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Einfach nur dufte

Kategorie: Gesundheit, Heilpflanzen, Therapien
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Lioba Schneemann

Ätherische Öle heilen Wunden, lindern Beschwerden oder machen einfach gute Stimmung. Richtig angewendet beflügeln sie Körper und Geist. Und sie stärken die Selbstheilungskräfte.

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Gerüche lassen uns nicht kalt, denn sie wecken Erinnerungen. Der würzige Duft von Zimt: Weihnachten! Der Geruch von trockenem Pferdemist: die Ferien auf dem Pferdehof! Und der Duft dieses einen Parfüms: die erste grosse Liebe! Die Erinnerungen, die durch Düfte hervorgerufen werden, sind lebhafter und detailreicher als jene, die durch Bilder oder Geräusche hervorgerufen werden – und sie haben auf Körper und Geist auch nachweislich eine heilende Wirkung.

Eine duftende Hausapotheke
Aus genau diesem Grund setzt die Aromatherapie mehr als 50 verschiedene Pflanzenöle ein. Einige sind für den Hausgebrauch geeignet; allerdings sollte man sich vorher gut informieren und bei Unsicherheit fachlichen Rat einholen, denn Nebenwirkungen sind, wie Sie im Interview mit Susanne Fischer-Rizzi lesen können, nicht ausgeschlossen. Buchautorin Fischer-Rizzi, die als Pionierin die Aromatherapie hierzulande populär gemacht hat, rät zu einer duftenden Hausapotheke: «Man sollte einige wirksame ätherische Öle für den Hausgebrauch vorrätig haben. Ich empfehle Öle von Lavendel, Pfefferminze, Zitrone, Rose, Eukalyptus, Douglasie, Teebaum und Immortelle.»

Lavendelöl etwa hilft bei Schmerzen, da es die Ausschüttung schmerzstillender Hormone anregt und gleichzeitig Wunden desinfiziert; Pfefferminzöl kühlt, wirkt bei Kopfschmerzen und als Temperatursenker bei Fieber; Zitronenöl wirkt stimmungsaufhellend und unterstützt als starkes Antioxidans das Immun- und Lymphsystem; und Teebaumöl wirkt unter anderem gegen Pilzinfektionen. Britische Wissenschaftler stellten zudem fest, dass die Kombination von Licht und dem Geruch von Zitronen-, Lavendel- oder Pfefferminzöl den Blutdruck und somit die Herzschlagrate verringert.

Die Menschheit kennt und nutzt die Wirkung von Düften seit Jahrtausenden. Die Aromatherapie gehört somit zu den ältesten überlieferten medizinischen Anwendungen und erlebt seit ein paar Jahren wieder eine Renaissance in der Komplementär- und auch in der Schulmedizin.

Bereits vor fünf Jahrtausenden wussten die Mesopotamier, wie man Pflanzenöle destilliert. Später benutzten die Ägypter ätherische Öle aus Zedernholz, Zimt, Terpentin, Dill, Basilikum und Koriander zur Mumifizierung, zum Heilen und für die Schönheitspflege. Und schliesslich war es der Arzt und Alchemist Paracelsus, der vor rund 500 Jahren den Gebrauch ätherischer Öle in der Medizin weiter vorantrieb.

Riechende Wunderwaffen
Ätherische Öle enthalten die Essenzen einer Pflanze. Sie dienen als Energiespeicher, Informationsträger, Krankheitsschutz, Temperaturregler und mehr: Duftstoffe locken Insekten an oder wehren Fressfeinde ab; Verdunsten die Öle, entsteht ein Mikroklima, das vor extremen Temperaturen schützt.

Die Duftstoffe finden sich in Blüten und Blättern, werden in Wurzeln, Früchten, Holz, Rinde, im Harz oder in der äusseren Fruchtschale eingelagert. Für die Gewinnung der Öle braucht man grosse Mengen an Pflanzenmaterial, und das hat seinen Preis. «Entscheidende Faktoren für die Qualität ätherischer Öle, und damit auch für deren Verträglichkeit, sind die Wahl des Ausgangsmaterials, die Art der Herstellung und die richtige Lagerung», sagt Ricarda Podkowik von Weleda. Das in Arlesheim gegründete anthroposophisch ausgerichtete Unternehmen gehört im Bereich ganzheitlicher, natürlicher und biologischer Kosmetika und Arzneimittel zu den weltweit führenden Herstellern.

