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Das Gehirn kann alles – auch das Nichts.

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Eva Rosenfelder

Das Gehirn vermag viel mehr, als wir denken. Neuroplastizität heisst die Zauberformel. Sie steht für erstaunliche Therapieerfolge.

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Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Vertraute Muster gewähren ein gewisses Mass an Sicherheit und Orientierung in einer mehr als unsicheren Welt. Und so geht auch unser Hirn – im übertragenen Sinn – gerne die immer gleichen Wege. Doch es kann mehr, viel mehr. Unser Denkorgan verfügt über unzählige Vernetzungsmöglichkeiten, die ein Leben lang veränderbar sind. Bei der Geburt ist noch wenig bestimmt, ein nahezu grenzenloses Potenzial an Möglichkeiten wird uns in die Wiege gelegt. Doch bald werden wir durch die äusseren Einflüsse geformt. Wir orientieren uns anhand der angelernten Muster und schöpfen nur zu einem kleinen Teil aus, was in uns angelegt wäre; Neuroplastizität heisst die Zauberformel.

Schaltkreise wecken. Lange Zeit glaubten die Wissenschaftler, dass die Schaltkreise im Gehirn fest «verdrahtet» sind und daher nicht verändert werden können – was viele Heilungsmöglichkeiten sowohl körperlicher als auch psychischer Krankheiten als aussichtslos erscheinen liess. Aus diesem Grund basieren auch heute noch die meisten Behandlungen auf Medikamenten, die das fehlerhafte System unterstützen. Sie verringern zwar die Symptome durch eine zeitweilige Änderung der chemischen Bilanz des Gehirns, lassen diese nach dem Absetzen der Medikamente aber sogleich wieder zurückkehren.

«Das Gehirn besitzt aber die Fähigkeit, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen», erklärt der kanadische Psychiater Norman Doidge. In seinem beeindruckenden Buch «Wie das Gehirn heilt» erklärt er anhand verschiedener Fallbeispiele, wie durch äussere Impulse wie Licht, Wärme und Elektrizität, aber auch durch einfache Bewegungen und mentalesTraining vieles möglich wird. «Chronische Schmerzen lassen sich verbessern, Demenz und Parkinson verzögern, ADHS, psychische Erkrankungen, Parkinson, Multiple Sklerose, Blindheit, Demenz, Epilepsie, Schlaganfall und weitere Beschwerden lindern oder sogar komplett heilen. Dies alles, indem neuronale Schaltkreise aufgeweckt werden.»

Die erstaunlichen neuroplastischen Heilungsmöglichkeiten belegen auch andere Wissenschafter, etwa der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer. «Die Natur hat uns eine Gehirnstruktur mitgegeben, die in einer sich verändernden Umwelt gerade deshalb überlebt, weil sie sich selbst verändert», so Birbaumer.

Offensichtlich lassen sich die Denkorgane erwachsener Menschen viel stärker modellieren, als man es bisher für möglich hielt. Statt sich auf Defizite zu konzentrieren, suchen die sogenannten Neuroplastiker nach gesunden Gehirnregionen, die brachliegen und Funktionen ausgefallener Neuronen übernehmen können. Dazu ist zwar mehr Geduld nötig als bei herkömmlichen Methoden, doch die Ergebnisse sprechen für sich: Die neuronale Struktur des Gehirns verändert sich bei seiner Arbeit; die Verbindungen zwischen den Nerven nehmen beim Lernen und Üben zu. Hirnzellen seien in der Lage, dauernd miteinander elektrisch zu kommunzieren und immer wieder neue Verbindungen zu bilden. Dies sei der Grund für die einzigartige Fähigkeit zur Heilung des Gehirns.

Formbar wie Knete. Die neue Vorstellung, das Gehirn sei formbar wie Knete, unterscheidet sich radikal von jener Sicht, die von vielen Behandelnden noch immer vertreten wird. «Der Mensch neigt dazu, seine Artgenossen in bestimmten Situationen einzufrieren», erklärt Birbaumer im erfrischend geschriebenen Sachbuch «Dein Gehirn weiss mehr, als du denkst». «So spricht man von geborenen Rednern, Künstlern, Forschern, aber auch von Verlierern und Verbrechern. Man glaubt nicht daran, dass aus dem abgebrühten Psychopathen jemals ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden könnte …» Dies sei eine überholte Ansicht, die dazu führe, dass viele Patienten das Selbstheilungspotenzial ihres Gehirns nicht voll ausschöpfen. Behandlungen werden zu früh abgebrochen und die Suche nach alternativen Heilversuchen als sinnlos bezeichnet. Dabei schlage das menschliche Gehirn seine eigenen Wege zur Heilung ein. «Gerade die Kompliziertheit des Gehirns ist es, welche einen Weg zur Selbstheilung oder mindestens zur Verbesserung seiner Funktionsweise eröffnet.»

Die Formbarkeit des Gehirns und die Frage, inwieweit man lernen kann, sogar unbewusste Hirnvorgänge selbst zu kontrollieren, beschäftigen Birbaumer schon länger. Immer wieder suchte er Herausforderungen, um diese Lernfähigkeit zu beweisen. Er trainierte Schlaganfallopfer dabei, ihre Hand zu steuern; er lehrte Epilepsie-Patienten, denen kein Medikament Linderung brachte, die Anfälle mittels ihrer Hirnströme zu kontrollieren. Weltweit war er der erste Forscher, der «Locked-in-Patienten», die sich ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen konnten, eine Verbindung zur Welt ermöglichte: Er lehrte sie, Kraft ihrer Gedanken auf einem Computer Worte zu schreiben und kam zur Erkenntnis: «Wie sollten wir aus dem Blickwinkel eines wollenden Wesens über Glück oder Unglück eines Menschen urteilen, der nicht mehr wollen kann? Wer weiss denn, ob sich ein durch «Locked-in» komplett in sich eingeschlossener Patient nicht einem Zustand willenloser Glückseligkeit befindet?» Seit es Birbaumer gelang mit diesen Patienten via Computer zu kommunizieren, und er dabei erfahren hat, dass auch todgeweihte Menschen noch sehr viel Lebensqualität empfinden können, misstraut er dem Ruf nach Abschalten und selbstbestimmtem Abschied, wie er oft frühzeitig in Patientenverfügungen festgelegt wird. Sei dieser doch nichts anderes als das kurzfristige Ergebnis mangelnder Vorstellungskraft, denn: «Das Gehirn kann alles – auch das Nichts ...»

Buchtipps
• Niels Birbaumer: «Dein Gehirn weiss mehr, als du denkst», Ullstein Verlag
• Hilarion G. Petzold und Johanna Sieper: «Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie», Edition Sirius
• Norman Doidge: «Neustart im Kopf», Campus Verlag
• Norman Doidge: «Wie das Gehirn heilt», Campus Verlag
• Sharon Begley: «Neue Gedanken – Neues Gehirn», Goldmann Arkana Verlag

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