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Fest für die Sinne

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 12 - 2007 - 28.12.2007

Text:  Marion Kaden

Weihrauch, das Baumharz aus Arabien und Indien, ist seit Jahrtausenden ein wertvolles Handelsgut, denn es stimmt Götter gnädig, füllt Kirchen mit festlichem Duft – und heilt Entzündungen.

Der charakteristische balsamisch-narkotische Duft des Weihrauchs ist eng mit der katholischen Kirche und für viele auch mit Weihnachten verbunden. Während der freudigen Feier zur Ankunft des Christkindes liegt in vielen Kirchen ein schwerer Weihrauchduft, während die Weihnachtsgeschichte verlesen wird: Die Geschichte der drei Weisen, die sich auf den Weg machten, um der Ankunft eines besonderen Menschenkindes beizuwohnen. Caspar, Melchior und Balthasar überbrachten ihm kostbare Gaben – Gold, Myrrhe und Weihrauch.

Diese waren nicht nur zur damaligen Zeit sehr wertvoll, sondern auch von grosser Heilkraft. Und das bis heute, denn Gold ist eines der wichtigsten Rheuma-Basistherapeutika überhaupt; Myrrhe (Commiphora spec.) entfaltet seine Heilkraft bei Schleimhautentzündungen oder Erkrankungen der Atemwege; Und Weihrauch (Boswellia spec.) wird heute wegen seiner ausgeprägten anti-entzündlichen Effekte weltweit erforscht.

Den Göttern geweiht

Weihrauch ist das getrocknete Gummi-Harz verschiedener Arten von Boswellia-Bäumen. Beim Räuchern des Harzes – es wird auf Holzkohle gelegt – entsteht ein Wohlgeruch, der in vielen Religionen Verwendung findet. Im Altertum gebrauchten das Gummi-Harz Ägypter, Babylonier, Perser und Griechen für Opfer- und Totenkulte oder rituelle Handlungen. So wurde beispielsweise Weihrauch verwendet, um Kulttempel und -Statuen vom Alltäglichen zu reinigen und der göttlichen Bestimmung zuzuführen. Weihrauch-Räucherungen hatten auch den Sinn der Beseelung der Kultstatue, mit ihnen wurde das göttliche Wesen «hineingebannt».

Weihrauch war wegen seiner Seltenheit und den langen Handelswegen teuer. Mit ihm war Menschen ein kostbares Brandopfer möglich, mit dem Priester eine Verbindung zwischen der menschlichen und geistigen Götterwelt herstellten. Laut Hesiod (griechischer Dichter, 700 v Chr.) hatte der Wohlgeruch zudem den Vorteil, dass sich die Götter, Könige und Ahnen daran erfreuten und sich den menschlichen Fürbitten wohlgesonnen zeigten.

Traditionelles ayurvedisches Heilmittel

Das Abbrennen von Weihrauch hatte aber auch magische Elemente, denn Weihrauch war Teil eines Liebeszaubers mit dem die Objekte der Begierde verzaubert wurden. Bekannt ist auch, dass wohlhabende Ägypterinnen durch das Abbrennen von Weihrauch gesteigerte sexuelle Lust bei ihren Liebhabern zu entfachen versuchten.

Auch in Indien hat die Verwendung von Weihrauch (Boswellia serrata) eine jahrtausende alte Tradition. Hier war Weihrauch nicht nur Bestandteil kultischer Handlungen, sondern wichtiges Arzneimittel. In der ayurvedischen traditionellen Medizin (Salai Guggul) hatte das Harz einen festen Platz, denn es galt als erhitzend, stimulierend und regulierend.
Ayurvedische Ärzte hatten schon früh die entzündungshemmenden, desinfizierenden und Wundinfektionen verhindernden Wirkungen des Harzes beobachtet. Deshalb galt und gilt Weihrauch bis heute als Mittel mit breitem Einsatzspektrum bei innerlichen wie äusserlichen Beschwerden und Erkrankungen.

