«Ganz z’ersch chume’n i»!

Fabrice Müller | Ausgabe_03_18

Ego, dieses selbstsüchtige Ich verhindert allzu oft, dass unsere Seele sich frei entfalten kann. Wer das Ego meistern will, braucht vor allem eines: Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

@ Lina Hodel

«Ganz z’ersch chume’n i,
u när chunnt ganz lang nüt.
I frisse locker jedes Täller läär
We’s scho nid für aui längt,
so doch de wenigschtens für mi.
Was göh mi Nachbars Sorge a?
Die kümmere mi nid!
I weiss, me seit es sig nid guet eso,
aber eso geit’s o!»

In ihrem Lied «No Geit’s» stellt die Berner Band Patent Ochsner den herrschenden Egoismus zynisch an den Pranger. Mittlerweile gibt es genügend andere Hinweise darauf, dass die Welt in dieser Hinsicht wenig besser geworden ist: «My Life – My Rules». «America First». «Geiz ist geil». – Wer kennt sie nicht, die Slogans und Versprechungen aus Werbung, Politik und Medienwelt? Sie stehen für Werte, die eine ganze Gesellschaft begleiten und oftmals auch prägen. Überlegenheitsgefühl, Exhibitionismus und Eitelkeit kennzeichnen das Lebensgefühl der sogenannten «Millennials». Sie sind die erste Generation der sogenannten «Digital Natives», die zwischen 1981 und 1998 geboren wurden und mit Handy und Co. gross wurden.

Moderne Technologien verändern nachweislich das Denken und Verhalten von Bevölkerungsgruppen. Dies sind die Kernergebnisse der EgoTech-Studie mit 1024 Millennials, die von der deutschen Digitalagenturgruppe SYZYGY im Januar 2017 in Deutschland durchgeführt wurde. Laut der Studie besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Narzissmus-Level der Millennials und ihrer Nutzung von Selfies, Social Media und sogenannten On-Demand-Apps. Ihr Smartphone ist ihnen so wichtig, dass 48 Prozent lieber einen Monat kein Frühstück zu sich nehmen würden, als das Gerät vorübergehend abzugeben.

Fazit: Die Millennial-Generation dreht sich gerne um sich selbst und beansprucht für sich nur die besten Produkte und Dienstleistungen. Die Digitalisierung beeinflusst also nicht nur den Alltag und die Arbeitswelt, sondern unterstützt, ja fördert ebenso das Ego der Menschen.

Vom Ich zum Ego

Ego – drei Buchstaben, die es in sich haben. Heerscharen von Büchern werden ihm gewidmet. Dazu gehört zum Beispiel «Vom Ego zum Selbst» des deutschen Psychotherapeuten Sylvester Walch. Er hat sich auf verschiedenen Ebenen vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt und gibt gleich auch Anleitungen zur Selbstreflexion mit auf den Weg. «Das Ego ist ein Strukturelement der Persönlichkeit, das sich von intakten Ich-Funktionen abgesondert hat», erklärt Walch auf Anfrage und ergänzt: «Umgangssprachlich würden wir einem Menschen ein gesundes Ich dann zuschreiben, wenn er weiss, was er will, seine Meinung sagt und für seine Ziele eintritt.» Auch Toleranz und Dialogfähigkeit gelten als Ausdruck eines eigenständigen Ichs. Doch: Das starke Ich wird zum Ego, wenn es seine Ziele gegen die berechtigten Ansprüche anderer durchsetzt. Die Grenzen nicht respektiert, kontrolliert und manipuliert, um für sich selbst das Beste herauszuholen. «Es sind also vor allem jene Gedanken, Gefühle und Handlungen, die in Beziehungen eine unangenehme Atmosphäre hervorrufen und durch die wir anderen, aber auch uns selbst schaden», gibt Walch zu bedenken. Das Ego begnüge sich nicht nur mit guten Leistungen, sondern müsse besser sein als andere. Dafür brauche es Verlierer. » Ein Sieg wird umso wert voller, je mehr Unterlegene auf der Strecke bleiben. » Nicht selten, so Walch, werden die Gegner kontrolliert und manipuliert. «Die Folgen davon sind soziale Kälte, mangelnde Mitmenschlichkeit und fragmentierte Beziehungswelten, in denen keine verlässlichen und langfristigen Bindungen entstehen können.»

