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Die Mutter des Aspirins

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 6 - 2008 - 01.06.2008

Text:  Annette Weinzierl

Lange vor der Erfindung des Aspirins setzte man das Mutterkraut mit Erfolg gegen Kopfschmerzen und Migräne ein. Inzwischen gibt es auch Hinweise für die Wirksamkeit der Pflanze bei der Bekämpfung bestimmter Krebsarten.

Derzeit leiden in der Schweiz etwa 15 Prozent aller Frauen und 7 Prozent aller Männer, insgesamt also rund eine Million Menschen hierzulande, regelmässig unter Migräne. Aber nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Kinder sind von der Volkskrankheit betroffen.

Bei Migräne handelt es sich um ein sehr komplexes Leiden, dessen Ursachen bislang nicht vollständig geklärt ist. Häufig verstärkt der unkontrollierte Griff zu den herkömmlichen Migränemitteln bei Betroffenen den Schmerz, der dann auch als medikamenteninduzierter Dauerkopfschmerz bezeichnet wird. Eine Alternative zu den konventionellen Medikamenten bietet das Mutterkraut (Tanacetum parthenium), dessen Wirksamkeit als vorbeugendes Migränemittel auch in klinischen Studien belegt werden konnte.

Schmerzstillerin und Geburtshelferin

Bereits im 18. Jahrhundert wurde das Mutterkraut etwa in der Volksmedizin Grossbritanniens zur Vorbeugung von Kopfschmerzen wie auch bei Zahn- und Magenschmerzen, Rheuma und Gelenksentzündungen eingesetzt. So berichtet der englische Arzt, Apotheker und Botaniker John Hill in seinem Buch «The Family Herbal» aus dem Jahr 1772: «Diese Pflanze übertrifft alles, was man bisher gegen Kopfschmerzen verwendet hat.» Durch seine Aussage wurde das Mutterkraut in England zum Aspirin des 18. Jahrhunderts.

Das Mutterkraut stand schon im Altertum als Heilpflanze in der Frauenheilkunde in ho-hem Ansehen. Vor allem bei der Regulierung von Geburtswehen und zur Erleichterung der Geburt wurde die Pflanze geschätzt. Ihre krampflösenden und schmerzstillenden Eigenschaften und den beruhigenden Einfluss auf das Nervensystem haben sich auch bei Menstruationsschmerzen und unregelmässigen Monatszyklen bewährt.

Die griechischen Ärzte Pedanius Dioskurides (um 60 n. Chr.) und Claudius Galenus von Pergamon (129 bis 199 n. Chr.) führen das Mutterkraut in ihren Werken unter dem Namen Parthenium, was so viel wie Jungfrau oder jungfräuliche Göttin bedeutet und auf seine volkstümliche Verwendung bei Frauenleiden hinweist. Einige Jahrhunderte später kam mit der Ausbreitung des Benediktinerordens von Italien über die Alpen das Wissen um das Mutterkraut auch nach Norden. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurde die Pflanze auf Anordnung Kaiser Karls des Grossen im Gartenbau gefördert. Daraufhin baute man sie gemäss den Richtlinien seiner Landgüterverordnung «Capitulare de villis et curtis imperialibus» vermehrt in Kräuter- und Ziergärten an.

Hildegard von Bingen machte das Mutterkraut im Mittelalter zusehends populärer und empfahl es bei Frauenleiden und Bauchschmerzen: «Wer an kranken Eingeweiden leidet, koche Mutterkraut mit Wasser und Butter oder Öl und gebe etwas Dinkelmehl hinzu. Daraus bereite eine Suppe, denn es hilft den Eingeweiden.» Heute ist bekannt, dass die fettlöslichen (lipophilen) Inhaltsstoffe der Pflanze in Kombination mit Fett, etwa in Form von Butter, im Organismus optimal aufgenommen werden.

Botanik des Muttterkrauts
Ursprünglich stammt das Mutterkraut aus dem südosteuropäischen Raum sowie dem Vorderen Orient und ist seit dem Mittelalter über ganz Europa verbreitet. Später wurde es von europäischen Siedlern in Nord- und Südamerika und Australien eingebürgert. Das herb-aromatische Kraut mit seinem kamillenartigen Geruch und dem äusserst bitteren Geschmack zählt zur Familie der Korbblütler(Asteraceae). Die aufrechte, bis zu 60 Zentimeter hohe mehrjährige Pflanze bringt aus dem Wurzelstock einen Trieb hervor, der sich nach oben in mehrere Stängel verzweigt. An diesen befinden sich wechselständig angeordnete, fiederlappige gelbgrüne Blätter.