Gegen Entzündungen aller Art

Etwa 300 v. Chr, gelangte das Wissen vom Weihrauch über Heerstrassen von Südarabien und dem Indischen Ozean in die Mittelmeerländer. Im römischen Reich gehörte das kostbare Harz zum offiziellen Staats- und Herrscherkult: Weihrauch wurde zum Empfang des Kaisers, seinem Triumph und seiner Apotheose («Vergöttlichung») verwendet. Durch die römischen Legionen gelangen Informationen über das Gummiharz in alle Mittelmeerländer.
So auch nach Griechenland, wo sich Pedanios Diokurides für die heilsamen Eigenschaften des Weihrauchs interessierte. In seiner Arzneimittellehre widmete er dem Harz gleich drei Kapitel. Grundsätzlich klassifizierte er Weihrauch als Arznei mit «zusammenziehenden, erwärmenden» Eigenschaften. Dioskurides empfahl die zermahlene Rinde im Trank «für die an Blutspeien», im Zäpfchen für die, welche «an Blutflüssen» leiden.
In einem weiteren Kapitel beschrieb der griechische Arzt genauestens die Russ-Herstellung aus Weihrauch-Rinde und erläuterte: «Der Russ hat die Kraft die Entzündung in den Augen zu heilen, Flüsse zurückzuhalten, Wunden zu reinigen, Kavernen (Körperhöhlen) auszufüllen und Krebsgeschwüre zu heilen».

Verbreitung über Heerstrassen

Über die römischen Heerstrassen gelangten die Informationen über die Anwendungen des Weihrauchs wiederum in Provinzen nördlich der Alpen. Da die Arzneimittellehre des Dioskurides eineinhalb Jahrtausende lang das massgebliche Lehrbuch war, folgten Ärzte vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein seinen Empfehlungen. Matthiolus, Hildegard von Bingen und auch Paracelsus erwähnten Weihrauch. Mit dem Beginn der Neuzeit kam Weihrauch in die Apotheken und wurde als Olibanum (auch «Gummi olibanum» oder «Gummiresina») gehandelt. Es war als Öl (Oleum thuris) oder in der Körnerform (granis) zu haben und gehörte bald zum offiziellen Bestand von Offizinen.

Olibanum hatte ein breites Anwendungsspektrum und wurde innerlich beispielsweise bei Erkrankung der Atemwege (Katarrhe), des Verdauungs- und Harntraktes, Gicht oder Rheuma verordnet. Äusserlich kam Olibanum als Pflaster oder in Salben zur Behandlung von Furunkeln und Geschwüren in Frage. Mit der Entwicklung und Verbreitung chemisch-pharmazeutischer Medikamente geriet Olibanum aber fast völlig in Vergessenheit.

Weihrauch-Baum und die Botanik
Die immergrünen Weihrauch-Bäume wachsen an den Küsten des Roten Meeres, Südarabien und Somalia (Boswellia bhaw-dajiana). In Indien wächst die botanisch unterscheidbare Boswellia serrata-Art.
Es gibt etwa 20 Arten. Der Weihrauch-Baum kann bis zu sechs Metern hoch werden. Er hat einen kräftigen Stamm, der von papierartiger Borke umkleidet ist. Wegen seiner trockenen und heissen Umgebung hat der Weihrauchbaum keine ausladende Blätterkrone. Seine Blätter entwickeln sich nur an der Spitze der vorjährigen Zweige. Dort sitzen die Blätter dicht gedrängt. Es entsteht der Eindruck einer Art dicken Blätter-Ringes, der von den Stilen und Blättern gebildet wird und der dann jeweils am Ende der Zweige sitzt.

Die Blätter wachsen gegenständig und unpaarig. Sie sind ganzrandig oder gekerbt- gesägt. Fiederblättchen wachsen von unten nach oben und nehmen an Grösse zu. Die Kronenblätter sind fein geadert, weiss oder elfenbeinfarben und unbehaart. Im April zur Blütezeit entstehen kleine, zwittrige Blüten. Sie sind fünfteilig mit weisslich oder weisslich-grünen Blütenblättern und roten Kronen. Aus den Blüten entsteht eine dreikantige Steinfrucht.
Die Inhaltstoffe: Weihrauch besteht zu vier bis acht Prozent aus ätherischen Ölen (Pinen, Olibanol) und zu 50 bis 70 Prozent aus alkohollöslichen Harzen. Weitere Bestandteile sind die Boswelliasäure, 20 Prozent Gummi, 0,05 Prozent Bitter- und Schleimstoffe.

Weihrauch und die Kirche

Im römischen Reich wurde der ehrende Gebrauch von Weihrauch von den Kaisern erstmals auf die Bischöfe übertragen. Etwa seit dem vierten Jahrhundert entwickelte sich der Brauch, Weihrauch-Räucherungen durchzuführen. Später waren sie im Christentum Bestandteil rituellen Handlungen. Seit dem sechsten Jahrhundert wird vor allem in den östlichen Kirchen Weihrauch als Opfergabe in den Gottesdiensten gebraucht.