Wenn die Pflanzen diese Wunderwaffen so vielseitig für ihre Zwecke einsetzen, verwundert es kaum, dass die Wirkungsweisen der ätherischen Öle auf Mensch und Tier ebenso vielseitig sind. Sie wirken antibakteriell, antioxidativ, gefässerweiternd, entzündungshemmend, analgetisch, zellgenerierend, hormonunterstützend und blutdrucksenkend. Sie erhalten und verbessern das Hautbild, helfen beim Einschlafen, stärken das Immunsystem, regen die Selbstheilungskräfte an und können Wunden heilen, wo herkömmliche Medikamente versagen. Die Liste der Wirkungsweisen liesse sich mühelos verlängern.

Düfte wirken direkt auf das Gehirn
Die Wirkung ätherischer Öle auf Geist und Körper wird auch von Schulmedizinern nicht mehr angezweifelt. Denn man weiss heute genauer, wie Duftstoffe wirken. Die Neurowissenschaften bieten tiefe Einblicke in die Funktionsweisen unseres Gehirns. Man weiss deshalb, dass das limbische System, das emotionale Reize verarbeitet, direkt Nervenverbindungen aus den Teilen des Gehirns unterhält, die für das Riechen zuständig sind. Die Erfahrung, dass Gerüche unser Verhalten sowie die Ausschüttung von Hormonen und das vegetative Nervensystem beeinflussen, kann somit physiologisch erklärt werden. Und: Duftstoffe wirken auch über die Haut und nicht nur über die Nase. Sie erzeugen die gleichen Spuren im Gehirn, wie wenn sie über die Nase aufgenommen werden.

Dass die Aromatherapie mehr Anerkennung erlebt, verdankt sie auch klinischen Studien aus der Krebsforschung und solchen, die zeigten, dass einige ätherische Öle nachweislich gegen Pilze, Bakterien und Viren wirken. Keimtötende Wirkung haben vor allem Phenole, die in Lavendel, Thymian, Eukalyptus oder Rosmarin enthalten sind. Beim ätherischen Öl der Myrtenpflanze konnte gar eine starke Wirkung auf die im Spital oft problematischen Erreger Staphylococcus aureus festgestellt werden.

Die Selbstheilungskräfte stärken
In der medizinischen Anwendung werden die Öle eingenommen, einmassiert, als Kompresse aufgelegt oder eingeatmet. Häufig werden Riechfläschchen eingesetzt,;auch Voll- oder Fussbäder wirken entspannend. Bekannt sind Inhalationen zur Behandlung von Erkältungskrankheiten, hier sind Mischungen mit Latschenkiefer, Eukalyptus, Thymian, Linalool, Angelikawurzel und Salbei ratsam. Feuchtwarme Kompressen haben eine entspannende und entkrampfende Wirkung und öffnen die Poren, sodass das Öl bis in die tieferen Hautschichten eindringen kann.

Duftlampen zur Beeinflussung der Raumluft sind ebenfalls wirksam. So zitiert der Bochumer Forscher Hanns Hatt im Buch «Das Maiglöckchen-Phänomen» eine interessante Untersuchung in einer Zahnarztpraxis, in der das Wartezimmer mit Orangen- und Lavendelduft angereichert wurde. Das Ergebnis war, dass Patienten weniger Angst vor der Behandlung hatten.

Seit vielen Jahren werden ätherische Öle gezielt und in Kombination mit anderen Therapien im Bereich der Psychiatrie eingesetzt. «Aromatherapeutische Interventionen sollen in erster Linie das Bestreben der Patientinnen und Patienten unterstützen, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen», erklärt Regula Rudolf von Rohr. Die Aromatherapeutin setzt seit Jahren in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel ätherische Öle ergänzend zu Verhaltenstherapien ein.

 

 «Man sollte einige wirksame ätherische Öle für den Hausgebrauch vorrätig haben: Lavendel, Zitrone, Rose.» Susanne Fischer-Ritzi

 

 

 

Die häufigste Anwendung erfolgt mittels Riechfläschchen. Regula Rudolf von Rohr: «Ohne dass er sich im Raum verbreitet, kann der Duft jederzeit bei Bedarf selbst angewendet werden, etwa zur Stimmungsaufhellung oder um sich von grüblerischen Gedanken abzulenken.» Dabei komme es sehr auf die Person an und darauf, welche Öle und welche Mischungen eingesetzt werden. Ihr Fazit: Den Geruchssinn mit angenehmen Düften zu trainieren, sei eine heilende Therapieform, von der Menschen mit verschiedensten psychischen, neurologischen und körperlichen Erkrankungen im Alltag profitieren könnten.

