Der sanfte indische Weg

Stella Cornelius-Koch | Ausgabe 10 - 2008

Der Herbst gilt als typische Erkältungszeit. Das muss aber nicht so sein. Die indische Gesundheitslehre Ayurveda bietet einen ganzheitlichen Ansatz, um das Immunsystem zu stärken sowie Erkältungsbeschwerden vorzubeugen und zu lindern.

Kaum hat der Herbst Einzug gehalten, sieht man wieder zahlreiche Menschen Nase putzend, niesend und hustend durch die Strassen laufen. Zwar gibt es gegen die Beschwerden zahlreiche Medikamente, doch diese können immer nur die Folgen und nicht die Ursachen einer Erkältung bekämpfen. Ärzte raten daher regelmässig zu Beginn der kalten Jahreszeit, das Immunsystem zu stärken, damit es einen gar nicht erst erwischt. «Einen ganzheitlichen Ansatz hierzu bietet die Ayurveda-Medizin», sagt Karin Gramminger, praktische Ärztin der Euroved Klinik im deutschen Bell in der Eifel. Gemäss der 5000 Jahre alten indischen Gesundheitslehre entstehen Erkältungskrankheiten wie auch andere gesundheitliche Beschwerden, wenn Körper, Geist und Seele aus dem Gleichgewicht geraten. Hierbei spielt eine falsche Lebensführung und besonderes die Ernährung eine entscheidende Rolle.

Erfahrung statt Schubladendenken

«Es gibt jedoch keine allgemeingültigen Empfehlungen, da immer der individuelle körperliche und geistige Konstitutionstyp berücksichtigt werden muss, der von den drei Lebenskräften Vata, Kapha und Pitta (die sogenannen Tri-Doshas) bestimmt wird», sagt Gramminger. Nach Angaben der Vorsitzenden des Verbands europäischer Ayurveda-Mediziner und -Therapeuten, in dem auch der Schweizer Verband angesiedelt ist, erlaubt der Konstitutionstyp Aussagen über die jeweilige Anfälligkeit für Erkältungen und was man dagegen tun kann.

Hinweise darauf, welche der drei Doshas überwiegt, liefern Tests oder diese  Tabelle, die man in vielen Ayurveda-Büchern findet. Wichtig zu wissen: Die meisten Menschen weisen eine Misch-Konstitution auf, zum Beispiel Vata-Pitta oder Pitta-Kapha. «Daher sollte man sich im Zweifel zur genauen Bestimmung an einen Ayurveda-Arzt, ayurvedisch erfahrenen Heilpraktiker oder Therapeuten wenden», sagt die Medizinerin. «Dieser kann ein auf den jeweiligen Patienten abgestimmtes Programm zur Stärkung des Immunsystems zusammenstellen.»

Wichtig zu wissen: Die Doshas unterliegen auch tages- und jahreszeitlichen Schwankungen. So herrscht im Spätherbst das Element Vata vor. Das bedeutet:
In dieser Zeit können verstärkt «vata-typische» Störungen auftreten. Hierzu zählen unter anderen Neuralgien, Arthritis oder allgemeine Schmerzzustände. Daher sollte man im Herbst besonders darauf achten, sich warm zu halten und sich vor Wind und Kälte zu schützen. Allgemein sinnvoll sind in dieser Zeit erwärmende Speisen wie kräftige Suppen und würzige Tees sowie warme Ölanwendungen, besonders bei Gelenk- und Knochenproblemen.

Vorbeugen statt husten

Da aus ayurvedischer Sicht das Verdauungsfeuer Agni durch Wind und Feuchtigkeit schwächer wird, empfiehlt die deutsche Ayurveda-Ärztin, es vorbeugend zu stärken, am besten durch die Einnahme einer ayurvedischen Paste  auf der Basis von Amlafrüchten (Chyawanprash, täglich 1 Teelöffel). Sie ist auch für Kinder und ältere Menschen geeignet. «Ist Agni stark, hat auch die Erkältung kaum eine Chance», so Gramminger.

Nicht zuletzt ist es sinnvoll, im Herbst grosse körperliche Anstrengungen zu reduzieren und allgemein mehr in die Ruhe zu kommen. Dabei reicht es schon, täglich fünf bis zehn Minuten lang in der Stille zu sitzen. Darüber hinaus kann man einiges tun, um seinem Konstitutionstyp entsprechend das Immunsystem zu stärken und Erkältungsbeschwerden wirksam zu lindern, wie die Tabelle «Heisse Ayurveda-Tipps für kalte Tage» zeigt.

