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Bio für Afrika

Kategorie: Essen, Ernaehrung
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Eva Rosenfelder

Wir gratulieren: Hans Rudolf Herren und seine Stiftung Biovision feiern ihr zwanzigstes Jubiläum – und den Erfolg ihrer wegweisenden Projekte für eine Welt ohne Hunger, Armut und Umweltzerstörung.

@ biovision

Weniger reden, dafür mehr tun, das sei schon immer sein Motto gewesen, sagt Hans Rudolf Herren, Agraringenieur, Insektenforscher und Träger des Welternährungspreises 1995. Für seine bahnbrechenden Arbeiten wurde der Bauernsohn aus dem Wallis mit gutem Grund ausgezeichnet: Was Herren seit 1979 für Afrika leistet, ist einzigartig. Durch das Bekämpfen schädlicher Insekten mit nützlichen Insekten gelang es ihm, 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod zu retten (siehe Box). Heute kann dank dieser Art biologischer Schädlingsbekämpfung vielerorts auf Insektizide verzichtet werden. Das spart nicht nur Kosten, sondern schont Mensch, Tier und Umwelt. Etwa auch beim Projekt «Stopp Malaria» in Kenia und Äthiopien oder den Push-Pull-Programmen in Kenia, Uganda, Tansania, Äthiopien, Malawi, Sambia, Ruanda, Simbabwe, Senegal und Burkina Faso. Mit dieser umweltfreundlichen, auf der Idee der traditionellen Mischkultur basierenden Anbaumethode können die Bauern ihre Mais- und Hirseerträge um das Dreifache steigern.

Nachhaltig auf allen Ebenen
Gemeinsam mit Andreas Schriber, Jürg Weber und Mathis Zimmermann gründete Herren 1998 den Verein Biovision, der 2003 in eine Stiftung überführt wurde. Heute entwickelt Biovision nicht nur nachhaltige Lösungen für Kleinbauern und -bäuerinnen in Ostafrika, die der Bevölkerung die Möglichkeit geben, ihre Lebensgrundlage zukunftsweisend zu verbessern; der Verein engagiert sich auch dafür, die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen und der Umwelt zu erhalten. «Wir sind ein vergleichsweise kleiner Player unter den Hilfswerken», sagt Kommunikationsleiter Martin Grossenbacher, «aber wendig und innovativ und immer nahe bei den Menschen.»

Neben der konkreten Hilfe auf dem Feld steht Biovision auch in Kontakt mit lokalen Behörden und engagiert sich auf internationaler Ebene für einen Kurswechsel in der globalen Landwirtschaft. Die gewonnenen praktischen Erfahrungen fliessen in Programme von Regierungen und global tätigen Organisationen wie des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP). So verbreitet Biovision Know-how und trägt zur Akzeptanz des agrarökologischen Weges bei. In der Schweiz ist Biovision mit dem Programm «Nachhaltig konsumieren» aktiv. Hier steht die Sensibilisierung im Inland im Vordergrund, ohne die eine Welt ohne Hunger nicht möglich ist.

Das Engagement für eine Welt ohne Hunger blieb nicht unbemerkt: 2012 erhielt Biovision als erste Schweizer NGO den generellen konsultativen Status im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC); dem folgte dann 2013 die Auszeichnung mit dem Alternativen Nobelpreis.

Als Präsident der Schweizer Stiftung Biovision sowie des Millennium Institute in Washington D.C. setzt sich der bald 71-jährige Herren unermüdlich ein für eine Entwicklung, die ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig ist: «Ich wäre auch gerne mal pensioniert und würde mich um meinen Rebberg kümmern. Aber mir fehlt die Zeit dazu», meint er (siehe Interview).

Hilfe zur Selbsthilfe
Weltweit leiden mehr als 800 Millionen Menschen an Hunger. Erstmals seit über zehn Jahren steigt diese Zahl wieder an, besonders stark in der Sub-Sahara. Verantwortlich dafür sind neben Kriegen und anderen Konflikten vor allem die Auswirkungen des Klimawandels wie Dürren und Überschwemmungen, von denen in erster Linie die Entwicklungsländer betroffen sind. Biovision engagiert sich derzeit mit rund zwanzig Projekten für die Verbesserung der kleinbäuerlichen Lebenswelt.

