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Die Medikamenten-Mafia

Kategorie: Leben
 Ausgabe 1 - 2008 - 01.01.2008

Text:  Peter Jaeggi

Auf Kosten von Millionen von Menschen bereichern sich skrupellose Geschäftemacher mit gefälschten Medikamenten. Vor allem in Entwicklungsländern nützen sie die Notlage kranker Menschen schamlos aus und nehmen sogar deren Tod in Kauf. In Europa agieren sie vor allem über das Internet.

Zuerst versagen die Nieren, dann streikt das zentrale Nervensystem. Erste Lähmungen erschweren allmählich das Atmen, machen es ohne Hilfe sogar unmöglich. Am Ende steht meist der Tod. Viele, die es trifft, sind Kinder.

Die Ursache ist ein Hustensirup, dem süsslich schmeckendes Diethylenglykol beigemischt wurde, ein giftiger Zusatz für Frostschutzmittel. Im November 2006 starben in der chinesischen Provinz Guangdong auf diese Weise 42 Men-schen: an gefälschten Hustensirup. Im gleichen Jahr traf es auch Panama; bis heute starben dort über 360 Personen am vergifteten Sirup.

Laut der in Peking erscheinenden staatlich kontrollierten Zeitung «Shenzhen Evening News» starben in China 2001 rund 192 000 Menschen an den Folgen von gefälschten Medikamenten. Das Stockholm Network, eine Vereinigung euro-päischer Expertengruppen, spricht auf China bezogen von mehr als 100 000 Toten für das Jahr 2003.

Der bisher folgenschwerste Fall von Medikamentenfälschung auf dem
afrikanischen Kontinent geschah 1995 im Niger. Dort starben 2500 Menschen an den Folgen einer Impfung gegen Hirnhautentzündung. Anstelle eines Wirkstoffes enthielt die Impfung nur Wasser.

Vertrauensverlust bei Betroffenen

Nur selten existieren zuverlässige Zahlen über die Folgen von Medikamenten-fälschungen. In den meisten Fällen kann der direkte Zusammenhang zwischen einem schädlichen Mittel und einem Todesfall juristisch nicht hieb- und stichfest nachgewiesen werden. Selbst dann nicht, wenn die Indizien eindeutig sind. Zum Beispiel bei der Malariabekämpfung: Laut dem Stockholm Network zeigte eine 2004 veröffentlichte Feldstudie in Südostasien, dass 53 Prozent der auf Artemisi-nin aufgebauten Antimalariamittel nicht genügend Wirkstoff enthielten.

Artemisinin-Derivate werden aus der Beifusspflanze Artemisa annua gewonnen, gelten als besonders wirksam und sind für Malariakranke häufig die letzte Hoff-nung. Denn sie helfen auch dort, wo Malariaparasiten resistent und andere Medi-kamente unwirksam geworden sind. Nutzlose Antimalariamittel können für diese Menschen nicht nur den Tod bedeuten, sondern gefährden auch ganze Malaria-Kontrollprogramme. Dazu sagt Marcel Tanner, Direktor des Schweize-rischen Tropeninstitutes (STI): «Solche gefälschten Medikamente führen nicht nur zu einer ungenügenden, lebensgefährlichen Behandlung von Patienten, sondern auch zu einem Vertrauensverlust. Die Bevölkerung traut den Behand-lungsstrategien nicht mehr.» Davon betroffen sei in erster Linie die benachteiligte Landbevölkerung.

Dass es einmal mehr vor allem die Ärmsten trifft, zeigen auch Beispiele aus anderen Teilen der Welt. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara etwa hat eine Vielzahl der Menschen keinen Zugang zu Medika-menten. Entweder fehlt das Geld oder der Weg zu einer Abgabestelle ist unerreichbar. «Das nützen kriminelle Kreise aus, indem sie in entlegenen Gebieten gefälschte Medikamente verkaufen», sagt Valerio Reggi, Generalsekretär der Antifälscher-Task-Force der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der weltweit wichtigsten Instanz im Kampf gegen illegale Machen-schaften im Medikamentensektor. «Solange wir es nicht schaffen, auch in solchen Regionen ein Kontrollsystem zu etablieren, so lange werden dort Men-schen Opfer von gefährlichen Fälschungen sein», so Reggi, «denn sie wissen schlicht nicht, was sie kaufen und haben keine Alternative». Nach Schätzungen der WHO sind in manchen Entwicklungsländern bis zu einem Viertel der ver-kauften Medikamente gefälscht oder qualitativ mangelhaft.