Individualität und Persönlichkeit

Egostrukturen haben auch mit der psychischen Entwicklung zu tun und können ihre Wurzeln schon sehr früh in der Kindheit haben. Wenn etwa grundlegende Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit, Wärme oder Liebe nicht befriedigt werden, gewaltsame Übergriffe stattfanden oder chronische Konflikte in der Familie ein andauerndes Stressklima erzeugten. «In der frühen Kindheit lernt man durch Differenzierung, sich als Person von anderen zu unterscheiden. Erst über die Fähigkeit zur Separation lerne ich mich als eigenständiges Individuum zu begreifen», sagt Walch. So könnten auch Talente und Fähigkeiten verwirklicht sowie Kompetenzen in die Welt gebracht werden. Das sind laut Walch «bedeutsame Entwicklungsaufgaben», die bewältigt werden müssen, um Identität zu gewinnen.

«Je älter der Mensch wird, desto mehr sollte der Glanz der Ich-Persönlichkeit zugunsten des Ganzen in den Hintergrund treten», so der Psychotherapeut weiter. «In der Mitte des Lebens, wenn wir unsere Individualität und Persönlichkeit ausgelebt haben, kommt es zu einem wichtigen Drehpunkt der Entwicklung. Denn nun muss die individuelle Betonung des ‹Ich bin, ich kann, ich habe› allmählich abgebaut werden, um eine neue Qualität des Seins hervorzubringen.» Nicht mehr der Persönlichkeitsentwurf stehe von nun an im Vordergrund, sondern der Weltentwurf – «das Ganze wird wichtiger als das Persönliche». Gelinge dieser Schritt nicht, würden selbstsüchtige Bestätigungen immer wichtiger: Manche brauchen dann im «reifen» Alter unbedingt noch ein Sportauto, ertragen den Erfolg der eigenen Kinder nicht oder nutzen ihre politische oder wirtschaftliche Macht, um das Ego zu stärken.

Taub für Intuitionen

Was sind die Folgen, wenn wir uns zu stark an unserem Ego orientieren? «In Situationen, in denen wir vom Ego dominiert werden, erleben wir uns verbissen, gierig, eifersüchtig, unversöhnlich, hart und abwertend. Wir hören nicht, halten gerne an unseren Vorurteilen fest und beziehen unsere Sicherheit eher aus materiellen Werten und äusserem Ansehen», antwortet Sylvester Walch. Das Ego verdecke die innere Empfindsamkeit und lasse den natürlichen Strom der Gefühle versiegen. Ausserdem binde das Ego unsere kreativen Kräfte und mache uns taub für Intuitionen. «Das Ego wirft einen Schatten auf die innere Weisheit, die Bewusstwerdung, auf das eigene Wachstum und das Erleben von Verbundensein.»

Auf der gesellschaftlichen und sozialen Ebene prägen derzeit nationale Egoismen das Weltgeschehen. Mitgefühl, Gemeinsinn, nachhaltiges Wachstum und die Entwicklung der gesamten Erde stehen demgegenüber weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Das Ego überwinden
Folgende Fragen helfen bei einer moralischen Bestandesaufnahme auf dem Weg zur Überwindung des Egos:
Wie ist mein Verhältnis von Spannung und Entspannung, Bewegung und Ruhe?
Gibt es Bereiche in meinem Leben, die ich vernachlässige?
Welche Rolle spiele ich in meinen Beziehungen?
Durch welche Gewohnheiten vernachlässige ich Beziehungen?
Sehe ich meinen Beruf als Aufgabe, Berufung oder Belastung?
Mit welchen Bereichen gehe ich achtsam und mit welchen gleichgültig um?
Wie drückt sich meine Verantwortung der Welt gegenüber aus – im Kleinen wie im Grossen?
Wie gross ist meine Bereitschaft, Mitgefühl in die Welt zu bringen?
Gebe ich schnell auf, wenn Schwierigkeiten auftreten?
Wie häufig versinke ich in Selbstmitleid?
Bin ich mit meinem Schicksal versöhnt?
Welche Lebensmuster verhindern Lebensfreude?
Eine aufrichtige Konfrontation mit diesen Fragen setzt augenblicklich Energie zur Transformation unseres Egos frei. Die wahrhaftige und klare Sicht auf sich selbst ist aber nur dann von Erfolg gekrönt, wenn sie von einer gütigen und mitfühlenden Atmosphäre getragen ist.
Quelle: «Vom Ego zum Selbst» von Sylvester Walch

