Gendermedizin. «Dabei wurde ich auf die Forschungslücken bezüglich Frauengesundheit aufmerksam.» Nach der Spezialisierung in «Public Health» in der Schweiz und an der Harvard School of Public Health in Boston entwickelte sie am Institut Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel einen Schwerpunkt zu Frauen, Gender und Gesundheit. Die Schweiz im internationalen Vergleich beurteilt sie positiv: «Es gibt eine beachtliche Anzahl von Beiträgen zu wissenschaftlichen Grundlagen mit genderbezogenen Ergebnissen, wie beispielsweise Daten des Schweizer Herzinfarktregisters. Sie zeigen interessante, geschlechtsbezogene Trends in der Herzinfarktbehandlung auf.» Zudem würden in der Schweiz geschlechtsbezogene Programme durchgeführt, etwa das Programm «Frau und Herz» der Schweizerischen Herzstiftung.

Auch hinsichtlich medizinischer Aus- und Weiterbildung für Ärzte tut sich einiges. Gendermedizinische Lehraktivitäten gibt es an den Universitäten in Basel und Lausanne, wenn auch punktuell und nicht so systematisch wie in Berlin, Wien oder in den Niederlanden. Dafür hat nun auch Zürich für das Herbstsemester 2018 eine Gastprofessur für Gendermedizin berufen.

Gefragt: Elisabeth Zemp Sind

Ärztinnen die besseren Ärzte?
Gendermedizin stellt das Gesundheitswesen nicht auf den Kopf, aber sie schärft den Blick für die Unterschiede. Wieso das wichtig ist, erklärt Elisabeth Zemp, Professorin am Public-HealthInstitut in Basel und die Pionierin für Gendermedizin in der Schweiz.

Interview: Gundula Madeleine Tegtmeyer

Elisabeth Zemp, wieso sollten wir Krankheiten geschlechtsspezifisch betrachten? Elisabeth Zemp: Es gibt mehrere Faktoren. Ich möchte auf zwei hinweisen: Erstens, Menschen sind unterschiedlich. Geschlecht ist einer der Faktoren, der eine Diversifizierung bewirkt, ähnlich wie das Alter. Daher greift ein einheitliches Menschenmodell zu kurz, auch im Gesundheitsbereich. Zweitens sind mit dem Geschlecht in jeder Gesellschaft Bedeutungen und Rollenzuschreibungen verbunden. Diese drücken aus, was für Frauen und was für Männer typisch, angemessen und sozial erwünscht ist. Das beeinflusst den Spielraum der Lebensgestaltung und somit das, was Menschen im Lauf des Lebens erleben und erfahren. Das wiederum wirkt sich auch auf den Körper aus und führt eben zu einer geschlechtlich geprägten Gesundheit.

Wie erklären sich die medizinisch relevanten Unterschiede zwischen Mann und Frau?
Es gibt verschiedene Ursachen, biologische sowie sozialgesellschaftliche. Zu den vielfältigen biologischen Faktoren gehören genetische, anatomische, immunologische und hormonelle Faktoren und Funktionsweisen des Stoffwechsels. Auch zahlreiche sozialgesellschaftliche Faktoren wirken sich auf die Gesundheit aus: die bereits erwähnte und mit dem Geschlecht verknüpfte Lebensweisen, Umgang und Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie Risikoverhalten, aber auch Ressourcen wie Wissen und Geld, die für die Gesundheit eingesetzt werden können, oder der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen.

Welches sind die signifikantesten Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Ich würde die Unterschiede in drei Gruppen unterteilen, die je nach Weltregion oder Land und der Ausgestaltung der jeweiligen Gesundheitssysteme unterschiedlich stark relevant sein können: Als wichtigsten Unterschied sehe ich die unterschiedlich hohe Lebenserwartung, verursacht durch bekannte, mit geschlechtlich geprägten Lebensweisen einhergehenden Krankheiten wie Lungenkrebs, Alkoholsucht oder vorzeitigen Herzinfarkt, aber auch durch Unfälle und Suizide. Dann bewirkt die Geschlechtlichkeit – im Sinne der sexuell-reproduktiven Dimension – einen unterschiedlichen Lebensverlauf, generell wie auch bezüglich der Gesundheit. Es gibt eindeutig geschlechtsspezifische Belange wie Gebärmutteroder Prostataerkrankungen.