Den typischen Fälscher gibt es nicht

Laut Reggi ist das Täterprofil nicht leicht einzugrenzen. «Das reicht von der Einzelfigur bis zum ganz normalen Pharmabetrieb», erklärt er. In Kansas City machte etwa ein einzelner Mann als Gift-Apotheker Schlagzeilen. Er präparierte aus einer einzigen Injektion gegen Krebs jeweils deren vier. Es dauerte Jahre, bis man ihn erwischte.

«Den typischen Medika-mentenfälscher gibt es nicht», bestätigt Thorsten Staake von der ETH Zürich, der eine Dissertation über Produkt-fälschungen schrieb. Im Be-reich der pharmazeutischen Industrie seien es sehr häufig dezentral organisierte Grup-pen mit kleinen Produktions-stätten. Meist sässen sie in Osteuropa oder in Asien und produzierten in kleinen Stückzahlen. Die gefährliche Fracht wird in der Regel aufwändig auf verschlungenen Transportpfaden in den Zielmarkt geschmuggelt – vorbei an sämtlichen Kontrollen.

Auch für den Medikamenten-Sicherheitschef des weltweit grössten Pharma-konzerns Pfizer, John Theriault, gibt es kein allgemeingültiges Phantombild der Medikamentenbetrüger. «In diesem blühenden Geschäft gibt es weder den typischen Fälscher noch ein bevorzugtes Land, in dem diese arbeiten», sagt der frühere FBI-Beamte Theriault. «Wir hatten 2003 in den USA einen Fall, bei dem wir 18 Millionen Einheiten gefälschter Medikamente vom Markt zurückrufen mussten. Produziert wurden sie nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, in Indien, China oder in einem anderen asiatischen Land, sondern in Costa Rica. Es war seit Jahren einer der grössten Fälscherfälle überhaupt.»

Gewinne ohne Risiko

Für die Fälscher zählt nur ein Wohl: das eigene. Sie bezahlen keine Steuern, schaffen keine Arbeitsplätze und bewegen sich ausserhalb aller Sicherheits-systeme, die für einwandfreie Medikamente sorgen. John Theriault: «Wir haben es hier mit Schwerkriminellen zu tun.» Thorsten Staake spricht sogar von organisiertem Verbrechen.

Der Markt für Produktfälscher ist äusserst attraktiv. Sie sparen sich die horrenden Kosten für Forschung, Entwicklung und teure Wirkstoffe. Sie geben nichts aus für ein Test- und Qualitätsmanagement – und trotzdem verlangen sie meist die hohen Originalpreise. Es liegen also ausser-ordentlich hohe Gewinnmargen drin.

Produzenten gefälschter Medikamente reagieren nicht selten sehr schnell, wenn es darum geht, eine Notlage ausnützen. Als 2004 und 2005 die Vogelgrippe beinahe zu einer Massenhysterie und zu einer hohen Nachfrage des antiviralen Mittels Tamiflu führte, boten Kriminelle innert kürzester Zeit fragwürdige Produkte im Internet an. Tamiflu brachte dem Schweizer Hersteller Roche Milliarden von Franken ein.

«Für den Zoll und auch für die Pharmaunternehmen ist es sehr schwierig, den gesamten Versand zuverlässig zu kontrollieren, denn es ist schlichtweg unmög-lich, Kleinstsendungen vollständig zu überprüfen», meint Staake. Doch selbst wenn der Zoll die Ware beschlagnahmt – für die kriminellen Absender halte sich der Schaden in engen Grenzen, so der Fachmann. «Für die Akteure sind die Gewinnmargen so beträchtlich, dass Beschlagnahmungen kleiner Produktions-einheiten oder gar der gesamten Ware kein grosses finanzielles Risiko bedeuten.»

Milliardenschäden
Nach Angaben der amerikanischen Lebensmittelbehörde sind zehn Prozent der weltweit verkauften Medikamente gefälscht. Dies entspricht einem Geldwert von rund 35 Milliarden Dollar. Die International Federation of Pharmaceutical Manu-facturers and Associations spricht dagegen von jährlichen Schäden von 3 bis 6 Milliarden. Diese unterschiedlichen Zahlen zeigen das Problem: Es gibt keine gesicherten Daten. Zehn Prozent sind laut Experten jedoch masslos übertrieben.

