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Drogen aus der Natur

Kategorie: Natur
 Ausgabe 11 - 2008 - 01.11.2008

Text:  Christian Rätsch

«Naturdrogen» oder «Biodrogen» sind die neuen Schlagworte, wenn es um Rauschgifte geht. Doch was genau steckt dahinter? Der Ethnobiologe und Drogenexperte Christian Rätsch über die vielen Suchtmittel, die legal und illegal unseren Alltag bereichern.

Viele Menschen brauchen am Morgen erst mal den gewohnten Kaffee, damit sie sich wieder «wie ein Mensch fühlen». Andere sagen dasselbe über ihre Morgenzigarette. Manche brauchen sogar einen Schnaps, um wieder in die Gänge zu kommen. Wie oft hört man,
dass gewohnheitsmässige Kaffeetrinker vor ihrer ersten Tasse nicht ansprechbar wären und noch nicht richtig denken könnten. Aber das schwarze Gebräu schenkt ihnen bald neue Lebenskraft weckt sie auf, macht sie bereit für die Welt.

Der Kaffee ist ein Stimulans, hergestellt aus den gerösteten Bohnen des tropischen Kaffeestrauches (Coffea arabica). Er enthält ein stark wirksames Alkaloid namens Koffein. Koffein ist ein Weckamin, ein Wachmacher, ein Leistungssteigerer, ein Antriebsmittel, ein Erregungsmittel, ein psychisches Reizmittel sowie ein Appetitzügler.

Kaffee ist eine echte Naturdroge, denn er ist die Zubereitung aus einer Pflanze, aus den Samen des Kaffeestrauchs. Kaffee hat eine psychoaktive Wirkung, die uns nicht nur wach macht, sondern auch den Geist anregt, die Arbeitsleistung steigert, das Durchhaltevermögen stärkt.

Öl im Getriebe der modernen Welt

Kaffee ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Alltag, genauer aus unserem Büroalltag, aus unserer Arbeitswelt. Kommissare und Polizisten schlürfen ihn literweise, Manager und Büroangestellte schlucken ihn kübelweise, Kreative trinken ihn ununterbrochen, Gesellschaften treffen sich zum Kaffeekränzchen, Nachtschwestern schwören auf ihn, Studenten lernen mit ihm. Kurzum, Kaffee ist die wichtigste stimulierende Naturdroge unserer Gesellschaft. Er ist das Öl im Getriebe unserer modernen Welt. Ohne ihn funktioniert es nicht.

Dabei war der Kaffee einst ein heiliges Getränk, das rituell getrunken wurde. Zunächst in Ostafrika, später dann in der arabischen Welt. In Ostafrika glaubte man, dass in den Kaffeebohnen Geister wohnen und dass sie darum magische Kräfte in sich haben, die durch Rituale und Beschwörungen nutzbar gemacht werden können. Afrikanische und arabische Sufis haben ihn massenweise getrunken, um ihre nächtlichen Meditationen, langen Gebete und anstrengenden Derwischtänze durchzustehen. Mit Kaffee wurde es viel leichter, die religiöse Ekstase, die Verschmelzung mit Gott zu erreichen.

Der arabisch-islamischen Legende nach wurde dem kranken Mohammed vom Erzengel Gabriel der erste Kaffee zur Genesung gereicht. Deshalb ist er heilig und wird im Islam als Zeremonialtrank benutzt. In Swahililand wird beim abendlichen Koranlesen und bei mitternächtlichen Gottesdiensten reichlich Kaffee getrunken, oftmals mit Kardamom und Rosenwasser gewürzt.

Der Siegeszug des Kaffees

Erst im 16. bis 17. Jahrhundert ist der Kaffee in Europa bekannt geworden – und wurde mit grosser Begeisterung aufgenommen, als Allheilmittel gepriesen und als Aphrodisiakum benutzt. Er galt als Göttertrank, denn er erregte den Geist auf eigentümliche Weise. Koffeinhaltige Drogen waren in Europa bis dato unbekannt. Die Kaffeewirkung war etwas ganz Neues, Aufregendes, geradezu Zauberhaftes. Kaffeebohnen waren damals sehr wertvoll und wurden schnell zu einem beliebten Handelsgut.

