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Entschlacken mit Saft

Kategorie: Gesundheit

Text:  Marion Kaden

Verfahren zur Ausleitung von schädlichen, krankmachenden Stoffwechsel-Endprodukten oder Giften gehören in der Naturheilkunde zum Standard. Doch was hat es mit der Entgiftung des Körpers auf sich?

Das Konzept des Entgiftens ist alt: Krankheiten oder Befindlichkeitsstörungen werden seit der Antike als Ungleichgewicht betrachtet, und oft führen Verunreinigungen des Körpers zu diesem Ungleichgewicht. Auch können die «vier Körpersäfte» (lateinisch humores) vergiftet oder funktionsgestört sein. Hippokrates (um 370 v. Chr.) entwickelte die Säftelehre, bei der die vier humores Blut, Lymphe, Galle, Schleim in stetiger Wechselwirkung stehen. Wechselwirken sie in ausgeglichener Weise miteinander – und dies auf allen Ebenen des Seins seelisch, geistig und körperlich – besteht Harmonie, die mit Gesundheit gleichgesetzt werden kann. Eine Erkrankung entspricht demzufolge vereinfachend einer Disharmonie in Verteilung oder Funktion der Körpersäfte (auch Dyskrasie genannt). Bis ins Mittelalter galt die hippokratische Säftelehre, die Humoralpathologie, als verbindliches Gedankenmodell.

Die Welt als Uhrwerk
Ein wesentlicher Einschnitt in die vorher immer von natürlichen Rhythmen bestimmte Lebenswelt und die sich daraus ergebenden Weltbilder entstand durch die künstlich «erzeugte» Uhrzeit. Mechanische Uhren mit einer Spindelhemmung entstanden um 1300 in Europa und wurden das Standard-Zeitmessgerät, bis im 16. Jahrhundert federgetriebene sowie Taschenuhren folgten, um 1650 dann die Pendeluhr. Mit dem Einbau der ersten Uhren in die Kirchtürme von Dörfern und Städten wurde buchstäblich eine neue Zeit eingeläutet: Etwas Mechanisches gab einen neuen Takt vor. Sowohl im Leben der Menschen (Arbeitszeit) als auch in den Auffassungen über die Welt.

Das neue mechanistische Weltbild versteht die Welt als riesiges Uhrwerk. Im weiteren geschichtlichen Verlauf brachte das industrielle Zeitalter bahnbrechende Neuerungen, Erfindungen, Erkenntnisse, die sich ebenfalls immer tiefer in den Köpfen und Gedanken auswirkten. Vor allem die Erfahrungen mit der explosionsartig wachsenden Maschinenwelt und ihrem mechanistisch-berechenbaren Inneren fand bis heute Eingang in medizinische Theorien oder auch die Sprache. Eine Kohleheizung oder Dampfmaschine, die «verschlackt» war, funktionierte erfahrungsgemäss schlecht oder gar nicht mehr. Sie musste «entschlackt» werden, um wieder zu funktionieren.

Moderner Aderlass: die Blutspende 
Durch verschiedene Studien ist mittlerweile eindeutig belegt: Regelmässiges Blutspenden senkt den Blutdruck. Und: Je mehr Blut die Bluthochdruck-Probanden in den Studien spendeten, desto grösser fiel der Effekt aus. Warum das Blutspenden einen blutdrucksenkenden Effekt hat, ist weiterhin ungeklärt. Bluthochdruck-Betroffene wie auch Gesunde machen positive Erfahrungen und berichten unter anderem von einem spürbar wohltuenden Effekt. Blutspenden z.B. in Uni-Krankenhäusern bieten zudem durch die regelmässig durchgeführten Blutkontrollen die Möglichkeit der Selbstkontrolle. Nicht zuletzt: Engagierte Blutspender sehen darin einen Akt der Menschlichkeit.

Uralte Ausleitungsverfahren
Diese mechanistische Vorstellung wurde alsbald auf den menschlichen Körper übertragen. In vielen naturheilkundlichen Verfahren steht seither eine «Entschlackung» am Anfang der Therapie, um einen, wie wir es heute sagen, «Reset» beziehungsweise Neustart zu initiieren. Oder, um es naturheilkundlich mit dem bedeutenden Heiler Paracelsus (1493– 1541) auszudrücken: den Inneren Archeus anzusprechen. Damit ist jene organisierende und neu bildende, innere Selbstheilungskraft gemeint, die jedem Menschen innewohnt. Der Innere Archeus ist ein ideelles Vorbild des Menschen, das lenkend und heilbringend in sein Leben eingreifen kann.

Um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, wurden schon früh Ausleitungsverfahren entwickelt, von denen viele mit berühmten Namen verknüpft sind. Paracelsus war beispielsweise überzeugt, dass krankmachende Gifte im Körper zur Krankheit führen: «Wo die Natur einen Schmerz erzeugt, dort will sie schädliche Stoffe ausleeren. Wo sie dies nicht fertig bringt, dort mach’ ein Loch in die Haut und lasse die schädlichen Stoffe heraus.»

