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Familie Schwörer auf Öko-Weltreise

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2007 - 28.12.2007

Text:  Andreas Krebs

Seit fünf Jahren segeln Sabine und Dario Schwörer über alle Meere und klettern auf die höchsten Berge der Welt – und das ohne die Umwelt zu belasten oder das Klima zu erwärmen. Sie zeigen mit ihrem Unternehmen, dass auch extreme Expeditionen im Einklang mit der Natur möglich sind.

Sabine und Dario Schwörer in Patagonien

«Wir haben nur noch gebetet», erinnern sich Sabine und Dario Schwörer an jene Tage Mitte Oktober 2004. Dabei hatten Freunde und Bekannte sie gewarnt: Im Sturm oder am Berg würden sie ins Verderben stürzen; über alle Meere segeln, auf die höchsten Gipfel klettern: viel zu gefährlich! «Die hatten ja keine Vorstellung», sagt Dario, schaut mit seinen meerblauen Augen seine Liebste an und lacht. Seit fünf Jahren reist das Paar um die Welt, gerade mal an drei Tagen stürmte es.

An den da oben denken

Das war eben Mitte Oktober 2004. Dario erzählt: «Von den Osterinseln segelten wir Richtung Patagonien. Hoch und Tief waren an anderen Orten als üblich und es hat geblasen wie blöd. Das war uns noch egal, aber weil wir relativ hart am Wind segelten, sind die Wellen eklig geworden.» Am zweiten Tag überspülten die Wellen das Deck, eine besonders mächtige riss gar das Kajütendach weg.

Die schlimmste aber war die dritte Nacht: Das Schiff kollidierte mit einem trei-benden Container. «So was kommt vor», sinniert Dario, «aber extrem selten.» Der Container zertrümmerte das Ruder und Dario und Sabine trieben mit Segeltrim Richtung patagonische Küste. «Wenn man in eine solche Situation gerät, empfehle ich, daran zu denken, dass da oben auch noch einer ist», meint Dario und Sabine erinnert sich: «Wir haben nur noch gebetet.» Vielleicht stimmten die Gebete Gott gnädig, vielleicht war es einfach Glück, auf jeden Fall war die Erleichterung riesig, als sie Delfine entdeckten und bald darauf Vögel. Land musste nahe sein – und Rettung auch.

Ohne Besitz und Sorgen

1998 lernten sich die St. Galler Krankenschwester Sabine Ammann und der Sarganser Bergführer und Klimatologe Dario Schwörer in einem Jugend und Sport-Skileiterkurs kennen. «Es hat nicht sofort gefunkt», erinnert sich Sabine. Später erst erwuchs aus der Bekanntschaft Liebe.

2001 gaben sie sich das Ja-Wort; die Hochzeitsreise – für Dario «die schönste Zeit meines Lebens» – führte das Paar bis ans Cap Finisterre in Spanien: 2600 Kilometer auf dem Jakobsweg, zu Fuss. «Wir hatten alle Zeit zum reden», sagen beide. Und sie redeten. Das Paar versprach sich, vier Jahre seines Lebens gemeinnützig einzusetzen, für etwas, hinter dem es voll stehen kann. Als Vorbild für den Klimaschutz durch die Welt reisen, diese Idee reifte zur Vision einer grossen Expedition – mit reiner Kraft aus der Natur soll es über die sieben Meere auf die sieben höchsten Gipfel gehen.

2002 und 2003 trainiert das Paar fünf Monate in der Schweiz. Sabine und Dario wandern 3000 Kilometer durch alle Kantone und besteigen den jeweils höchsten Punkt, sie meistern so fast 100000 Höhenmeter. Jede Art von Verkehrsmittel, sogar Rolltreppen, sind dabei verboten. Dario und Sabine besuchen in dieser Zeit 50 Schulen, wo sie über die Klimaerwärmung Vorträge halten. Und sie suchen nach Innovationen und Ideen in Sachen Klimaschutz und Umwelttechnologi. «Darin sind wir Schweizer Weltmeister», ist Dario überzeugt. Er redet von Solarmobilrennen, modernsten Kläranlagen, Baubiologie, von grossen Dingen, aber auch von kleinen; und von Menschen, zum Beispiel von jenem Älpler, der im Jura lebt und aus alten Skistöcken ein Windrad bastelte, um abends in der Hütte bei Licht die Bibel zu lesen. «Es gibt einen ganzen Haufen verrückter Schweizer, die im kleinen wirken», sagt Dario, «diese Innovationskraft und Kreativität wollen wir in die Welt tragen.» 

Wie macht ihr das in der Schweiz?