Kaffee ist vermutlich heutzutage das weltweit meist getrunkene stimulierende Getränk oder anregende Genussmittel. Damit gehört der Kaffeestrauch zu den kulturell wichtigsten psychoaktiven Pflanzen der modernen Welt. Er ist die am weitesten verbreitete Naturdroge überhaupt. Er hat einen festen Platz in unserer Alltagskultur, aber auch andere Naturdrogen haben sich einen festen Platz in unserem Leben erobert.

Psychoaktive Genussmittel des Alltags
Viele im Alltag gebräuchlichen Getränke, Gewürze, Nahrungs- und Genussmittel enthalten verschiedene Stoffe, darunter auch Koffein, die einzeln oder in ihrer Zusammensetzung psychoaktiv sind. Das heisst: Je nach eingenommener Menge können sie direkt auf die Stimmung und die Wahrnehmung Einfluss nehmen und/oder zu vorübergehenden Bewusstseinsveränderungen führen.

• Kaffee
• Kakao und Schokolade
• Colanuss (in Süssigkeiten)
• Coca (in Coca-Cola allerdings entkokainisiert!)
• Tee
• Guarana (in Erfrischungsgetränken)
• Mate
• Muskatnuss (als Gewürz)
• Schlafmohn (Mohnsamen)
• Baldrian (in Schlaftees oder Tinkturen)
• Getreide (in Bier oder Schnaps)
• Wein
• Wacholder (in Schnaps)
• Diverse Früchte und Gemüse (in Schnaps)
• Ginseng (in Kräutertees)
• Melisse (in Beruhigungstees)
• Tabak
• Weihrauch (als Räucherstoff, nicht nur in der Kirche)

Genussmittel oder Naturdroge?

Das Wort «Naturdroge» wird heutzutage nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung – natürlich vorkommende, getrocknete Substanz – benutzt, sondern in den Medien als Begriff für gewisse berauschende Pflanzen verwendet. Eben Pflanzen, die in der Natur vorkommen und angeblich wie «Rauschgifte» wirken.

In den Medien werden zurzeit unter dem Schlagwort «Naturdrogen» mehrere psychoaktive Pflanzen zusammengefasst, die wegen ihrer berauschenden Wirkung von Menschen, besonders von Jugendlichen, konsumiert werden. Sie wachsen in der Natur oder werden für Berauschungszwecke angebaut. Sie gelten als potenziell gefährlich und als nur schwer dosierbar. Sie werden als eine neue Gefahr für Kinder und Jugendliche abgestempelt.

Meist werden unter dem Begriff «Naturdrogen» Stechäpfel (Datura), Engelstrompeten (Brugmansia), Tollkirsche, Bilsenkraut, Alraune, Fliegenpilze sowie eine Anzahl exotischer Pflanzen (zum Beispiel Hortensien) zusammengefasst und verstanden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie legal sind und nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fal-len. Das ist irreführend, denn als «Naturdrogen» bezeichnet werden auch die «illegalen» Pflanzen und die daraus gewonnenen Drogenzubereitungen wie getrocknete Peyote-Buttons, Cocablätter, Schlafmohnkapseln (Opium), Ayahuasca und Ayahuasca-Analoge, getrocknete Zauberpilze, neuerdings auch Extrakte aus der mexikanischen Wahrsagesalbei (Salvia divinorum) und natürlich Marihuana und Haschisch.

Es ist eigentlich merkwürdig, dass Kaffee, Tee, Guarana, Kakao, Schokolade, Mohnsamen und verschiedene Gewürze meist nicht dazugerechnet werden. Für sie haben wir glücklicherweise das unverfängliche Wort «Genussmittel» zur Hand. Dennoch sind auch sie starke Naturdrogen, die in unserem Alltag nicht nur häufig, sondern oft auch reichlich gebraucht werden.

