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Gefährliche Verwandtschaften

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 11 - 2011 - 01.11.2011

Text:  Heinz Knieriemen

Heinz Knieriemen über Der Essigbaum hat ein farbenprächtiges Blätterkleid, seine Früchte werden als Färb- und Gerbmittel sowie als Gewürz verwendet. Hochgiftige Verwandte haben seinen Ruf aber nachhaltig ramponiert.

Der Indian Summer, der im Herbst die Wälder des nordöstlichen Amerikas in ein Meer von Rot, Gelb, Orange und Purpur verwandelt, ist ein eindrückliches Naturwunder. Unter den farbenprächtigen Bäumen und Sträuchern ist der Essigbaum ein eigentlicher Paradiesvogel.

Traditionell sammeln in Ohio die Kinder vom Herbst bis in den frühen Winter die roten Beeren des Strauchs und brauen daraus eine rosafarbene Limonade. Auch schon die amerikanischen Ureinwohner stellten aus den Früchten ein säuerliches Getränk her. Da der Essigbaum auch bei uns vorkommt, können wir das gesunde und erfrischende Getränk ebenso herstellen. Die stark säuerlichen Beeren werden in kaltes Wasser gelegt, kurz aufgekocht, wobei es sich schön rosa färbt. Es wird dann durch ein Tuch gegossen, um die Härchen aufzufangen, und nach Belieben mit Zucker gesüsst. Der Essigbaum ist in Mitteleuropa kein Unbekannter. Er ist häufig in Gärten und am Wegesrand anzutreffen, und er kleidet sich mit seinen roten Blütenkerzen und dem farbig-gefiederten Laub recht auffällig. Bei seinem Familienstammbaum erstaunt es aber nicht, dass sich ihm viele Menschen zurückhaltend nähern. Denn als Sumachgewächs hat er viele giftige Verwandte. Der bei uns heimische Essigbaum ist dagegen ein liebenwerter Geselle, der uns seine Früchte darbietet. Ich habe öfter auf Wanderungen eine Handvoll der säuerlichen Samen mitgenommen, die durstlöschend und erfrischend sind, wenn man sie im Mund einspeichelt. Man kann die Samen auch trocknen und sie Teemischungen beigeben, denen sie einen pikant-säuerlichen Geschmack verleihen.

Die Gattung der Essigbäume und ihreEigenschaften sind den Europäern scho lange bekannt. Im Mittelmeerraum und in Vorderasien wächst der Gerbersumach (Rhus coriaria). Dieser Sumach wirkt wegen seines Gerbstoffgehalts und der sauren Fruchtstände adstringierend, also zusammenziehend. Die Beeren wurden schon in der Antike mit in die Essigfässer gelegt, um den Essig stärker zu säuern. Sehr weit zurück reicht auch die Verwendung des Sumachs zur Farbfixierung der natürlichen Teppichfarben. Im arabischen Raum werden die Samen dieses Sumachs in Wein gekocht und bei Durchfall, Darmerkrankungen und starker Menstruation getrunken, äusserlich bei Blutungen und bei vaginalen Pilzerkrankungen verwendet.

Die Bezeichnung Sumach kommt vom arabischen Sumaq. Der spezifische botanische Name coriaria (zum Leder, corium, gehörig) deutet an, dass der Baum schon seit der Antike als Ledergerbstoff bekannt ist. Im Gegensatz zum amerikanischen Essigbaum kann man mit ihm das Leder weiss gerben. Der Baum war den Arabern so wertvoll, dass sie ihn im Mittelalter in Sizilien, Südspanien und auf Malta anpflanzten.

Gewürz der orientalischen Küche

So alt wie die genannten Anwendungen ist auch jene als Gewürz. Im 1679 erschienenen «Kräuterbuch» hat der deutsche Arzt und Botaniker Adam Lonitzer (Lonicerus) den Essigbaum als Rhus rubrum erwähnt und schrieb, dass er beim Kochen anstelle von Salz verwendet werden kann. Zu Unrecht wird Sumach heute häufig bei den Pfeffersorten eingereiht, – viel eher ist er ein feines Säuerungsmittel mit dezentem Farbeffekt. Sumach zeichnet sich durch spezielle Qualitäten und Geschmacksnuancen aus, die es zu entdecken gilt. Die herben roten Beeren werden getrocknet, bis sie von dunkler, ziegelroter Farbe sind, und ganz oder gemahlen verwendet. Sie geben Gerichten eine fruchtig-säuerliche Note, die am ehesten mit der Tamarinde verglichen werden kann.

Sumach ist typisch für die Küche des Mittleren Ostens. Im Iran und in der Türkei ist es üblich, Sumach über die fertigen Gerichte zu streuen. Von Salaten über Reiseintöpfe bis zu Fleischgerichten findet er vielseitige Verwendung und ist nicht wegzudenkender Bestandteil der orientalischen Küche. Im Libanon kombiniert man Sumach mit getrocknetem Thymian: Zahtar heisst diese Mischung. Sowohl gemahlener Sumach als auch die Gewürzmischung Zahtar sind im Fachhandel zu kaufen. Man kann aber auch die Früchte des heimischen Essigbaums trocknen und mörsern. Einen Versuch ist dies allemal wert.

Poison Ivy, der hochgiftige Verwandte

In Europa, wo der amerikanische Essigbaum als Zierstrauch in den Gärten und inzwischen auch als wild wachsende Ruderalpflanze vorzufinden ist, trifft man immer wieder auf die Aussage, dass er giftig sei. Doch das ist er nicht. Als Sumachgewächs aus der Familie der Anacardiaceen hat er jedoch hochgiftige Verwandte. Dazu gehört zum Beispiel der nordamerikanische Gift-Sumach, auch Poison Ivy genannt, dem mit grösstem Respekt begegnet wird. Man braucht die Blätter bloss flüchtig zu berühren und schon kriecht eine juckende, wässrige Blasen bildende Dermatitis über die Haut. Das Gift ist eine ätzende Phenolverbindung (Urushiol), die mit dem Protein der Haut reagiert. Schon eine geringe Menge von 0,001 mg dieses Phenols führt zu Hautentzündungen, verbunden mit Unwohlsein und Fieber. Trotzdem oder gerade deshalb ist der Giftsumach (Rhus toxicodendron)veine wichtige Homöopathiepflanze bei Hautausschlägen, Ekzemen und Kopfschmerzen.

Das hautreizende Urushiol findet man auch bei anderen Verwandten aus derselben Familie, etwa in der Samenhülle der Frucht des Elefantenlausbaums, besser bekannt als Kaschubaum, von dem die Cashewnüsse kommen. Sogar die Mango, ein weiteres Mitglied derselben Familie, enthält in der Schale Spuren dieses hautreizenden Giftes.

Der bei uns heimische amerikanische Essigbaum hingegen stellt zweifellos eine willkommene und wertvolle Bereicherung der einheimischen Flora dar. Die weitverbreiteten Essigbäume bescheren auch uns eine herbstliche Farbenpracht, die den Übergang in die dunkle Jahreszeit erleichtert.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: blickwinkel, die.tine / flickr / cc, Nemoralis / flickr / cc

 

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