Eine 1999 veröffentlichte Studie der WHO zeigt, dass sechzig Prozent der Fälle von Medikamentenfälschung in Entwicklungs-ländern geschah, vierzig Prozent in Industrienationen. Über die Opfer, die weltweit wegen gefälschten Medikamenten gesundheitliche Schäden davon tragen, existiert keine Statistik. Zahlen sind nur zu Einzelfällen erhältlich. Ein direkter Zusammenhang zwischen einem Todesfall und einer Fälschung kann häufig nicht hieb- und stichfest nachgewiesen werden. Zudem stammen viele Opfer aus abgelegenen und armen Regionen, in denen entsprechende Erfassungsmechanismen fehlen.

Blühender Internethandel

Was in den Dörfern Asiens und Afrikas die fliegenden, unkontrollierten Medikamentenhändler sind, das ist in industrialisierten Ländern das Internet. Deshalb wird Jean-Christophe Méroz, Jurist beim Schweizerischen Heilmittel-institut Swissmedic, nicht müde, vor dem unkontrollierten Einkauf im welt-weiten Netz zu warnen: «Wer seine Medikamente über das Internet bei einer unzuverlässigen Quelle bestellt, riskiert seine Gesundheit.» Ebenso pointiert formuliert es der Generalsekretär des Interessenverbands der forschenden Pharmaindustrie der Schweiz Interpharma und Vorstandsmitglied des euro-päischen Pharmaverbandes, Thomas Cueni: «Wenn man Medikamente im Internet bestellt, ist dies vergleichbar mit russischem Roulette.»

In der Schweiz und in den meisten europäischen Ländern besteht in den legalen Verkaufskanälen dagegen kaum ein Risiko, ein gefälschtes Medikament zu erwischen. Was man hierzulande beim Arzt, in Apotheken, in Spitälern und kontrollierten Internetapotheken bekommt, ist dank eines qualitativ guten Kontrollsystems in der Regel einwandfreie Ware. Kontrollinstanzen sind der Bund mit Swissmedic und den Zollbehörden; auf regionaler Ebene sind es die Kantonsapotheken.

Im Internet wird es jedoch auch hierzulande gefährlich. Dessen unkontrollierter Bereich ist in industrialisierten Ländern der riskanteste Ort, Arzneimittel zu kaufen. «Wir haben vor einigen Jahren Internet-Testkäufe untersucht», sagt Cueni. «Von 20 Lieferungen wiesen deren 17 Mängel auf.»

Der Internethandel ist für Fälscher in aller Welt ein Geschenk des Himmels. Der Medikamenten-Direktverkauf umkurvt nämlich alle legalen Verteilkanäle und sämtliche Kontrollsysteme. Im Internet kann man mit einem Mausklick Hem-mungen gegenüber einem Apotheker oder einem Arzt ausschalten. Denn es ist nicht jedermanns Sache, in der Apotheke nach einer Abmagerungspille oder nach einem Potenzmittel zu fragen. Wie häufig dies jedes Jahr geschieht, darüber gibt es nur Vermutungen. Jean-Christophe Méroz von Swissmedic schätzt aufgrund von Zollkontrollen, dass jedes Jahr mindestens 40 000 Arzneimittelsendungen von Privatpersonen via Internet importiert werden.

Dubiose E-Mails
Commtouch Spam Lab, eine der führenden Anti-Spam-Firmen, analysierte den globalen E-Mail-Verkehr im Zusammenhang mit Medikamentenwerbung. Von Mai bis Juli 2007 wurden demnach weltweit täglich rund 140 Milliarden Spam-Mails verschickt. Bei 63 Milliarden E-Mails handelte es sich um Anpreisungen von Medikamenten oder sie enthielten Links zu Online-Apotheken. Abmagerungs- und Potenzpillen standen dabei mit einem Anteil von je etwa vierzig Prozent an oberster Stelle.

Laut Commtouch Spam Lab enthielten die meisten Spam-Attacken einen Link zu anderen Seiten. Um der Entdeckung zu entgehen, richtete ein professioneller Spamverbreiter eine Internet-Apotheke ein mit einigen tausend verschiedenen Absender-Adressen – sogenannten Domain-Namen – mit lauter Links zu gefälschter Ware.

 

Gefälschtes Viagra

Wer im Internet Pillen einkauft, muss unter Umständen mit dem Schlimmsten rechnen. Méroz erklärt das am Beispiel von Potenzmitteln: «Viagra kann zu Erblindungen oder zum Herzstillstand führen, wenn es Leute einnehmen, die mit einem Herzinfarktrisiko leben. Damit nehme man eine erhebliche Gefährdung der Gesundheit in Kauf, wenn man solche rezeptpflichtigen Mittel nicht über einen Arzt bezieht, denn der Verbraucher kenne weder die Nebenwirkungen, noch könne er die Wirkung richtig einschätzen.