Suche nach dem Hanfersatz

Drogenbeauftragte, Drogenberater, Sozialarbeiter, Suchtexperten, Lehrer und Polizei, sogar die Sektenbeauftragten der Kirchen beschäftigen sich zunehmend mit den «Naturdrogen» oder den «neuen Bio-Drogen». Aber sie haben über die neue «Drogengefahr» nur wenige, oft falsche Informationen zur Verfügung und verbreiten deshalb un-sachliche Gerüchte. Sie schüren sogar Panik, besonders bei «betroffenen» Eltern, indem sie vor den verheerenden, todbringenden Folgen warnen. Tatsache aber ist: Nur weil Cannabis verboten ist, ist das allgemeine Interesse an Naturdrogen gestiegen. Man sucht nach einer legalen Alternative, nach Stoffen, die so wie oder so ähnlich wie Hanf antörnen, high machen oder berauschen. Es gibt aber keine andere Pflanze, die so wirkt wie Hanf respektive dessen Hauptwirkstoff THC. Dennoch kursieren allerlei Gerüchte, nach denen es für den Hanf reichlich viele Ersatzpflanzen mit ähnlicher Wirkung gäbe.

Es gibt kleine Broschüren, die privat vervielfältigt sind und im Untergrund, in Diskotheken oder auf Partys vertrieben werden. Darin ist zu lesen, dass es in vielen exotischen Kulturen, die Hanf gebrauchen, ebenso verwendete psychoaktive Surrogate gibt. Dazu gehören neben gut bekannten Gewürzpflanzen wie Dill, Borretsch, Karotte, Fenchel, Kamille, Lorbeer und Waldmeister auch einige bekannte Heilkräuter wie Immergrün, Helmkraut (Scutellaria), Beifussarten (Artemisia), Kalifornischer Mohn und Kalmus. Diese Pflanzen gelten als sogenannte «legal highs», legale Rauschmittel. Das klingt interessant – aber: Rauschwirkungen konnten bei diesen Naturdrogen bisher nicht nachgewiesen werden.

Das Rauschgift im Gewürzschrank

Es gibt nur wenige «legal highs», die eine er-wiesene, leicht psychoaktive Wirkung haben: der südafrikanische Löwenschwanz (Leonotis leonurus), der Sibirische Löwenschwanz (Leonurus sibiricus), der weltweit verbreitete Giftlattich (Lactuca virosa), das südafrikanische Kanna (Sceletium tortuosum) und das mexikanische Damiana (Turnera diffusa). Bis vor ein paar Jahren gehörte noch das stark stimulierende Meerträubel (Ephedra) dazu. Alle Zubereitungen vom Meerträubel waren die besten und meistverkauften Produkte in den holländischen Smart Shops, sind aber inzwischen verboten. Sie dürfen nur noch in Apotheken auf Rezept verkauft werden.

Die Muskatnuss, ein Gewürz unserer Küche, hat in entsprechend hoher Dosierung – etwa zwei bis drei gehäufte Esslöffel der pulverisierten Nuss – eine starke psychoaktive Wirkung, die einhergeht mit Halluzinationen, Übelkeit, Erbrechen und anderen Vergiftungserscheinungen. Jeder, der solche Mengen Muskatnuss geschluckt hat, will dieses Experiment nie mehr wiederholen. Die meisten können danach ihr Leben lang keine Spur von Muskatnuss mehr ertragen. Als Gewürz verwendet treten diese unangenehmen Wirkungen zum Glück nicht auf. Die geringen Mengen, die wir in der Küche gebrauchen, sind nicht gefährlich.

Heil- oder Rauschmittel – das ist hier die Frage

Zu den «legal highs» zählen aber auch die wirklich gefährlichen Nachtschattenpflanzen, deren Genuss weder verboten ist noch strafrechtlich verfolgt wird. Im 16. Jahrhundert gelangten zum ersten Mal Stechäpfel (Datura) nach Europa. Sie wurden zunächst nur als besonders schöne Ziergewächse betrachtet und in Gärten angepflanzt. Die erste botanisch exakte Darstellung des Stechapfels stammt aus dem Neuen Kräuterbuch (1543) von Leonardt Fuchs (1501 bis 1566), einem der sogenannten «Väter der Botanik». Im Kapitel CCLXV. heisst es: «Von den Stechenden Äpfeln haben wir noch keine sondere Erfahrung, darum wir diesmal von ihrer Wirkung nichts anzeigen können. Dieweil es aber schöne Gewächse sind, wollen wir nicht mehr sagen, als dass wir genug Grund dafür haben, darüber nachzudenken, was für eine Wirkung sie haben könnten.»