Von Juni bis August schmückt sich das Mutterkraut mit vielen hübschen Scheinblüten, die an Kamille erinnern. Sie bestehen in der Mitte aus einer leuchtend gelben Blütenscheibe mit zahlreichen Röhrenblüten, die am Rand kranzförmig von 12 bis 15 rundlichen weissen Zungenblüten umgeben ist. An der Spitze der Zungenblüten sind drei kleine runde Zähnchen vorhanden. Bei den Kulturformen gibt es mittlerweile verschiedene Sorten, wie etwa die gefüllten Varianten Elfenbein-Knöpfchen, White Pompon, Schneeball oder Goldball. Diese sollen jedoch gegenüber der natürlich vorkommenden Art einen wesentlich niedrigeren Wirkstoffgehalt besitzen.

Auch in der Schweiz ist das Mutterkraut in vielen Hausgärten zu finden, aus denen es sich mittlerweile verselbstständigt hat und auch verwildert an Wegen, Gebüschen, Hecken und Schuttplätzen anzutreffen ist.

Fiebersenkend

Früher hiess das Mutterkraut mit wissenschaftlichem Namen Matricaria parthenium. Matricaria leitet sich vom lateinischen Wort «mater» ab und bedeutet Mutter. Der deutsche Theologe und Botaniker Otto Brunfels (1488 bis 1534) nannte die Pflanze Matricaria febrifuga. Die englische Bezeichnung «fewerfew» stammt ebenfalls vom lateinischen Begriff «febrifugus» ab und benennt die fiebersenkende Eigenschaft des Mutterkrautes. Dioskurides verwendete das Mittel denn auch bereits in der Antike gegen Fieber, Rheuma und bei Malaria.

Studien des schwedischen Botanikers Carl von Linné (1707 bis 1778) führten zu weiteren  Bezeichnungen
für das Mutterkraut wie Pyrethrum parthenium, Chrysanthemum parthenium und Tanacetum parthenium. Der heutige Gattungsname Tanacetum weist auf die nahe Verwandtschaft zum Rainfarn (Tanacetum vulgare) hin. Kräuterbüchern aus dem 16. Jahrhundert ist diese Aussage über den Rainfarn (Bild) zu entnehmen: «Den Rainfarn braucht man, um Schmerzen zu stillen. Den Saft gibt man zu zwei Quintlein in Wegwartenwasser bei Fieber ein. Ansonsten hat der Rainfarn die Kraft des Mutterkrauts, gegen Schmerzen der Mutter und Gedärme.»

Im Volksmund erhielt das Mutterkraut schliesslich eine Vielzahl von Namen wie Bröselkraut, Hemdknöpferl, Fieberkraut, Römische Kamille, Ronenwucherblume, Bertram, Mägdeblume, Matram, Matronenkraut, Mutterkamille, Knopfkamille, Goldfederich, Sonnenauge oder Weihnachtsbrosamen.

Mutterkrautpräparate selbst gemacht
• Frischblattanwendung:
Zur Vorbeugung und zur unterstützenden Behandlung bei Migräne vier Wochen lang täglich ein frisches, etwa 2 cm grosses Mutterkrautblatt auf einem Butterbrot essen. Die Butter sorgt dafür, dass die Inhaltsstoffe im Körper gut aufgenommen werden. Danach eine vierwöchige Pause einhalten; diese Abfolge kann innerhalb von sechs Monaten zweimal wiederholt werden, im Anschluss daran muss ein halbes Jahr mit der Einnahme pausiert werden. Um den Verlauf der Migräne genau zu beschreiben, ist es sehr hilfreich, ein Kopfschmerztagebuch anzulegen. Tragen Sie dort alles Wichtige zu Ihren Kopfschmerzen ein. Erfahrungsgemäss sollten sich die Auswirkungen der Migräne während dieser Kur kontinuierlich abschwächen.

• Mutterkraut-Tee: Mutterkraut als Einzeltee kann zur Vorbeugung von Migräne, Menstruationsund anderen Bauchkrämpfen sowie zur Regulierung des Monatszyklus eingenommen werden. 1 Teelöffel der getrockneten oder frischen Droge mit 1 Tasse heissen Wassers übergiessen und bedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen lassen. Hiervon mehrere Wochen lang täglich 3 Tassen trinken. Im Akutfall sowie bei den ersten Anzeichen von Beschwerden, wie beispielsweise Augenflimmern, Sehstörungen, Auren oder dem Verspüren einer hormonellen Umstellung werden ebenfalls 3 Tassen täglich getrunken.