Zwischen der katholischen und evangelischen Kirche bestehen nicht nur grundsätzliche Unterschiede bei den Ritualen und im Glauben, sondern auch bei der Verwendung von Weihrauch. So werden in den katholischen Kirchen während der Gottesdienste alle Sinne der Menschen angesprochen: Hören, Sehen und Riechen.
In der katholischen Kirche hat Weihrauch jedoch auch eine andere Bedeutung: Es steht für die Reinigung im läuternden, symbolischen Sinne, für Verehrung und Gebet. Im Rahmen der Eucharistischen Liturgie wird Weihrauch bei der Eingangsprozession, (Beräuchern des Altars), der Evangeliumsprozession (Beräuchern der Schriften), Offertorium (Beräuchern der Gaben, Gläubigen, Ministranten, Priester) und der Konsekration (Beräuchern von Hostie und Kelch) benutzt. Seit dem 12. Jahrhundert gehört das Auflegen von Weihrauch auf die Glut zur Segnung und damit zu den Sakramentalien.

In der evangelischen Kirche hingegen hat der Weihrauch kaum Bedeutung. Der Reformator Luther schaffte nicht nur sämtliche Heiligenbilder und sonstigen Rituale ab. Auch die Weihrauch-Räucherungen verbannte er aus den Kirchen. Zurück blieben kahle, spartanische Kirchen ohne besondere Ausschmückungen. Auch für die protestantischen Nasen wird nichts getan. Weihrauch-Räucherungen kommen selten bis gar nie zum Einsatz.

Wissenschaftler auf Spurensuche

Die moderne Arzneimittelforschung beschäftigt sich mit den Hauptkomponenten des Weihrauchs, den Boswellin-Säuren. 14 verschiedene Derivate sind bekannt, von denen einige ausgeprägte entzündungshemmende Wirkung haben.
In Tierversuchen wurden die entzündungshemmenden Wirkungen des Weihrauchs, die aus dem traditionellen Einsatz bekannt sind, wiederholt belegt. Dabei greifen Inhaltsstoffe des Harzes nicht nur in klassische Entzündungskaskaden ein, sondern blockieren auch spezifische Signalmoleküle, die zu überschiessenden und krankmachenden Entzündungsreaktionen beitragen. Die tierexperimentellen Studien liefern zahlreiche Grundlagen für klinische Studien mit Weihrauch bei Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, bei allergischem Asthma bronchiale oder bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn.
Forscher aus Dresden untersuchten in einer doppelblind Studie die Wirkung von Weihrauch-Extrakt auf chronisch-entzündlich Dickdarmentzündung (Colitis ulcerosa) – mit gutem Resultat. Und in Zellversuchen zeigte sich, dass Weihrauch-Extrakt bei Leukämiezellen den programmierten Zelltod («Apoptose») herbeiführte.

Gummi-Harz-Gewinnung

Weihrauch wird aus dem Gummiharz der Boswellia-Bäume gewonnen. Die «Weihrauchernte» erfolgt durch wiederholtes Einkerben der Baumrinden. Nach dem Anschneiden tritt eine milchigweisse Flüssigkeit aus, die sich an der Luft zu gelblich, rötlich oder bräunlichen Tränen erhärtet. Sie sind an der Aussenseite meistens weiss bestäubt. Je nach Grösse des Baumes kann die Ausbeute bis zu einem Kilogramm Gummiharz pro Baum und Jahr betragen.

Nach dem Abernten des Harzes, wird die Ernte sortiert. Als erste Qualität – insbesondere zur Herstellung von Arzneimitteln – werden die tropfen- oder kolbenförmigen grünlich-weissen Harztränen verwendet. Sie müssen eine Länge von mindestens drei Zentimetern haben. Kleinere Tropfen oder solche, die braune oder schwarze Farbanteile haben, gelten als mindere Qualität.  Sie dienen zur Gewinnung von Räucherwerk oder Parfümstoffen.

Literatur
- Scheck: «Die Weihrauchstrasse», Verlag Komet 2007, Fr. 18.–
- Kluge / Fernando / Winking: «Weihrauch und seine heilende Wirkung», Verlag Karl Haug 2005, Fr. 33.–
- Caland / Caland: «Weihrauch und Räucherwerk», Verlag Windpferd 2002, Fr. 18.50

Internet
- www.heilpflanze.ch
- www.heilpflanzen-katalog.de

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