Als man in der frühen Neuzeit die psychoaktive Wirkung des Stechapfels kennengelernt hatte, hielt man ihn sofort für ein gefährliches Hexenkraut und nahm an, dass die Hexen daraus ihre Flugsalbe zur Ausfahrt zum Blocksberg herstellten. Man betrachtete die Pflanze mit Argwohn, Scheu und Angst. Sie erhielt dann auch im Volksmund den Namen «Teufelskraut». Allerdings stellte man auch fest, dass der Stechapfel ein sehr wirksames Medikament abgibt. So wird die Datura in den Pharmakopöen und Arzneimittellisten bis in die Neuzeit als Heilpflanze und Heilmittel geführt. Aus Datura werden bis heute homöopathische Arzneien gegen Schlafstörungen und Verkrampfungen hergestellt. Man hielt die Pflanze schon früh aber auch für ein besonders starkes Gift, und das bis heute. In vielen botanischen Gärten wird der Stechapfel im Heilpflanzengarten zwar ausgesät, gleichzeitig aber mit auffälligen Warnschildern eindringlich vor ihm gewarnt.

Psychoaktive Pflanzen haben viele Namen
Diese chronologische Liste zeigt, mit welchen Begriffen psychoaktive Pflanzen im Verlauf der letzten 150 Jahre von Fachleuten umschrieben und bezeichnet wurden:
Narkotische Genussmittel (Bibra 1855)
Nervennahrung (Mantegazza 1858)
Die Sieben Schwestern des Schlafs (Cooke 1860)
Reizmittel (Baudelaire 1860)
Menschliche Genussmittel (Hartwich 1911)
Phantastika (Lewin 1924)
Erregungsmittel (seit den 1920er-Jahren)
Rauschgifte (seit den 1920er-Jahren)
Magische Gifte (Reko 1936)
Chemische Zaubertränke
(Römpp 1939)
Zauberdrogen (Hofmann 1954)
Halluzinogene (seit den frühen 1960er-Jahren)
Rauschgift-Drogen (Wagner 1970)
Entheogene (Ott 1979)
Bio-Drogen (seit den 1980er-Jahren)
Biogene Drogen (seit den 1990er-Jahren)
Biogene Suchtmittel (Löhrer 1997)
Naturdrogen (aktuell)

Auf dem Höllentrip

Ist der Stechapfel nun eine Heilpflanze oder eine Giftpflanze? Ob sie das eine oder das andere ist, hängt alleine vom richtigen Gebrauch und von der Dosierung ab, wie bei allen Medikamenten.

Alle Engelstrompeten und Stechäpfel enthalten stark halluzinogen und delirant wirkende, zentral stimulierende und peripher dämpfende Tropanalkaloide, besonders das Scopolamin. Dieser Wirkstoff wurde früher in der Psychiatrie als «chemische Zwangsjacke» eingesetzt. Denn eine Injektion damit hat bei Krämpfen, Wutanfällen und Aggression sofort zur Beruhigung der Patienten geführt. Scopolamin kann in hoher Dosis tödlich sein.

Bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts war Datura ein Standardmittel der Apotheken. Es gab es fertig gedrehte Zigaretten aus Daturakraut. Diese wurden von Asthmatikern bei akuten Anfällen geraucht. Der Hauptwirkstoff des Stechapfels, das Scopolamin, hat die Eigenschaft, Krämpfe schnell zu lösen. Der im Rauch der medizinischen Zigarette vorhandene Wirkstoff entspannt sofort das Muskelgewebe der Lunge, und Asthmatiker können wieder durchatmen. Schon bald wurden die Asthmazigaretten aber ganz anders benutzt. Viele Jugendliche hatten davon gehört, dass der Stechapfel «irgendwie» antörnt. Sie haben den Zigaretteninhalt jedoch nicht geraucht, sondern als Tee aufgebrüht getrunken. Die Folgen waren erschreckend, sowohl für den Berauschten als auch für seine Umgebung. Es kam meist zu Delirien, in denen grauenhafte Halluzinationen auftauchten, zu manischem Verhalten und akutem Wahnsinn, begleitet von unangenehmen körperlichen Reaktionen, wie Hitzegefühl, extreme Austrocknung aller Schleimhäute, schmerzende Schluckbeschwerden und Tanzwut. Die Berauschten verloren jeden Bezug zur Wirklichkeit.