Laut Pfizer, dem Hersteller von Viagra, kauft jeder fünfte Anwender den Erektionsförderer im Internet. Dabei kümmern sich die meis-ten nicht darum, ob die Kaufquelle legal ist oder nicht. Mehr als die Hälfte schert sich auch nicht um ein Rezept. Wer Viagra auf-grund einer Spam-E-Mail bestelle, könne fast sicher sein, dass er entweder ein gefälschtes Medikament bekomme oder eine nicht zugelassene Kopie, sagt Theriault von Pfizer.

Deshalb, und da sind sich die Experten einig, gibt es für Medikamentenverbraucher nur eine Lösung, nämlich jene, die Méroz ver-tritt: «Wir raten, Medikamente bei einer Quelle des persönlichen Vertrauens zu kaufen – beim Drogisten, Apotheker oder beim Arzt.» Es gebe auch einen kontrollierten Internethandel. «Von allen anderen Medikamentenbestellungen via Internet raten wir dringend ab», betont Méroz.

Was geschieht, wenn der Zoll bei seinen Stichproben ein nicht zugelassenes Medikament entdeckt? «Die Ware wird konfisziert und die Person, die sie bestellt hatte, wird auf den illegalen Import aufmerksam gemacht», sagt Méroz. Strafbar ist dieser hingegen nicht; der Empfänger muss lediglich für den administrativen Aufwand aufkommen. In der Regel sind dies einige hundert Franken.

Mogelpackungen und Etikettenschwindel

Wenn ein Medikament eine Fabrik in der Originalverpackung verlässt, bedeutet dies nicht in jedem Fall, dass es am Ende auch als Original bei den Kunden eintrifft. Gelangt ein Arzneimittel auf den Markt, ist es meist etwa zehn Jahre patentrechtlich geschützt. Nachher darf es in vielen Ländern, auch in der Schweiz, parallel importiert werden. In der Regel werden die gleichen Medika-mente in anderen Verpackungen und zu günstigeren Preisen eingeführt.

Aber nicht immer. Denn Kriminelle füllen Fälschungen häufig in weggeworfene Originalverpackungen ab. Deshalb gilt heute der Parallelimport als eine grosse Sicherheitslücke. Thomas Cueni von Interpharma: «Wenn man für den Parallelhandel umpackt, was in der EU zugelassen ist, verschwinden Strichcode und andere Sicherungsmassnahmen.» Damit werde das Kontrollsystem unter-laufen, weshalb der internationale Pharmaverband in Brüssel jetzt auf ein Umpackungsverbot für Medikamente dränge.

Einen derartigen Etiketten-schwindel hat Marcel Tanner, Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts, miterlebt: In der tansanischen Hauptstadt Dar-es-Salaam entstand vor einiger Zeit eine grosse Auf-regung, weil es so aussah, als ob das Antimalariamittel Chinin plötzlich nicht mehr wirken würde. Chinin wird bei schweren Malariafällen als Infusion verabreicht. «Es stellte sich dann heraus, dass die Ampullen gar nicht Chinin, sondern Chloroquin enthielten – sie wurden kurzerhand umetikettiert!», erzählt Tanner.

Gegen diesen Wirkstoff sind mittlerweile siebzig bis achtzig Prozent der Malaria-parasiten dieser Region Afrikas resistent, so dass das Mittel nicht mehr verkauft werden kann. Darum wurde es kurzerhand als Chinin auf den Markt gebracht. «Ein Kind, das bei einer schweren Malaria Chinin braucht und dann Chloroquin bekommt, hat nur eine geringe Überlebenschance», sagt der Tropenmediziner.

Gesetzeslücken

Um die Herkunft zu verwischen, werden gefälschte Medikamente häufig auf eine längere Reise geschickt. Laut Thorsten Staake ist der Versuch, den Importweg von Medikamenten zu verschleiern, sehr charakteristisch für dieses illegale Geschäft. Häufig wandern die Produkte auf abenteuerlichen Wegen durch den Transit verschiedener Länder, bis sie ihr Ziel erreichen. Medikamente, die zum Beispiel in China gefälscht werden, gelangen über Deutschland nach Afrika. In Deutschland verlässt die Ware den Zolltransit nicht und wird deshalb weniger genau kontrolliert. Weil die Sendung aus einem seriösen Land kommt – in diesem Fall aus Deutschland –, wird sie in Afrika oft ebenfalls ungenügend kontrolliert. Als wichtige Herkunftsländer gefälschter Arzneimittel gelten Mexiko, China, Indien, die USA und Russland.