Frauen werden überdosiert
«Gleichstellung von Mann und Frau in der Medizin bedeutet, den Blick für die Unterschiede zu schärfen», sagt die Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin Kerstin Schmit von der Zürcher «Praxisgemeinschaft – Zentrum für erweiterte Diagnostik». Sie hat sich auf Ganzheits- und Gendermedizin spezialisiert. «Frauen», sagt sie, « haben das aktivere Immunsystem. Das klingt zunächst erfreulich, hat aber auch eine Kehrseite: Da das Immunsystem der Frauen stärker reagiert, treten bei ihnen häufiger Autoimmunerkrankungen auf als beim Mann, etwa Multiple Sklerose, rheumatische Arthritis und nicht zuletzt chronische Schilddrüsenerkrankungen, die wir bei Frauen häufig diagnostizieren.» Da stellt sich die Frage: Was schützt den Mann vor diesen Leiden? Und genau dieser Frage geht Schmit in einer aktuellen Studie nach. Sie «postuliert, dass das Testosteron der schützende Träger zu sein scheint».

Auch in Sachen Medikamente gibt es gravierende Unterschiede. So leiden Frauen generell öfter an Nebenwirkungen. Dass Medikamente bei Patientinnen anders wirken als bei Männern, hat laut Schmit zahlreiche Ursachen. So sind Frauen in der Regel kleiner und leichter als Männer; ein wichtiger Punkt sind auch die organischen Voraussetzungen, wie unterschiedliche Verstoffwechslung von Medikamenten, die beim Mann durch erhöhte Leberenzymstoffwechsel und Nierenfunktion begünstigt ist. Auch das Verhältnis von Wasser, Fett und Muskelmasse spielt dabei eine Rolle, wie Schmit erklärt: «Da Frauen einen höheren Fettanteil haben, speichern sie manche Medikamente besser. Deshalb reagieren Frauen mit mehr Nebenwirkungen.»

Es gibt noch viele weitere Unterschiede. So ist die Leber bei Frauen kleiner, zudem sind manche Enzyme bei ihnen weniger aktiv – beides hat Einfluss auf den Abbau von Arzneimitteln. Ältere Frauen leiden zudem häufig unter einer Nierenschwäche, was zur Folge hat, dass Medikamente länger im Körper bleiben – das kann zu Überdosierungen führen. Weiter arbeitet der weibliche Darm meist langsamer als der von Männern. Die Konsequenz: Schädliche Substanzen in der Nahrung haben mehr Zeit, die weibliche Darmwand anzugreifen.

Diese und weitere geschlechtsspezifische Faktoren werden von vielen Ärzten kaum oder gar nicht beachtet. Folglich werden Arzneien bei Frauen oft überdosiert. Deshalb rät Kerstin Schmit: «Fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt, ob das Ihnen verordnete Medikament geschlechtsspezifisch getestet wurde.»

Wenn Frauenherzen aus dem Takt geraten
Biologisch sind Frauen besser gegen krankhafte Veränderungen ihrer Arterien geschützt als Männer. Das verdanken sie bis zu den Wechseljahren hauptsächlich den weiblichen Hormonen. Nach den Wechseljahren nimmt diese Schutzwirkung ab. Zudem pflegen viele Frauen immer mehr einen «männlichen» Lebensstil. Dies hauptsächlich in Bezug auf das Rauchen, und weil sie oft unter Dauerstress durch Mehrfachbelastungen stehen. Die wichtigsten Gefahren für Herz und Kreislauf von Frauen sind:

Rauchen
Die schädliche Wirkung des Rauchens wird noch verstärkt durch die Kombination mit hormoneller Empfängnisverhütung.

Hoher Blutdruck
Neben anderen Faktoren können auch die Einnahme der Pille oder eine Schwangerschaft einen Blutdruckanstieg bewirken. Hoher Blutdruck ist der Hauptrisikofaktor für einen Hirnschlag.

Ungünstige Blutfettwerte
Ein hoher Cholesterinspiegel geht meistens mit einer Zunahme des «schlechten» LDL-Cholesterins einher. Dagegen übt das «gute» HDL-Cholesterin eine schützende Funktion auf die Arterien aus. Bis zu den Wechseljahren haben Frauen in der Regel mehr «gutes» Cholesterin als Männer. Aber auch Frauen können zu wenig HDL-Cholesterin haben. Dies ist zum Beispiel der Fall bei übermässigem Tabakkonsum, bei zu grossem Bauchumfang, bei Diabetes oder erblicher Belastung. Nach der Menopause weist mehr als die Hälfte der Frauen erhöhte Blutfettwerte auf. Diese liegen im Schnitt höher als bei gleichaltrigen Männern.

Diabetes 
Gemäss neueren Untersuchungen leiden in der Schweiz rund 265 000 Personen an Diabetes, die Hälfte davon sind Frauen. An Diabetes erkrankte Frauen sind anfälliger für einschneidende Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer.

Stress 

Gestresste Frauen haben ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt. Zudem begünstigt Stress die Entstehung anderer Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, ungesunde Ernährung und Übergewicht.