• Mutterkraut-Tinktur: 1 Handvoll der getrockneten oder frischen Blüten und Blätter in ein gut verschliessbares Glas füllen. Mit 45-prozentigem Alkohol auffüllen und vier Wochen lang an einem sonnigen Ort stehen lassen, täglich schütteln. Danach abfiltern und die Tinktur in ein dunkles Gefäss abfüllen. Zur Vorbeugung von Migräne dreimal täglich 15 bis 20 Tropfen mit etwas Wasser verdünnt über einen längeren Zeitraum einnehmen.

Nebenwirkungen und Gegenanzeigen: Nicht bei Allergien gegen Mutterkraut oder gegen andere Korbblütler anwenden. In seltenen Fällen können allergische Hautreaktionen (Kontaktdermatitis) an Mund und Zunge auftreten, dann sollte auf eine weitere Einnahme verzichtet werden. Mutterkraut nicht während der Schwangerschaft und Stillzeit einsetzen und aufgrund mangelnder Untersuchungen auch nicht bei Kindern unter 12 Jahren verwenden.

Entzündungshemmende Wirkstoffe

Die Blätter und Blüten des Mutterkrautes enthalten ätherische Öle, vor allem Campher, Borneol und Chrysanthenylacetat, die desinfizierende Eigenschaften besitzen. Die Pflanze verfügt über wichtige entzündungshemmende Substanzen. Als Hauptwirkstoff gilt das Parthenolid, das neben der vorbeugenden Wirkung gegen – vor allem hormonell bedingte – Migräne auch antirheumatische Effekte besitzt. Klinische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wirkstoffe der gesamten Pflanze ebenso wie das reine Parthenolid eine Reduktion der körpereigenen Botenstoffe Serotonin und Histamin bewirken und die Produktion von Prostaglandinen hemmen. Diese Gewebshormone lösen im Körper unter anderem entzündliche Prozesse aus.

Der damalige Leiter der Migräneklinik in London, Stewart Johnson, veröffentlichte im Jahr 1983 eine Umfrage bei 270 Migränepatienten, die täglich zwei bis vier Mutterkrautblätter eingenommen hatten. Johnsons Erhebung zeigte, dass sich hierdurch die Migräneattacken bei etwa 70 Prozent der Betroffenen deutlich besserten. Im Jahr 1988 wurde unter der Leitung des Migräne-Experten John Murphy am Universitätskrankenhaus Nottingham eine weitere klinische Studie an 59 Migränepatienten über einen Zeitraum von neun Monaten durchgeführt. Die Verabreichung von Parthenolid konnte die Häufigkeit der Migräneanfälle um 24 Prozent senken, verringerte jedoch nicht die Dauer der Attacken. Dazu besserten sich während der Studie charakteristische Begleiterscheinungen der Migräne wie Übelkeit, Erbrechen und Schwindel. Die Wirksamkeit von Mutterkraut zur Vorbeugung gegen Migräne wurde im Laufe der Zeit in weiteren klinischen Studien bestätigt.

Wirksam gegen Leukämie?

Dies begründet den Einsatz von Mutterkrautextrakten in Form von Kräutertees, Urtinkturen, Frischpflanzentropfen und Fertigpräparaten bei Migräne und Kopfschmerzen. Mutterkraut kann auch problemlos im eigenen Kräutergarten angebaut werden: Die Pflanze ist ein ausgezeichneter Lückenfüller und wird ganz einfach an kahlen Stellen im Garten gesät. Mutterkraut ist nicht anspruchsvoll, was die Bodenbeschaffenheit angeht. Zu medizinischen Zwecken werden die Blütenköpfchen mit den Blütentrieben von Juni bis August geerntet. Sie werden frisch oder getrocknet verwendet.

Neueren Erkenntnissen zufolge soll Mutterkraut sogar ein wirksames Mittel gegen Leukämie sein. Die Forscher Craig Jordan und Monica Guzman von der Universität Rochester, New York, identifizierten im Jahr 2002 molekulare Merkmale bösartiger Stammzellen, die höchstwahrscheinlich für die Entstehung der akuten myeloischen Leukämie verantwortlich sind. In diesem Zusammenhang erkannten die beiden Wissenschaftler die Mutterkrautsubstanz Parthenolid als ersten Wirkstoff, der diese Leukämieform bereits auf Stammzellenniveau angreift, ohne dabei andere gesunde blutbildende Zellen zu schädigen.

 

Links
Mutterkraut und Migräne
Heilpflanzen – Tanacetum parthenium

Literatur
• Hiller und Melzig: «Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen», 
Directmedia Publishing 2006, Fr. 37.90
• Siegfried Bäumler: «Heilpflanzenpraxis Heute»,
 Urban & Fischer Verlag 2007, Fr. 131.–
• Heike Höfler: «Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde»,
Sonntag-Verlag 2005, Fr. 99.50

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Bilder: Bildagentur Waldhäusl

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