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Blüten an kahlen Hängen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_03_2015 - 01.03.2015

Text:  Sabine Joss

Eine gemütliche Wanderung in Zeneggen über dem Rhonetal verspricht wärmenden Sonnenschein, schöne Ausblicke und erste zarte Frühlingsboten.

Die wärmende Frühlingssonne lockt nicht nur die Berg-Anemone (Pulsatilla montana), sondern natürlich auch den sonnenhungrigen Wanderer. Von Visp aus bringt einen das Postauto nach Zeneggen. Von der Postautohaltestelle «Klettergarten» geht es etwa hundertfünfzig Meter die Strasse aufwärts, dann biegt man rechts ab.

Mit schöner Aussicht auf die verschneiten Gipfel der Mischabelgruppe führt der Wanderweg zwischen Wald-Föhren den Hang hinauf. Viele der Wald-Föhren sind von Föhren-Misteln bewachsen. Dieser gelblich grüne Strauch kann über fünfzig Jahre alt werden und verliert seine ledrigen Blätter auch im Winter nicht. Oben auf Bäumen führt die Mistel ein spezielles Leben als Halbschmarotzerin. Da sie in den grünlichen Stängeln und Blättern Blattgrün besitzt, kann sie zwar wie die anderen grünen Pflanzen Fotosynthese betreiben und einen Teil ihrer zum Leben notwendigen Energie selber produzieren. Doch ihre Wurzeln sind nicht in Erde verankert, sondern im Holz von bestimmten Baumarten wie Wald-Föhre, Weisstanne oder verschiedenen Laubbäumen. Mit ihren Wurzeln nimmt sie Wasser und darin gelöste Nährstoffe auf. Für ihre Wirtspflanze bleibt entsprechend weniger übrig.

Der Gesang der Misteldrossel. Trotz dieser Mitesser oder eher «Mittrinker» sterben die von Misteln bewachsenen Bäume normalerweise nicht ab. Misteln würden dadurch nur ihre eigene Lebensgrundlage zerstören. Stark von Misteln bewachsene Bäume können aber unter Wassermangel leiden. Die weisslichen Beeren mit ihrem klebrig-schleimigen Fruchtfleisch werden gerne von Vögeln gefressen. Die Misteldrossel, deren melodiösen Gesang man auf dieser Wanderung hören kann, hat sogar den passenden Namen. Um den Schnabel von den klebrigen Beerenresten zu säubern, streifen ihn die Vögel an Baumzweigen ab oder die unverdaulichen Samen gelangen mit dem Kot auf die Bäume. So werden die Mistelsamen verbreitet. Sobald die Samen keimen, treiben die Keimlinge Wurzeln ins Holz und dringen zu den Leitbahnen des Wirtsbaums vor. An den Zweigenden der Misteln sitzen sich immer zwei Blätter gegenüber. Diese Blätter fallen jedes Jahr ab, wenn eine neue Verzweigung gebildet wird. Um das Alter eines Mistelzweigs herauszufinden, braucht man also nur die Verzweigungsstellen zu zählen.

In den Trockenwiesen von Zeneggen blühen Felsenkirschen und wilde Süsskirschen. Bei den Berberitzen spriessen die ersten Blätter, und bereits gaukeln Aurorafalter und Kleiner Fuchs umher. Ab und zu liegt Hirschkot am Weg, Ansammlungen von dunklen, etwas eingedrückten oder zugespitzten Bohnen. Entlang des Wegs wachsen auch Sefisträucher und Wacholderbüsche, die bei Sonnenschein aromatisch duften. Im Gegensatz zu den thujaähnlichen, stumpfen Blättern des sehr giftigen Sefistrauchs sind die nadligen Blätter des Wacholders stachlig und auf der Oberseite von einem Wachsstreifen bereift. Am Boden sieht man die weiss behaarten, fleischigen Blätter der Spinnweb-Hauswurz und die kahlen der Dach-Hauswurz. Noch dauert es einige Wochen, bis bei beiden Arten ihre rötlichen, attraktiven Blüten erscheinen. Die Anordnung und Anzahl ihrer Blätter entspricht wie bei Tannzapfen oder dem Blütenboden einer Sonnenblume dem Fibonacci-Prinzip. Dieses mathematische System, das eine unendliche Folge von Zahlen darstellt, bei der die Summe zweier benachbarter Zahlen die unmittelbar folgende Zahl ergibt (1, 1, 2, 3, 5), kennt auch die Natur.

Erste Berg-Anemonen. Einige Höhenmeter weiter oben erreicht man wieder die Strasse. Nach wenigen Metern auf der Strasse biegt man rechts ab und folgt dem Schild «Tennisplatz/ Albenwald». Einem Strässchen folgt man nochmals rechts und nach wenigen Schritten links den Hang hinauf, bis ein kleiner Pfad nach rechts zum Trockenhang führt. Auf den noch braunen, vom Schmelzwasser feuchten Wiesen blühen erste Berg-Anemonen. Ihre dichte Behaarung hat nichts mit einem wärmenden Pelz zu tun, sondern schützt gegen Strahlung und Verdunstung. Grössere Blüten duften leicht süsslich und werden von Bienen und Hummeln angeflogen. In den Trockenrasen zwischen den runden Flecken der Sefisträucher wächst zusätzlich Samtiger Haller-Spitzkiel mit seidig behaarten Blättern und violett-blauen Blüten. Eine der wenigen anderen blühenden Arten ist Stängelloser Tragant mit fast stängellosen gelben Blüten, die zwischen den behaarten Blättern dicht am Boden wachsen.

