Artikel :: Natürlich Online Drecksgeschäfte | Natürlich

Drecksgeschäfte

Kategorie: Leben
 Ausgabe_11_2014 - 01.11.2014

Text:  Andreas Krebs

Umweltkatastrophen, Zwangsumsiedelungen, Korruption, Kriege, Klimawandel – der Rohstoffabbau und -handel hat verheerende Folgen. Und die Schweiz steht in der Verantwortung.

Ohne Öl keine grenzenlose Mobilität, ohne Seltene Erden keine Handys, ohne Phosphat kein billiger Dünger. Ohne Rohstoffe geht heute gar nichts mehr. «Die Anzeichen mehren sich, dass die Zeit billiger Rohstoffe bald vorbei sein wird», schreibt der italienische Chemiker Ugo Bardi in seinem Buch «Der geplünderte Planet». «Unsere Kinder und Enkel werden in einer Welt mit weniger Ressourcen auskommen müssen.» Denn es drohe nicht nur der «Peak Oil» – ein Wendepunkt für die Menschheit –, sondern der «Peak Everything». «Fast alle wichtigen Metalle werden in den nächsten Jahrzehnten knapp», so Bardi. Besonders fatal: Für die Produktion erneuerbarer Energien sind viele von diesen Metallen unersetzlich. Wir müssen unseren Lebensstil also dringend überdenken und unsere Wirtschaft umbauen, wenn künftige Generationen eine faire Chance haben sollen.

Surftipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
revamp-it
revendo - verkaufen/kaufen
verkaufen.ch
ROHMA - Willkommen bei der Rohstoffmarktaufsicht Schweiz
Fossile Schweizer - eine Studie
youtube: Gasland
WOZ - die Wochenzeitung
youtube: Rohstoffhandel

Süchtig nach Öl

Öl ist – auch geostrategisch – der wichtigste und am heftigsten umkämpfte Rohstoff. In Saudi Arabien, Irak, Iran und Russland gibt es die grössten Reserven. Die Vereinigten Staaten hingegen waren seit den 1970er-Jahren immer mehr auf Erdölimporte angewiesen – bis sie das hochriskante Fracking entdeckt haben.

1981 wurde weltweit erstmals mehr Erdöl verbraucht, als neue konventionelle Vorkommen entdeckt wurden; seitdem ist diese Lücke beständig grösser geworden. Die ASPO (Association for the Study of Peak Oil and Gas) schätzt, dass der Peak für die Förderung konventionellen Öls im Jahre 2004 bereits erreicht wurde. Mehr als 50 Länder fördern heute weniger Erdöl als früher.

Deshalb wird versucht, mit neuen Methoden dieses «Leck» zu stopfen. Doch die Förderung sogenannter unkonventioneller Öle ist nicht nur schwierig und kostspielig, sondern vor allem ökologisch ein Desaster. Die Förderung von Schieferöl, Tiefseeöl und Polaröl wird stark vorangetrieben und führt gemäss Expertenmeinung unweigerlich zu einem Klimakollaps. Um solche Öloder Gasreserven zu erschliessen, wird mit der Methode des Frackings gearbeitet. Im Englischen bedeutet to fracture «aufreissen/ aufbrechen»: Der Boden einer Lagerstätte wird mit Wasser und giftigen Chemikalien unter enormem Druck «aufgebrochen» mit dem Ziel, Erdgas oder Öl besser aus Gesteinsschichten lösen zu können. Die eingesetzten Chemikalien, die ins Grundwasser gelangen, können zu Leberschäden, chronischen Nervenschäden und Krebs führen. Und das freigesetzte Methangas übertrifft das Treibhauspotenzial von Kohlendioxid um ein Vielfaches.

Neue Wirtschaftsmodelle sind nötig

Gemäss der UNO-Umweltbehörde würde sich ohne Kursänderung der Verbrauch von Mineralien, Erzen, fossilen Brennstoffen und Biomasse bis 2050 verdreifachen. Eine baldige und drastische Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs von der Wirtschaftsentwicklung ist deshalb dringend nötig. Und möglich: Sharing Economy (nutzen statt besitzen), cradle to cradle (Kreislaufwirtschaft nach dem Vorbild der Natur), Wiederverwendung von Produkten, Urban Mining (Rückgewinnung von Rohstoffen aus Abfall), Cleantech (eine Strategie des Bundes für Ressourceneffizienz und Erneuerbare Energien), Mässigung und Kooperation sind nur ein paar Stichworte für neue Wirtschaftsund Lebensweisen, die im Kleinen schon begonnen haben.

Reiche Länder wie die Schweiz stehen besonders in der Verantwortung. Wir importieren 40 Tonnen Waren pro Kopf und Jahr. Und brauchen jeden Tag 40 Millionen Liter Erdöl. Würden weltweit alle Bewohner so wie die Schweizer Bevölkerung leben, wären 2,8 Erden nötig. Alleine für die Gewinnung der über 40 verschiedenen Metalle, die in einem Handy stecken (welches wir im Schnitt alle 14 Monate ersetzen), werden jährlich Millionen Tonnen Erzgestein bewegt. Solche Abbaugebiete präsentieren sich als gigantische Krater von mehreren hundert Metern Tiefe und über einem Kilometer Durchmesser. Verseuchtes Erdreich und Wasser, feinstaub- und schwefelgeschwängerte Luft, Menschen mit Atemwegs- und anderen Erkrankungen sind die hässlichen «Begleiterscheinungen» dieses Raubbaus. Die Arbeiter sind nicht nur unmittelbar durch ihre Tätigkeit gesundheitlich gefährdet, sie leiden auch unter dem sogenannten «Rohstoff-Fluch». Damit wird das Phänomen bezeichnet, dass sich in Ländern, die reich an mineralischen und fossilen Rohstoffen sind, die Armut häufig noch verschärft. 12 der 25 Länder mit der weltweit höchsten Kindersterblichkeit sind rohstoffreiche, afrikanische Länder. Von den Bodenschätzen profitiert lediglich eine kleine, oft korrupte Elite im Land. Und internationale Firmen wie BP oder Glencore Xstrata, die riesige Gewinne einfahren, aber kaum Steuern zahlen.