Gemeint ist der Aderlass, der zur Ausleitung diente und lange zur drastischen ärztlichen Behandlung gehörte.

Ein anderer namhafter Naturheilkundler war Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836), der wegen seiner «Lebenskraft-Theorie» als Vertreter des Vitalismus gilt. In seinem Hauptwerk «Makrobiotik» preist er «die Himmelsgaben Licht, Wärme, Luft und Wasser», um die Lebenskraft zu regulieren bzw. aktivieren. Er prangerte die Abkehr vom natürlichen Leben und gesunder Ernährung an. Seine Forderungen: Leben im Einklang mit Kosmos und Rhythmik. Seine Vorstellungen von Entgiftung lagen in Verzicht oder Mässigung im Essen und Trinken wie im gesamten Tun.

Liegts an den Genen?
Das Konzept der Selbstheilung kann sogar in der modernen genetischen Theorie entdeckt werden: Im Erbgut im Zellkern aller Lebewesen gibt es strukturierte Informationen («Genotypus»), welche ihr Erscheinungsbild («Phänotypus») prägen. Daneben ist aber auch eine Fülle an Reparaturprogrammen vorhanden, die bei Störungen oder Abweichungen – Krankheit genannt – anlaufen. Sogar das Erbgut selbst hat eine Vielzahl von Reparaturmechanismen, die unablässig Schäden der Erbgutträger Chromosomen erkennen und reparieren sollen. Die Selbstheilung ist also eine permanente Dauertätigkeit unseres Organismus.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist die genetische Information im Zellkern der materielle Ausdruck des «ideellen» Inneren Archeus des Paracelsus. Alle diese Reparaturmechanismen sind notwendig. Denn der menschliche Organismus ist nicht nur ständig mit normalen Abnutzungsfolgen konfrontiert, sondern auch mit körperfremden und häufig auch giftigen Stoffen: Schwermetalle, hochreaktive Chemikalien, denaturierte Nahrungsmittel, Elektrosmog, Hormon- oder Medikamentenanteile im Trinkwasser sowie Lärm belasten den Körper. Nicht ausscheidbare Stoffe können sich z.B. in Binde- oder Fettgewebe ablagern; Organe wie Blutgefässe können von Ablagerung wie der Verkalkung von Blutgefässen betroffen sein. So kann der Abtransport von Ausscheidungsstoffen langfristig beeinträchtigt werden. Herz-KreislaufBeschwerden, Stoffwechselstörungen sowie Autoimmun- oder Krebserkrankungen können folgen.

Eine gewaltige Umstimmung
Die Naturheilkunde hat zahlreiche Verfahren dagegen entwickelt. Sie dienen der Entschlackung/Entgiftung, das heisst einer gezielten Entlastung des Körpers und einer Ausleitung möglicher eingelagerter Stoffe. Das Fasten ist das älteste Verfahren, welches kultlich-religiös mit der Menschheit verbunden wie auch in allen Kulturen der Welt verankert ist. Otto Buchinger (1878–1966), der das Heilfasten wieder in die Medizin einführte, schrieb, «dass die Heilmittel Luft, Licht, Wasser, Diät, Homöopathie, Gutzureden und Fasten fast alles zu leisten imstande sind, was nötig ist, um Menschen vor Krankheit zu bewahren oder sie von Krankheit zu heilen».

Fasten starte eine «gewaltige Umstimmung», schrieb Buchinger, der über 100 000 Fastenkuren begleitete. Er behandelte Haut-, Atem-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Migräne, Geschwüre und natürlich auch Übergewicht ausschliesslich mit dem Fasten. Dabei beobachtete Buchinger nicht nur körperliche Heilungen, sondern beschrieb auch die seelischgeistig heilsamen Veränderungen seiner Patienten. Nach der «Umstimmung» empfahl er die laktovegetarische Kost nach Maximilian Bircher-Benner (1867–1939) und die mineralreiche, basenüberschüssige Diät nach Ragnar Berg (1873–1956).

Manchen Menschen erscheint das Fasten schwer oder fast unmöglich. Dabei ist der Verzicht auf Essen reine Gewöhnungssache. Nach 24 bis 36 Stunden ist das Hungergefühl bei den Meisten überwunden. Auch für Anfänger gut geeignet ist zum Beispiel das Saftfasten. Clemens Rüttimann, Geschäftsführer der Biotta AG, empfiehlt das Saftfasten, «um dem Körper weiterhin wichtige Mineralien, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe zuzuführen». Es gibt mittlerweile zahlreiche Hersteller diverser Säfte. Man kann diese auch selber machen. Für das Saftfasten sollte man Bioqualität vorziehen. Bei gekauften Säften ist darauf zu achten, dass er keine Zuckerzusätze enthält und aus Direktsaft (auch «Muttersatz») besteht, also aus Saft, der unmittelbar aus den Früchten gewonnen wird (nicht aus Konzentrat).

Buchtipp
Christoph Wilhelm Hufeland
«Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern», Classic Reprint, Forgotten Books, ca. Fr. 36.–

Fotos: www.istock.com 
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