2003 starteten Sabine und Dario ihre grosse Expedition «ToptoTop», die später zu einer Non-profit-Organisation wird und unter dem Patronat der Unep (United Nations Enviroment Program) steht. Los ging es mit gerade mal 3000 Franken im Sack, mit dem Velo nach Kroatien. Von dort ging es mit einer geliehenen 15 Meter langen Alujacht, die sie «Pachamama», Mutter Erde, tauften, über das Mittelmeer via Kanarische Inseln nach Nordafrika und weiter über den Atlantik in die Karibik. Immer wieder: Behördenempfänge, Medienrummel, Schulbesuche.

Freiwillige aus 31 Ländern unterstützen mittlerweile die Expedition: sie segeln und radeln mit, sie erledigen Administratives, unterhalten die website, vermitteln Kontakte; sie haben schon mehr als 15 Tonnen Müll zusammengetragen, an Stränden und von Bergen und immer vorbildlich für die lokale Bevölkerung. Und gemeinsam haben sie über 21000 Schülerinnen und Schüler erreicht, bemüht, sie für den Umweltschutz zu begeistern. Die Schüler, aber auch Wissenschafter sollen vernetzt werden und gemeinsam Ideen für eine saubere Zukunft entwickeln. «Uns ist wichtig, dass wir nicht missionarisch auftreten», sagt Dario. «Wir sagen, dass wir für das Klima unterwegs sind und fragen, was für Lösungen sie haben.» Stolz zeigten die Menschen, denen sie begegnen, ihre Ideen und irgendwann komme automatisch die Frage: Wie macht ihr das in der Schweiz? «So gibt es einen Austausch.»

«ToptoTop»
«ToptoTop» ist ein Verein, dessen Zweck es ist, entlang der Expeditionsroute rund um die Welt möglichst viele Umweltprojekte zu dokumentieren, um damit Menschen weltweit für ein Leben in Einklang mit der Natur zu motivieren. Die vom Bund getragene Organisation Präsenz Schweiz und Unep (United Nations Enviroment Program) unterstützen das Projekt. Der Verein «ToptoTop» finanziert sich aus Spenden und hat monatliche Aufwendungen von rund 1500 Franken.

Abenteuerlustige können Abschnitte der umweltfreundlichen Weltreise miterleben auf www.toptotop.org.

Spendenkonto: «TOPtoTop» 90-119336-1

Umweltschutz gut gewürzt

Von den karibischen Galapagosinseln segelten Schwörers zu den Osterinseln und Mitte Oktober 2004 weiter nach Patagonien – mitten in den Sturm. Segel trim-men. Beten.«Bei der Ankunft in Patagonien sind wir ziemlich kaputt gewesen», erinnert sich Sabine. Trotzdem ging es auf dem Festland streng weiter: die Fahr-räder kamen zum Einsatz, Sabine und Dario radelten zum höchsten Berg, tage-lang. Und dann die Besteigung. Natürlich, sagt Dario, für ihn als Bergführer sei das mit den Bergen schön; es diene aber vor allem dazu für den Klimaschutz zu werben. Sabine: «So haben wir eine Route, die auch attraktiv für die Medien ist. Und die Schüler finden unsere Abenteuer lässig und hören gespannt zu. Umwelt-schutz mit Abenteuer würzen – das kommt an.»

«Wir zeigen, dass auch grosse Expeditionen im Einklang mit der Natur möglich sind», sagt Dario. «ToptoTop» sei aber kein Segelrennen, bei dem gegen alle Stürme angekämpft werde. «Das Ziel ist nicht, dass wir d’Siebesieche sind und sagen können, dass wir auf den seven summits, dem jeweils höchsten Gipfel jedes der sieben Kontinente, waren. Wir segeln und klettern nur, wenn die Verhältnisse optimal sind. So bezeugen wir der Natur unseren Respekt.» Sabine ergänzt: «Das höchste der Gefühle finden wir nicht auf einem Achttausender, sondern im Einsatz für die Sache, an die wir glauben.»

Die Natur gebe den Zeitplan der Reise vor, sagt Dario. Ticke man nicht mit der Natur, sei es gefährlich: «Wenn ich zum Beispiel Manager bin und nicht anders kann, als im Juni von den Fijis nach Neuseeland zu segeln, dann trifft mich ganz sicher ein Sturm.» Reist man hingegen wie Schwörers mit der Natur fährt man im Oktober nach Australien und erreicht im Dezember/Januar Neuseeland bei schönstem Sommerwetter. 

Mit dabei sind nun auch ihre beiden Kinder: die gut zweijährige Salina und der einjährige Andri, die beide in Patagonien zur Welt kamen.

Abenteuer Geburt

In Chile schwanger sein, sei viel schöner als in der Schweiz, sagt Sabine, man werde behandelt wie eine Königin. «Aber ich wäre dann schon mal froh gewesen, wenn ich gewusst hätte, wo gebären.» Die Krankenkasse verlangte, dass Schwö-rers dafür in die Schweiz fliegen, was aber nicht möglich war, da Sabine bei der Ankunft auf dem Festland bereits hochschwanger war. «Wegen Windflaute trie-ben wir länger als geplant auf dem Pazifik.» Doch die Krankenkasse bestand auf ihrer Forderung – kein Wind sei kein medizinischer Grund.