Einige der derart Berauschten fielen auf. Sie liefen völlig desorientiert durch die Gegend, rissen sich alle Kleider vom Leib, brabbelten unverständliches Zeug, waren völlig unansprechbar oder vollzogen sich ständig wiederholende Bewegungen, die unsinnig erschienen. Solche vom Stechapfeltee berauschten Leute wurden oft als Notfall in psychiatrische Anstalten eingewiesen. Ihr Zustand hielt in einigen Fällen mehrere Tage lang an. Die aus dem Rausch erwachten konnten sich nur bruchstückhaft an das Geschehene erinnern und wussten nur eines mit Sicherheit: Nie wieder Stechapfel!

Russisches Roulette mit Bio-Drogen

Durch die mediale Verbreitung dieser schrecklichen Erfahrungen geriet der Stechapfel wieder aus der Mode. Erst in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts haben viele Rauschbedürftige wieder mit Stechäpfeln und der nah verwandten Engelstrompete (Brugmansia) experimentiert.

In der Schweiz und in Deutschland wurden in den Tageszeitungen zunehmend Nachrichten über den gefährlichen Gebrauch der Naturdrogen Stechapfel und Engelstrompete veröffentlicht. Es kam zu reisserischen Schlagzeilen wie «Russisches Roulette mit Engelstrompete». Dabei wurde in der Presse meist nicht zwischen Stechäpfeln und Engelstrompeten unterschieden. Man wies immer darauf hin, dass Engelstrompeten extrem gefährlich seien, zu Wahnsinn und Eigenverstümmelungen und zum grausamen Tod führen könnten. Einige Journalisten mockierten sich darüber, dass Engelstrompeten an öffentlichen Plätzen gepflanzt wurden. Man bemängelte die staatliche Schutzpflicht für seine Bürger. Man forderte sogar, dass Stechäpfel und Engelstrompeten verboten werden müssen, dass ihr Anbau kontrolliert und ihr Konsum verfolgt werden sollte. Ihr Missbrauch solle unbedingt verhindert werden.

Oft wird im Zusammenhang mit diesen Nachtschattengewächsen von «Rauschgiften», ja sogar von «Suchtgiften» gesprochen. Man konstatierte kurzerhand die «Engelstrompetensucht» (die in der medizinischen und toxikologischen Literatur nicht nachgewiesen wurde). Man schürte absichtlich die Angst vor den Naturdrogen, also auch vor der Natur. Stechapfel und Engelstrompete wurden dämonisiert.

Die Kunst der richtigen Anwendung

Die meisten Stechäpfel und alle Engelstrompeten stammen hauptsächlich aus Mittel- und Südamerika. Dort werden sie seit Jahrtausenden von Schamanen rituell benutzt. Sie werden in Heilritualen zum Nutzen des Menschen verwendet und in der Kräuterheilkunde als kräftige Medizin eingesetzt. Schamanen und Kräuterkundige wis-sen genau, wie man diese Pflanzen richtig zubereitet, dosiert und anwendet. Dadurch kommt es kaum je zu Unfällen wie bei uns.

Trotzdem darf nicht vergessen werden: Die Engelstrompete, die grössere Schwester des Stech-apfels, ist eine der gefährlichsten Schamanenpflanzen überhaupt. Sie ist sogar unter erfahrenen Schamanen gefürchtet. Hohe Dosen aus Engelstrompeten-Zubereitungen wie Tees, Extrakte und Tinkturen bewirken Halluzinose, Delirium, Wahnsinn, Krämpfe oder sogar den Tod.