Bundesrat auf Kuschelkurs

Wegen diesem undurchsichtigem Geflecht fordert die Erklärung von Bern nun eine Rohstoffmarktaufsicht (ROHMA) als unabhängige «Instanz zur  Regulierung und Überwachung des Rohstoffmarktes». «Es geht darum, die Trader in den Griff zu bekommen», sagt Mediensprecher Oliver Classen. «Eine Rohstoffmarktaufsicht wäre Garantin für einen integren Rohstoffplatz Schweiz, der mithilft, dass die Förderländer ihren Reichtum zum Wohl ihrer Bevölkerungen nutzen können.» So würde die ROHMA dem Ruf und dem Ansehen des Rohstoffhandelsplatzes Schweiz Sorge tragen und aktiv mithelfen, dessen Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Einige Politiker scheinen nun zu realisieren. «Der Rohstoffhandel in der Schweiz ist eine politische Zeitbombe», warnt etwa Martin Dahinden, Leiter der Eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Dennoch hat der Bundesrat am 25. Juni 2014 entschieden, den Rohstoffhandel vorläufig nicht in die Ausarbeitung einer entsprechenden Vorlage einzubeziehen. Er setzt auf freiwillige Regelungen. Das reiche nicht, sagt Classen. «Um wirklich etwas zu ändern, sind rechtlich verbindliche Massnahmen notwendig.»

Das können wir tun
• Öl- und Gasheizungen durch erneuerbare Energiequellen wie Solarenergie ersetzen.
• Weniger konsumieren. Bescheidenheit ist eine Tugend und hat nichts mit Geiz oder Verzicht zu tun. Wer reduziert lebt, erfährt oft eine ungeahnte Bereicherung seiner Lebensqualität.
• Regionale Lebensmittel und langlebige Produkte bevorzugen.
• Abfall vermeiden. Wiederverwertbares recyclen oder in den Laden zurückbringen.
• Teilen und nutzen statt besitzen: sich unter Nachbarn aushelfen, Carsharing, Ökoleasing (anstelle des Produktes seinen Nutzen kaufen).
• Schweizer verursachen pro Jahr über 200 000 Tonnen Elektromüll. Auf ein neues Smartphone verzichten und dafür eine Reduktion beim Abo verlangen.
• Reparieren: Unter dem Stichwort Handy- oder PC-Reparatur finden sich im Internet viele Anbieter.
• Sich die (politischen) Zusammenhänge bewusst machen und Politiker wählen, die sich für einen sorgsamen und gerechten Umgang mit Rohstoffen und erneuerbaren Energien einsetzen.

Befreit von Öl und Gas

Der schwache Entscheid des Bundesrats ist für Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser keine Überraschung. «Ich erwarte nicht, dass die Politik rasch aktiv wird», sagt der Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research. Man müsse die Firmen kritisch im Auge behalten, so Ganser. Es bringe aber nichts, über diese zu schimpfen. «Stattdessen sollten wir Eigenverantwortung übernehmen und unseren eigenen Verbrauch senken. Das ist schwierig genug.» Jeder solle vor seine Öl- oder Gasheizung stehen und sich bewusst machen, dass damit Kriege zusammenhängen.

Bei aktuellen Krisen spielen fossile Rohstoffe laut Ganser eine zentrale Rolle: «Durch Syrien führen Ölpipelines, durch die Ukraine geostrategisch wichtige Gasleitungen. Wir haben Krieg in Europa. Und wie bei vielen Konflikten und Kriegen geht es um die Kontrolle der Energie, also darum, wer Gas und Öl an die Weltmärkte liefert.» Das sei ein weiterer Grund, unsere Souveränität zu stärken. Schätzungen zufolge gab die Öl und Gasindustrie in den Jahren 2010 bis 2012 ungefähr 1500 Milliarden US-Dollar für Erkundung und Erschliessung neuer Lagerstätten und Produktion aus. Diese Mittel, so Ganser, würden besser für Investitionen in eine solare Zukunft genutzt. «Wir sollten unsere Häuser so umbauen, dass sie Kraftwerke werden. Das ist schon heute möglich. Denn wir sind nicht in einer Energiekrise. Die Sonne liefert unendlich viel Energie. Wir haben die Wahl», sagt Ganser. 

Literaturtipps
Erklärung von Bern: «Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz», Salis Verlag
Daniele Ganser: «Europa im Erdölrausch. Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit», Orell Füssli Verlag
Ugo Bardi: «Der geplünderte Planet. Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen», Oekom
Michael Braungart, William McDonough: «Cradle to Cradle – einfach intelligent produzieren», Piper

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com

Tags (Stichworte):