Heisse Getränke helfen zusätzlich

In der kalten Jahreszeit ist das Wärmebedürfnis besonders gross. Diese heissen
Getränke können gemäss der Ayurveda-Lehre das Wohlbefinden stärken und so zusätzlich helfen, gesund durch den Herbst zu kommen:

• Heisses Wasser: Heisses Wasser ist ein einfaches, aber wirkungsvolles
Mittel, um den Stoffwechsel zu fördern und Giftstoffe (Ama) aus dem Körper
zu spülen. Heisses Wasser ist für alle Konstitutionen geeignet.
Rezept: Ein Glas Wasser mind. 10 Minuten abkochen und morgens nüchtern in kleinen Schlucken trinken. Wenn Sie mögen, können Sie eine grössere Menge in eine Thermoskanne geben und über den Tag verteilt trinken. Das Wasser sollte so heiss sein, dass Sie es gerade noch gut trinken können.

• Ingwer-Tee bzw. -Wasser:
Ingwer zählt zu den wichtigsten Gewürz- und Heilmitteln in der Ayurveda-Lehre. Es kann gerade in der kalten Jahreszeit helfen, Erkältungen vorzubeugen (vor allem bei Kapha-Menschen) oder zu lindern und unterstützt zudem die Verdauung. Ingwer kann bei allen Konstitutionstypen die Verdauungskraft Agni normalisieren.
Rezept: Für die Zubereitung von Ingwer-Wasser ca. 3 Scheiben frischen Ingwers in einen halben Liter Wasser geben und ca. 10 Minuten kochen. Am besten in eine Thermosflasche füllen und über den Tag verteilt trinken.

• Gewürzmilch:
Eine heisse Gewürzmilch wärmt von innen und ist besonders für Vata-Typen empfehlenswert, die von Natur aus leicht frieren.
Rezept: 250 ml Milch mit 100 ml Wasser in einen Topf geben und je ein Viertel TL Kurkuma (Gelbwurz), Kardamom, etwas langen Pfeffer, Zimtrinde, Safran sowie 1 Stück klein geschnittenen Ingwer dazugeben. Das Ganze ca. 5 Minuten köcheln und ziehen lassen, bis der Wasseranteil verdampft ist. Köstlich schmeckt die Milch, wenn man am Ende noch 1 bis 2 TL Honig dazu gibt.

Ayurveda im Labortest

Übrigens: Das auch als Winterkirsche oder Schlafbeere bekannte ayurvedische
Mittel Ashwagandha (Withania somnifera) kann ebenfalls das Immunsystem
stärken. Amerikanische Forscher vom Nationalen Institut für Naturmedizin in Portland (Oregon) haben in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass die Kombination der Heilpflanze mit Kuhmilch die Anzahl der weissen Blutkörperchen erhöht. Das Team um Heather Zwickey hatte Milch ausgewählt, weil es gemäss der ayurvedischen Lehre als Trägersubstanz für Medikamente gilt. Um die Wirkung zu testen, ermittelten sie in Blutproben von fünf gesunden Freiwilligen die Anzahl der Immunzellen. Anschliessend gaben sie ihnen zwei
Teelöffel eines wässrigen alkoholischen Ashwagandha-Extrakts in einem Glas
Milch zu trinken. Diese Mixtur nahmen die Testpersonen zweimal täglich für
vier Tage ein. In allen Fällen konnten die Forscher eine deutliche Vermehrung
aktiver weisser Blutkörperchen feststellen. Am grössten war der Effekt bei
den natürlichen Killerzellen, die eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung
von Grippe, Mumps oder Tumoren spielen. Wichtig: Milch wird im Ayurveda
nie kalt, sondern stets warm getrunken.

Internet
Ayurveda Verband
Euroved

Literatur

• Lad: «Selbstheilung mit Ayurveda»,
O.W. Barth/Scherz Verlag 2005
• Rhyner/Rosenberg: «Das grosse Ayurveda-Ernährungsbuch»
Urania 2007
• Rhyner: «Das neue Ayurveda Praxis Handbuch»
Urania 2004

Bilder: © irisblende.de


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