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Gärtnern macht den Kopf frei

Kategorie: Natur
 Ausgabe_6_2018 - 21.06.2018

Text:  Remo Vetter

Auf in den Garten!, rät Remo Vetter. Denn im Garten kann man nachhaltig Kraft tanken, Ideen generieren und verwirklichen, einfach nur entspannen oder sogar wieder zu sich selber finden.

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Meine Gattin und ich bezeichnen den Garten gern als Rückzugsort, als «safe space», wo es uns gelingt, abzuschalten und die Batterien neu aufzuladen. Gärtnern ist für uns über die Jahre auch zu einem echten Lebensstil geworden. Im Garten haben wir Zeit und Musse, unseren Gedanken nachzugehen. Fragen tauchen auf. Fragen wie: Was möchte ich unbedingt noch tun? Oder: Wie gelingt es uns, das eigene Wohlbefinden zu steigern?

Oft genügt es schon, öfters mal die Armbanduhr abzulegen, das Handy im Haus zu lassen und einen Gartentag lang einfach die Zeit zu vergessen. So kann man wieder mal ganz bei sich selbst ankommen und intensive, ungestörte Momente geniessen – den kühlen Morgentau unter den Füssen beim Barfusslaufen; den reinen, feinen Geschmack des Quellwassers aus dem Brunnen im Garten; die Düfte der Kräuter; das Summen der Bienen und Gaukeln der Schmetterlinge; die entspannende Wirkung der Abendstimmung im Garten und der Gesang der Amseln nach einem langen Tag im Büro

Wer seine Sinne öffnet und sich ganz auf den Augenblick und sich selbst konzentriert, wird feststellen, dass sich die Gedanken vom Alltag meist wie von selbst lösen und sich eine wohlige Zufriedenheit einstellt. Und das vor allem dann, wenn diese «quality time» mit körperlicher Bewegung an der frischen Luft verbunden ist. Zum Beispiel im Garten eben. Oft entstehen in solchen Momenten auch ganz neue Pläne und Ideen. Doch das Schönste an der selbstgewählten Auszeit vom hektischen Alltag ist etwas anderes: Die Kraft, die man dabei tankt, wirkt lange nach – ungleich länger als jene Energieschübe, die auch wir uns zwischendurch im Fitnesscenter holen.

Achtsames Gärtnern ist eben mehr als nur Gärtnern. Für uns ist es eine Lebenseinstellung, die uns zu mehr Wohlbefinden verhilft. Also, auf in den Garten!

Vom Unkrautjäten . . .

Wir hacken den Garten meist täglich mit der Pendelhacke, vor allem nach Regen, sodass Unkraut gar nicht erst aufkommen kann. Regelmässiges Hacken hilft ausserdem, wenn das Unkraut noch jung ist und flache Wurzeln hat. Auf jeden Fall sollte das Unkraut vor der Blüten- und Samenbildung angegangen werden.

Es ist von Vorteil, bei Trockenheit zu hacken, damit die Unkräuter auf dem Beet schneller vertrocknen. Bei feuchtem Wetter sollte das gehackte Unkraut eingesammelt werden, damit es nicht wieder anwachsen kann. Der Boden muss stets gründlich gelockert werden, damit beim Unkrautentfernen keine Wurzelreste in der Erde bleiben. Mehrjährige und hartnäckige Unkräuter nicht auf den Kompost geben. Hartnäckiges Unkraut allenfalls mit Folie abdecken – so bekommt es weder Licht noch Luft und stirbt ab.