Viele Schamanen in Südamerika warnen deshalb eindrücklich vor dem «mächtigen Pflanzengeist» der schönen Gewächse. Sie sollten nur von Schamanen, die besonders stark und erfahren sind, also nur von Meisterschamanen benutzt werden. Nur wer den Pflanzengeist meistern kann, darf dieses Nachtschattengewächs benutzen. Das gilt für alle Arten der Engelstrompete – und lässt sich auch auf den Gebrauch von «Naturdrogen» wie Tabak anwenden, der von Indianern nur rituell geraucht wurde, bei uns jedoch zu einem der stärksten Suchtmittel mutiert ist.

Des einen Freud – des andern Leid

Genauso wie Tabak und Alkohol nicht für jedermann gut ist, sind auch andere Naturdrogen nicht für jeden gleichermassen geeignet. Jeder Mensch ist ein Individuum und reagiert unterschiedlich. Dabei kann man nur selbst für sich entscheiden, ob einem der Konsum von Naturdrogen zusagt oder abstösst.

Bayern können noch nach zwei Mass Bier Auto fahren – das behauptet zumindest Günther Beckstein, der ehemalige Ministerpräsident des Freistaats. Für Tschuktschen, Indianer und andere Stammesvölker ist Alkohol aber eine regelrechte Bedrohung. Der Umgang damit ist für sie nicht zuletzt deshalb ein Problem, weil ihrem Körper ein Enzym fehlt, das den Abbau von Alkohol begünstigt. So mancher Stamm ist nicht den Soldaten seiner Feinde, sondern dem Feuerwasser zum Opfer gefallen. Schnaps wurde deshalb schon früh von den weissen Einwanderern gezielt als «chemischer Kampfstoff» zur Unterwerfung der Ureinwohner eingesetzt.

Der Umgang mit einer Naturdroge muss erlernt werden, sonst kann sie verheerende Folgen haben. Um eine Naturdroge sinnvoll, also nützlich einzusetzen, erfordert es eine genaue Kenntnis der jeweiligen Substanz und deren Wirkung. In vielen Gesellschaften wird der Gebrauch von Naturdrogen deshalb gesellschaftlich oder juristisch geregelt und kulturell gefördert oder stigmatisiert. So gehören Alkohol und der Umgang damit in westlichen Ländern zur Alltagskultur, während er in islamischen Ländern verboten ist. Früher war der Alkohol übrigens auch in Indien verboten – dafür aber das Rauchen von Hanf erlaubt.

Die Weltgeschichte ist voll von Verboten und Zulassungen. Das gilt auch für den Tabak. Mal war er verboten, dann wieder erlaubt. Genauso wurde manchmal der Kaffee verpönt. Der Gebrauch von Opium war in vielen orientalischen Kulturen weit verbreitet und hoch geschätzt. Heute gilt Opium – hauptsächlich aus Afghanistan – als Quelle eines grossen Übels.

Christian Rätsch ist Ethnopharmakologe und Ethnobotaniker. Der 51-jährige studierte Altamerikanistik, Ethnologie und Volkskunde.
Seit 20 Jahren erforscht er weltweit schamanische Kulturen und deren Gebrauch psychoaktiver Pflanzen. Er lebte unter anderem drei Jahre mit den Lakandonen-Indianern im Regenwald Mexikos. Rätsch ist Herausgeber des «Jahrbuchs der Ethnomedizin». Im AT Verlag sind verschiedene seiner Bücher erschienen, darunter «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen», «Schamanismus und Tantra in Nepal» und «Walpurgisnacht».

Internet
www.drug-encyclopedia.eu
www.pharmazeutische-zeitung.de
www.drogenlexikon.de
www.christian-raetsch.de

Literatur
Mark Pendergrast: «Kaffee – wie eine Bohne die Welt veränderte»,
Verlag Edition Temmen 2006, Fr. 44.90
Rätsch/Müller-Ebeling/Adelaars: «Ayahuasca – Rituale, Zaubertränke und visionäre Kunst aus Amazonien», AT Verlag 2006, Fr. 39.90
Markus Berger: «Stechapfel und Engelstrompete»
Verlag Nachtschatten 2003, Fr. 29.80

Bilder: © FOTOLIA, Irisblende

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