Weltweit wird gegen Medikamentenfälscher bis heute noch wenig unter-nommen, so dass die Täter in den meisten Ländern ungeschoren davonkommen. Was effiziente Kontrollen betrifft, stellen die Schweiz und fast alle europäischen Länder eine Ausnahme dar. «Bis heute wurden in den kontrollierten Vertriebs-kanälen der Schweiz keine Arzneimittelfälschungen festgestellt», sagt Swissmedic-Sprecher Méroz.

Zwischen Busse und Todesstrafe

Die WHO schätzt hingegen, dass der Hälfte ihrer fast zweihundert Mitglied-staaten diesbezüglich die rechtlichen Grundlagen fehlen. Die Konsequenzen für aufgedeckte Fälscher sind daher äusserst unterschiedlich. So ist beispielsweise in den USA Medikamentenfälschung zwar eine kriminelle Tat, laut WHO juristisch gesehen jedoch weniger schlimm als die Fälschung eines Marken-T-Shirts. In China kann man wegen Medikamentenfälschungen dagegen zum Tod verurteilt werden, in Indien zu lebenslänglichem Zuchthaus. Im vergangenen Juni wurde in China der Chef der Lebens- und Arzneimittelbehörde hingerichtet, weil er beschuldigt wurde, gegen Schmiergelder Bewilligungen für gefährliche Medikamente erteilt zu haben.

Laut Valerio Reggi von der WHO fehlt es Richtern oft an der Sensibilität für das Prob-lem. «Es gibt eine Reihe von Fällen, in denen Richter keine Strafen aussprachen, nur weil die gefälschten Medikamente keine giftigen Stoffe enthiel-ten», so Reggi. «Die Fälscher schlüpfen damit durch die Maschen des Gesetzes. Doch nicht nur giftige, sondern auch falsche oder zu geringe Wirkstoffdosierungen können tödlich sein.»

Eine Vorreiterrolle in der strafrechtlichen Verfolgung von Medikamenten-fälschern nimmt laut Reggi überraschenderweise China ein. «Die Hälfte jener, die heute weltweit wegen Fälschungen verurteilt wurden, sitzen in China im Gefängnis», sagt er.

Selbsthilfe der Pharmafirmen

Weil es im Justizbereich der meisten Länder hapert, liegt es häufig an den betroffenen Unternehmen selbst, erste Schritte zu unternehmen – auch in deren eigenen Interesse. Pfizer New York etwa arbeitet nicht nur eng mit den ameri-kanischen Justizbehörden zusammen, sondern auch mit der Lebensmittel- und Medikamentenkontrollbehörde von Schanghai. Theriaults Aussagen zufolge beschäftigt seine Firma Mitarbeiter in Hongkong, Peking, Schanghai, Bangkok, Seoul und auch in einigen europäischen Ländern. Undercover durchstreifen diese die lokalen Märkte und kaufen verdächtige Ware. Bei Fälschungen versucht man, die Quelle zu ermitteln und erstettet Anzeige. 2006 untersuchten Beamte in aller Welt 238 Pfizer-Fälle; dabei hat es mehr als 500 Verhaftungen gegeben. Dies notabene im Zusammenhang mit nur einer einzigen Pharmafirma.

Laut Thorsten Staake arbeiten auch die hiesigen Pharmaunternehmen an Lösungen, um Medikamentenfälschungen zu bekämpfen. Sowohl Roche als auch Novartis betreiben beispielsweise seit einiger Zeit eine eigene Task-Force. Staake stellt aber fest, dass amerikanische Firmen die Problematik – wohl auch aufgrund von häufigeren Produkthaftungsklagen in den USA – grundsätzlich viel früher erkannt haben als europäische und diesbezüglich besser mit der Öffentlichkeit kommunizieren.

Kontrollen sind das A und O

2006 rief die WHO auf globaler Ebene die International Medical Products Anti-Counterfeiting Task Force, kurz Impact ins Leben. Diese arbeitet mit Interpol zusammen, um ein effizienteres zwischenstaatliches Kommunikationssystem aufzubauen. Wenn zum Beispiel im Transitbereich eines internationalen Flug-hafens ein verdächtiges Paket gesichtet wird, gibt es laut Valerio Reggi bis heute keine Möglichkeit, die Beamten im Zielland zu informieren. «Wir müssen einen Kommunikationskanal finden, der dies ermöglicht», sagt Reggi. Derzeit laufen dazu Versuche in Südostasien. Ziel sei es, die Wege der gefälschten Ware zurückverfolgen zu können.