. . . und Richtigen giessen

Zu einer der wichtigsten Aufgaben an warmen Frühsommertagen gehört das Wässern der Pflanzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man frühmorgens giessen sollte, denn am Mittag verdunstet das Wasser sehr schnell und Wassertropfen können zu Verbrennungen an den Blättern führen, da sie wie ein Brennglas wirken. Zudem haben wir festgestellt, dass wir weniger Schneckenbefall haben, wenn wir am Morgen statt am Abend wässern. So haben die Pflanzen den Tag über Gelegenheit abzutrocknen, bevor nach Sonnenuntergang die gefrässigen Plagegeister auftauchen und von der Feuchtigkeit zusätzlich angezogen werden. Wer also am Abend wässert, läuft Gefahr, dass sich die Schnecken nachts hemmungslos über die Pflanzen hermachen. Ansonsten ist anzumerken, dass Jungpflanzen häufiger gegossen werden müssen, da sie noch nicht so starke Wurzeln ausgebildet haben. Prinzipiell sollte man nur die Erde um die Pflanzen herum giessen und nicht die ganze Pflanze mit Wasser benetzen – denn sonst breiten sich auf den Blättern schnell Pilzerkrankungen aus.

Für den faulen Gärtner, der nicht stundenlang mit dem Gartenschlauch oder der Giesskanne Zeit im Garten verbringen will, gibt es im Fachhandel sogenannte Tropfschläuche, die auf den Beeten belassen werden und zum Beispiel mittels Zeituhr und Feuchtigkeitsmesser aktiviert werden können.

Und noch ein Tipp: Bei kürzeren Absenzen stecken wir umgestülpte, mit Wasser gefüllte Flaschen in die Balkonkästen und Kübel. So trocknen die Kräuter und Blumen nicht aus während unserer Abwesenheit. Denn die Flaschen geben die Feuchtigkeit langsam in die Erde ab. Mit diesem Trick kann man die geliebten Pflanzen auf dem Balkon oder im Garten auch mal bei grosser Hitze für ein paar Tage vergessen.

Jetzt Kompost geben 

Obst und Gemüse brauchen jetzt, in der Wachstumsphase und kurz vor der Ernte, sehr viele Nährstoffe aus dem Boden, damit sie einen reichen Ertrag bringen. Darum müssen wir den Boden gut mit Nährstoffen versorgen und vor dem Auslaugen schützen. Nachdem wir im Frühjahr die Gartenbeete bereits mit einer leichten Kompostgabe versehen haben, geben wir unseren Pflanzen im Laufe der Wachstumsperiode im Frühsommer nochmals eine leichte Kompostgabe. Grundsätzlich decken etwa zwei bis vier Liter Kompost pro Quadratmeter und die Zugabe eines biologischen Stickstoffdüngers den Nährstoffbedarf für ein Kulturjahr. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Starkzehrer wie Kohl, Tomaten, Kürbisse und Zucchini mehr Nährstoffe brauchen als Schwachzehrer wie Salate und Kräuter.

Remo Vetter weiss Rat
Warum feiert das Gärtnern solch ein erstaunliches Comeback?
Wir sind vermehrt auf Sinnsuche. Unser Alltag wird trotz Hilfsmittel immer stressiger, die Anforderungen steigen. Im Garten kommt man wortwörtlich wieder auf den Boden. Das erdet. Beruhigt. Und gibt Kraft. Ich glaube nicht an den grünen Daumen. Ich glaube ganz allgemein, dass, wenn man einem Tier, einer Pflanze oder einem Menschen Beachtung schenkt, diese auch gedeihen werden. Nicht zuletzt ist das Gärtnern auch wieder so beliebt, weil die Leute wissen wollen, woher ihr Essen kommt. Man hat eine ganz andere, viel intensivere Verbindung zu selbst Angebautem.
Was sollte man beachten, bevor man im Garten loslegt?
Wichtig ist, dass man klein anfängt. Oft wird ein zu grosser Garten angelegt und so viel gepflanzt, dass man weder mit der Ernte noch der Verarbeitung hinterherkommt. So artet das Gärtnern in Stress aus und man verliert die Freude. Wichtig ist auch, dass man sich sicher ist, wozu der Garten hauptsächlich dienen soll: Soll es ein Familiengarten mit Grün-, Spiel- und Liegeflächen, Büschen und Wasserbecken sein? Oder ist die Gemüseproduktion vorrangig? Oder sollen es vor allem Blumen und Kräuter sein? Geprüft werden sollte auch, ob es Problempflanzen im Garten gibt, wie zum Beispiel Blacken, Giersch oder Schachtelhalm. Denen muss man zu Leibe rücken, damit sie sich nicht flächendeckend ausbreiten.
Wie säe ich richtig?
Man sollte nicht zu dicht säen, damit später nicht ausgedünnt und pikiert werden muss. Oft vermischen wir feine Samen wie etwa die von Karotten mit etwas Sand, damit wir nicht zu dicht ausstreuen. Zu langsam auflaufenden Samen säen wir etwas Radieschen mit in die Rille ein, damit wir die Reihen schneller sehen und das Beet leichter sauber halten können. Anfänger säen oft zu tief oder aber sie decken die Samen gar nicht ab, was nicht allen Samen gut bekommt. Auf der Packung steht, wie es die entsprechenden Samen gerne mögen.
Was muss ich tun, um weitgehend auf Dünger und Pflanzenschutzmittel verzichten zu können?
Wir nutzen Kräuter wie Beinwell und Brennnessel, die wir am Wegrand und im Wald finden, um Frischpflanzenauszüge herzustellen. Das geht ganz einfach: Wir geben 1 Teil Frischpflanzen auf 10 Teile Wasser in die Giesskanne, lassen das Ganze 24 bis 48 Stunden ziehen und giessen die Pflanzen unverdünnt im Wurzelbereich. So schenken wir den Pflanzen jeden Tag Beachtung und lassen erst gar keine Krankheiten aufkommen. Auf einem gesunden Boden gedeihen gesunde Pflanzen für gesunde Menschen.