Auf zur Selbstfndung

Ob und wie sich das Ego im Menschen entwickeln kann, hängt stark vom sozialen und gesellschaftlichen Einfluss ab. Dazu schreibt Biophysiker und Autor Dieter Broers («Das Ego im Dienste des Herzens» oder «Der verratene Himmel»): «Das Ego ist eine fremdartige, psychische Struktur, die auf die Seele durch genetische Prägung und soziale Konditionierung aufgepfropft wird. Das Ego fungiert als sterbliche Persönlichkeit, durch die der unsterbliche Geist innerhalb der Matrix reibungslos funktionieren kann, wenn auch auf die Gefahr hin, sich darin zu verlieren.» Wenn die Seele, der Kern unseres Wesens, sich mit dem Ego identifiziert, nehme es seine Schwächen an und vergesse seinen eigentlichen Zweck. «Der Reiter wird dann zum Pferd und kann leicht an den Zügeln gelenkt werden. Wir müssen zur Überwindung der Tyrannei des Egos eine persönliche Verbindung mit dem geistigen Bereich schaffen – mit dem höheren Selbst.»

Das Ego wirkt demnach oft als Barriere auf dem Weg zur Selbstfindung. Deshalb sollte man, ähnlich der Arbeit an Widerständen, berücksichtigen, dass sich dem Ego begegnen lässt, indem man sich selber gegenüber mitfühlend und wertschätzend verhält. Sylvester Walch rät, sich im Rahmen einer Bestandesaufnahme mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen: In welchen Verhaltensweisen, Denkmustern oder Strategien zeigt sich mein Ego? Unter welchen Umständen oder in welchen Situationen treten diese Ego-Aspekte besonders in den Vordergrund? Wie fühle ich mich danach und welche Spuren hinterlassen sie? «Wenn wir bereit sind, am Ego zu arbeiten, beginnt ein Prozess des Loslassens und Entdeckens. Die innere Wahrnehmung wird intensiver, Fassaden beginnen sich aufzulösen. Wir erfahren uns zunehmend lebendiger und wahrhaftiger. Gleichzeitig kehren in unser Leben Zufriedenheit, Gelassenheit und Freude ein», sagt Sylvester Walch.

Wer sich entscheidet, etwas in Ordnung zu bringen oder um Verzeihung zu bitten, löst nicht nur Konflikte auf, sondern baut auch das eigene Ego ab. Zuvor gelte es aber, herauszufinden, wem man möglicherweise durch egoistisches Handeln Schaden zugefügt hat. «Gerade in dieser Konfrontation», so Walch, «sollte unsere Handlung aufrichtig und wertschätzend sein. Manchmal genügt eine Entschuldigung oder die Bitte zur Vergebung. Manchmal ist es auch notwendig, Wege der Entschädigung zu finden. 

Buchtipps
• Sylvester Walch «Vom Ego zum Selbst: Grundlinien eines spirituellen Menschenbildes», O. W . Barth 2011, Fr. 36.90
• Dieter Broers «Das Ego im Dienste des Herzens – ein neues Eden», New Trinity Media 2016, Fr. 34.90
• Thomas Metzinger «Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik», Piper 2014, Fr. 16.90

Links
www.walchnet.de
www.dieter-broers.de

Illustrationen: Lina Hodel

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