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Die grosse Ernte

Kategorie: Essen, Ernaehrung
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Remo Vetter

Remo Vetter und seine Frau Frances kommen kaum nach mit der Ernte von Kräutern, Gemüse und Früchten. Dafür sind sie sehr dankbar.

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«Oh wie sehne ich mich manchmal danach: Ein paar Monate lang Rückzug, Energie speichern, vielleicht wie ein Bär, um dann wieder zu neuer Hochform aufzulaufen.»

Der Spätsommer und beginnende Herbst gilt als Höhepunkt des Gartenjahres. Kräuter, Gemüse und Früchte können jetzt in Massen geerntet werden. Erntezeit ist auch Dankeszeit. Wir sind der Natur dankbar dafür, dass sie alles schön hat wachsen lassen und uns nun so reich beschenkt. Dankbarkeit ist eine wichtige Tugend. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir in solchem Wohlstand leben.

Vom Spross über die Blüte bis hin zu den Früchten – viele Pflanzen haben ihren Lebenszyklus vollbracht. Und schon bald denkt die Natur an ihren Rückzug, um während den kühlen und kalten Monaten die notwendige Kraft für die künftige Vegetationsperiode zu entwickeln. Wie viel wir doch daraus lernen könnten! Oh wie sehne ich mich manchmal danach: Ein paar Monate lang Rückzug, Energie speichern, vielleicht wie ein Bär, um dann wieder zu neuer Hochform aufzulaufen.

Wir sind dieses Frühjahr umgezogen und sind daran, unsere Zyklen, Rhythmen und auch die Ernährung wieder einmal unter die Lupe zu nehmen. Dabei ziehen wir interessante Schlüsse, die ich in einer künftigen Kolumne gerne mit den Lesern teile. Vorerst aber möchte ich den Rat einer über 90-jährigen Dame weitergeben; anlässlich eines Vortrages in Silicon Valley hat sie gesagt:
+ Bewegt euch, bewegt euch mit euren Kindern und Grosskindern.
+ Bewegt euch, mindestens jede eineinhalb Stunden.
+ Seid euch der Wichtigkeit der körperlichen Berührung bewusst. Auch ihr Alten.
+ Pflegt persönliche emotionale Verbindungen. (Emojis sind dabei keine Hilfen.)
+ Geht hinaus in die Natur, sooft ihr könnt.

Die Ratschläge dieser Alten erfüllen Gärtner fast automatisch. Nach jahrzehntelanger praktischer Erfahrung bin ich überzeugt davon: Es gibt nichts so heilsames wie ein Garten. Denn Gärtner haben viel Bewegung an der frischen Luft, tanken ausreichend Sonne und ernten und essen frische, gesunde Lebensmittel.

Gründüngung und alte Erdbeersorten
Nach der grossen Ernte im September sollten Gärtner sich um den Boden kümmern. Auf frei gewordenen Beeten und zwischen die Beerenkulturen säen wir Bienenweide oder eine andere Gründüngung. Diese unterdrückt das Unkraut durch die entstehende Bodendecke und verbessert die Bodenstruktur durch Lockerung und Anreicherung mit organischem Material. Ausserdem liefert die Gründüngung Nährstoffe, die Folgepflanzen nutzen können; und sie schützt die Erde bei starkem Regen vor dem Auswaschen.

Jetzt ist auch die ideale Zeit, um neue Erdbeerbeete anzulegen. Erdbeeren, die «Königin der Früchte» hat etwas an Glanz verloren. Weil wir heute nahezu das ganze Jahr über Erdbeeren essen können. Doch die importierten übergrossen, wässrigen Früchte schmecken nicht. Deshalb erinnere man sich an früher, als Erdbeeren noch etwas ganz Besonderes waren. Das können sie wieder werden, wenn wir ausserhalb der Saison keine Erdbeeren kaufen und dafür die eigenen pflegen. Es gibt zig Sorten, die wunderbar schmecken und wundervolle Namen tragen wie zum Beispiel Mara des Bois, Florence, Symphony oder Apricot Chinoise. Glücklich, wer einen Garten pflegt und die Möglichkeit hat, alte Sorten aufleben zu lassen. Im kleinen Rahmen geht das auch auf Terrasse und Balkon.