Schädlinge im Zaum halten

Einige Kulturen überdecken wir während der ganzen Kulturzeit mit feinmaschigen Netzen. So schützen wir Kohlgewächse gegen den Kohlweissling, Karotten, Sellerie und Petersilie gegen die Karottenfliege und Lauch gegen die Lauchmotte. So verhindern wir, dass die Schädlinge ihre Eier auf den Pflanzen ablegen. Netze mit mittelgrossen Maschen halten Vögel von Gemüse, Beeren und Obstbäumen ab. Bewährt haben sich auch Mischkulturen von Lauch, Karotten und Zwiebeln. Die Pflanzen unterstützen sich gegenseitig mit ihren Ausdünstungen, welche die unliebsamen Schädlinge fernhalten. Unter unseren Obstbäumen pflanzen wir Lavendel, Kapuzinerkresse und Knoblauch, das hält die Läuse fern. Und sollte an feuchtheissen Frühsommertagen doch einmal eine Läuseplage auftreten, hängen wir umgestülpte Tontöpfe auf. Mit Holzwolle gefüllt, bieten sie einen idealen Unterschlupf für Ohrwürmer. Diese unermüdlichen Helfer sind neben den Marienkäfern wahre Weltmeister im Läuse Fressen. Fenchel, Dill und Koriander wiederum locken Schwebefliegen und Schlupfwespen an, die Kohlweisslingen und Blattläusen den Garaus machen.

Unkraut, Schädlinge und Wildtiere müssen wir im Sommer besonders im Auge behalten. Neben Vögeln betrachten auch Schnecken, Blattläuse, Erdflöhe, Nachtfalter, Marder, Füchse und weitere Eindringlinge unsere Jungpflanzen gerne als Festschmaus. Morgens und abends machen wie einen Gartenrundgang, um die Beete nach diesen unliebsamen Artgenossen abzusuchen. Über die Jahre haben wir festgestellt, dass unsere selbst gezogenen Jungpflanzen im Vergleich zu den zugekauften viel schädlingsresistenter und robuster sind.

Zur Person
Remo Vetter gestaltete im Auftrag bekannter Firmen Gärten in der Schweiz, in England und Irland und ist seit 2018 freischaffend als Gartengestalter, Referent und Buchautor unterwegs. Naturzusammenhänge, Nachhaltigkeit, Entschleunigung und Sinnfindung sind die zentralen Themen seiner zahlreichen Publikationen, Vorträge, Radio- und Fernsehauftritte im In- und Ausland.

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