Anwendungsbeispiele für den Hausgebrauch

Bei Erkältung 
Empfohlen wird die Inhalation mit folgender Mischung: Je 2 Tropfen Öl von Eukalyptus radiata, Latschenkiefer und Zitrone. Die Mischung in eine grosse Schüssel heisses Wasser geben, ein grosses Tuch über den Kopf legen und den aromatischen Dampf 5 Minuten ruhig und tief einatmen. Die Prozedur 2 bis 3 mal täglich wiederholen.  

Bei Menstruationsbeschwerden 
Bei Bauchkrämpfen, auch schon bei ersten Symptomen, den Unterleib mehrmals täglich in Form einer leichten Massage mit folgender Mischung einreiben: 2 Tropfen Öl von Kamille, 3 Tropfen Majoran, 3 Tropfen Muskatellersalbei und 4 Tropfen Ylang Ylang. 

Zur Schmerzlinderung
Heisse Kompressen mit Ölen von Zypresse und Majoran lindern Schmerzen. Helfen können auch kalte Kompressen mit Pfefferminze oder Zitronengras; diese lindern zudem lokale Entzündungen. Und so gehts: Die betroffene Körperstelle mit 2 bis 3 Tropfen Öl einreiben. Darüber ein feuchtes Tuch und Plastikfolie legen und das Ganze mit einem trockenen Tuch einwickeln. 10 bis 60 Minuten einwirken lassen. Die Anwendung mehrmals täglich wiederholen. 

Vorsicht: Nebenwirkungen 
Bei offenen Wunden, Epilepsie, Allergien, Asthma, bei Schwangerschaft und bei Neugeborenen und Säuglingen sowie während einer homöopathischen Behandlung sollten ätherische Öle nicht oder nur auf ausdrücklichen Rat einer Fachperson angewendet werden.

«Auf die Dosis achten»

Die Naturheilpraktikerin Susanne Fischer-Rizzi gilt als Pionierin der Aromatherapie. «natürlich» hat sie gefragt, worauf bei Aromaölen zu achten ist.

Frau Fischer-Rizzi, auf was sollte man beim Kauf von ätherischen Ölen achten?
Man sollte nur hochwertige Öle bei vertrauenswürdigen Anbietern kaufen. Die Öle müssen in lichtundurchlässigen Glasflaschen angeboten werden. Auf dem Etikett sollte «100 Prozent reines ätherisches Öl» stehen, da auch mit anderen Substanzen vermischte oder synthetische Öle verkauft werden. Dazu sollten Herkunftsland, Anbaugebiet, deutscher und lateinischer Name der Pflanze, verwendete Pflanzenteile sowie Anbauweise, etwa kontrolliert-biologisch, oder Wildsammlung vermerkt sein. Sicherheitshinweise, Chargennummer und Mindesthaltbarkeitsdatum dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Wann können ätherische Öle problematisch sein?
Ätherische Öle können Nebenwirkungen erzeugen. Man sollte deshalb auf jeden Fall die empfohlene Dosis beachten. Innerlich sollten ätherische Öle nur auf Rat von therapeutisch geschulten Fachpersonen eingenommen werden. Bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa Rose und Lavendel, dürfen ätherische Öle nie unverdünnt auf die Haut aufgebracht oder in Augen oder Ohren getropft werden. Ätherische Öle werden immer mit einem Trägermedium wie Jojobaöl, Kieselgel oder einer anderen Cremegrundlage verdünnt angewendet. Bei Kindern unter zwei Jahren sollten manche Öle wie Eukalyptus, Minze und Rosmarin nicht angewendet werden. Öle von Thymian, Gewürznelke, Oregano und Zimt können Hautreizungen verursachen und sollten deshalb nur in Ausnahmefällen auf die Haut aufgetragen werden. 

Warum werden vermehrt Hydrolate verwendet?
Bei der Herstellung von ätherischen Ölen erhält man auch Pflanzenwässer, Hydrolate genannt. Da diese besonders mild wirken, verursachen sie keine Nebenwirkungen, sind fast immer haut- und schleimhautverträglich und eignen sich auch zur Einnahme. Trotzdem sind breit anwendbar und hochirksam. Da sehr viele Menschen an Allergien leiden und auf ätherische Öle, die nicht sachgemäss angewendet werden, überreagieren, bieten sich die sanft wirksamen Hydrolate für Therapien und Kosmetika an.

Buchtipps


Susanne Fischer-Rizzi «Das grosse Buch der Pflanzenwässer», AT Verlag, 400 Seiten, Fr. 49.90

Kühni/von Holst «Gesund durch Heilsteine und Öle», AT Verlag, 192 Seiten, Fr. 23.90

 

 

 

 

Fotos: www.at-verlag.ch | zvg | Christin Hume | www.unsplash.com | www.istockphoto.com 

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