«Wir sind uns vorgekommen wie Maria und Josef», erinnert sich Dario und erzählt: «Wir wollten mit dem Bus von Chile nach Argentinien fahren, denn dort ist Geburtshilfe gratis. Doch schon im Bus haben die Presswehen angefangen und wir fuhren zum nächstgelegenen Spital. Das Fruchtwasser kam beim Eingang und 20 Minuten später war Andrin schon da.»

Das gesunde Leben auf See

«Viele denken, es sei gesponnen, die Expedition mit Kindern zu machen», weiss Dario. «Aber als Bergführer würde ich sie während der Saison kaum sehen und so sehe ich meine Kinder aufwachsen – das ist ein grosses Privileg.» Selbst lange Passagen auf hoher See seien für die Kinder kein Problem, die «Pachamama» ist ihr vertrauter Spielplatz, gut gepolstert mit Schaumstoff. Auf Deck seien die Kin-der immer mit einem Klettergurt gesichert, denn «dass ein Kind ins Wasser fallen könnte, ist unsere grösste Sorge.»

Und wenn eines krank wird oder sich mitten auf dem Ozean ver-letzt? «Ich habe eine Kranken-schwester geheiratet», sagt Dario und lacht. Als Bergsteiger besitzt auch er profunde Kenntnisse in Erster Hilfe, zudem hat er zwei Jahre Medizin studiert; ausser-dem haben Dario und Sabine vor der Abreise beim Hausarzt trai-niert. Das ganze ist eben Ein-stellungssache: «Siebzig Tage auf dem Pazifik war das längste, das wir vom Schuss ab waren», erzählt Dario. «Im Notfall würde es höchstens fünf Tage dauern, bis ein Schiff bei uns wäre. Im Engadin bist du früher schnell mal fünf Tage eingeschneit gewesen.» Und überhaupt: «Auf den Meeren atmen wir die gesündeste Luft und auch die Kinder essen viel Fisch und Früchte. Lebst du hingegen in einer Stadt mit all dem Lärm und Verkehr, dann brauchst du vielleicht eines Tages eine Magnetresonanz-maschine.»

«Die Expedition hat uns ruhiger gemacht»

Die Familie ist also topfit. Als Salina geboren wurde, hatte sie im Bauch ihrer Mutter bereits 5000 Seemeilen, 2500 Velokilometer und 4000 Klettermeter hinter sich gebracht. Der grösste «Challenge» aber sei nicht das Überqueren der Meere oder das Besteigen der Berge, sondern das Auftreiben der finanziellen Mittel, rund 38000 Franken pro Jahr. Immerhin, seit Victorinox 2005 als Spon-sor bei «ToptoTop» einstieg, sind die 15000 Franken für die Versicherungen ge-sichert. «Das war immer unser Damoklesschwert», erinnert sich Dario, «wir wussten drei Jahre lang nicht, ob es am nächsten Tag weiter geht.»

Manchmal kann Dario Klimawissenschaftler auf Gletscher führen, oft hat das Paar Teller gewaschen. Sie hoffen auf weitere Sponsoren – und auf einen Baby-sitter für unterwegs, «dann könnten wir uns voll auf das Projekt konzentrieren.» So oder so, das Paar weiss: «Wenn du auf dem richtigen Weg bist, geht es immer weiter. Diese Erfahrung haben wir immer wieder gemacht.»

Immer weiter. Einige Jahre noch über die Ozeane und auf die Gipfel und auf Inseln, die bald im Meer versinken. Vier Jahre waren geplant, es werden wohl acht oder zehn werden, «doch irgendwann muss das auch ein Ende haben», sagt Dario. Dann, so die Vision, soll «ToptoTop» als Institution weiterleben und weiterhin Kinder zu umweltgerechtem Handeln inspirieren.

Familie Schwörers Klimatipps
Auto verkaufen und umsteigen auf Velo, ÖV und Mobility.
Vier Solarpanels von Megasol (www.megasol.ch) machen einen Haushalt autonom. Kosten: zirka 4000 Franken
Möglichst wenig elektrischen Geräte verwenden, Energiesparlampen einschrauben, nur Haushaltsmaschinen der Energieklasse A+ kaufen.
Laptop statt Computer, am Tag Akku mit Sonnenenergie aufladen.
Warmwasserproduktion mit Sonnenenergie.
Nahrungsmittel aus der Region einkaufen. Alle Verpackungen im Supermarkt auspacken und dort lassen – hat der Supermarkt ein Abfallproblem, macht er bei den Produzenten Druck.
Politiker wählen, die konkret etwas für den Klimaschutz unternehmen und sich solidarisch zeigen mit der Bevölkerung armer Länder – diese leidet besonders stark unter dem Klimawandel, obwohl sie nur sehr wenig zur Erwärmung beiträgt.

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