«Wir bringen aktuellstes agrarökologisches Wissen aus dem Labor direkt zu Kleinbauernfamilien aufs Feld. So können Hunger und Armut effektiv bekämpft werden.» Martin Grossenbacher, Stiftung Biovision

Weil eine nachhaltige Entwicklung nur geschehen könne, wo Menschen, Tiere, Pflanzen und Umwelt gleichermassen gesund seien, so Grossenbacher: «Wir bringen aktuellstes agrarökologisches Wissen aus dem Labor direkt zu Kleinbauernfamilien aufs Feld. So können Hunger und Armut effektiv bekämpft werden.» Dank dieser Hilfe zur Selbsthilfe werde in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen der Nutzen vervielfacht und für die Bevölkerung die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben geschaffen.

Es ist zu hoffen, dass diese so breitflächig ausgeworfene Saat der Hoffnung weiterhin aufgehen und blühen wird und so einen wertvollen Beitrag leistet für eine gerechtere Welt.

«Wir brauchen eine agrarökologische Evolution der Landwirtschaft»

Herr Herren, Sie feiern am 30. November Ihren 71. Geburtstag. Was treibt Sie an, sich weiter für eine gerechte Welt zu engagieren?
Wir haben nur diese eine Erde. Armut und Hunger gilt es an der Wurzel zu packen. Wir müssen wegkommen vom Paradigma der industriellen Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen und Pestiziden die Biodiversität zerstört, die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gefährdet und die globalen Ressourcen übernutzt.

Sie halten einen Kurswechsel in der globalen Landwirtschaft für unumgänglich?
Ja. Wir müssen wieder lernen, systemisch zu denken. Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft – alles ist eng miteinander verbunden. Eine vielfältige Landwirtschaft funktioniert nach dem Vorbild der Natur, die sich durch ihre überwältigende Vielfalt immer wieder selbst ausbalanciert und bewahrt. Das können wir nur adaptieren, indem wir in kleinbäuerliche Strukturen und effiziente ökologische Anbaumethoden investieren. Diese Art von Landwirtschaft ist stark ortsgebunden. Dafür gibt es keine Patentlösungen.

Wieso ist eine ökologische Landwirtschaft so wichtig?
Das heutige Nahrungsmittelsystem inklusive Landwirtschaft ist verantwortlich für etwa die Hälfte aller Treibhausgase. Die Agrochemieprodukte, die verwendet werden, um grosse Monokulturen zu betreiben, verursachen darüber hinaus massive Schäden am Ökosystem und auch an der menschlichen Gesundheit. Die agrarökologische Landwirtschaft weltweit zu fördern und durchzusetzen, entzieht den Geschäftsmodellen der Agrochemiekonzerne jegliche Basis. Wenn wir bei der Produktion von Nahrung nachhaltigen Prinzipien folgen, dann sind heute umstrittene, aber weiterhin in grossen Mengen produzierte Gifte eines Tages nicht mehr nötig. Dahin geht die Reise.

Viele Konsumenten fordern aber billige Produkte und verzichten dem Portemonnaie zuliebe auf Bio. Wieso ist Geiz nicht geil?
Die ökologischen Probleme, die uns das konventionelle industrielle Landwirtschaftssystem beschert, sind das Ergebnis eines Ernährungssystems, das einzig und allein Maximalerträge möglichst billiger Nahrungsmittel anstrebt.
«Billig» sind diese aber nur kurzfristig für die Konsumenten. Die ausgelagerten ökologischen Kosten wie etwa die Wasserverschmutzung mit Pestiziden, verdichtete Böden, Verlust an Biodiversität, der Beitrag zum Klimawandel sowie die Gesundheitsschäden – all das werden wir, vor allem aber unsere Nachkommen, ebenfalls bezahlen müssen.

Was können wir heute tun, damit nicht unsere Nachkommen für unsere Sünden büssen müssen?
Ich bin dafür, dass wir über «wahre Preise» die Umwelt- und Gesundheitsschäden bezahlen, die bei der Nahrungsmittelproduktion entstehen. Denn wenn wir mit «wahren Preisen» rechnen, werden Produkte aus Massenproduktionen teurer, da sie die durch die Produktion verursachten externen Kosten zu entgelten haben. Nachhaltig hergestellte, umweltfreundliche Produkte hingegen würden dadurch relativ billiger. Gleichzeitig müssen alle Subventionen, die an die Schweizer Landwirtschaft gezahlt werden, darauf ausgerichtet sein, den Bauern den Übergang vom konventionellen zum Bio-/Öko-Landbau zu ermöglichen. Wir brauchen eine agrarökologische Evolution der Landwirtschaft. Nicht 10, sondern 100 % Agrarökologie.