Erdbeerbeete neu anlegen
Da Fruchtgrösse und Ertrag bei Erdbeeren mit jedem Jahr abnehmen, sollte der Bestand nach drei bis vier Jahren erneuert werden, und zwar die Fruchtfolge einhaltend an einem neuen Platz. Erdbeeren bevorzugen offene, sonnige Lagen, die nicht zu windig sind. Sie sind relativ winterhart, reagieren jedoch manchmal empfindlich auf Spätfröste, da die Blüte früh einsetzt. Die Ansprüche an den Boden sind relativ gering; wichtig ist, dass er durchlässig ist und keine Staunässe entstehen kann. Ideal ist deshalb ein gut durchlüfteter, humoser, leicht sandiger Lehmboden.

Vor der Pflanzung lockern wir das Beet gründlich mit dem Kultivator oder dem Sauzahn. Für die humusliebende Erdbeere ist Kompost der beste Dünger. Wir arbeiten 3–4 Liter/m2 leicht in den Boden ein. Neben dem Düngeeffekt verbessert der Kompost das Bodenleben und die Humusbildung. Dann setzen wir die jungen Erdbeerpflanzen im Abstand von 30 Zentimetern in der Reihe, bei einem Reihenabstand von 60 Zentimetern. Wichtig: So tief pflanzen, dass der Wurzelhals (das «Herz») nur knapp über der Erde liegt. Bei zu hoch gepflanzten Erdbeeren droht eine gehemmte Wurzelbildung.

Nach dem Setzen wässern wir die Erdbeerjungpflanzen einzeln und schützen den Boden durch eine Mulchschicht aus Laub, Rinde, Grasschnitt oder Stroh vor dem Austrocken und halten ihn dadurch gleichzeitig unkrautfrei. Wenn bei der Pflanzung ein grösserer Reihenabstand gewählt wird, kann im ersten Jahr Gemüse zwischen die Reihen gepflanzt werden. Geeignet sind Radieschen, Spinat, Rucola, Steckzwiebeln und einjährige Gewürzkräuter. Im folgenden Frühjahr, wenn die im Herbst gepflanzten Erdbeeren gut angewachsen sind, decken wir den Boden mit Stroh ab, damit die heranreifenden Früchte nicht auf der Erde liegend schmutzig werden und faulen.

Freude an alten Sorten
Wir werden von unseren Besuchern immer wieder gefragt, warum wir alte Frucht- und Obstsorten pflegen, beziehungsweise, warum diese Sorten praktisch ausgestorben sind. An dieser Stelle wird das anhand von Walderdbeeren erläutert. Mit dem Auftreten der grossfruchtigen Gartenerdbeeren wurden diese weitgehend vom Markt und aus den Gärten verdrängt. Nicht etwa weil die neuen Sorten besser schmecken. In den letzten Jahrzehnten standen eher Quantität und Grösse der Frucht- und Obstpflanzen im Zentrum der Anbaumethoden als Qualität. Das hat einen einfachen Grund: Um ein Kilogramm Walderdbeeren zu pflücken, braucht es viel mehr Zeit als für die gleiche Menge einer modernen grossfruchtigen Handelssorte. Und Zeit ist heutzutage nun mal Geld.

Wir hingegen ziehen es vor, Zeit zu investieren und dafür Geschmack und Vielfalt zu ernten. Ausserdem säen wir biologisch nicht manipuliertes Saatgut. Damit erhalten wir uns ein kleines Stück Unabhängigkeit und übernehmen Verantwortung für unsere Umwelt und unsere eigene Gesundheit. Für uns sind das wesentliche Faktoren, warum wir gärtnern. Und warum wir auf alte und möglichst auch einheimische Sorten setzen.

Einheimische Wildobstarten sind in der Regel robuste, recht anspruchslose Bäume, Büsche und Sträucher. Sie liefern Früchte mit zum Teil ungewöhnlichen Geschmackserlebnissen. Zudem sind sie Bienenweide und Vogelnährgehölz und dank ihrer Blütenfülle von hohem Zierwert. Nicht zu vergessen ist der weitaus geringere Pflegebedarf der robusten Wildobstarten, die man meist praktisch sich selbst überlassen kann.