In Afrika geht es gemäss Marcel Tanner darum, die Gesundheitssysteme zu stärken. Dazu gehören neben den gesetzlichen Grundlagen Laboratorien zur Qualitäts-sicherung, die verdächtig verpackte Medikamente unter die Lupe nehmen. Dass solche Massnahmen helfen, beweist Nigeria: Im Jahr 2001 galten dort schätzungsweise siebzig Prozent der verkauften Medikamente als gefälscht. Nach Einführung einer staatlichen Medikamentenkontrollstelle im Jahr 2004 war es noch die Hälfte.

Vorsicht auch bei alternativen Heilmitteln
Letztes Jahr warnten deutsche Experten vor chinesischen Heilmitteln, die trotz Verbot über das Internet bestellt werden können. Die als Schlankheitsmittel, gegen Magen- und Darmbeschwerden sowie zur Stärkung des Immunsystems angebotenen Präparate enthielten pflanzliche Inhaltsstoffe, die zu schwersten Nierenschäden und zu Blasenkrebs führen können, erklärte der Berufsverband Deutscher Internisten.

Ähnlich präsentiert sich die Lage in der Schweiz. Laut der  Zulassungsbehörde für Heilmittel Swissmedic gibt es jedes Jahr zahlreiche Hinweise auf gefälschte oder verunreinigte alternative Arzneimittel vorwiegend aus dem asiatischen Raum. Der grösste Teil betrifft überhöhte  Schwermetallkonzentrationen wie zum Beispiel Blei oder Quecksilber sowie falsche Zusammensetzungen mit synthetischen und nicht pflanzlichen Inhaltsstoffen. Bei sämtlichen Fällen handelt es sich um in der Schweiz nicht zugelassene Präparate. Die meisten werden als Erektionsförderer angepriesen.

Strichcode als Echtheitsgarantie

Auf die Frage nach der wirksamsten Massnahme gegen Medikamentenfälscher, nennt Thomas Cueni von Interpharma die Sicherstellung eines geschlossenen Handelssystems: «Die Wege der Produkte müssen von der Herstellung bis zum Konsumenten verfolgt werden können und diese müssen möglichst kurz sein.» Eine Packung muss jederzeit zum Beispiel mit Hilfe eines Strichcode identifizier und lokalisierbar sein. «Mit einem Lesegerät kann ein Apotheker überprüfen, ob der Code mit jenem des Herstellers übereinstimmt», erklärt Cueni. So liesse sich das Risiko einer Fälschung enorm reduzieren. Im Laufe von 2008 soll ein solches System in Portugal in einem gross angelegten Pilotversuch getestet werden.

Ein Sicherheitssystem mag noch so gut sein – so lange man via Internet un-kontrolliert Medikamente einführen kann, wird das Fälscherhandwerk weiter gedeihen. Deshalb möchte Valerio Reggi von der WHO eine Art Charta für seriöse Internetanbieter einführen. Dazu brauche es allerdings die Mitarbeit der Provider, die unlautere Seiten schliessen oder es zumindest erschweren, dass Fälschungen online angeboten werden. Es müsse ersichtlich sein, ob jemand, der eine Internet-Apotheke betreibt, auch eine legale Lizenz dafür habe oder nicht. Im Moment sei man aber noch weit weg von wirklichen Lösungen, so Reggi.

Potenzmittel: der Renner

Fast zwei Drittel des während den drei Beobachtungsmonaten verschickten Medikamenten-Spams stammte aus China. Der Rest verteilte sich unter anderem auf Russland, Brasilien und Thailand.
In der Schweiz und in anderen Industrienationen werden vor allem Potenz-, Abmagerungs-, Haarausfall- und Dopingmittel, aber auch Psychopharmaka via Internet gekauft. Von solchen Präparaten tauchen bei uns auch am meisten Fälschungen auf. In den Entwicklungsländern werden in erster Linie Anti-Aids-Medikamente, Antibiotika, Antimalaria-, Schmerz- und Krebsmittel gefälscht.

Links
Leitfaden Internet & Arzneimittel von swissmedic (PDF)
Informationsseite des Global Pharma Health Fund
 IMPACT International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (Englisch)
«Alptraum der Arzneifälscher», Reportage aus dem SPIEGEL

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