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Die Schattenseite der Merinowolle

Kategorie: Natur, Tiere
 Ausgabe_01_02_19 - 25.02.2019

Text:  Eva Rosenfelder

Das Gewinnen von Merinowolle bedeutet für die Lämmer oft unsägliches Leid. Und auch für die Konsumenten ist die exquisite Faser nicht harmlos.

@ iStock.com

Merinowolle ist nicht nur kuschelweich, sondern auch von wunderbarer Qualität. Die feine Wolle der Merinoschafe gleicht Temperatur und Feuchtigkeit aus, ist geruchsneutral und wird aufgrund ihrer Eigenschaften zunehmend für Funktions-Unterwäsche und Outdoor-Bekleidung genutzt. Wo ein grosser Bedarf besteht, muss viel produziert werden. Leider grasen die meisten Merinoschafe aber nicht auf idyllischen Weiden, gehütet von einem wettergegerbten Hirten, der jedes einzelne Tier hegt und pflegt. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.

Von den weltweit rund eine Milliarde Schafen, die für ihr Fleisch und ihre Wolle gezüchtet und menschlichen Zwecken angepasst werden, lebt ein Grossteil in Asien. Mit 73 Millionen geschorener Schafe pro Jahr ist jedoch Australien das grösste Exportland für Wolle; es produziert rund 25 Prozent des gesamten Wollaufkommens, gefolgt von China und Neuseeland. Etwa die Hälfte dieser Milliarde Schafe sind Merinoschafe. Diese ursprünglich aus Nordafrika stammende Rasse wird heute weitgehend auf Produktion gezüchtet: Ein einziges Schaf kann bis zu zehn Kilogramm Wolle pro Jahr liefern. Doch zu welchem Preis?

Qualen durch Überzüchtung
Insbesondere australische Merinoschafe erdulden entsetzliche Qualen. Denn Merinoschafen wurden extra viele Hautfalten angezüchtet, um zu mehr Wollertrag zu kommen. Das ist für Merinoschafe, die ursprünglich aus Nordafrika stammen, besonders im feuchtschwülen Klima Australiens fatal: Zu Tausenden leben sie dort auf grossen Farmen. Durch diese Massenhaltung werden noch viel grössere Massen von Schmeissfliegen angezogen, die sich in die feuchten, von Urin und Kot verschmutzten Hautfalten am Hinterteil absetzen und dort ihre Eier ablegen. Wenn die Fliegenmaden schlüpfen, fressen sie sich tief ins Fleisch hinein, wo sie schlimme Infektionen verursachen, die bis zum Tod der Schafe führen können.

Bei vorzeitigen Hitzewellen können die Tiere durch ihr unnatürlich starkes Haarwachstum an Hitzschlag sterben. Schert man hingegen zu früh, besteht die Gefahr, dass die Schafe bei unerwarteten Kälteeinbrüchen erfrieren.

Den Befall mit Schmeissfliegen versuchen die australischen Farmer durch sogenanntes «Mulesing» oder «Mulesierung» zu verhindern. Was relativ harmlos als «chirurgische Entfernung der Haut im Afterbereich» bezeichnet wird, ist pure Tierquälerei: Den jungen Lämmern werden bis zu tellergrosse Hautstücke aus dem Afterbereich herausgeschnitten – oft ohne spätere Wundversorgung. Meist wird gleichzeitig auch noch der Schwanz kupiert. Gemäss dem australischen Wollvertriebsverband AWEX erhalten zwei Drittel der Schafe inzwischen zwar Schmerzmittel, etwa Tri-Solven; doch meist geschieht das erst nach der Operation! Und noch immer geht die Zahl der unbetäubten Tiere in die Millionen. Zwar wird – sofern die Wunde verheilt – eine spätere Eiablage der Fliegen so verhindert; doch oft entstehen nach dem traumatischen Eingriff Entzündungen oder gar Krebs. Damit die Fliegen in die offenen Wunden nicht doch wieder Eier ablegen, behandelt man die Merinoschafe mit Insektizid- und Fungizidlösungen – nicht nur in Australien, sondern auch in anderen Wolle produzierenden Staaten. Dabei werden die Tiere mitunter kopfüber in die giftige Lösung eingetaucht! In Gift, das nicht nur die Gesundheit der Tiere beeinträchtigt, sondern später auch in der Wolle haftet, welche die Konsumentinnen und Konsumenten auf ihrer Haut tragen.

Wer bietet mulesingfreie Merino-Produkte an?
Naturversand Hess-Natur

Stellt sehr hohe Anforderungen an die Faserauswahl: Biologischer Anbau und tierfreundliche Haltungsmethoden werden vorausgesetzt.
www.hessnatur.com 

Naturversand Triaz GmbH
Möglichst biologisch und mulesingfrei.
www.vivanda-versand.ch 
www.waschbaer.ch 

Icebreaker Merino

Das neuseeländische Label ist das Älteste, das die Funktionalität von Merinowolle für seine Sportkleidung nutzt. Es gewährt mulesingfreie und hochwertigste Merinowolle: Mittels des BAA-Codes hat die Kundschaft die Möglichkeit, bis zum Produzenten zurückzuverfolgen, woher ein Kleidungsstück stammt.
www.icebreaker.com 

SmartWool
SmartWools Partner, die New Zealand Merino Company, hat ein Gütesiegel für Merinoschafe (ZQ) entwickelt, das mulesingfreie Wolle, gute Tierhaltung und faire Bezahlung der Händler verspricht. www.smartwool.com 

Ortovox
Ortovox Merinowolle stammt gemäss eigenen Angaben von tasmanischen Schaffarmen mit ursprünglichen (nicht überzüchteten) Schafen in traditioneller Haltung. www.ortovox.com/de/shop/swisswool/   

Tierschutzverbände
empfehlen jedoch, generell auf Merinoprodukte zu verzichten.