Der Hit: Gurken
Wegen ihres frischen Geschmacks sind Gurken in unserer Familie sehr beliebt. Ausserdem sind sie reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Gurken können roh als Salat oder gedünstet als Gemüse genossen werden. Da Gurken ursprünglich aus Nordindien stammen, bevorzugen sie einen sonnigen Standort. Deshalb ist eine südlich ausgerichtete Hauswand oder ein Südbalkon ideal. Hier sind die Pflanzen vor Regen geschützt und bekommen viel Wärme. Snackgurken lassen sich gut auch in Kübeln und Töpfen ziehen. Sie benötigen allerdings viel Platz, das Pflanzgefäss muss entsprechend gross sein. Unsere Gefässe haben einen Durchmesser von 40 bis 50 und eine Höhe von 60 bis 80 Zentimetern. Wichtig ist auch das Anbringen eines Rankgitters oder eines langen Bambusstabes, an dem man die Pflanzen festbindet. Wichtig ist ausserdem die Düngung, damit sie gut gedeihen, denn Gurken sind Starkzehrer. Während der Wachstumsperiode giessen wir täglich mit Brennnessel- und Beinwellwasser, das die Pflanzen mit Mineralstoffen versorgt und vor Schädlingen schützt.

Da wir bis in den Oktober hinein meist sehr viele Gurken ernten können, sei hier noch eine kosmetische Verwendung erwähnt: Gurken beruhigen auf natürliche Weise die Haut und überanstrengte Augen. Man kann aus ihnen eine einfache Gesichtsmaske herstellen: Einfach dünn geschnittene Gurkenscheiben 15 Minuten auf das Gesicht und den Hals legen. Dieses Tonikum wirkt an heissen Tagen wunderbar erfrischend.

Rund um die Ernte
Im Laufe des Sommers und Herbstes ernten wir die Früchte jener Arbeit, die wir früher im Jahr erledigt haben. Dabei gilt: Je mehr wir im zeitigen Frühjahr erledigt haben, desto entspannter können wir die Arbeit im Spätsommer angehen. Wobei: Zucchini, Stangenbohnen und Buschbohnen wachsen momentan unwahrscheinlich schnell. Sie müssen regelmässig geerntet werden, sonst werden sie zu gross, zu wässrig und vor allem faserig. Und noch ein Tipp: Wir knipsen die Triebspitzen der Stangenbohnen ab, wenn diese das Ende der Stangen erreicht haben. So werden die Ranken nicht kopflastig und treiben im unteren Bereich wieder aus.

Stangenbohnen, Tomaten, Gurken, Paprika und auch die Obstbäume brauchen eventuell Stützen, wenn sie schwer beladen sind. Aprikosen- und Kirschenbäume sowie die frühen Apfelsorten haben wir bereits abgeerntet. Nun führen wir einen leichten «Sommerschnitt» durch, indem wir sich konkurrierende Äste entfernen und die Kronenmitte auslichten, damit die Früchte im nächsten Jahr genügend Licht und Sonne erhalten. Auch erledigen wir nun viele Schneidearbeiten bei Kräutern wie Salbei, Lavendel, Verveine, Pfefferminze und den mehrjährigen Stauden, ebenso die Auslichtungsschnitte bei den Kletterrosen, sodass die Pflanzen im Herbst nochmals nachwachsen und erstarkt in den Winter gehen. Da bis zum Wetterumschwung nicht alle Tomaten ausreifen, stellt Frances aus den grünen ein köstliches Green Tomato Chutney her, das hervorragend zu Käse passt (siehe Rezept).

Grünes Tomaten-Chutney

600 g gehackte grüne Tomaten
150 g fein geschnittene Zwiebel
2 Knoblauchzehen, gepresst
1 Zitrone, in kleine Stücke geschnitten (ohne Schale und Kerne)
250 g Rosinen
80 g Senfsamen
50 g frischer Ingwer, geschält und fein gewürfelt
450 g Rohzucker
5 dl Apfelessig
2 rote Paprika, fein geschnitten
1 Prise Cayennepfeffer
1 TL Salz

Zubereitung
Alle Zutaten in einer grossen Pfanne gut durchmischen und bei mittlerer Temperatur unter häufigem Rühren aufkochen, bis die Mischung einzudicken beginnt. Am Schluss ständig rühren, damit nichts anbrennt. Heiss in vorgewärmte, sterilisierte Weckgläser füllen, gut verschliessen und etikettieren.

Fotos: www.istockphoto.com 

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