Was kann jeder und jede Einzelne tun?
Von den modernen Agrartechniken – möglichst viel, möglichst billig, möglichst geringer Arbeitseinsatz – profitiert heute global gesehen nur eine Minderheit der Bauern, die sich diese agrarchemischen Hilfsmittel leisten können. Für die weitaus meisten Kleinbetriebe der Entwicklungsländer ist eine Produktion, die teure Hochertragssorten und Agrochemikalien erfordert, kein Weg, um der Armut zu entfliehen. Es braucht also ganzheitliche Ansätze zur Bekämpfung der Armut – ein nachhaltiges Ernährungssystem kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Dazu können Konsumenten beitragen, indem sie nachhaltig und biologisch einkaufen und keine Lebensmittel verschwenden.

Kritiker sagen aber, ohne Agrochemie könne weltweit nicht genug Nahrung produziert werden.
Das stimmt einfach nicht. Weltweit wird mehr als genug Nahrung produziert, um die Menschheit zu ernähren. Aber ein Drittel dieser Nahrung wird nicht verzehrt. Es geht also darum, weniger zu verschwenden und die Erträge richtig zu verteilen. In den Entwicklungsländern sind ungenügende Lagerungs-, Verarbeitungs- und Transportkapazitäten die Hauptgründe für Nahrungsmittelverluste. In der Schweiz fallen 45 Prozent der Verluste in Haushalten an.

Gemeinsam mit Einheimischen hat Hans R.Herren einen Weg aus der Hungerkrise gefunden

 

Ihre Vision ist eine Welt mit genügend und gesunder Nahrung für alle, produziert von gesunden Menschen in einer gesunden Umwelt. Was sind die nächsten Schritte dorthin?
Eines unserer nächsten wichtigen Projekte ist der Boden an sich. Er ist unsere Lebensgrundlage. Doch immer mehr fruchtbare Erde geht verloren. Diesen Verlust müssen wir dringend aufhalten. Über Humusaufbau und Bodenregeneration ist es auch möglich, der Atmosphäre CO2 zu entziehen und den Kohlenstoff unter die Erde zu bringen – damit kann man auf die Dauer alle Emissionen unschädlich machen. Gleichzeitig können so Nährstoffe wieder dem Boden zugeführt werden. Ein gesunder Boden ist Voraussetzung für gesunde Pflanzen, die wiederum gesunde Nahrung sind und den Menschen gesund erhalten. Wenn sich diese Ziele in der Landwirtschaft global vernetzen und verankern, dann kommt das meiner Vision einer besseren Welt schon sehr nahe.

Was gehört noch dazu?
Natürlich müssen alle oben genannten Aktivitäten eines gesunden Nahrungssystems auch stark die soziale Dimension miteinbeziehen. Es braucht mehr Gleichheit und Gerechtigkeit – der Geschlechter, des Zugangs zu Boden und finanziellen Ressourcen, bei der Bildung. Diese Forderungen für ein nachhaltiges Nahrungssystem sind auch in den UNONachhaltigkeitszielen verankert. Wenn wir gemeinsam und ernsthaft handeln, können wir diese Ziele auch erreichen.

Maniok, Grundnahrungsmittel von 200 Millionen Menschen.

20 Millionen Menschen vor dem Hungertod gerettet
Von 1979 bis 2005 arbeitete Hans Rudolf Herren in Afrika. In Westafrika zerstörte damals eine Schmierlaus den Maniok, das Grundnahrungsmittel für 200 Millionen Menschen. Der in Mühleberg (BE) geborene Insektenforscher suchte nach den natürlichen Feinden dieser aus Südamerika eingeschleppten Schmierlausart und fand schliesslich in Paraguay deren natürlichen Gegenspieler: eine Schlupfwespe, mit der er unter strenger Quarantäne Tests durchführte. Ab 1981 wurden diese Schlupfwespen in den Maniokgebieten Westafrikas freigesetzt. Der Erfolg war durchschlagend: In 24 Ländern entstand wieder ein natürliches Gleichgewicht zwischen Schlupfwespen und Schmierläusen. 1993 war die Läuseplage unter Kontrolle, ohne Chemie. Herren rettete damit schätzungsweise 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod.

«Ihr Einkauf kann die Welt verändern»:
+ Kaufen Sie nur, was Sie wirklich brauchen
+ Essen Sie regelmässig vegetarisch
+ Wählen Sie Produkte mit nachhaltigem Label
+ Kaufen Sie saisonal und regional ein
+ Meiden Sie Produkte mit Palmöl
Quelle: www.clever-konsumieren.ch

Buchtipp


Hans R. Herren «So ernähren wir die Welt», Rüffer & Rub 2016, Fr. 19.90

●  Links
www.biovision.ch 
www.millennium-institute.org 
www.isdgs.org 

Fotos: biovision | www.istockphoto.com | zvg 

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