Weniger wäre mehr
Durch regelmässige Kontrolle der einzelnen Tiere und Scheren an gefährdeten Stellen bräuchte es kein Mulesing. Doch wer bezahlt die dafür nötige Zeit? Mehrkosten dieser Art lässt eine Massenproduktion für Konsumenten, die Qualität zu billigen Preisen fordern, nicht zu in einer vom Preiszerfall gebeutelten Industrie. Auch von Alternativen wie Fliegenfallen oder dem Züchten von Rassen, die an den betroffenen Körperregionen weniger Wolle haben und so ans heiss-feuchte Klima besser angepasst sind, stossen bei den Wollproduzenten auf taube Ohren. Hier kann nur der Druck der Konsumenten etwas bewegen.

Doch leider sind die Verkaufskanäle bis hin zum Farmer sehr schwierig zu durchleuchten. Viele Detailhändler mit Hunderten von Lieferanten und Marken haben nur begrenzt Einblick in die Produktion. Eine Gewähr für tierschutzgerechte Merinowolle gibt es nicht. Zudem kann – ganz abgesehen von Mulesing – eine Massentierhaltung niemals tiergerecht sein. Denn bei dieser Art von Haltung gibt es massenhaft Probleme wie Schnittverletzungen beim Scheren, Krankheiten und Infektionen sowie ein tierverachtendes Schlachtverfahren, dem mit knapp vier Jahren kaum ein Schaf entgeht – weil dann seine Produktionsfähigkeit nachlässt. Zusammengepfercht als Lebendware in Frachtschiffen nach Asien, wo das Schlachten billiger ist, erdulden die Schafe oft unter Todesangst ihre letzten Qualen.

« Die Schafe werden in Gift getaucht, das nicht nur die Gesundheit der Tiere beeinträchtigt, sondern später auch in der Wolle haftet, welche die Konsumentinnen und Konsumenten auf ihrer Haut tragen. »

Für Mensch, Tier und Natur
Weil es für Merinowolle aus tierschützerisch unbedenklicher Haltung kaum Garantien gibt, empfehlen sämtliche Tierschutzverbände, auf den Kauf von Merinoprodukten zu verzichten. «Stattdessen bieten sich Bekleidungen und Textilien aus Biobaumwolle, Rayon, Tencel, Flachs, SeaCell, Acryl, Polyester oder Sojaseide an», sagt Frank Schmidt von PETA. «Insbesondere recycelte Polyesterfasern wie Poly-Lana haben eine weitaus bessere Umweltbilanz als Wolle.»

Wer ganz und gar nicht auf feine Wolle und Naturprodukte verzichten will, kann sich immerhin an gewisse Labels und Gütesiegel halten, die sich um mulesingfreie Produkte und tiergerechte Haltung bemühen. Doch das sei nicht einfach, sagt Barbara Engel, Leiterin für Nachhaltigkeit und Kommunikation bei der Triaz GmbH (Vivanda, Waschbär): «Bei uns müssen die Lieferanten zwar unterzeichnen, dass ihre Wolle mulesingfrei ist. Doch den Zugang bis zu den Wollfarmern haben wir nicht. Es ist deshalb unmöglich, bei jedem Artikel die genaue Herkunft transparent zu überprüfen.» Selbst bei kontrolliert biologischer Wolle sei Mulesing nicht auszuschliessen, so Engel, denn auch Bio-Produzenten hätten, falls die Tiere befallen seien, die Möglichkeit, eine Bewilligung zu beantragen für Mulesing – allerdings nur unter Narkose und Schmerzmittelverabreichung. Die Triaz GmbH umgeht das Problem, indem sie auf die Produktionsländer Neuseelad, Südamerika und die Mongolei ausweicht, so Engel weiter: «Diese Länder haben das Problem mit dem Fliegenbefall aus klimatischen Gründen nicht und betreiben kaum Mulesing.»

Die Firma Hess Natur gewährt absolut mulesingfreie und möglichst biologisch produzierte Wolle, die ausschliesslich aus Südamerika stammt. «Dort kommt Mulesing kaum vor», sagt Sven Bergmann, zuständig für die Unternehmenskommunikation. «Wir übernehmen die volle Verantwortung vom Anbau bis zum fertigen Produkt. Jedes einzelne Teil wird rückverfolgt bis zum Produzenten.» Das verursache Produktionsmehrkosten von 25 Prozent. Deshalb seien auch die Verkaufspreise höher.

Tatsächlich fordern viele Firmen von ihren Lieferanten inzwischen ausdrücklich mulesingfreie Produkte. Doch es ist nach wie vor schwierig, die Einhaltung dieser Forderungen adäquat zu überprüfen: So sind etwa 15 Prozent der überprüften Mulesing-Deklarationen gemäss der Verantwortlichen der AWEG-Wollbörse nicht konform oder falsch.

Sicher ist eines: Solange blinder Massenkonsum die Mühle dieser Produktionsindustrie antreibt, werden ökologische, medizinische und tierrechtliche Probleme in der Tierhaltung unlösbar bleiben. Es liegt in der Hand der Konsumentinnen und Konsumenten, mit ihrem Kaufverhalten ethische und nachhaltige Wertmassstäbe zu setzen. Sie sollten sich mit ihren Käufen gegen das Leiden von Tieren aussprechen und einen sorgsamen Umgang mit Mensch, Natur und Umwelt einfordern.

Literatur
Broschüre des Schweizer Tierschutzes STS: www.tierschutz.com/publikationen/konsum/infothek/flyer_daunen_wolle.pdf 

Fotos: istock.com, zvg
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