Übergewicht, Fettleibigkeit
Übergewicht ist eine Gefahr für die Gesundheit. Für das Herz insbesondere, wenn sich das Fett in der Bauchgegend ansetzt. Gerade dazu aber neigen Frauen oft stark nach den Wechseljahren. Allerdings sollten Frauen in diesem Alter – solange ihr Gewicht im Normalbereich liegt – auch akzeptieren, dass der Körper sich verändert. Bei leichtem Übergewicht kann der dauernde Versuch abzunehmen die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Alkohol
Alkohol schadet Frauen bereits in geringeren Mengen als Männern. Trinken Sie als Frau höchstens ein bis zwei Glas Wein – und dies möglichst nicht jeden Tag. Übermässiger Alkoholkonsum steht in Zusammenhang mit der häufigsten Herzrhythmusstörung, dem Vorhofflimmern. Ausserdem besteht die Gefahr der Abhängigkeit.

Bewegungsmangel
Bewegung tut dem Herzen gut. Die Schweizerische Herzstiftung empfiehlt idealerweise 30 Minuten Bewegung pro Tag, mindestens jedoch 2½ Stunden pro Woche, mit mittlerer Intensität. Oder 1¼ Stunden wöchentlich sportliche Bewegung mit hoher Intensität.

Mehr Infos zum Thema finden Sie auf der Website der Schweizerishen Herztifung:
www.swissheart.ch 

Von Männern und Mäusen

Bei Männern über 70 Jahre hingegen bleibt die Osteoporose oft unerkannt. Und auch Depressionen zeigen sich anders, weiss Schmit: «Männer neigen eher zu Aggression und trinken mehr Alkohol. Frauen hingegen ziehen sich eher zurück, werden passiv und antriebslos. Psychosomatische Beschwerden treten bei Frauen wesentlich häufiger auf, ebenso Reizdarmbeschwerden, Kopfschmerzen und Migräne.» Eine Erklärung dafür scheint der unterschiedliche Umgang mit Stress und emotionalen Belastungen zu sein. Frauen reagieren darauf mit einem stärkeren Pulsanstieg, Männer mit einem erhöhten Blutdruck.

Um die Zulassung für einen neuen Wirkstoff zu erhalten, braucht es Medikamententests. Diese werden fast ausschliesslich an jungen, männlichen Mäusen getestet. «Wirkstoffe, die nur bei weiblichen Tieren eine gute Wirkung zeigen, kommen erst gar nicht in die Forschung», sagt Vera Regitz-Zagrosek, Leiterin des Institutes für Geschlechterforschung an der Berliner Charité und Mitbegründerin der Gendermedizin in Deutschland, in einem Interview mit der deutschen «Apotheken Umschau». Fakt sei auch, dass Frauen hormonellen Schwankungen unterliegen, die wiederum die Ergebnisse verwässern würden – ein Argument, das angeführt wurde, um Frauen als Testpersonen auszuschliessen. Zudem können Frauen schwanger werden. Und da will man seit dem Contergan-Skandal, bei dem ein Schlafmittel zu Missbildungen bei Tausenden Kindern geführt hatte, kein Risiko mehr eingehen. Und so kommen heute zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Studien auf eine weibliche Testperson etwa vier männliche Probanden.

Wie ernst geschlechterspezifische Aspekte genommen werden müssen, zeigt sich auch am Beispiel Digoxin. Das Medikament wird Patienten mit Herzschwäche verschrieben. Als Ärzte begannen, ihre Daten getrennt nach Geschlechtern zu analysieren, waren sie alarmiert: Demnach hilft Digoxin nur Männern. Frauen hingegen, die das Medikament einnahmen, starben im Schnitt sogar früher an Herzproblemen als jene, die das Mittel nicht nahmen.

Mann und Frau unterscheiden sich in jeder Körperzelle. Und auch die Hormone unterscheiden sich markant. Das zeigt sich zum Beispiel bei Impfungen. Da haben die Männer das Nachsehen, denn Testosteron hemmt die Abwehr, Östrogen hingegen pusht sie. Das erklärt, warum der Impfschutz bei Frauen in der Regel länger anhält.

Auch im Bereich der kardiologischen Rehabilitation gelte es, geschlechterspezifischen Aspekten mehr Rechnung zu tragen, betont Schmit: «Frauen zeigen eine deutlich stärkere Beeinträchtigung vor Beginn einer Reha. Sie lassen sich aber besser emotional ‹abholen› als Männer. Das lässt sich therapeutisch nutzen.»

Lange galt die Frau als Abweichung vom «Ein-MenschModell». Bei Männern hingegen wurden «frauenspezifische» Krankheiten verkannt. Die Gendermedizin ist daran, das zu ändern und den gendersensiblen Blick zu schärfen. Schliesslich geht es um viel mehr als um den «kleinen Unterschied». Und das ist gut so.

Buchtipp 



Marek Glezerman «Frauen sind anders krank. Männer auch. Warum wir eine geschlechtsspezifische Medizin brauchen», Mosaik Verlag 2018, Fr. 28.90

 

 

 

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