Kelten bauten Wein an. Beim Aussichtspunkt mit einer Bank hat man einen schönen Blick auf den Trockenhang, der von einem Mosaik aus Trockenrasen und den immergrünen Sefisträuchern und Wacholderbüschen bewachsen ist. Auf der gegenüberliegenden Talseite liegen Visperterminen und die Weinberge, wo in Terrassen bis auf 1150 Meter über Meer hinauf die Trauben reifen. Die Weinberge von Visperterminen zählen damit zu den höchstgelegenen in Europa. Nur in Spanien gibt es ähnlich hoch gelegene Weinberge. In Visperterminen reifen die Trauben in dieser Höhe dank der Südlage des Hangs, dem Föhneinfluss und den grossflächigen Trockensteinmauern, die im Herbst wie eine Wärmekammer wirken. Dieses Weinanbaugebiet mitten in den Bergen ist keine touristische Idee. Archäologische Funde belegen, dass bereits die Kelten in Visperterminen Wein anbauten. Auf etwa 42 Hektaren wachsen Trauben der Sorte Savagnin, auch Traminer genannt. Aus ihnen wird der Weisswein Heida gekeltert. Dieser würzige Weisswein wird gerne als «Perle der Alpenweine» bezeichnet. Visperterminen nennt sich nach diesem berühmten Wein auch Heidadorf.

Auf einem kleinen Pfad quert man nach rechts über Ze Bifigu die locker mit Bäumen und Büschen bestandenen Weiden, auf denen die Berg-Anemonen zahlreich blühen. Im Eggwald findet man neben blauen auch weisse Leberblümchen. Um den Aussichtspunkt Tschuggen herum wachsen auf der schattigen Nordseite Weisstannen mit silbergrauen Stämmen. Vom Rhonetal herauf schallt Verkehrs- und Baulärm. Auf einem kleinen Pfad, der durch Jungwuchs und vorbei an Teppichen von immergrünen Preiselbeeren führt, durchquert man Waldabschnitte mit wechselnden Anteilen von Wald-Föhren, Lärchen und Fichten. In den Baumkronen singen und rufen Hauben-, Tannenmeisen und Gimpel. Auf den braunen Wiesen blühen Hunderte von zierlichen Berg-Anemonen, dazwischen breiten sich Frühlings-Krokusse aus mit mehrheitlich weissen und wenigen violetten Blüten. Auf einem von Wildrosen und Berberitzenbüschen gesäumten Strässchen wandert man zurück Richtung Eggwald und Alt Zeneggen.

Ab und zu sieht man den noch blattlosen Echten Seidelbast mit dicht stehenden rosa Blüten. Seinen Duft empfindet man zuerst als angenehm, wenn man aber zu lange daran riecht, wirkt der Duft eher abstossend. An den blühenden Kätzchen der Grau-Weide summen zahlreiche Bienen. Im Frühling gehören Weiden zu den ersten Nahrungsquellen für Bienen. Auf einem Strässchen durch Weiden mit vielen Berg-Anemonen wandert man Richtung Alt Zeneggen. Man kann auf direktem Weg Zeneggen ansteuern oder bei einem blauen Wegweiser zu einem Dorfrundgang durch den kleinen Weiler Alt Zeneggen abbiegen. Rechts oben auf dem bewaldeten Chastel wurden Überreste einer Siedlung aus der Bronzezeit entdeckt. Im Wallis ist dies der einzige Fundort aus der Zeit um etwa 1250 vor Christus. Aufgrund von Knochenfunden wird vermutet, dass die Bewohner von der Viehzucht gelebt haben. Fundgegenstände wie Keramik, Dolch- und Messerklingen werden im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich aufbewahrt.

Das Buch «Blütenwanderungen in den Schweizer Alpen» von Sabine Joss ist im AT Verlag erschienen.

Berg-Anemonen im Wallis
• Ausgangspunkt
Zug bis Visp, mit Postauto bis Zeneggen Klettergarten.
• Endpunkt
Mit dem Postauto ab Zeneggen Kirche nach Visp.
• Schwierigkeit
T1
• Wanderzeit
2 3/4 Stunden
• Höhendifferenz
330 m Aufstieg
160 m Abstieg
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1288 Raron
Wanderkarte 1: 50 000, 274 T Visp
• Einkehren/Übernachten
Hotel Alpenblick in Zeneggen, Telefon 027 948 09 90, www.alpenblickzeneggen.ch
• Varianten
Mit dem Postauto bis Zenstadlen fahren und dort die Wanderung beginnen. Zeitersparnis: 20 Minuten. Zu Fuss von Visp bis Haltestelle Klettergarten: 550 m Aufstieg, 1 3/4 Stunden, T2, stellenweise steiler, etwas ausgesetzter, schmaler Pfad. Besuch der Kapelle bei Biel ob Zeneggen: 80 m Auf- und Abstieg, 30 Minuten.
• Informationen
Zeneggen Tourismus, Telefon 027 946 89 49, www.zeneggen.ch, Visp Tourismus, Telefon 027 946 18 18, www.vispinfo.ch

Fotos: Sabine Joss, AT Verlag, www.at-verlag.ch

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